Wohlfeil am Uhrenmarkt: DKSH möchte sich von Maurice Lacroix und Glycine trennen
Die anhaltende Stärke des Schweizer Franken (CHF) im Vergleich zum Euro trifft die eidgenössische Industrie ganz allgemein wie eine Keule. Im ersten Quartal 2015 ist sie mit 0,2 Prozent im Minus. Bei den Uhrenfabrikanten gesellt sich zum unerwarteten Währungsschock eine deutlich sinkende Nachfrage u.a. aus Hongkong, Macao und Festland-China. Verkäufe an Europa-Touristen können dieses Defizit indes nur teilweise wettmachen. So gingen die Schweizer Uhren-Ausfuhren im April 2015 im Vergleich zum Vorjahresmonat um 8,9 Prozent zurück, was die Statistiker aber auch mit der Tatsache begründen, dass dieser Monat zwei Arbeitstage weniger hatte als im Vorjahr.
Uhrenexporte Juni 2014 bis Mai 2015: Gleitender Mittelwert
Der Wert der exportierten Uhren lag bei 1,7 Milliarden Franken. Nach Hongkong, dem weltweit wichtigsten Exportmarkt für eidgenössische Uhren, brachen die Ausfuhren im Mai 2015 gegenüber dem Vorjahresmonat um 33,6 Prozent auf nur noch 227,1 Millionen CHF ein. Festland-China bezog Uhren für 106,3 Millionen Euro und damit neun Prozent weniger als im Jahr zuvor. Zu allem Überfluss schwächelten auch die USA. Hier nahmen die Exporte im Mai um 13,7 Prozent auf 175,7 Millionen CHF ab.
Die wichtigsten Exportmärkte der Schweiz im Mai 2015
Unerfreulich gestaltet sich für die Schweizerische Uhrenindustrie ferner die Entwicklung an den Börsen in Schanghai und Shenzen. Offiziell zum Zocken ermunterte Kleinanleger stehen augenblicklich vor dem Dilemma, deutliche Wertverluste ihrer Aktienpakete hinnehmen zu müssen und diese zu allem Überfluss auch nicht verkaufen zu dürfen. Diese Maßnahme der chinesischen Regierung wird künftig möglicher Weise auch Uhrenmarken in niedrigeren Preisbereichen tangieren. Und dann ist da auch noch das Thema Smartwatches, welches die Branche trotz der eher schleppenden Apple Watch-Verkäufe beschäftigt. Warum schreibe ich das? Ganz einfach: Der speziell in Asien sehr aktive Zürcher Handels- und Dienstleistungsmulti DKSH hat den Spaß verloren an der 1975 von Desco gegründeten, 2008 teilweise und Mitte 2011 überwiegend aus deren Besitz erworbenen Uhrenmanufaktur Maurice Lacroix (ML).
Vom Kauf hatte sich DKSH-Konzernchef Dr. Jörg Wolle seinerzeit beträchtliche Wachstumschancen und das Heben von Synergien versprochen. Im schnell wachsenden Mittelstand in Asien sah er eine ideale Zielgruppe für hochwertige Luxus-und Lifestyleprodukte, welche Maurice Lacroix auf chronometrischem Sektor offeriert.
Dr. Peter Brunner
Desco-Präsident Dr. Peter Brunner betrachte die Veräußerung der Aktienmehrheit seinerzeit als sinnvolle Lösung der Nachfolgefrage. Nun haben sich die Vorzeichen, wie oben geschrieben, spürbar verändert. Welches der genannten Problemfelder den Lust-Verlust konkret verursachte, lässt sich nicht mit letzter Gewissheit ausmachen. Vielleicht kamen bei DKSH auch mehrere Faktoren zusammen.
Ex ML-CEO Martin Bachmann Schon für Martin Bachman, der 2008 bei ML nach dem Wechsel seines glücklosen CEO-Vorgängers Philippe Merk
Ex ML-, Ex Audemars Piguet-CEO Philippe Merk
zu Audemars Piguet ans Ruder kam, war die Situation keineswegs einfach. Sein damaliges Resümee: „Anpassungen an die neuen, durch die internationale Finanzkrise bedingte Realitäten waren unabdingbar. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehörten zwingend eine Korrektur der in den zurückliegenden Boomjahren aufgebauten Euphoriestrukturen. Unsere Probleme waren irgendwie auch hausgemacht. Wir wollten zu schnell zu viel. Und das konnte so nicht weitergehen. Also mussten wir den Fuß erst einmal vom Gaspedal nehmen.“ Mit dieser Aussage traf er den Nagel tatsächlich auf den Kopf. Der Produkt-Spagat reichte bei ML von modischen Quarzuhren im unteren Preissegment bis hin zu zunehmend anspruchsvoller, weil komplizierter Mechanik. Zu allem Überfluss hatte das von Merk aufgegleiste, technisch jedoch kaum realisierbare Großprojekt „Memoire 1“, ein sündhaft teurer Chronograph mit Gedächtnis, Millionen verschlungen, der nun an anderer Stelle fehlten.
