Schreiben Sie noch Emails?
Okay, ich gebe zu, die Fragestellung ist provokativ. Romantiker würden fragen: "Schreiben Sie noch Briefe?". Und die Romantiker im Jahre 2025 werden uns vielleicht fragen, ob wir uns noch Facebook-Nachrichten zusenden.
Heute, im Jahre 2011 halten wir uns für ein hochtechnologisiertes Volk. Wir schicken Menschen auf dem Mond, auf den Mars, unsere Filme sind dreidimensional und dem Telefon hat man die Schnur genommen... und es funktioniert immernoch. Die Deutsche Post hat dem Brief das Papier genommen und nennt das ganze jetzt E-Postbrief. Doch braucht es den E-Postbrief eigentlich? Und warum hat die Deutsche Post nicht einfach die ePost weitergeführt? Diese gab es mal für einige Jahre und wurde dann eingestellt. Dem E-Postbrief wird, so vermute ich, dasselbe Schicksal ergehen. Sogar die Bundesregierung plant einen eigenen, sicheren Emailservice, mit der De-Mail. Ich weiß, der Name ist großartig, wer auch immer ihn sich ausgedacht haben mag.
Aber gut, wenden wir uns dem Kernthema zu: Der Kommunikation im Wandel der Zeit
Seit vielen Jahren schicken wir uns Emails, meist sehr zuverlässig und manchmal auch mit Datenverlust. Die Verwendung des normalen Briefes ist hingegen nicht weniger geworden. Doch woran liegt das? Der Brief gilt als persönlich. Wer ihn schreibt, gibt ihm eine gewisse Wertigkeit mit auf die Reise. Die Reise selbst macht ihn auch zu etwas Besonderem. So gibt es nicht nur Liebesbriefe, sondern auch Leserbriefe, Ehrenbriefe, einen gewissen Paulusbrief und das, was viele gerne hätten: Einen Freibrief. Der Brief hat also eine Wertigkeit erhalten, welche die Email gerne hätte, aber nie erreichen kann.
Eine Email sind Einsen und Nullen, man liest sie, und löscht sie, sie nehmen nicht sonderlich viel Platz weg, falls man sie speichert und natürlich ist sie unkompliziert: "Mal schnell eine Email schreiben...", "Schick mir das mal eben per Mail rüber" usw.
Dieses unkomplizierte führt zum Erfolg der Email, und deswegen will keiner ePost, E-Postbrief oder De-Mail, alles zum Scheitern verurteilte Konzepte. Die Email allerdings gilt auch schon als überholt. Warum noch eine Email schreiben, wenn man ganz einfach per Facebook seine Nachrichten versenden kann? Die Email schreiben viele nur noch, wenn sie die Person nicht in ihrer Facebook-Freundesliste haben. Und das sind nicht so viele Menschen die man kennt. Und will man überhaupt noch Menschen kennen, mit denen man nicht per Facebook vernetzt ist? Und kriegen die dann noch einen Brief, eine Email oder vielleicht sogar einen Anruf? Der Erfolg der Facebook-Nachricht liegt, meiner Meinung nach, in einer grundlegenden Sache: Sie ist persönlicher als die Email. Ich schreibe meine Facebook-Nachricht einem "echten" Menschen, mit Photo, Geburtsdatum, und dem Wissen darüber, dass die Person ein Shimano-Mountainbike fährt, und keines von Giant. Selbst Google hat dies erkannt, und mit Google Wave einen ähnlichen Dienst wie Facebooks Nachrichtenapplikation im Angebot. Okay, ich persönlich kenne niemanden, der Google Wave nutzt. Wahrscheinlich benutzen die Leute Google Wave, die wissen, dass der Name auf der ebenso unerfolgreichen, aber hochqualitativen TV-Serie "Firefly" beruht. Abgesehen davon klingt es für mich komisch, dass ich eine "Welle" starte um mit vielen, personifizierten Menschen gleichzeitig kommunizieren zu können... aber es gibt diesen Dienst. Der wohl unerfolgreichste der großen Google-Dienste. Google wird natürlich sagen, dass er Erfolg hat, aber das hat die Post auch von der ePost behauptet. Nur Joss Whedon konnte nie abstreiten, dass "Firefly" ein monumentaler Flop war.
Okay, Facebook-Nachrichten sind also ein Erfolg, die Email ein auslaufendes Modell, der Brief bleibt bestehen, weil er hochwertig ist. Was bleibt noch in der modernen Kommunikation? Das Telefon! Oder besser: Das Mobiltelefon!
Das Mobiltelefon bietet nämlich nicht nur das klassische und weiterhin beliebte Telefongespräch, sondern auch die SMS/Kurzmitteilung und dank den Smartphones vor allem auch die Möglichkeit Facebook-Nachrichten zu erhalten und versenden zu können. Gut, Emails können sie auch, nur über E-Postbrief, sowie Google Wave-Fähigkeit bin ich mir gerade nicht im Klaren.
