Tracy Chevalier: The Glassmaker
Murano im Jahr 1486. Die Familie Rosso lebt seit Generationen von der Glasmacherei, jenem Handwerk, das der kleinen Insel in der venezianischen Lagune ihren besonderen Ruf eingebracht hat. Als Lorenzo Rosso bei einem Unfall ums Leben kommt, gerät die Werkstatt in Schwierigkeiten. Sein Sohn Marco soll die Nachfolge antreten, doch noch fehlt ihm die Erfahrung. Seine Schwester Orsola beginnt heimlich, Glasperlen herzustellen. Diese Arbeit gilt zwar als weniger angesehen als die großen Kunstwerke der Glasbläser, eröffnet ihr aber einen eigenen Weg. Während die Männer der Familie an den Öfen stehen und über die Zukunft des Betriebs bestimmen, entwickelt Orsola eine Fertigkeit, die zunehmend zum wirtschaftlichen Rückhalt der Rossos wird.
Tracy Chevalier ist vor allem durch Girl with a Pearl Earring bekannt geworden. Auch in The Glassmaker widmet sie sich einem traditionsreichen Kunsthandwerk und einer Frau, deren Möglichkeiten von den gesellschaftlichen Verhältnissen begrenzt werden. Auf den ersten Blick könnte man einen klassischen historischen Roman erwarten. Doch Chevalier wählt eine ungewöhnliche Konstruktion. Orsolas Geschichte beginnt in der Renaissance und reicht bis in die Gegenwart. Die Figuren altern dabei nur langsam, während außerhalb ihrer persönlichen Lebenszeit Jahrzehnte und schließlich Jahrhunderte verstreichen.
Die Handlung springt unter anderem in die Zeit der Pest, der napoleonischen Herrschaft, der Weltkriege und der Corona-Pandemie. Ein Jahrhundert vergeht beinahe so beiläufig wie andernorts ein Sommer. Das ist zunächst reizvoll, weil sich dadurch nicht nur Orsolas Leben, sondern auch die Geschichte Muranos erzählen lässt. Aus einer Insel der Handwerker wird allmählich ein Ort, an dem Touristen durch die Gassen ziehen und Glaswaren als Erinnerungsstücke kaufen. Märkte verändern sich, politische Herrschaften wechseln, Produktionsweisen werden angepasst. Immer wieder stellt sich dieselbe Frage: Wie lässt sich eine Tradition bewahren, ohne sie erstarren zu lassen?
Die Konstruktion trägt den Roman jedoch nicht in jeder Phase gleichermaßen. Manche historischen Stationen erscheinen vor allem deshalb, weil sie sich als Wegmarken anbieten. Gerade wenn eine Epoche und ihre Figuren interessant werden, ist der Roman oft schon wieder auf dem Weg in das nächste Jahrhundert. Dadurch bleibt einiges skizzenhaft, was mehr Raum verdient hätte. Die Zeitsprünge eröffnen eine weite Perspektive, schaffen aber zugleich Distanz.
Besonders gelungen sind die Passagen über das Glashandwerk selbst. Chevalier schreibt anschaulich über Hitze, Farben und Formen, ohne ihre Recherche demonstrativ vor sich herzutragen. Glas erscheint als widersprüchliches Material: zerbrechlich und haltbar, kostbar und alltäglich, durchsichtig und doch voller Geheimnisse. Orsolas Perlen sind zunächst eine Notlösung. Nach und nach werden sie zum Ausdruck einer eigenen Handschrift und zu einem Mittel, sich innerhalb enger Grenzen einen gewissen Freiraum zu schaffen.
Orsola ist keine moderne Heldin in historischem Kostüm. Sie lehnt sich nicht in großen Gesten gegen ihre Familie auf. Sie fügt sich häufig, manchmal aus Pflichtgefühl, manchmal aus Gewohnheit und manchmal, weil ihr kaum eine andere Möglichkeit bleibt. Gerade deshalb wirkt sie glaubwürdig. Ihr Leben besteht nicht nur aus Selbstverwirklichung, sondern auch aus Arbeit, Verantwortung, enttäuschten Hoffnungen und Kompromissen.
Nicht jede Nebenfigur erhält dieselbe Tiefe. Einige Familienmitglieder bleiben stärker an ihre jeweilige Funktion gebunden. Auch die Liebesgeschichte entwickelt nicht immer jene emotionale Kraft, die sie vermutlich haben soll. Der Roman ist deshalb vor allem als Familienchronik und als Porträt einer Insel interessant.
The Glassmaker ist ein angenehm lesbarer historischer Roman, dessen größte Stärke in der Verbindung von Handwerk, Familiengeschichte und Schauplatz liegt. Murano und seine Glasöfen bleiben lebendiger in Erinnerung als viele der Figuren. Tracy Chevalier hat eine originelle Form für ihre Geschichte gefunden, auch wenn diese nicht durchgehend dieselbe Wirkung entfaltet. So bleibt ein Buch, das interessante Einblicke bietet und einige schöne Bilder hinterlässt, mich aber emotional nur selten wirklich erreicht hat.