Zu Beginn der 1920er Jahre beklagte der kunstbeflissene Berliner Chirurg Eugen Holländer in seiner Abhandlung „Wunder, Wundegeburt und Wundergestalten“ das Hervortreten eines neuen Mystizismus und Fatalismus. Der monströse Körper stand für Holländer paradigmatisch für eine Manipulation des Wunderglaubens, mit dem vor allem die klerikalen Kräfte ihren Machtanspruch durchgesetzt hätten. Mit den frühneuzeitlichen Darstellungen von Körpermonstern habe vor allem die Kirche dem Volk die falschen Ideale aufgesetzt und damit zur „Dummgläubigkeit und Glaubensseligkeit“ der breiten Bevölkerung beigetragen. Eine prominente Stellung für den Beleg des Wunderglaubens nimmt Holländer das „Absonderliche“ in der Natur ein. Das Auftreten einer fehlgeleiteten Natur habe den Menschen zwar stets zum Nachdenken über sich selbst veranlasst, jedoch seien die mythischen Glaubenseffekte der „Missgeburt“ auch der Gradmesser einer Zeit, die auf den Seelen- und Geisteszustand einer Kultur schließen lasse.
Birgit Stammberger, Monströse Körper. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf historische Deutungsmuster