Das Telefongespräch ist einfach und simpel, funktioniert seit jeher und hat eine ähnliche Stellung wie der Brief. Unkaputtbar und jetzt auch ohne Schnur. Die SMS hingegen leidet jetzt schon, wie die Email. Sie wird unglaublich oft benutzt (geschätzt 46 Milliarden Mal 2011), aber dank kostenloser Messenger-Dienste wie "Whats App" (greift auf ihr Adressbuch zu - ja, liebe Datenschützer, ich weiß... - und man kann über seine Handynummer kurze, und kostenlose Onlinenachrichten versenden, kostenlos stimmt nicht ganz, weil man eventuell Onlinegebühren bezahlt) und eben dank den Smartphones auch durch Email und Facebook-Nachricht torpediert. Die SMS allerdings weiß, dass sie ein Auslaufmodell ist und bietet Absonderlichkeiten wie die MMS. Eine teure SMS mit Bild- und Soundfunktion. Außer Klingeltonanbieter nutzt dies allerdings kaum jemand. Gibt es Klingeltonanbieter eigentlich noch? Weiß eigentlich jemand, dass es sogar Getränkeautomaten gibt, aus denen man Getränke bekommt, in denen man ihnen eine SMS schickt? Die SMS ist teuer, aber man fühlt sich in der Zukunft. Die eigentlich Zukunft ist es allerdings, dem Getränkeautomaten eine Freundschaftseinladung zu schicken, oder auf "Gefällt mir" zu drücken. Als Dank für meine Tat, und wenn ich in 10 Minuten 8 weitere Leute animiere, ebenso "Gefällt mir" zu drücken, erhalte ich mein Getränk per Facebook-Nachricht. Oder ich erspiele mir kostenlose Getränkecodes in Farmville, in dem ich alle für das Getränk nötige Zutaten anpflanze und ernte.
Aber ich will nicht abschweifen. Die SMS und das Telefongespräch sind nur der Vorläufer zu Apples größter Produktinnovation der letzten Jahre: Facetime.
Die Telekom hat das vor Jahren schon Bildtelefonie über die rasend schnellen ISDN-Leitungen genannt, aber nun gut. Bildtelefonie war nicht erfolgreich. Lobt man bei dem Brief das persönliche, will man seinem Gegenüber beim Telefonat allerdings nicht persönlich in die Augen schauen. Niemand muss wissen, dass ich gerade in der Nase popel, auf Toilette sitze, oder gelangweilt zuhöre. Dasselbe Problem hat Facetime, aber da es von Apple ist, ist es cool. Und was cool ist, will man ja auch benutzen. Mein Facetime-Rekord liegt allerdings bisher bei einem Facetime-Gespräch in den letzten 6 Monaten. Ganz beeindruckt waren mein Gesprächspartner und ich von der Technologie, die tatsächlich funktioniert und eigentlich alt ist. Wir zeigten uns die Räume, in denen wir gerade sind, auch wenn wir sie schön können, zeigten, was auf unseren Fernsehern läuft und... ne, mehr war es nicht, seitdem nie wieder benutzt. Vielleicht gibt es dort draußen begeisterte Facetime-Benutzer, vielleicht gibt es sogar schon erotische Facetime-Dienste, die die Live-Webcam abgelöst haben... aber ich kenne sowohl das eine, noch das andere.
Facebook, Facetime... haben Sie eigentlich schon ihre Facebook-Emailadresse? Die gibt es jetzt auch und zeigt Ihnen die darüber erhaltenen Emails tatsächlich im Facebook-Nachrichten-Fenster an... irre. StudiVZ, MeinVZ und SchülerVZ sind darauf nicht gekommen. Diese waren mal kurzfristig erfolgreich, wurden dann allerdings von Facebook aus dem Markt gedrängt. Facebook bietet halt die ganze Welt, Farmville und ein cooleres Design. Und "anstupsen" ist nun mal enorm cooler als "gruscheln".
Wenn sich eine zukünftige Freundin dann eventuell mal wieder beschwert, dass ich ihr doch "zumindest mal eine SMS hätte schreiben können" (man bemerkt dort schon eine gewisse Abfälligkeit im Wortlaut gegenüber der zu bemitleidenden SMS), kann ich mit "Aber ich hab dich schon gestern angestupst, das zeigt, dass ich an dich denke" antworten und hoffe insgeheim, dass mit mir Schluss gemacht wird. Wichtige Menschen sind mir noch was wert, denen schreibe ich ganz altertümlich und völlig vorurteilsfrei eine Email, natürlich von meinem iPhone.