"Okay, ich kann meine Idee nicht für mich behalten", sage ich. "Pass auf: Es beginnt mit einer kurzen Ouvertüre. Ganz großes Orchester. Das spielt einen Tusch. Maximal zehn Sekunden. Dann öffnet sich der Vorhang. Man sieht einen einzelnen Mann in der Mitte der Bühne. Im Hintergrund steht ein griechischer Chor - mit Masken und so weiter. Der Mann sagt: 'Also, wenn ihr mich fragt...', da fällt ihm der Chor ins Wort und ruft: 'Wir fragen dich nicht!' Sofort darauf fällt der Vorhang. Schluss. Aus. Applaus. Nach Haus." "Gefällt mir", sagt das Känguru. "Kurz und knapp, eine treffende Kritik der parlamentarischen sogenannten Demokratie, gleichzeitig ein zynischer Kommentar zur Einsamkeit des Individums im Chaos der Postmoderne und natürlich eine Absage an das obsolete Konzept des sechs-Stunden-Theaters." Das Känguru trinkt seinen Schnaps. "So oder so ähnlich", sage ich. "Aber hauptsächlich wäre es einfach witzig. Ich bin mir nur noch nicht sicher wie groß der Chor sein soll." "Ist das wichtig?", fragt das Känguru. "Na, in einer Tragödie hätte der Chor 12 Sänger und in einer Komödie 24. Und ich weiß einfach nicht, um welches Genre es sich bei meinem Stück handelt." "Nimm doch 18, dann haste 'ne Tragikomödie", sagt das Känguru. "Ich hatte auch die Idee, dass man 'Warten auf Godot' nicht wie sonst immer minimalistisch, sondern als totale Materialschlacht inszenieren müsste", sage ich. "Am besten in Kooperation mit dem Staatsballett und einem Zirkus. Während Estragon und Wladimir ihre Gespräche führen, tanzen im Hintergrund die Showgirls, ein Elefant macht Kunststücke und ein Clown jongliert mit Tellern. Dazu noch ein Dutzend Leinwände mit Nachrichten, und immer wieder läuft ein Typ durchs Bühnenbild, über dem ein großer, rot blinkender Pfeil mit der Aufschrift 'Godot' schwebt." "Dit is nüscht für meine Mutta ihre Tochter", sagt Herta. "Ich wär dann soweit", sagt das Känguru (...) "Worauf warten wir eigentlich noch?", fragt das Känguru nach einer Weile. "Auf nichts", sage ich. "Lass uns gehen." Schweigen. "Also? Wir gehen?" fragt das Känguru. "Gehen wir!", sage ich. Sie rühren sich nicht von der Stelle.
Bei Herta, Das Känguru Manifest, Marc-Uwe Kling















