Fidelio getweetet #befespark
Die Bonner Zuschauer sind robust. Gut verpackt und in Decken eingehüllt, warteten sie wie die Twitterer an diesem kühlen Herbstabend auf den Beginn des „Fidelio“. Fliesdecken in Orange hatte das Beethovenfestival bereitgestellt und auch bei den Twitterern waren die Decken im Laufe des Abends ein notwendiges Accessoire. Die Kühle des Abends half ein wenig sich in den zweiten Fidelio-Akt einzufinden, schließlich spielt dieser bekanntlich in düsteren, feuchten Kellergewölben. Bevor die Twitterer aber dorthin vorstießen, gab es erstmal Informationen zur Aufführung selbst. Die halb-szenische Variante einer Opern-Präsentation bedeutet in der Regel, dass die Sänger und das Orchester nicht in vollem Kostümornat auf der Bühne zu sehen sind. Zwar werden ab und an Requisiten genutzt, aber der Focus liegt eher auf dem Orchester und auf den Stimmen – so war zum Beginn der Kerkerszene Florestan zwar durchaus am Boden liegend zu sehen, barfuß, aber ohne Fesseln und im normalen Anzug. Reizendes Detail am Rande war die Schürze, die Mojca Erdmann in der ersten Szene trug, was auch von den Twitterern humorvoll kommentiert wurde. Zu sehen ist sie bei >> Flickr. Die halb-szenische Aufführung ist also eine Mischung zwischen „Nur-Konzert“ und „kompletter Aufführung.“ Oder um es mit den Worten des Twitterers Andreas Bindzus zu sagen: „Konzertant, aber nicht ganz untheatralisch.“
Und daher für das Livebegleiten durch Twitter vielleicht etwas besser geeignet als eine komplette Aufführung; während man sonst die ganze Konzentration auf die Bühne lenken muss um keine Geste zu verpassen kann man bei einer halb-szenischen Aufführung durchaus auch mal den Blick auf den Screen lenken und verfolgen, was die anderen Twitterer momentan denken.
Dabei war diese Aufführung noch besonders: Mit Ulrich Tukur als Erzähler, der sich auch schon zu Beginn in das Geschehen einmischte und den Dirigenten – geplant – vom Pult beförderte. Die Texte, die die Musik verbanden, stammmen von Walter Jens. Dieser lässt Rocco, den Kerkermeister, aus der Perspektive des Pensionärs auf die Ereignisse der Oper blicken. Dies ist durchaus reizvoll, denn Rocco ist in der Oper nicht gerade derjenige, der frei und eigen handelt sondern sich der Obrigkeit unterwirft. Sein Aufbegehren in der Oper erscheint gegen Ende eher so, als ob er sich den nächsten Machtverwaltern andienen wollen würde. Walter Jens Kommentare machen aus der Figur des Kerkermeisters einen durch Weisheit und Alter gereiften Mann, der nicht ohne Bitterkeit auf die Ereignisse von damals zurückblickt. Eine Perspektive mit neuen Erkenntnissen.
Der Vorteil eines Public-Viewing: „So eine tolle Sicht auf Sänger, Dirigent und Instrumentalisten hat man sonst eher selten.“
Die Kameraführung am Abend versetzte die Zuschauer mitten ins Geschehen. Beeindruckt waren die Twitterer nicht nur von den Sängern: „Ich mag ja den Bass. Auch wenn das meist die Bösen sind. Dmitri Ivashchenko ist Rocco“, so Wibke Ladwig. „Immer wieder wunderschön: Der Gesang von Mojca Erdmann, auch, weil Sie die Töne nicht zu Tode vibriert wie so oft in der Oper.“ Auch die Verdienste der Bläser wurden beim Tweetup gewürdigt. Entzückt war man als Mojca Erdmann in Echtzeit aus der Beethovenhalle auf die Tweets reagierte:
Gerade diese Unmittelbarkeit zeichnet ein Tweetup ja auch aus und wenn die Sänger auch einen Twitteraccount haben kann man direkt Fragen an sie richten.
Vorteil eines Tweetups: Nicht nur die direkt vor Ort anwesenden Teilnehmer können an einer Aufführung teilnehmen, sondern auch diejenigen, die sich mit dem Hashtag #befespark bei Twitter beschäftigten. Dies führte dazu, dass knapp 1100 Tweets an diesem Abend geschrieben wurden – nimmt man die Anzahl der Retweets noch dazu sind es alles in allem 1500 Tweets. So kam es auch, dass zwar nur 20 Twitterer direkt vor Ort waren, aber insgesamt an die 100 das Event verfolgten, kommentierten und dadurch neugierig auf die Aufführung machten und für das Thema Klassik sensibilisierten.
Genau deswegen veranstaltete das Beethovenfest auch das Tweetup, so Friederike von Wittich, die PR-Leiterin des Festivals: „Dennoch möchten wir natürlich nicht nur informieren, sondern auch in den Dialog mit unseren Fans und Freunden treten, sie aktiv am Konzertgeschehen beteiligen, sie aus der digitalen Welt ins Konzert holen. Dazu ist ein >> Tweetup ideal.“ Wenn dann ein Twitterer kommentiert, er jetzt erst über 40 Jahre alt werden müssen um sich für klassische Musik zu interessieren, dann ist das wohl das höchste Lob, das man für ein Tweetup aussprechen kann. Blogger Christian Spließ aka @NGC6544 Mehr info >> Pressedokument WDR3 Tonart >> Podcast zum Tweetup













