Ich wohne in einer Stadt mit gesteigerten Smart-City-Ambitionen, was sich in vielerlei kleineren und größeren zukunftsweisenden Segnungen zeigt, über die es bald noch mehr zu erzählen gibt. Auf einer Infoveranstaltung im letzten Jahr war dabei auch die Rede von smarten Laternen, die automatisch herunterdimmen, wenn niemand unterwegs ist. Davon habe ich vor vielen Jahren in der c’t gelesen und ich frage mich seitdem, wann der Lichtverschmutzungs-Wahnsinn endlich aufhört und diese Laternen kommen. In unserer Straße wurden etwa in der Zeit der Infoveranstaltung neue Laternen aufgestellt und die haben sich leider als alles-andere-als-smarte Flutlichtanlagen herausgestellt, die das Kinderzimmer bei geöffneten Rolläden gefühlt taghell erleuchten. Meine Smartphone-Kamera aktiviert ihren automatischen Nachtmodus nicht, wenn ich sie nachts vor der Tür benutze und ich brauche zum Wickeln das Licht nicht einschalten. So hell sind die. (Hinten sieht es auch nicht besser aus, weil mehrere Nachbarn aus der gegenüberliegenden Reihe ihre Gartenbeleuchtung selbst bei geschlossenen Rolläden die ganze Nacht eingeschaltet lassen. Die stromsparende LED-Technik führt hier leider zu absurden Verschwendungsverhaltensweisen.)
Umso erfreuter bin ich, als ich nach der Verabschiedung des Abendbesuchs noch kurz zum/zur nächsten Pokéstop/Festung gehe, um meine vertrödelten Tagesaufgaben in Pokémon Go und Harry Potter: Wizards Unite noch schnell abzuhaken: Der kurze Weg dorthin liegt zwischen Garagenhöfen und den bis zur neuerlich erfolgten Bebauung noch den Stadtrand bildenden Feldern, und die Laternen hier sind fast schon funzelig dunkel. Es reicht, um den Weg gut zu sehen, aber von LED-Flutlichtappeal kann hier keine Rede sein. Geht doch, das hätte ich auch gerne vor dem Haus, denke ich in mein Smartphone blickend, das so selbstverständlich seine Helligkeit dem Umgebungslicht anpasst, dass ich den gut erreichbaren Helligkeitsregler praktisch nie benutzen muss.
Als ich den Weg entlangschreite, bemerke ich bei der dritten Laterne, dass sie ihren Lichtstrom auf einen den Weg sehr angenehm ausleuchtenden Wert hochregelt, sobald ich ihren Einzugsbereich betrete und wieder herunterregelt, wenn ich ihn wieder verlasse oder länger unbeweglich stehen bleibe (weil sich hier der Pokéstop bzw. die Festung befindet). Die anderen Laternen haben das auch gemacht, es passiert aber so smooth und sich natürlich anfühlend, dass es mir erst bei der dritten Laterne auffällt und auch nur, weil sie nach kurzer Standzeit wieder herunterdimmt.
So fühlt sich die Zukunft an, denke ich, erledige meine Aufgaben und mache mich auf den Heimweg. Während ich so darüber nachdenke, dass Bewegungsmelder wahrlich keine besonders smarten oder neuen Geräte sind und auch keine von diesen in Abhängigkeit der Anwesenheit von Menschen gesteuerten Beleuchtungsanlagen, fällt mir ein, dass ich eine solche als Kind erstmals ebenfalls hier in diesem Stadtteil in Aktion gesehen habe. Damals habe ich hier einen Kindergartenfreund besucht und wir haben uns sehr ertappt gefühlt beim in der Dunkelheit durch die Häuser streichen. Das war neu und zu der Zeit schien es Bewegungsmelder auch ausschließlich in Verbund mit 500W-Halogenstrahlern zu geben. Vielleicht auch nicht, die Kataloge einschlägiger Technikversender habe ich erst später hocherfreut zur Kenntnis genommen und bei unserem Karstadt-Warenhaus im Stadtteil und bei den damals noch recht neuen SB-Warenhäusern gab es ein zwar brauchbares, aber letztlich stark eingeschränktes Sortiment an Technik.
Warum gibt es Bewegungsmelder-Straßenlaternen wohl erst jetzt, gut 30 Jahre später? Also klar, offensichtlich lassen sich Natriumdampflampen & Co. oder Gaslaternen nicht ständig aus- und einschalten und auch nicht ohne weiteres dimmen, aber LED-Straßenlaternen sind nun auch nicht gerade eine ganz neue Erfindung. In einer Technikzeitschrift habe ich bereits vor etwa zehn Jahren von smarten LED-Laternen gelesen und bei einer Podcastepisode zum Thema Zukunftsbeleuchtung wurden sie auch schon vor einiger Zeit erwähnt. Dennoch bin ich freudig überrascht, sie nun auch in meiner Realität anzutreffen. Warum hat man das nicht bei allen LED-Laternen von Anfang an so gemacht? Dazu müssen die ja nicht einmal besonders smart sein. Vielleicht geht das nur bei Wegen, die keine Autostraßen sind? Ich erinnere mich dunkel an solche Restriktionen und werde das mal unseren Smart-City-Manager oder den Bürgermeister fragen, wenn ich einen von ihnen treffe.
Die smarten Laternen hier, gedimmt wie ungedimmt, haben übrigens noch einen zweiten Nutzen, der sie wirklich smart macht: Einige sind mit WLAN-Hotspots der Stadt ausgestattet, die das kostenlose stadtweite WLAN-Angebot erstaunlich flächendeckend aufspannen. In den Bussen fahren ebenfalls solche Hotspots mit. Da die Versorgung mit 4G+ im Stadtgebiet selbst bei meinem Billiganbieter sehr zuverlässig ist, hatte ich mich immer gefragt, für wen dieses einmal die Stunde das Captive-Portal der Stadt einblendende WLAN wohl gedacht ist. Die Antwort bekam ich auf der erwähnten Infoveranstaltung: Vor allem Schüler_innen nutzen es regelmäßig, weil sie oft gar keinen Datentarif haben oder welche mit geringem Datenvolumen, das keinen Videocontent erlaubt. Aber auch Gäste der Stadt nutzen es wohl gerne. Pornografie scheint aber gesperrt zu sein, jedenfalls einige einschlägige Seiten, die ich testweise als erstes ausprobiert habe. Die Stadt verlässt sich da auf externe Filterlisten. Und nicht zuletzt denkt die Stadt auch an Chancengleichheit, weil sich nicht jeder einen eigenen Zugang zur Internet-Grundversorgung leisten kann. Das ist beschämend und leider auch zutreffend, wie ich inzwischen von verschiedenen Seiten bestätigt bekommen habe. Obwohl der günstigste Glasfaseranschluss der Stadtwerke mit 80/40MBit/s Datenraten inkl. Routermiete, Telefon- und TV-Paket zur Zeit 35 Euro im Monat kostet, ohne Telefon- oder ohne TV-Paket jeweils unter 30 Euro. Zusätzliche Kosten wie etwa für einen benötigten Kabelanschluss entstehen nicht. Teilhabe ist gerade bei und durch Smart-City sicherzustellen, diese Auffassung der Stadt kann ich voll teilen.
Und wenn ich es die Tage endlich schaffe, einen Platz in einem der nagelneuen autonomen Busse zu ergattern (woran ich wegen großem Andrang letzte Woche gescheitert bin), setze ich die Beschreibung der Smart-City-Ambitionen dort fort.