“Soziale Medien sind die offene Flanke der Demokratie”
Holger Marcks und Maik Fielitz, Terrorismusforscher am Londoner Institute for Strategic Dialogue zeigen in ihrem jüngst erschienenen Buch “Digitaler Faschismus” [Dudenverlag 2020] zeigen sie, warum Rechtsextreme ihre Botschaften mit großer Resonanz und Wirkung im Netz verbreiten können.
Dazu stellen sie drei gegen rationale Schlussfolgerungen gerichtete Techniken vor, die rechtsgesinnte gezielt einsetzen, um Anhänger im Netz zu fangen.
I. Mit einer „dramatischen Erzählung“ werden reale oder erfundene Ereignisse mit politischen Symbolen und Metaphern verknüpft.
Beispiel: Nach der Kölner Silvesternacht 2015, in der Hunderte Frauen von Migranten und Flüchtlingen sexuell belästigt wurden, ist es den Rechten durch ständige Wiederholung gelungen, die Vorfälle als Scheitern des interkulturellen Zusammenlebens generell zu inszenieren.
II. Die Methode „Gaslighting“ bezeichnet das Verbreiten von Behauptungen, mit dem die Glaubwürdigkeit politischer Gegner untergraben wird und die eigene Siichtweise alternativlos erscheint.
Ein Beipiel dafür ist die Aussage eines AfD-Wählers in der „Zeit“, der zwar noch keine negativen Erfahrungen mit Asylbewerbern gemacht hatte, aber dennoch erklärt, „man höre ja viel“. Diese Methode wirkt dann auch gerade dort, wo sie auf wenig bis kein eigenes (Erfahrungs-)Wissen trifft, wie etwa in Regionen mit besonders wenig Asylbewerbern und einem hohem Anteil von Bürgern mitniedrigem Bildungsabschluss/-niveau. So wirken diese Argumentationen selbst dann plausibel, wenn sie jeglicher Realität entbehren.
Letzteres zeigt sich insbesondere in vielen Regionen der USA, wo Trump mit seinen Netz aus haltlosen aber zielgerichteten und immer wiederholten Behauptungen und (bewussten?) Lügen besonders viele XXXXXX fängt.
III. Für die „metrische Manipulation“ sind die sozialen Plattformen das perfekte Medium. Durch die algorithmische Gewichtung von Inhalten anhand der Anzahl (nicht Qualität!) ihrer Likes, Follower, Shares etc. erscheinen so gepushte Meinungen weit verbreiteter. als sie tatsächlich sind. So kann eine sehr kleine Gruppe von Nutzern durch massives Social Media Marketing eine Meinung gegen die große Mehrheit durchsetzen.
Ein Beispiel hierfür sind eine Handvoll Journalisten, die vor einigen Jahren im Netz die Diskussion zum einem Thema der Berufsgruppe gegenüber dem größten Berufsverband dominiert hat.
Aktuelles Beispiel ist die weit überproportionale Präsenz von Verschwörungstheorien etwa aus dem Umfeld der Querdenker-Bewegung (deren Finanzierung übrigens auf Schenkungen auf das Privatkonto des Gründers fusst, siehe die sehenswerten Beiträge von Frank Böhmernann).
Wie angedeutet, funktionieren diese und andere, aufmerksamkeitsfördernde Methoden wie die Wiederholung (von Trump überstrapaziert und trotzdem wirkungsvoll) natürlich nicht nur im rechten Lager. Sie funktionieren besonders gut dort, wo in erster Linie emotional statt rational argumentiert wird, also leider fast überall außerhalb gehobener Wissenschaft und (mit Abstrichen) Jurikative.
Im Ergebnis sind Rechte Sprache und Sprachbilder inzwischen Bestandteil des öffentlichen Diskurses, so die Autoren des Buches.
Wer heute in den sozialen Medien Meinungen manipulieren, Positionen platzieren oder auch nur Themen setzen und besetzen will, muss starke Emotionen wecken, so die gängige Überzeugung. Verbände und politische Institutionen, die sich so bemerkbar machen wollen, haben - abgesehen von Verbänden, die sich glaubwürdig emotional besetzten Themen wie dem Schutz von Fauna und Flora verschrieben haben - jedoch kaum eine Chance.
Oder können Sie sich eine massenwirksame Social Media Kampagne für die XY-Industrie vorstellen? Zumindest nicht ohne Gegensturm!
Und tatsächlich ist das gesamtgesellschaftlich betrachtet ist das sogar gut so, denn eine weiter ausufernde, emotionalisierende Schlammschlacht kann unsere Demokratie vollends zerlegen! Dies meinen auch die Autoren des o.a. Buches, wenn sie schreiben, dass dies “ offenzulegen [und Gegenmaßnahmen zu entwickeln], essenziell für die Rettung der Demokratie sei”.
Leider sind ihre Vorschläge für solche Gegenmaßnahmen weit weniger überzeugend, als Ihre Offenlegung der „affektfördernden Technologie der sozialen Medien“ und Ihrer Nutzbarmachung.
So fordern sie eine „Neuordnung der sozialen Medien“ und Änderungen am technischen Design der Plattformen, wie etwa eine “Begrenzung der Anzahl von Postings, um demokratiefeindliche Einflussnahme zu erschweren” oder ein “Entfernen der Like- und Rating-Instrumente”, um der metrischen Manipulation entgegenwirken. [Quelle: rezension Deutschlandfunk Kultur vom 04.11.2020]
Statt solchen, doch recht unrealistisch und leicht zu umgehenden Maßnahmen brauchen wir viel, viel mehr Upload und Verbreitung vernünftiger, NICHT-ENOTIONALISIERENDER Beiträge. Diese Verantwortung tragen alle Akteure, welche die Demokratie stützen wollen!
Oder, wie der Titel des 2019 bei DeGruyter erschiebeben Buches von Wilfried Hinsch und Daniel Eggers:“ Öffentliche Vernunft? Die Wissenschaft in der Demokratie”.
Es ist ernst: Produkzieren wir intelligente, witzige, überraschende, besonders gut gemachte Beiträge und teilen wir andere solange wir noch in der Mehrheit sind und mehr Ressourcen haben!
Zur Vernetzung können wir alle solche Beiträge mit dem Hashtag #provernunft und einem Logo wie dem obigen oder diesem teilen (Alternativvorschläge sind willkommen):
Thomas Klauß, X.0 #verbaendedigital