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Texte, die lebenslänglich aufgehängt gehören, gibt es auch auf Schildern, die lebenslänglich aufgestellt gehören. Aber nicht immer gibt es sie dort.
Sommer 2026
Ein Gespräch, an dem ich nicht teilnehmen darf
In einem etwas größeren WhatsApp-Chat mit Verwandten gibt es gerade einige Dinge zu besprechen, weil eine nahestehende Person operiert wurde. Dadurch beteiligt sich plötzlich auch ein Teil Verwandter intensiv am Chat, der dort sonst eher selten etwas schreibt.
Das Wort „schreibt“ ist hier allerdings unzutreffend.
Dieser Teil der Familie verschickt Sprachnachrichten.
Viele Sprachnachrichten.
Wenn in einem WhatsApp-Chat mehrere Sprachnachrichten unmittelbar untereinander stehen, sehen sie ein bisschen aus wie die Aufzeichnungen eines kleinen seismologischen Instituts. Nur dass sie keine Erdbeben dokumentieren, sondern jemanden, der zwei Minuten lang überlegt, ob die Operation nun am Dienstag oder am Mittwoch stattfindet.
Ich mag Sprachnachrichten nicht.
Genauer gesagt: Ich mag den Augenblick nicht, in dem ich eine Sprachnachricht sehe. Da steht dann zum Beispiel „1:52“, und augenblicklich entsteht in mir das Gefühl, dass jemand unangekündigt bei mir zu Besuch ist und bereits seine Jacke ausgezogen hat.
Ich kann nicht so langsam denken, wie du redest!
Vier Minuten und vier Sekunden sind objektiv vielleicht keine lange Zeit. Ich habe schon sehr viel mehr Zeit mit Dingen verbracht, die noch weniger sinnvoll waren. Trotzdem erscheint es mir unhöflich, dass jemand vier Minuten lang über meine Zeit verfügen will.
Ich drücke auf Start.
„Ja, hallo, ähm, ich wollte nur kurz … also wegen der, äh, Operation, ich weiß jetzt auch nicht genau, ob … Moment …“
Das „nur kurz“ empfinde ich bereits als Provokation. Die Nachricht hat eine eingeblendete Länge. Wir wissen beide, dass sie nicht kurz ist.
Ich sitze also da und höre einem anderen Menschen beim Denken zu. Vier Minuten lang. Nicht dem fertigen Denken, das ungefähr weiß, wohin es will, sondern dem Denken bei der Parkplatzsuche.
Sprachnachrichten sind offenbar konsequent aus der Perspektive des Absenders entwickelt worden. Für ihn verbinden sie die Vorteile des Telefonats mit denen einer Textnachricht: Er muss weder vorher seine Gedanken sortieren und tippen noch einen gemeinsamen Zeitpunkt für ein Gespräch finden.
Für den Empfänger verbinden sie dagegen die Nachteile beider Kommunikationsformen: Er muss alles in Echtzeit anhören und kann wichtige Stellen später nicht rasch wiederfinden. Gleichzeitig kann er weder unterbrechen noch nachfragen oder gemeinsam nach einer Lösung suchen. Er bekommt ein Gespräch zugeschickt, an dem er nicht teilnehmen darf.
Vielleicht bin ich ungerecht. Vielleicht empfinden einige Menschen Sprachnachrichten als warm, persönlich und verbindend. Vielleicht lehne ich hier eine moderne Form menschlicher Nähe ab, weil ich lieber in zwei Sekunden lesen würde: „Operation Mittwoch, 10 Uhr. Alles Weitere noch unklar.“
Jedoch: Viele Menschen verschicken offenbar gern Sprachnachrichten, weil das für sie einfach und schnell geht, bekommen aber selbst weniger gern welche, weil das Anhören lange dauert und wichtige Informationen später kaum wiederzufinden sind.
Ich habe deshalb meinen WhatsApp-Status geändert in:
🔇**** KEINE SPRACHNACHRICHTEN ****
Das ist passiv-aggressiv. Ich weiß das. Ich betrachte es allerdings weniger als Ausdruck von Feindseligkeit denn als meinen kleinen notwendigen Beitrag zur öffentlichen Ordnung.
WhatsApp soll Sprachnachrichten inzwischen transkribieren können. Eine solche Funktion ist angekündigt, scheint aber in meiner WhatsApp-Version für deutsche Nachrichten leider noch nicht verfügbar zu sein.
Also habe ich eine zusätzliche App installiert.
Sie transkribiert zum Beispiel eine zwei Minuten und zwanzig Sekunden lange Sprachnachricht innerhalb von zwölf Sekunden. Innerhalb dieser zwölf Sekunden kann ich das Transkript sogar bereits lesen.