Millionenschwere Entwicklung, aber nie zu Ende gebracht: Memoire 1 von Maurice Lacroix
Der personelle Fehlgriff namens Merk, welcher, wie mir Verwaltungsratspräsidentin Yasmine Audemars in einem Gespräch unterbreitete,
Audemars Piguet Verwaltungsraspräsidentin Yasmine Audemars
anschließend auch bei Audemars Piguet nicht reüssierte, dürfte für Dr. Peter Brunner ein Aspekt gewesen sein, sich zunächst einmal von Teilen an ML zu trennen. Mit Rückblick auf das Memoire-Debakel lautete das Credo von Martin Bachmann konsequenter Weise: „Wir müssen uns wieder mehr erden und dorthin schauen, woher wir gekommen sind.“ Geholfen hat es ihm nur bis Ende 2011. Die neuen Eigentümer sprachen zwar von „überproportionalen Umsatzsteigerungen vor allem im asiatischen Raum, schassten aber gleichwohl den dafür verantwortlichen CEO, denn man wolle, wie zu hören war, Marke und Produktentwicklung künftig noch näher am Markt und den Bedürfnissen der schnell wachsenden Kundenschichten positionieren. Deshalb habe man die Funktion eines Geschäftsführers ML geschaffen, der frei sei von der Führung der ebenfalls zur Gruppe gehörenden Manufaktur in Saignelégier,
Maurice Lacroix Manufaktur in Saignelégier
Manufaktur-Chronograph ML 106-2 von Maurice Lacroix
Manufakturkaliber ML 192
des Gehäuseherstellers Queloz und der Aktivitäten der Manufacture des Franches-Montagnes. Zum neuen ML-Chef bestellte DKSH mit Wirkung vom 1. Januar 2012 Marc Gläser, der bereits seit sieben Jahren für das Label gearbeitet hatte.
Ex ML-Geschäftsführer Marc Glaeser
Diese Personalie währte bis Ende September 2014. Seit 1. Oktober 2014 bekleidet Stéphane Waser diese Position.
aktueller ML Geschäftsführer Stéphane Waser
Ob er an Bord bleibt, wenn Maurice Lacroix tunlichst noch 2015 einen neuen Eigentümer haben wird, ist ungewiss. Einen personellen Aderlass bei den knapp 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von ML möchte Dr. Jörg Wolle jedoch tunlichst vermeiden.
Dr. Jörg Wolle, CEO & Delegierter des Verwaltungsrats der DKSH Holding AG
Kaufinteressenten für ML gibt es angeblich genügend. Die Swatch Group gehört definitiv nicht dazu, wie Pressechefin Beatrice Howald unmissverständlich wissen lässt. „Wir haben alle Marken, die wir benötigen.”
Die Swatch Group und die Familie Hayek, v.l.n.r Nick, Nayla und Marc, haben alle Marken, welche sie benötigen
Auch bei LVMH bleibt der Geldbeutel wahrscheinlich zu. „Leider wird es schwierig, die Marke Maurice Lacroix wieder auf die Gleise zu bringen. Deshalb würde ich die Finger davon lassen.“ teilte mir Jean-Claude Biver auf Anfrage mit.
Jean-Claude Biver würde die Finger von ML lassen
Ob sich Kering dazu durchringen kann, Maurice Lacroix für rund 100 Millionen CHF seinem chronometrischen Portfolio mit Luxusmarken wie Girard-Perregaux, Gucci, JeanRichard und Ulysse Nardin einzuverleiben, war nicht in Erfahrung zu bringen. Gleiches gilt für Richemont, wo sich der Bedarf an einem vielschichtigen Label wie Maurice Lacroix angesichts der gegenwärtigen Marktposition vermutlich eher in Grenzen halten dürfte.
Fällt mir am Ende nur noch die China Haidian ein.
China Haidian Chairman Hon Kwok Lung
Neben Eterna und Corum wäre Maurice Lacroix mit einem Jahresumsatz von rund 70 Millionen CHF dann die dritte angesehene Schweizer Marke unter ihrem Dach. Hinsichtlich der Stückzahlen, Insider sprechen von ca. 90.000 Zeitmessern per annum, überträfe ML dort die beiden Schwestern.
ML Masterpiece Gravity
ML Pontos Chronograph
ML Fiaba
Vielleicht würden sich die Chinesen auch nicht daran stören, dass Zeitmesser von ML bei Amazon teilweise mit mehr als 50 Prozent Discount gehandelt werden.
Sollte China Haidian zuschlagen, könnte sich Mr.Hon Kwok Lung im gleichen Atemzug auch noch eine weitere Uhrenmarke zulegen, denn die in Biel beheimatete Glycine Watch steht bei DKSH im Zuge ihrer Restrukturierungsmaßnahmen ebenfalls zur Disposition.
Glycine Airman
Sobald es Neues in dieser Sache gibt, werde ich selbstverständlich sofort berichten.













