Vater: Ja freilich kenn ich das. Das Gerät stand bei jeder Baufirma. Ich hab damit viel gearbeitet.
Ich: Habt ihr das in der Schule gelernt oder in der Ausbildung?
Vater: Nein, das hat mit der Ausbildung nichts zu tun gehabt, das war im Praktikum bei Baufirmen. Ja, und für seine Abrechnungen hat's der Vati immer wieder mal mit heimgebracht.
Ich: Mit heimgebracht! Ich hab das Ding gestern getragen, das wiegt zwölf Kilo!
Vater: Naja, die gibt's in verschiedenen Größen. Also schwer war das natürlich immer, das ist klar.
Ich: Wann war das ungefähr?
Vater: In den fünfziger Jahren, Anfang der Sechziger. Wie ich in die Schule gegangen bin, ins Gymnasium, also so vor 1960, aber die standen natürlich dann immer noch rum. Die Computer waren Teufelszeug, das hat ja auch nicht so richtig funktioniert, und die Dinger da, die waren wenigstens zuverlässig. Und Leute, die da drauf geübt waren, die haben die Kurbel bloß so laufen lassen.
Ich: Lustig, dass du das sagst mit der Zuverlässigkeit. In der Wikipedia steht: "In den Anfangsjahren gehörte zum Lösungsweg auch eine möglichst effiziente Kontrollrechnung, da die Maschinen als unzuverlässig galten." Bis wann waren die dann noch im Einsatz? Wann sind sie wirklich verschwunden?
Vater: Wie die Olympia, der erste fast digitale Rechner, so richtig einsatzfähig war.*
Ich: Was heißt "fast digital"?
Vater: Naja, das ist schon ein digitales Gerät gewesen, Olympia. Aber die war ungefähr zehnmal so schwer wie die Brunsviga, und auch zehnmal so groß. Hat also gut einen Schreibtisch ausgefüllt und jeden Benutzer zur Weißglut gebracht. Das waren ja Rechenmaschinen für Praktiker, die praktisch jeden Tag irgendwas abrechnen mussten. Und die haben einfach gar nicht die Zeit gehabt, diese Olympia zu programmieren. Sondern die haben das mit dem Gerät viel schneller gekonnt, bis zu ihrer Pensionierung.
Ich: Ja, das ist ein häufiges Problem. Ich merk das beim Zehnfingerschreiben. Wenn man in einer Sache sehr geübt ist, dann hält einen das davon ab, sich die Nachfolgetechnik anzueignen, obwohl man es eigentlich tun sollte.
Vater: Ja, aber gut, wenn du jemanden hast, der 57 Jahre alt ist und das Ding mehr oder weniger im Schlaf bedienen kann, den wirst du nicht dazu bringen, einen schreibtischgroßen Computer zu durchdringen, bis er tatsächlich Ergebnisse ausspuckt.
Ich: Kann sein. Ich hab zwei Probleme mit der Benutzung: Immer, wenn ich vom Tisch aufstehe, will ich es ausschalten, und dann fällt mir ein: Da gibt's gar nichts auszuschalten. Und während ich im Handbuch lese und die Geheimnisse der Nachkommastellen zu durchdringen versuche, hab ich immer das Bedürfnis, währenddessen wieder auf die Brunsviga zu schauen, ob was Neues passiert ist.
Eltern: lachen.
Vater: Das einzige Schöne, was ein Computer nicht kann, ist das Geräusch, was die Maschine macht.
Ich: Genau! Das macht sehr schöne Geräusche. Moment, ich mach mal die Geräusche für euch.
Vater: Wenn's da unten einschnackelt. Da unten an der Kurbel ist doch ein Federmechanismus. Und wennst da Übung hast, dann schmeißt du die Kurbel so rum, und dann rastet die von selber wieder ein.
Ich: Ah ja ... (Kurbelschnackelgeräusche) ... Grad hat's geklappt. Da!
Vater: Richtig, das ist das Geräusch!
* Ergänzung 5.6.: Gemeint ist die Olympia RAE. Als ich meinem Vater zur Überprüfung das Bild zeige, sagt er: Ja, das ist sie. Die haben wir im Haushalt für die Trinkwassertalsperre Frauenau unterbringen müssen, so teuer war die.