TUMBLR
ME/CFS, Nähe und Wetter – warum geteiltes Erleben so wichtig ist
Hinweis:
In diesem Text geht es um persönliche Erfahrungen mit ME/CFS, MCS und wetterabhängigen Symptomen. Es gibt keine Fotos oder medizinischen Details, nur Beschreibungen von Befinden und Alltag.
In den letzten Tagen ist mir noch einmal sehr bewusst geworden, wie wertvoll Nähe selbst dann sein kann, wenn sie nur auf der Landkarte „in der Gegend“ und im Alltag „nur per WhatsApp“ existiert.
Im Hessischen Westerwald, ganz in der Nähe unseres zweiten Zuhauses, leben Menschen mit ME/CFS. Und hier in Nordhessen, an unserem derzeitigen ersten Zuhause, gibt es eine weitere Betroffene, mit der mich ein besonders lieber Kontakt verbindet. Sie wohnt nur wenige Straßen entfernt im selben Ort. Dazu kommen weitere Betroffene, die in anderen Teilen Nordhessens oder nah angrenzend leben. Meine „ewige Heimat“ bleibt Homberg (Efze) – ein Herzenswohnsitz, der innerlich immer mitläuft, auch wenn der Alltag gerade an einem anderen Ort stattfindet. Dort kenne ich zwei mir wichtige Personen mit ME/CFS.
Seit Monaten schaffen wir hier im Ort selbst es beide gesundheitlich nicht, uns persönlich zu sehen. Das letzte Mal war im Garten im Frühsommer! Telefonieren ist für uns inzwischen körperlich zu anstrengend und zeitlich kaum planbar. Also schreiben wir uns Nachrichten und nehmen Sprachnachrichten auf, wenn es gerade kurz geht. Manchmal sind das nur ein oder zwei Sätze, manchmal ein paar Minuten. Gerade weil es im Moment nur so möglich ist, ist dieser Kontakt umso kostbarer.
Daher ist es für uns – und für viele andere mit ME/CFS – sinnvoll, sich nicht zu verausgaben, sondern alles, was Kommunikation ist, in kleine Portionen zu teilen: Sprachnachrichten, Texte, Blogs, jegliche noch möglichen Kontakte, Schriften und Dokumentationen. Vieles lässt sich nur „häppchenweise“ verarbeiten – und ebenso nur in besseren Zeiten beantworten oder erledigen. Bei uns bedeutet ein Herz, ein Daumen oder ein anderes Symbol oft einfach nur: „Gesehen, angekommen, gerade aber nicht ausführlich zu beantworten oder zu reflektieren.“ Alles hat seine sehr achtsam genutzte Zeit – wenn sie kommt, nicht wenn man es will.
Es ist ein stilles, respektvolles Miteinander.
Verständnis, Rücksicht, aufeinander achten.
Und das Schönste daran ist für mich: Wir müssen nicht jedes Mal neu beweisen oder erklären, was wir haben, warum wir wie reagieren, weshalb ein Tag „zu viel“ war oder eine Kleinigkeit einen Crash ausgelöst hat. Es reicht ein Satz, und die andere Person weiß, was gemeint ist. Das tut unglaublich gut.
Spannend – und zugleich erschreckend bestätigend – ist, wie ähnlich wir ticken. Nicht nur in Gedanken und Gefühlen, sondern auch in Symptomen. Immer wieder erleben wir nahezu gleichzeitig, dass Wetter, Temperatur, Luftdruck und Schadstoffbelastung wie unter einer gemeinsamen Glocke über uns liegen. Wenn die Luft schwer ist, der Luftdruck ständig schwankt, Pollen, Feinstaub oder andere Schadstoff-Aerosole unterwegs sind, dann verschlechtern sich bei uns beiden die ME-Symptome spürbar.
Das ist keine „eingebildete Wetterfühligkeit“.
ME/CFS wird heute als schwere neuroimmunologische bzw. multisystemische Erkrankung beschrieben, die zu einem hohen Grad der körperlichen Behinderung führen kann. In Deutschland werden aktuell etwa 650.000 Betroffene geschätzt, weltweit wohl weit über 40 Millionen. Ein zentrales Kernsymptom ist die Post-Exertionelle Malaise (PEM). Gemeint ist eine teils verzögerte, deutlich spürbare Verschlechterung aller Symptome nach körperlicher, geistiger oder sensorischer Belastung – häufig erst Stunden oder am nächsten Tag. Viele Betroffene beschreiben es als „Grippegefühl“, Crash, völlige Erschöpfung oder Verschlechterung von Kreislauf, Schmerzen und Denkfähigkeit nach eigentlich kleinen Anstrengungen.
Mehr Infos zu Grundlagen, Zahlen und PEM:
Quelle:
https://www.mecfs.de/was-ist-me-cfs/
Quelle:
https://mecfs-research.org/was-ist-me-cfs/
Quelle:
https://www.mecfs.de/was-ist-me-cfs/pem/
Quelle:
https://www.cdc.gov/me-cfs/signs-symptoms/index.html
Quelle:
https://www.omf.ngo/pem-in-mecfs/
Gerade deshalb ist es für viele von uns wichtig, nicht nur auf Aktivität zu achten, sondern auch auf die Umgebung. Neuere Untersuchungen schauen inzwischen genauer hin auf das, was Betroffene seit Jahren beschreiben: dass Wetter und Luftqualität Einfluss auf Schmerzen und Fatigue haben können.
