When Women Were Dragons von Kelly Barnhill, 2022 bei Doubleday, auf Deutsch unter demselben Titel, 2024, bei Cross Cult
In dieser alternativen Geschichtsschreibung findet 1955 ein Mass Dragoning (in der deutschen Übersetzung das Große Drachenwandeln) statt, bei dem sich über 600.000 Frauen in den USA in Drachen verwandeln und davonfliegen. Darunter auch die Tante der jugendlichen Protagonistin Alex, nicht jedoch ihre Mutter. Fortan ist es unschicklich, über die entflohenen Frauen zu reden und die Zurückgebliebenen müssen mit den Verlusten ihrer Gattinnen, Mütter, Schwestern, Töchter und Tanten im Stillen klarkommen. Alex wird mit dem Großen Drachenwandeln auch zur großen Schwester, denn die Tochter ihrer Tante wird direkt in ihre Kernfamilie integriert. Gemeinsam geben die Mädchen einander Halt in einer Welt geprägt von Tabus und Sexismus.
Kombiniert mit dem Fünfziger/Sechziger-Jahre-Setting und dem unserer westlichen Geschichte entsprechenden Rollenbild der Frau zu dieser Zeit lässt sich schnell erkennen, dass wir es in diesem Roman mit einer leibhaftig gewordenen Metapher für weibliche Wut zu tun haben. Grandiose Idee und spannend, so ein Bild zu einer Tatsache zu machen und weiter damit zu spielen. Leider hat die Autorin sich für diese Spielereien die, wie ich finde, langweiligsten Aspekte ihrer Schöpfung rausgepickt. Viele der Drachenfrauen treiben nämlich folgendes:
“A large number made their home in the ocean. [...] as it seems the dragons were, and remain, intent on protecting the now-flourishing pods of great blue whales. There were dragons who created communes on otherwise uninhabited islands, and dragons who relocated to Antarctica, dragons who made quiet homes in the jungles, and dragons who launched skyward to explore the cosmos.” (S. 57)
Klingt aufregend, oder? Wir bleiben allerdings bei der Zurückgebliebenen Alex, was durchaus reizvoll wäre, wenn Alex auch irgendeinen Drachendrang in sich hätte (wie z. B. ihre Cousine), aber Alex ist brav, verantwortungsbewusst, strebsam und … langweilig. Ihr Charakter ist durchaus realistisch und nachvollziehbar und auch solche Figuren verdienen Gehör, aber … sorry, es gibt da Frauen, die zu Drachen geworden sind, können wir uns lieber mit denen beschäftigen? Ein bisschen was erfahren wir schon, vor allem in den zwischengeschalteten Forschungsartikeln. Diese Kapitel sind interessant gemacht, weil sie sich dynamisch weiterentwickeln. Nicht alles, was zu Beginn über die Drachenfrauen vermutet wird, stellt sich am Ende als wahr heraus, was z. B. die Einbeziehung von trans Frauen erlaubt.
Die männlichen Figuren sind der Autorin übrigens gar keiner Tiefgründigkeit wert. Sie sind fast alle überzogene Karikaturen, die, so sehr sie auch dem Weltbild ihrer Zeit entsprechen mögen, nur dazu dienen, Wut zu entfachen und die Reaktionen der Frauen zu rechtfertigen. Das funktioniert auf emotionaler Ebene, aber im echten Leben ist es meist komplizierter und nuancierter, als es hier dargestellt wird.
Zu all dem geht diese wahrgewordene Metapher der Drachenfrauen leider auch nicht immer auf. Solange die Drachen fernbleiben, funktioniert die Allegorie, aber als sie im Laufe der Handlung wieder auftauchen, entsteht ein ulkiges Bild, weil die Frauen einerseits noch immer Drachen sind (mit Schuppen, Klauen, Flügeln, Schnauzen etc.) und andererseits Lippenstift und Handtaschen tragen, stricken und Gespräche führen. Natürlich ist das auch ein Zeichen dafür, dass dein Aussehen, dein Wesen oder das dir zugeschriebene Geschlecht nicht darüber bestimmt, was du tun kannst (Stichwort Emanzipation). Es erinnert auch daran, dass es sich hier um eine Allegorie handelt, denn eigentlich geht es ja um Frauen und nicht um Drachen, aber das beißt sich wiederum mit den sehr konkreten Beschreibungen der Drachenwandlung, bei der Haut zu Schuppen und Hände zu Krallen werden, eine greifbare Transformation, die als Tatsache behandelt wird, nicht als Sinnbild.
Außerdem verstehe ich beim besten Wille nicht, wieso viele Frauen sich erst in Drachen verwandeln und verschwinden, weil sie die Schnauze voll haben von der sexistischen Gesellschaft, in der sie leben, nur um dann teilweise zurückzukehren (klar, ok, manche vermissen ihre Familien) und wieder genau dieselbe Arbeiten und Aufgaben zu übernehmen, nämlich care Arbeit und community building (aber halt auch ein paar handwerkliche Sachen, yippieh). Ich wiederhole: Ich hätte lieber von den Frauen gelesen, die sich komplett aus der Gesellschaft zurückgezogen, neue Communitys gebildet haben und jetzt Wale retten.
Davon abgesehen, dass die Wahl der Protagonistin mir zu langweilig und die Grundidee schwammig realisiert wurde, finde ich, dass die Autorin hier goldenes Kurzgeschichtenmaterial künstlich aufgebläht hat. Obwohl sie das in ihrer Danksagung ironischerweise genau umgekehrt beschreibt: “I thought I was writing a short story. I wasn’t. This story very quickly informed me that it wanted to be a novel. Who was I to argue?” Wäre sie doch bloß stur geblieben, denn 340 Seiten waren hier echt nicht nötig. Es wird unglaublich viel wiederholt, immer wieder macht die Erzählung einen Schritt zurück, greift noch mal die historischen Entwicklungen auf, die wir inzwischen im Schlaf runterbeten können, und kommt nur langsam mit der Handlung voran. Als die Erzählung diese Marotte endlich ablegt, geht sie stattdessen dazu über, Dinge, die subtil zwischen den Zeilen eingeflossen sind, für alle verständlich mit dem Zaunpfahl an die Wand zu nageln. Das Symbol des Knotens ist z. B. eine schöne Idee, die gut für die Geschichte funktioniert hätte, wenn sie nicht so überstrapaziert erwähnt und auserklärt worden wäre. Das Buch richtet sich an Erwachsene. Wir sind doch nicht blöd. Wir verstehen das schon, keine Bange (Jugendliche natürlich auch, aber bei Jugendbüchern finde ich es in Ordnung, wenn Dinge etwas direkter erläutert werden).
Der Roman hat durchaus seine schönen Momente und Ideen. Wenn die Wiederholungen nicht wären, wäre der Schreibstil durchaus berührend, aber insgesamt wollte ich lieber eine andere Iteration dieser Geschichte lesen als die, für die die Autorin sich entschieden hat. Eine Kurzgeschichte oder Novelle, vielleicht nur mit den journalistischen Abrissen über die Vorkommnisse des Großen Drachenwandelns und wie diese sich über die Jahre verändern, oder eine Variante mit einer lebhaften Protagonistin im Zentrum; eine, die selbst den Drachenruf spürt, die sich von der patriarchalen Gesellschaft abwendet und ihr Glück woanders findet.