Die 2:20 min Nachricht ist also von mir in zwölf Sekunden verarbeitet. Das ist wohl ungefähr die Geschwindigkeit, in der Menschen Informationen aufnehmen können, wenn man vorher die Äähs und die Parkplatzsuche aus dem Denken entfernt: Ungefähr zehnmal schneller als das ge-äääh-te Wort.
Ernste Fragen an die Leserinnen und Leser: Verschickt ihr Sprachnachrichten? Bekommt ihr gern welche? Gibt es dabei eine erkennbare Altersverteilung? Oder fühlt ihr ebenfalls diesen kleinen inneren Widerstand, wenn im Chat „3:46“ erscheint und ein fremder Teil eures Lebens bereits - uneingeladen - seine Jacke ausgezogen hat? (Antworten auf Mastodon werden gelesen.)
(Molinarius)
Literarische Leistungsfähigkeit
Es gibt im Freundeskreis den Einen, der exakt dann zu einer preisverdächtigen literarischen Fähigkeit hochschnellt, sobald er auf Anrufbeantworter spricht oder Sprachnachrichten aufnimmt. Geschätze 98 Prozent seines Werkes hat eine Halbwertzeit von 46 Stunden, nahezu alles ist nach kurzer Zeit vernichtet.
Schreibt er, dann entstehen Texte, deren Lektüre so wirkt, als würde man Beton beim Trocknen zusehen, nur gestelzter ist dann das, was man sieht. Spricht er auf Anrufbeantworter oder versendet er Sprachnachrichten, ist sein Zensor suspendiert. Gut, man muss das dann wieder transkribieren, aber das ist immer noch besser, als am eigenen Kopf zu erfahren, wie Mörtel stockt. Ich verschicke keine Sprachnachrichten, bekomme sie im Falle des Einen nicht nur gerne, ich erwarte sie sogar.
Kluges Kalender
Einer der Bild- und Rechtswissenschaftler befasst sich mit Kalendergeschichten. Kalendergeschichten sind Geschichten, die laden, schon weil sie reizen. Man soll sich was eintragen mit solchen Geschichten. Ein Datum wäre das Geringste. Kalendergeschichten sind saisonal. Sie adressieren ihr Publikum, indem sie es dressieren, in Form bringen, zum Beispiel im Juni in Badehöschen, im Winter in Pelz. Wie, was: es? Das, was sie zu schildern haben, das bringen sie in Form - und das Publikum gleich mit. Das Saisonale dieser Kalendergeschichten gilt als zyklisch, es kreist elliptisch, es ist polar. Insoweit adressieren die Kalendergeschichten nicht, ohne zu polarisieren. Mehr noch: Sie adressieren, indem sie polarisieren. Kalendergeschichten sind temperiert, sie zu kennen oder gar schildern zu können, ist Bildung.
Die Chronik der Gefühle ist eine Sammlung von Kalendergeschichten des promovierten Juristen Alexander Kluge. Man erkennt den Bild- und Rechtswissenschaftler aber nicht unbedingt daran, dass er an einer juristischen Fakultät oder einem juristischen Fachbereich promoviert hat (das kann unter Umständen eher fatal wirken und zu Texten führen, die man dann zwar in Der Staat veröffentlichen kann, ebensogut aber auch unverzüglich wegschmeissen kann). Man erkennt den Bild- und Rechtswissenschaftler daran, dass er sich mit Akten und Passionen befasst, schon darum oft also mit Kalendergeschichten befasst, denn das sind Geschichten, die laden, weil sie reizen, die saisonal sind und adressieren, indem sie dressieren, ich wiederhole mich hier, bringe in Form was in Form schon war. Man erkennt den avancierten Bild- und Rechtswissenschaftler daran, dass er sich mit dem Nachleben antiker Akten und Kalender befasst.
Georges Didi-Huberman, ein französischer Bild- und Rechtswissenschaftler, hat den Kluge mit dem Text Hunderttausend Milliarden Bilder dem französischen Publikum äußerst erfolgreich empfohlen. Hunderttausend Milliarden Bilder bilden lange, weite Bilderlisten.
Was ist ein Bahnhof?
Ein Bahnhof ist die Stelle, an der Züge halten und trotzdem abgefahren werden. Was ein Bahnhof ist, das kommt in mindestens zwei Versionen vor, nämlich groß und klein. Sowohl das Halten als auch das Abgefahren-werden gehen mit Bremsen und mit Schub einher. Bahnhof ist also etwas, an dem Brems- und Schubkraft erscheint.