Unwürdige Behandlung eines beispielhaften Sozialdemokraten – zum Umgang mit Wolfgang Thierse
Die Ausmaße und das Niveau, die die Auseinandersetzung um Wolfgang Thierse in diesen Tagen erreicht hat, sind verstörend. Mit dieser öffentlichen Schmähung eines beispielhaften Sozialdemokraten wegen seiner Äußerungen zu den Gefahren von Identitätspolitik und der sogenannten Cancel Culture (s.u.) hat die Kultur der politischen Auseinandersetzung in Deutschland einen neuen Tiefpunkt erreicht.
Die absolute Art und Weise, mit der viele Teilnehmer*innen an der öffentlichen Debatte mittlerweile die Deutungshoheit jeweils für sich beanspruchen, kennt eine klare Bezeichnung im Deutschen: Selbstgerechtigkeit. Wenn ‚Schuldsprüche‘ eben nicht mehr durch das Abwägen verschiedener Perspektiven zu Stande kommen; wenn überhaupt gleich jede Äußerung, die einem vermeintlich aufgeklärten Weltbild ebenso vermeintlich zu widersprechen scheint, standgerichtlich abgeurteilt wird, hat das nichts mehr mit kritischer, gesellschaftlicher Meinungsbildung zu tun – sondern mit einer Gesinnungspolizei, die das ganze Gegenteil dessen verkörpert, was zu verteidigen sie vorgibt.
Es wird sofort als reaktionär abgestempelt, was nicht der eigenen Weltanschauung entspricht. Noch schlimmer: Es wird ihr/ihm das Rederecht verweigert (hier kommt die bereits genannte „Cancel Culture“ ins Spiel, also das systematische Wiederausladen von Diskussionsteilnehmer*innen bei öffentlichen Veranstaltungen, deren Standpunkt gar nicht erst Eingang in die Debatte finden soll, und wogegen sich Thierse wie übrigens auch die ebenso gescholtene Gesine Schwan zu Recht wenden).
Das Spaltungspotential dieser mit missionarischem Eifer vorgetragenen Identitätspolitik ist enorm, die längst auch im linken politischen Lager grassiert. Dabei geht es gar nicht um die Inhalte dieser Identitätspolitik, sondern um den Stil, in dem sie latent vorwurfsvoll vertreten wird. Vor nichts Anderem hatte Thierse in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung gewarnt. Übrigens in den USA auch der neue Präsident Joe Biden, der dafür von der politischen Linken umjubelt wurde.
Es stimmt zutiefst traurig, dass diese ‚Debattenkultur‘ mittlerweile einen unzweifelhaften Kämpfer für Bürgerrechte wie Wolfang Thierse ernsthaft in die Bedrängnis bringt zu fragen, ob er in der SPD noch erwünscht sei. In blinder revolutionärer Gesinnung wird so ein Wolfgang Thierse mit einem Thilo Sarrazin auf eine Stufe gestellt. Absurd.
Noch absurder aber ist dies: All Jene, die in scharfrichterlicher Art Anderen ihr Recht zur Diskussionsteilnahme abstreiten, gehen offenbar davon aus dass das Zulassen anderer Meinungen zur kritischen Auseinandersetzung gleichbedeutend damit sei, diese zu teilen.
Diese fortlaufenden Unterstellungen führen zu einer völligen Verrohung der Umgangsformen und münden in der gefährlichen Haltung: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Und das eben ist es, woran unsere heutige Diskussionskultur leidet. Differenzierung gibt es nicht mehr, hinter jedem Debattenbeitrag wird eine Gesinnung verortet, die es zu brandmarken gilt. Jürgen Habermas mit seinem Ideal des freien öffentlichen Diskurses als Grundpfeiler gesellschaftlicher Entwicklung hat sich sicherlich schon hundertfach im Grab gedreht.
Tatsächlich erinnert unsere Zeit in Vielem schaurigerweise eher an das Schlusskapitel der französischen Revolution. Nachdem sie unzweifelhaft Bürgerrechte für Millionen entrechteter Menschen erkämpft und die von Geburts wegen geltende Meinungsvorherrschaft der Aristokratie beseitigt hatte (so wie dies auch das Streiten wider die Diskriminierung von Minderheiten in unserer Zeit geschafft hat), wandte sich die Revolution anschließend gegen sich selbst: Wer nicht vorbehaltlos für die neue Zeit ist, ist gegen sie. Und wer die reine Lehre nicht teilt, ist reaktionär – und ist es nicht wert, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Und auch heute laufen die neuen Hüter der reinen Lehre Gefahr, selbst zur Reaktion zu werden, zu einer Zensur der öffentlichen Debatte. Die Revolution frisst ihre Kinder.
Diskriminierung in jeder Form, Art und Weise ist das Gift allen sozialen Zusammenlebens. Reaktionäres Gedankengut ist Ausdruck überkommener Machtverhältnisse zu Lasten derer, deren Rechte mit Füßen getreten werden. Aber keinen Deut besser sind Diejenigen, die mit der Guillotine im Hintergrund standgerichtlich über all Jene urteilen, die ihr Weltbild nicht teilen.