Eine aktuelle Studie mit Frauen mit ME/CFS hat zum Beispiel gezeigt, dass Wetter- und Luftverschmutzungsdaten messbare, wenn auch eher kleine Effekte auf tägliche Schmerzen und Erschöpfung haben. Die Betroffenen dokumentierten über viele Wochen täglich ihre Symptome, die Forschenden verknüpften diese Angaben mit Luftqualität, Temperatur und anderen Wetterdaten.
Quelle:
https://www.mdpi.com/1660-4601/21/12/1560
Zusätzlich gibt es Arbeiten aus der Schmerz- und Umweltmedizin, die ähnliche Zusammenhänge gefunden haben: Schwankender Luftdruck, Temperaturwechsel, Luftfeuchtigkeit und Luftbelastung können bei chronischen Schmerzen und Erschöpfungszuständen eine Rolle spielen – nicht als alleinige Ursache, aber als Verstärker in einem ohnehin empfindlichen System.
Quellen:
Quelle:
https://www.nature.com/articles/s41746-019-0180-3
Quelle:
https://accurateclinic.com/accurate-education-weather-and-chronic-pain/
Forschungsgruppen zu ME/CFS beschreiben zusätzlich, dass ohnehin mehrere Systeme aus dem Gleichgewicht geraten sind – insbesondere das zentrale und autonome Nervensystem, das Immunsystem und der Stoffwechsel. Wenn diese Systeme bereits gestört sind, überrascht es kaum, dass äußere Reize wie Wetterumschwünge oder schlechte Luft schneller „durchschlagen“ und den Zustand bei ME/CFS nochmals verschlechtern können.
Quellen:
Quelle:
https://www.meduniwien.ac.at/web/forschung/projekte/computer-based-clustering-of-chronic-fatigue-syndrome-patients/allgemeine-informationen/
Quelle:
https://www.dzif.de/en/glossary/mecfs
Wenn also zwei Menschen mit ME/CFS am gleichen Ort fast gleichzeitig merken:
„Heute geht gar nichts, die Luft und das Wetter hauen mich weg“,
dann ist das nicht mehr nur „ein Gefühl“, sondern passt zu dem, was Forschung und Fachgesellschaften nach und nach bestätigen. Für uns persönlich ist das eine seltsame Mischung aus Belastung und Bestätigung: einerseits schwer auszuhalten, andererseits tröstlich, weil es zeigt, dass wir uns das nicht einbilden.
Für mich bedeutet das zweierlei.
Zum einen bin ich dankbar – für diese leisen, stabilen Kontakte im Alltag. Für Menschen, mit denen ich nicht diskutieren muss, ob ME/CFS „real“ ist. Die nicht fragen, ob ich mich „mehr zusammenreißen“ könnte. Sondern die wissen, wie viel Kraft es kostet, eine Nachricht zu tippen, eine Sprachnachricht aufzunehmen oder einen Arzttermin zu überstehen – und die auch verstehen, dass ein Symbol oder eine kurze Antwort manchmal alles ist, was an diesem Tag möglich ist.
Zum anderen sehe ich immer klarer, wie wichtig Achtsamkeit im Alltag ist – nicht nur auf unseren eigenen Körper, sondern auch auf die Umgebung: Luftqualität, Temperatur, Lüften, Aufenthaltsort, Reizmenge, Dauer von Gesprächen, kleinen Ausflügen oder Terminen. Viele Crashs sind nicht komplett vermeidbar, aber manche lassen sich vielleicht abmildern, wenn wir solche Muster erkennen dürfen und ernst nehmen, statt sie als „Überempfindlichkeit“ abzutun.
Dieser Text ist deshalb auch eine kleine Einladung an Außenstehende:
Wer Menschen mit ME/CFS begleitet, pflegt, behandelt oder liebt, kann mithelfen, indem Beobachtungen ernst genommen werden. Wenn eine betroffene Person sagt:
„Heute geht gar nichts, die Luft und das Wetter hauen mich weg“,
dann lohnt es sich, hinzuschauen statt zu diskutieren. Vielleicht ist das der Tag, an dem ein Termin verschoben werden sollte oder an dem Unterstützung beim Allernötigsten reicht und alles andere warten darf.
Und für alle, die selbst betroffen sind:
Ihr seid nicht allein – weder in Nordhessen noch im Westerwald, weder in Städten noch auf dem Land. Wir sind viele, auch wenn viele von uns kaum sichtbar oder mobil sind. Manchmal reicht eine einzige Person, die „mitzittert“ und „mitschwankt“, um sich weniger verrückt und mehr verstanden zu fühlen – auch wenn der Kontakt „nur“ über Nachrichten, Symbole oder ein paar Minuten Hörzeit läuft.
Liebe Grüße in die Welt und an alle Orte, an denen ihr mich lest.
Claudia.
Hinweis zu Gesundheitsthemen
Dieser Text beschreibt persönliche Erfahrungen mit ME/CFS, MCS und umweltabhängigen Symptomen. Er ersetzt keine medizinische Beratung, keine Diagnostik und keine Behandlung. Er soll Anregung für Verständnis und Achtsamkeit sein, aber keine individuelle ärztliche Einschätzung. Bitte holt bei gesundheitlichen Fragen immer fachkundigen Rat ein.
#oculiauris
#cwg64d
#mecfs
#mecfsNordhessen
#mecfsklartext
#chronischekrankheit
#umwelteinfluesse
#wettereinfluss
#sichtbarkeit
#achtsamkeit














