Mary Sue im Bienenstock
Meinung zum Roman The Bees von Laline Paull
Flora 717 wird in die unterste Klasse eines totalitär regierten Bienenstocks geboren. Alle dienen der Bienenkönigin und verhalten sich ihrem Stand entsprechend. Doch Flora fällt schon zu ihrer Geburt durch ihre überdurchschnittliche Größe und ihr Sprachvermögen auf und schafft es so, ihre Klasse zu verlassen und in die tiefsten Winkel des Stocks vorzudringen.
Während der Roman zu Beginn noch an The Handmaid’s Tale erinnert, mit seinen strengen Hierarchien und den religiösen Grüßen (“Accept, Obey and Serve”), verliert er sich nach den ersten 50 Seiten leider in seiner Episodenhaftigkeit. Kapitel für Kapitel wird ein Teil des herkömmlichen Bienenlebens abgearbeitet und fiktiv dargestellt. Mit Protagonistin Flora besteht zwar der Versuch, einen schwarz-gelb-gestreiften Handlungsfaden in die Geschichte einfädeln, aber das Unterfangen scheitert daran, dass Flora sich als absoluter Mary Sue Charakter entpuppt. Während sie ihr Leben noch in der untersten Kaste als Säuberungsbiene beginnt, wird schnell klar, dass verborgene Talente in ihr schlummern, die sie nach und nach beinahe jede Rolle im Bienenstock übernehmen lassen. Praktisch für die Handlung, unglaubwürdig für eine einzige Figur. Flora kann alles und überlebt jede gefährliche Situation ohne Probleme. Dazu kommt die fehlende Introspektive, die der künstlerischen Darstellung einer Bienensicht geschuldet sein mag, aber eben nur oberflächliche Einblicke zulässt. Als Novelle hätte das noch funktioniert, aber als 300+ Seiten starker Roman wird es schnell langweilig.
Stilistisch ist The Bees eine seltsame Mischung aus bienenspezifischem Vokabular (Waben, Fühler, Flügel, Propolis) und Vermenschlichung (die Bienen "haben Hände", im Bienenstock gibt es Sofas und Gesänge). Das macht die Erzählung einerseits interessant und nachvollziehbar, andererseits muss im Kopf konstant die Vorstellung angepasst und hinterfragt werden, ob es das bei Bienen wirklich gibt oder ob das künstlerische Freiheit ist. Das kann natürlich den positiven Nebeneffekt haben, dass Lesende selbst recherchieren und mehr über diese erstaunlichen Insekten lernen. Trotzdem wäre in diesem Zusammenhang ein klärendes Nachwort hilfreich gewesen, denn einige der Vorkommnisse im Bienenstock klingen nach reiner Imagination, entsprechen aber, wie mir das Lesen eines Wikipedia-Artikels gezeigt hat, der Realität.
Für mich hat The Bees nur in der Hinsicht funktioniert, dass es mich dazu bewegt hat, endlich A Sting in the Tale von meinem TBR zu ziehen, einem Sachbuch über Hummeln, das ohne verwirrende Vermenschlichungen und eintönige Figurenzeichnung auskommt. Wer aus der Sicht von Tieren lesen möchte, könnte stattdessen zum Klassiker Animal Farm (ebenfalls totalitäre Regierungsform) oder Watership Down greifen.
The Bees von Laline Paull erschien erstmals 2014 bei 4th Estate und lässt sich als Xenofiction, Fiktion aus der Perspektive von Tieren, kategorisieren. Die deutsche Übersetzung von Hannes Riffel erschien 2018 unter dem Titel Die Bienen beim Tropen Verlag.












