Zettelkasten, Schaufenster, Schirm und Schleier
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@fabiansteinhauer
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FrĂŒhbavarisierung
FrĂŒhbavarisierung meets SpĂ€tindustrialisierung. Die Szene ist in MĂŒnchen, es ist 1982. Wir reden hier von der FrĂŒhbavarisierung, die zwingend mit der Karriere von Gerd KĂ€fer verbunden ist. Ab 1980, so lautet eine SchĂ€tzung, sei er von einem stĂ€dtischen und regionalen Caterer zu einem ĂŒberregionalen Caterer, nĂ€mlich zu dem Caterer jener westdeutschen Gesellschaft aufgestiegen, der in der nur wenige Jahre spĂ€ter produzierten Fernsehserie Kir Royal ein Denkmal von Hogarths QualitĂ€t gesetzt wurde. 1982 ist es nicht mehr zu ignorieren: Bergische Fabrikanten und Unternehmer, seien sie aus Solingen, Remscheid oder Wuppertal, feiern Feste, bei denen Gerd KĂ€fer kocht und alles serviert. Auch die Einladungen nach MĂŒnchen sind nicht mehr zu ignorieren. Sie stammen aber nicht nur von einheimisch erfolgreichen Leuten, die man auf Kampen, in Port Grimaud oder Pontresina kennen lernte. Die Einladenden können aus OsnabrĂŒck kommen. FĂŒr zwei, drei Jahre wird der Partyhit die FloĂfahrt auf der Isar, selbstverstĂ€ndlich mit JazzfrĂŒhschoppen, die Garnelisierung der KĂŒche dringt auch ins Bayrische. Et in Bavaria Salat mit Garnelen, gegrillt. Die Phase ĂŒberschneidet sich weitgehend mit dem Erfolg der Tomatencremesuppe und des Restaurants Manne Pahl in Kampen. Die Textilindustrie im Bergischen ist zu der Zeit schon, bis auf Reste, weitergezogen, ĂŒber Norditalien Richtung Asien. Dr. Asmus, der Direktor der Deutschen Bank in Wuppertal-Elberfeld ist noch Direktor der stĂ€rksten Filiale der Deutschen Bank, denn noch wirkt nach, dass das die Bergisch-MĂ€rkische Bank war, der Finanzier der Kohle- und Stahlindustrie im Ruhrgebiet. Um die Zeit verlĂ€ngert Asmus noch einmal Kredite, teils an Unternehmer und Fabrikanten, die einst Kameraden waren und denen man nicht Nein sagen konnte. So wird die Bergische Industrie in ihrer SpĂ€tphase nochmal mit Cola und gezuckerten Corn Flakes gefĂŒttert. Noch brummt Wuppertal auf hohem Niveau.
Die Tracht schwappt das erste mal ĂŒber, wenn auch nur streng milieugebunden: nur diese westdeutsche Gesellschaft, also Fabrikanten, Unternehmer, AnwĂ€lte und ZahnĂ€rzte verkleiden sich bayrisch, noch ergreift die Bavarisierung nicht alle Schichten. In der FrĂŒhe wagen nur sie das. Wie so oft sind Angestellte und Arbeiter entweder noch gehemmter oder zu fest an andere AblĂ€ufe gebunden. Die FrĂŒhbavarisierung ist freilich auch an das politische Ereignis des Jahres gebunden. WeiĂwĂŒrstel am Morgen nach der Party, Krautsalat und Kohl sowieso. Da steht Paul Scheffel, der Name klingt wie ausgedacht, war er ja auch, der war Automatenaufsteller im Bergischen, der Name war Programm, aber das ist er immer. Generaldirektor Hafenlohe ist ein DoppelgĂ€nger, unter anderem von diesem Paul Scheffel, auf den jene BĂ€rbel aufpasst, die ganz rechts im Bild eine gewissen Ăhnlichkeit mit Caroline Reiber nicht leugnen mĂŒsste. Die schöne und sanfte Briefeschreiberin Karin steht da, und macht es mit, aber ohne das wĂ€re es auch gut. Dieter in seinem Element: Auftritt mit PrĂ€senteplatte, eine nur leicht verfeinerte, aber selbstverstĂ€ndlich auch ironisierte Variante des NachkriegsfreĂkorbs. Der Gastgeber: seinen Namen habe ich vergessen, aber nicht die Assoziation, dass er wohl, wenn es sein muss, tödlich sein kann - also dem Schurken aus der 'nackten Kanone' verdĂ€chtig Ă€hnlich sah.
Sound
Kenn' ich, war ich.
