ich bin angehöriger der zielgruppe für dieses gerät. ich schreibe. ich mag technik. ich bin ein freund der kreativen einschränkung. ein ausschliesslich zum schreiben von texten geeignetes digitales gerät ist also für mich gemacht. dennoch brauchte es wiederholtes bombardement mit kickstarter-deadlines und facebook-werbung, bis ich endlich das ding bestellte. ein freewrite traveler. eine portable hipsterschreibmaschine mit dropbox-sync.
es wird damit beworben, weniger zu können als laptops und tablets. damit wäre ablenkungsfreies schreiben wieder möglich. schreiben wie hemingway. so die werbung. um den preis eines mittelklassetablets.
die anpriesene lieferzeit von drei tagen wird dann doch zu zwei wochen. corona und zoll werden als ausrede angeführt. aber egal. ich wollte es ohnehin für die monate juli und august, wo es in meiner wiener altbauwohnung so heiss wird, dass der prozessor meines laptops die taktfrequenz drosseln muss und mein gehirn nur mehr an den auf vier grad gekühlten verkaufsraum des wurstabholmarkts in der ottakringerstrasse denken kann. da sie mich dort kaum an einem schreibtisch arbeiten lassen werden, verlege ich meine arbeitsstätte an diesen tagen an den waldrand am steinhof. kühl genug ist es dort auch ohne die begehbaren wurstregale.
lineare texte in wurstform gelingen mit dem gerät. die tastatur klappert angenehm. das e-ink-display verspricht lange akkulaufzeiten, ist aber irritierend langsam. besser nicht zu intensiv auf den bildschirm schauen beim tippen. die nachhinkende anzeige macht mich sonst nervös.
bei tippfehlern offenbart sich die schwäche des geräts. entdecke ich den fehler rechtzeitig, lösche ich das letzte wort mit einer tastenkombination und tippe es erneut. es gäbe zwar die möglichkeit, den cursor zu verschieben, das fehlerhafte zeichen zu löschen und das richtige zu tippen, aber das wird mit dem langsamen display zur qual.
finde ich einen fehler weiter oben im text, entscheide ich mich oft dazu, ihn stehen zu lassen, da die editierung zu mühsam ist.
den wunsch, sätze umzustellen oder teile zu kopieren kann ich auf diesem gerät prinzipiell vergessen. es unterstützt kein copy&paste. eine bewusste designentscheidung. ich weiss.
die devise lautet: jetzt schreiben - später editieren. auf einem anderen gerät, das die daten über dropbox-sync empfängt. oder per email. was nicht immer rasch geht. heute dauerte es zwei stunden, bis die texte in meiner inbox waren. dropbox-sync ist schneller. funktioniert aber leider nur in eine richtung. wenn ich die texte nach dem tippen am laptop editiere und wieder mit dropbox synchronisiere, hat das keine auswirkung auf die daten auf meiner neuen hipsterschreibmaschine. ich kann also keinen text am laptop editieren und dann auf der kleinen kiste weiterschreiben. laut support sei das allerdings geplant.
der workflow ist für mich daher:
am waldrand sitzen und tippen.
mit dem handy einen hotspot machen und freewrite synchronisieren.
schritt drei und vier mache ich oft erst zuhause, wenn die sonne untergegangen und die temperatur in meiner wohnung wieder erträglich ist.
sehr viel hab ich auf dieser maschine noch nicht getippt, aber es fühlt sich immer noch gut an. ob ich es empfehlen würde, haben mich kolleginnen auf den sozialen medien gefragt. wenn du gerne und schnell textwürste tippst, ohne sie korrigieren zu wollen, dann ja, war meine antwort. für komplexere arbeitsmethoden ist das gerät nicht geeignet.