Irrlichter, geheimnisvolles Glucksen und geopferte Häuptlinge – wir gehen den Mysterien des Moors auf den Grund
Das braun-grüne Wasser, gesäumt von Birken, glitzert in der Sonne. Friedlich und idyllisch sieht die Moorlandschaft im Emsland aus, einst größte zusammenhängende Moorfläche Westeuropas. Mit unseren romantischen Vorstellungen vom Moor und seinen Mythen wird im Emsland Moormuseum aber schnell aufgeräumt. Weniger faszinierend wird dieses seltsame Reich zwischen Land und Wasser dadurch aber nicht.
Rosen umranken den Durchgang zum üppig blühenden Bauerngarten, vor dem kleinen Haus stehen ordentlich aufgereiht klobige Holzschuhe und durch die geöffnete Haustür können wir einen gemütlichen Ofen erspähen. Wenn es kalt und dunkel wird, brennt hier bestimmt ein Torffeuer aus dem Moor. Im Stall nebenan grunzt zufrieden ein Buntes Bentheimer Schwein, einige Meter weiter fressen sich wollige Schafe durchs sattgrüne Gras. In den Siedlerhof auf dem Gelände des Emsland Moormuseums würden wir sofort einziehen – zumindest für die Ferien. Und abends am warmen Feuer schaurig-schönen Geschichten über das nahe Moor lauschen, von Irrlichtern, Moorleichen und Moorgeistern.
Ansgar Becker, Kurator im Emsland Moormuseum, räumt jedoch schnell mit unseren romantischen Vorstellungen rund ums Leben am Moor auf. „Das war ein erbärmliches Leben in einem gottverlassenen Landstrich“, klärt uns der Historiker auf. „Um die Leute, die hier gelebt haben, hat sich keiner gekümmert.“ Seit dem späten 18. Jahrhundert haben hier Menschen gesiedelt. Die Ärmsten der Armen, die zwar frei waren, dem Moor aber kaum etwas abtrotzen konnten. „Die großen, baumlosen Flächen waren bis zum Sommer unfassbar kalt. Im Sommer, wenn sie sich aufgeheizt haben, wurden es dann richtig heiß und es kam zu Mückenplagen. Im Frühjahr und im Herbst wurde tagelang alles von Nebel verhüllt“, schildert Ansgar Becker die Lebensbedingungen der Moorbewohner. Anders als in den benachbarten Niederlanden machte sich hier kein Landesfürst Gedanken um eine Infrastruktur oder Handelsmöglichkeiten mit dem Brennmaterial Torf. Die Siedler wurden einfach sich selbst überlassen. Mit einer kleinen Schafhaltung, ein oder zwei Bienenvölkern und Buchweizenanbau hielten sie sich in armseligen Hütten, die auf dem bewegten Boden eine sehr begrenzte Lebensdauer hatten, über Wasser.
„Buchweizen machen zwar satt, aber diese Ernährung war viel zu einseitig. Und mit Buchweizen an 365 Tagen im Jahr werden sie wahnsinnig“, erklärt Becker leidenschaftlich die Mangelernährung der Moorbewohner. Diese waren den anderen Niedersachsen außerdem sehr suspekt, galten sie doch als düster und verschlossen und das Moor als unheimliche Ödnis, als das Trennende schlechthin. Tatsächlich waren sie aber findig und naturerprobt – kannten sie sich doch bestens aus und wussten ganz genau, welche Pflanzen die sicheren Wege anzeigten. Auch Schmuggler haben sich hier ihre Pfade angelegt, Ortsunkundige hingegen mussten weite Umwege gehen. Das Versinken im Moor allerdings sei ein Mythos, betont Ansgar Becker. Der sei zwar in Edgar-Wallace-Filmen beliebt, aber tatsächlich seien die gut konservierten Leichen, die vorwiegend um 1900 im Moor gefunden wurden, zu 99 Prozent schon vorher tot gewesen: „Häufig waren das Verbrecher oder Menschen, die am Rande der Gesellschaft lebten. In Irland hat man auch hochrangige Persönlichkeiten, vermutlich geopferte Schamanen oder Häuptlinge, gefunden. Sie alle wurden beschwert, da man Angst vor Wiedergängern hatte.“
Auch mit anderen Mythen rund ums Meer räumt der Historiker auf. Für die Geräusche des Moores wie Gluggern und Glucksen oder auch gelegentlich aufflackernde Lichter hatten die Menschen keine Erklärungen und ließen deshalb ihre Fantasie spielen. So wurden aus den blauen Flammen, die Blitze im methanhaltigen Untergrund hin und wieder entflammten, Irrlichter, die als Seelen der Verstorbenen die Lebenden ins Moor ziehen wollten. Und da Energieeffizienz und erneuerbare Energien noch nicht zu den aktuellen Themen der Moorbewohner gehörten, waren Torfrauch in den undichten Baracken, unausgewogene Ernährung und unzureichende Trinkwasserversorgung die Ursache für eine maximale Lebenserwartung von 30 bis 40 Jahren. Mit einem ph-Wert von zwei bis drei ist Moorwasser sauer – und macht nicht lustig.