The next big thing steht an, im Herbst! Geballtes Echo! Henning Schmidgen hat einmal im Zuge der Recherche fĂŒr seine Dissertation zum Unbewussten der Maschinen sich einen Kassettenrekorder geschnappt und ist damit durch Europa gereist, um WeggefĂ€hrten zu Felix Guattari zu befragen. Diese Kassetten mit den Aufnahmen lagen lange in Weimar in meinem Nachbarzimmer, Henning zeigte mir manchmal die Box, dann war in seinem Gesicht das Kind, das nicht versiegt. Das musste also was sein: weniger Pandoras, mehr Bunuels Box. Ein Schatz, das war deutlich, allerdings leicht, denn durch das Gesicht des Schatzes, der Henning Schmidgen ist.
Inzwischen hat er die Interviews in Schriftform gebracht, daraus ist das Buch Die Guattari-Tapes geworden, ein fantastischer Band fĂŒr die, die sich fĂŒr Dividualrechte oder minore Epistemologie interessieren. Es gibt dort das GesprĂ€ch mit Antonio Negri, der sagt, Deleuze habe nicht aus dem Strukturalismus herausgefunden. Wie er es sagt, so scheint es mir, glaubt Negri, dass Guattari etwas gelungen sei, was Deleuze nicht gelungen sei.
Na ja, auf jeden Fall kommt mir zuerst dieses GesprĂ€ch zwischen Henning Schmidgen und Antonio Negri in den Sinn, wenn ich Johan Horst GroĂwurf zu einem Recht lese, das haushaltend sein soll. Weil jemand einen Ausstieg sucht, der in seiner strengen Architektur wie ein ein Aufstieg erscheint. Horst will den Spagat: Echographie, eine weite Wendung zu dem hin, was minore Epistemologie sein kann, und dann Dogmatik, die begrifflich kohĂ€rent und Lösung sein soll. Eine Kehre in das, was sensibel sinnende und sendende NormativitĂ€t fĂŒr alles das sein soll, was mit dem Leben kontrahiert und distrahiert: Recht, streunend vielleicht, wie das Recht der Hunde am Stadtrand von Murmansk, denen Goscha einen Film gewidmet hat, an Stellen, bei denen die Wildnis ins sowjetische Projekt ragt und die U-Boote teils rostend am Strand liegen. Und das mit einer Lehre, die auch Christian Waldhoff ins Boot holen könnte. Das soll der Spagat sein. So lese ich den GroĂwurf von Johan Horst bisher, aber ich habe auch nur AuszĂŒge im Sinn.
Man kann einwenden, dass ein echographisches Recht vielleicht eher Juristen braucht, die die Texte (und das, was auch im Atlas geschrieben noch nicht steht) so lesen, wie Ameisen mit dem Laub abhauen, und die Texte nicht so lesen, wie es in der SpĂ€tphase der Kooperation zwischen Teubner und Wiethölter im Mittwochseminar ĂŒblich wurde, nĂ€mlich mit dem Urteil, wer in der Welt die Welt nicht begreift und wer in der Welt die Welt komplexitĂ€tsadĂ€quat erfasst und damit der Ausdifferenzierung oder der Natur gerecht wird. Man kann einwenden, dass ein ökologisches Recht Juristen braucht, die so kommunizieren und so operieren, wie Wellen schĂ€umen, wenn sie anbranden. Aber vielleicht stimmt es nicht, und das Wilde sowie die Meteorologie brauchen doch Juristen, die begrifflich kohĂ€rent entscheiden. Wenn das so ist, dann ist Johan Horst einer der besten Ratgeber, den ich in dieser Richtung kenne. Es wĂ€re seltsam, nun zu tun, was man ihm vorwerfen kann, also zu sagen, er sei in der Welt und begreife sie nicht richtig. Er stemmt das Werk, er hĂ€ndelt die Situation, und das wohl vorbildlich. Etwas mehr Kasseler Landschaft, ein bisschen Herkules und Wasserspiel, vielleicht noch etwas mehr eichenartiges (dafĂŒr könnte alles zum proprium gestrichen werden), es mĂŒssen nicht gleich 7000 Stellen sein, das kann ja noch fĂŒr die Drucklegung nachgereicht werden.
Er, Johan, schlieĂt ĂŒbrigens mit Begriffen zum KO. Der Begriff der KohĂ€renz, der fehlt in der abschlieĂenden Begriffslist(e), weil aus jedem Satz das Ziel dogmatischen KohĂ€renz tropft. Klar, da muss dieser Begriff nicht mehr in die List(e). Das Genre deutsche Habilitation im öffentlichen Recht fordert sein Tribut. Ich lese das parteiisch, allzu parteiisch.
Jede UniversitĂ€t wird sich glĂŒcklich schĂ€tzen können, ihn zu ergattern. Soll er das auch sein, GlĂŒckskind, als den sehe ich ihn. ZuverlĂ€ssig hochbegabt und engagiert!