Was ist ein Bild?
1.
Eine fernliegende Erläuterung und damit eine Pathosformel, in der Antike nachlebt, lautet, dass das Bild imago oder pictura/ tabula picta, eidos/ eidolon/eikon, schema oder figura sei. Eine naheliegende Erklärung und damit eine Pathosformel, in der ebenfalls Antike nachlebt, die lautet, dass ein Bild dasjenige sei, was bald, bold, wild und Wild sei und dass ein Bild darum auch das ist, was bellt, ballt, wellt und darin Welt ist. Das Bild bellt sogar dogmatisch, seine Bedeutung schnellt scheinbar geballt.
Das Bild soll schnell sein, dicht/dick und geballt, es soll schwer zu regieren sein und vague, damit aber auch Weltbild, also Waage einer Welt, die vague oder vogue ist (und deren Existenz/ Erscheinung in der Gegenwart nicht fest gesichert und verankert aufsitzt), deren Richtung also so wie ein Richter wogt. So ein Bild muss frequentiert werden, um geblickt werden zu können, es muss frequentiert werden, um etwas zu beschirmen. Geht man nicht wenigstens ab und zu vorbei an einem Bild, bildet es nicht.
2.
Ein Begriff darüber zu erklären, was ihm und durch ihn passiert, also am Wort das Bild zu betrachten, zu betrachten, wie es andere, nahe und fernliegende Worte abbildet oder andere Worte differenzierzt wiederholt und wiederholend differenziert, wie es andere Worte mimetisch kreisen und pendeln lässt, das hat Methode. Man kann die Methode autorisieren, es gibt große und wichtige Namen, die dafür ihre Hand ins Feuer legen würde, dass man das darf und es Wissenschaft genannt werden kann. Ich autorisiere diese Methode mit dem Namen Vismann, die angefangen hat, Rechtsgeschichte und Rechtstheorie kulturtechnisch zu betrachten.
Dieses Verfahren trennt die Worte von den Dingen, aber nicht unbedingt groß. Bevor man viele Buchstaben austauscht und aus einem Bild ein imago macht, lohnt es sich, erst einmal weniger Buchstaben auszutauchen. Darum versucht die Kulturtechnikforschung, die ich empfehle, die Größe eines Objektes nicht in Zentimetern oder Kilogramm oder Sekunden oder Jahreszahlen anzugeben, sondern durch die Anzahl der Operationen, durch die das Objekt sich beständig erhält. Darum betrachte meine Kolleginnne, Kollegen und ich die Operationsketten. Ein Bild, das durch den Austausch nur eines Buchstaben schon zum (gejagten oder jagenden) Wild wird, ist ein minores Objekt, weil es sich nur in einer kleinen Anzahl von Operationen beständig erhält.
2.
Das Verfahren der Kulturtechnikforschung trennt die Worte von den Dingen, assoziiert sie aber auch und hält beides für austauschbar und verwechselbar, schon weil Worte auch Dinge und Dinge auch Worte sein können. Der Unterschíed zwischen einem Wort und einem Ding kommt sowohl im Wort als auch im Ding vor. Dieses Verfahren ist Teil einer Methode, die rekursiv ist und Rekursionen betrachtet. Die Systemtheorie verwendet solche Verfahren, die Forschung zu juridischen Kulturtechniken auch. Man kann zwar nicht nur in Bildern etwas über Bilder wissen, aber alles, was man über Bilder weiß, ist ins Bildliche wendbar, wie ein Mantel.
Glaubt man wirklich, dass Martin Schongauer, der Jesus als einen Semantiker (technisch betrachtet Mantelträger) und phobisch gesichteten (strahlend leuchtenden oder fackelnden/ flammenden/ torkelnd sitzenden) Weltenrichter zeichnet, der seine Augen im Gesicht, die Wundmahle in der Hand und zu Füßen notiert hat, der auf einem Ball und Bogen sitzt, so etwas nicht bedacht haben könnte, nämlich dass dieses Bild auch Welt ist, weil es wellt, dass es bald, bold und wild sein kann, nämlich dann, wenn dieses Bild bald in den Kopf kommt, dicht dorthin kommt und dann dort im Kopf nichts stillt? Glaubt man wirklich, dass Martin Schongauer etwas abbildet ohne abzubilden? Glaubt man wirklich, dass er dieses Bild zwar mit Griffeln gezeichnet, aber darin nichts begriffen hätte? Schongauer zeichnet Christus als Weltenrichter, darin lebt occasio und Fortuna nach. Er zeichnet ihn als Kaiser, als einen Kassierer und Kassiber.
Pathosformeln, in denen Antike nachlebt, lassen mehr oder weniger nachleben, lassen entfernter oder näher nachleben.
2.
Glaubt man, dass Martin Heidegger, als er die Zeit des Weltbildes schrieb, nicht den Martin Schongauer bedacht hat?