Das lässt sich, zusammen mit Ansgar Beckers bildreichen Schilderungen, bestens auf einer spannenden Zeitreise im Emsland Moormuseum nachvollziehen. Auch die mühsame Arbeit der Moorbewohner wird Besuchern an interaktiven Stationen hier nahe gebracht. Für das Torfbrikett, das sich so leicht anfühlt, mussten Männer, Frauen und Kinder schwer schuften. Die klobigen Holzschuhe, die so pittoresk vor dem Siedlerhof dekoriert sind, boten Schutz vor schweren Verletzungen durch scharfe Torfmesser.
Wir durchwandern zwei moderne, transparente Hallen auf den Spuren des Moores. Dabei gerät die geheimnisvolle Landschaft durch die großen, bodentiefen Fenster nie aus dem Blick. Eine Feldbahn soll Besucher direkt hinein bringen ins Moor, wenn die Gleise saniert sind – dann ist auch ein barrierefreier Waggon geplant. Die großzügige Museumsanlage lässt sich aber auch ohne Feldbahn gut im Rolli erkunden, etwas schwergängig wird es in Teilen des historischen Siedlerhofes mit seinen Rasenflächen. Die Bentheimer Schweine und Schafe, die auf dem Siedlerhof gehalten werden, liefern auch Schinken und Bratwürste für das Museums-Café. Unter dem Motto „Was wir erhalten wollen, müssen wir aufessen“ kommen hier lokale und regionale Produkte von Nutztieren und –pflanzen auf die Speisekarte, die vom Aussterben bedroht sind. Auch Buchweizenpfannkuchen sind im Angebot – ziemlich lecker, finden wir. Aber wir müssen sie ja auch nicht 365 Tage im Jahr essen.
Kurator Ansgar Becker, der heute unsere mythischen Fantasien vom Moor neu sortiert hat, findet die Landschaft gerade zum jetzigen Zeitpunkt äußerst faszinierend: „Es ist gerade eine Umbruchzeit. Die Flächen werden renaturiert und wandeln sich permanent. Moor ist nicht gleich Moor, die ganze Landschaft ändert sich. Wie wollen wir damit umgehen? Einen Königsweg gibt es nicht.“
Fürs Gluckern, Gluggsen und geheimnisvolle Lichter gibt es vielleicht eine rationale Erklärung, aber eine Ödnis ist das Reich zwischen Land und Wasser noch lange nicht. Uns hat das Moor gepackt und wir wollen an unserer nächsten Station in den Moorwelten in Wagenfeld wissen, wie es denn nun weitergeht mit den renaturierten Flächen, wie wichtig das Moor fürs Klima ist und ob man mit einer Mooraktie reich werden kann.
Das Emsland Moormuseum nahe der niederländischen Grenze in Geeste ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet und zeigt neben der Dauerausstellung auch wechselnde Kunst- und Fotografie-Ausstellungen. Alle Informationen auf www.moormuseum.de
Übernachtet haben wir rund 15 Autominuten entfernt sehr gut im Hotel Pöker in Meppen (www.hotel-poeker.de). Das rund 1200 Jahre alte Städtchen mit Holländermühle, Barock-Rathaus und Gymnasialkirche aus dem Frührokoko ist eine Erkundung wert.












