Wie das moderne China entstand
In den zehn Jahren der Revolution zwischen 1966 und dem Tod Maos 1976 wurden zwischen 1,5 und 1,8 Millionen Menschen getötet; ebenso viele trugen dauerhafte körperliche Schäden davon. 22 bis 30 Millionen wurden politisch verfolgt – entlassen, zur „Umerziehung“ aufs Land geschickt, ins Gefängnis gesteckt; und da in Maos China die Sippenhaft galt, dürften über 100 Millionen Menschen unter der Kulturrevolution gelitten haben, wie der Freiburger Sinologe Daniel Leese in seinem neuen Buch „Die chinesische Kulturrevolution“ vorrechnet.
Mao mobilisierte die junge Generation. Kinder denunzierten ihre Eltern als "Konterrevolutionäre", Schüler stellten ihre Lehrer öffentlich an den Pranger, Studenten misshandelten ihre Professoren. Die von Mao und seinen Getreuen aufgehetzen Jugendlichen schlossen sich zu sogenannten Roten Garden zusammen, die plünderten, mordeten und auch Bildungs- und Kultureinrichtungen zerstörten. 1968 besaß Mao wieder die vollständige Macht und setzte die Volksarmee gegen die Roten Garden ein. Mit den Nachwehen der "Kulturrevolution" hatte China noch Jahre zu kämpfen.
Nach Ansicht des Freiburger Sinologen Daniel Leese war "eine von Maos Herrschaftsstrategien, dass er sich nie klar geäußert hat, was er wirklich will, sondern aus einem unklaren Zustand versucht hat, Machtgewinn zu schöpfen und daraus unterschiedliche Fraktionen gegeneinander auszuspielen". Im SWR sagte Leese kürzlich: "Was er (Mao - d.V.) allerdings nicht in diesem Maßstab einkalkuliert hat, war, dass sehr viele soziale Gruppen die 'Kulturrevolution' genutzt haben, um eigene Probleme, Befindlichkeiten und Schwierigkeiten an die Oberfläche zu bringen. Und von daher ist die Kulturrevolution sehr schwer einheitlich zu bewerten oder in irgendeiner Form in ein Schema zu pressen." Am Ende hinterlässt Mao ein Land, das kurz vor dem Zusammenbruch steht.
Daniel Leese gelingt eine überzeugende Darstellung der chinesischen Aufarbeitung der Kulturrevolution. Gestützt auf umfangreiche Recherchen zeichnet Leese den Epochenbruch nach Maos Tod detailliert nach. Es ist die große Erkenntnis dieser Arbeit, dass die Auseinandersetzung mit politischem Unrecht nach Mao zwar enorm war, aber vor allem der Legitimation der Parteiherrschaft diente, nicht der Wahrheitsfindung. Aber auch die Neuorientierung nach Mao mitsamt der vielfältigen Richtungswechsel der KP wird treffend nachgezeichnet und vermittelt dem Lesenden jenes Wissen, das es für eine aufgeklärte Auseinandersetzung mit der chinesischen Vergangenheit braucht.
Daniel Leese. Maos langer Schatten. Chinas Umgang mit der Vergangenheit. Bei C.H. Beck erschienen. 606 Seiten, mit 25 Abbildungen und 1 Karte. ISBN: 978-3-406-75545-3. € 38 [D] inkl. MwSt.