In der Schonung des Schreibens regiert, regt, regionalisiert das Bedachte nicht, denn in der Schonung wird das Schreiben entdeckt (wenn es am Sonntag denn gestattet ist, mit Heidegger über Heidegger nachzudenken). Die regierte Region ist ein Gau, von dem man annehmen kann, dass er nicht die größte Verwaltungseinheit und nicht die größe Landschaft ist, auch wenn man also annimmt, dass die regierte Region größer und kleiner sein kann. Dass Heideggers Schreiben unbedeckt und unbedacht witternd und wetternd Witz haben kann, spricht nun wirklich nicht gegen Heidegger. Gegen Rom spricht auch nicht, dass, wie Quintilian behauptet, Römer die Satyre erfunden hätten. Gegen Griechenland spricht auch nicht, dass Dionysos daher kommt.
Das Gegenteil muss auch nicht der Fall sein. Nur weil Heideggers Schreiben Witz hat, nur weil römische Institutionen komisch sind und Griechen uns Witz- und Kobolde wie Dionysos mit Bällen und Tonnengewölbe (sic!) gebracht haben, würde ich mich gleich zu ihren unbedingten Fürsprechern und Verteidigern machen.
Für juridische Kulturtechnik, die schon wissen müsste, was das Recht und was das Sprechen ist, wenn sie etwas über Rechtsprechung erfahren möchte und die schon wissen müsste, was das Regen und der Regen ist, wenn sie etwas über Regierung wissen will, gilt nur der Grundsatz: Es kommt immer darauf an, und zwar auf jedes einzelne Detail, dabei auf das Wissen, dass jedes Detail schon kontrahiert und distrahiert, weil es in eine juridische Kulturtechnik eingespannt ist, die trennt, assoziiert und austauschbar hält.
Das Detail ist schon ein Mantel, ein Mahl, eine Wendung und eine Windung, bevor man es so berührt, als sei das eine Erstberührung. Wem vorgeworfen wird, zweideutig zu sprechen, der hat eine limitierte Rechtfertigung: angefangen hat er zumindest damit nicht. Wer behauptet, jemand schreibe vague und das Schreiben sei daher unbestimmt oder unscharf ist entweder denkfaul oder verweigert die Verantwortung für jenes Deuten, das einen Zug macht. Er muss nicht denkfaul sein. Wer vom Vaguen auf das Unbestimmte schliesst, kann lauern. Vom Gegensinn der Urworte zu sprechen ist ein Erklärung, die die Spannung des Sprechens weit in die Antike zurücklegt, Agamben macht daraus eine große Referenz der Moderne, wenn es dann die Moderne als ein Lager in der Zeit versteht, das ein modernes Subjekt in den Homo Sacer verwandelt würde. Man kann Weltbilder so spannen, man sollte nur nicht den Witz, die Komik aus dem Auge verlieren. Einer der Zauber von Aby Warburg geht davon aus, dass er sein Denken verschwendet: seine Begriffe und Ideen hält er nicht exklusiv und sparsam, verschleudert sie noch für Witze beim Tischgespräch. Hoc est corpus meum/ Hoc meum corpus est: die ernste und die witzige Formel, die Warburg an Tafel 79 entwickelt, entwickelt er nicht nur an der Figur eines Schwimmers, diese Entwicklung lässt die Staatstafel mit ihrem Wissen auch schimmen, lässt die Geschichte und Theorie von Bild und Recht auch baden gehen. Wenn ich aus dem Distanzschaffen ein Distanzschiffen mache, habe ich keinen Einfall, ich wende eine Technik an: Trennen, Assoziieren, austauschbar halten - um deutlich zu machen, was Aby Warburg macht und um seine Fragestellung und sein Problem deutlich zu machen, nämlich die Belegung dessen, was passiert mit Norm und Form. Was Warburg Distanzschaffen nennt ist übersetzbar, weil es übersetzt ist: Symbolisieren, Imaginieren, sogar Regulieren kann man die Technik nennen. Wie man sie nennt, wie man sie übersetzt ist nicht egal, denn immer kommt es auf die Details an, die auch Details der Aktualisierung ...und der Passion sind.
Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht: da könne man dann ja alles mit erklären und aus der vergleichenden Meteorologie gleich Aprilscherze machen, wie der Klaus Röhl das am 1.4.2024 gemacht hat.
Ja sicher geht das, warum denn nicht? Bilder und Rechte können ja auch zum Lachen sein, das schließt ja nicht aus, dass sie auch wüten und wütend machen. Eine Beschäftigung mit der Geschichte und Theorie juridischer Kulturtechnik ist für diejenigen, die von einer Wendigkeit und Windigkeit des Rechts und der Bilder, der Begriffe und Grundlagen nichts wissen wollen vielleicht nicht das Richtige.


















