Am Rand der Bonner Altstadt, nah bei der Viktoriabrücke, zwischen Moschee und einem imposanten Neubau, welcher gemahnt, wie das Viertel sich derzeit wandelt, steht das Kult 41. Das selbstverwaltete…
Am Rand der Bonner Altstadt, nah bei der Viktoriabrücke, zwischen Moschee und einem imposanten Neubau, welcher gemahnt, wie das Viertel sich derzeit wandelt, steht das Kult 41. Das selbstverwaltete Kulturzentrum wird ausschließlich von emsigen Ehrenamtlern geführt, denen man für ihr Engagement gar nicht genug danken kann – ist das Angebot an interessanter Livemusik in Bonn wegen unermüdlicher Bürgerbeschwerden über jeden noch so kleinen Furz doch inzwischen dünn wie das Eis, auf dem Du stehst.
Aber nicht nur ein originelles und mutiges Booking zeichnen das Kult 41 aus. Vielfalt ist Trumpf. Es wird getanzt, gekocht, geklönt. Ausstellungen, Lesungen, Theater – wen das noch nicht überzeugt, der lässt sich vielleicht durch den Hinweis auf faire Bierpreise zu einem Besuch hinreißen. Wenn nicht, selbst schuld, geht halt weiter ins Shakers.
Am frühen Ostermontag Abend ist das Kult gut gefüllt mit Punkrockveteranen in schwarzen Jeans und brüchigen Lederjacken. Um kurz nach zwanzig Uhr beginnen Feral Kizzy ihr mit etwas über dreißig Minuten viel zu kurzes Set. Zu kurz, weil mir der eigenwillige Post-Punk Potpourri der drei Musiker und zwei Musikerinnen aus Long Beach (USA) schnurstracks in Hirn, Herz und Hose fährt. Beeindruckend gut arrangierte Songs, die trotz überraschender Takt- oder Tempowechsel nie zerfallen oder an Spannung einbüßen. Kizzy Kirks Gesang allein ist nicht die Ursache, dass das Ganze in zahlreichen Passagen wie Siouxie and the Banshees klingt. Bis Gitarrist Johnny Lim ausbricht und die Band in die Garage führt, wo es laut ist, wo es scheppert, wo es rockt. Im Ergebnis ist das dann erfreulich eigenständig und intensiv. Schlagzeuger Mike Meza begeistert mit Mut zum tanzbaren Beat und leitet mit ausufernden Breaks die kleinen und großen Umbrüche in den Liedern ein. Keyboarderin Brenda Carsey unterstützt beim Gesang, webt beidhändig nostalgisch klingende Flächen und sieht dabei unverschämt gut aus. Dass ihre Versuche der Kontaktaufnahme vom Publikum zaghaft aufgenommen werden, schieben wir der Schüchternheit des Besuchers zu.
Nach wenigen Takten ist klar, Don’t sind der Grund, warum das Kult heute gut besucht ist. Das ist wenig überraschend, kann die Band am Schlagzeug mit Sam Henry (u.a. The Wipers, Napalm Beach) und am Bass mit David Minick (The Cosmetics, Napalm Beach) nicht nur mit zwei echten Größen aufwarten, sie hat mit Sängerin/Gitarristin Jenny Don’t auch ein waschechtes Role Model des Punkrock Girls in ihren Reihen. Zahlreiche männliche Zuschauer beschäftigen sich in Folge mit fotografieren, vergessen zu tanzen, jedoch nicht zu applaudieren. Drängt sich die Frage auf, wie eine junge Siouxie auf derlei Voyeurismus reagiert hätte. Aber das ist 2016, nicht 1976, dies ist Bonn, nicht Boston und es wäre unverfroren, Jenny Don’t deshalb auf ihr ansprechendes Äußeres zu reduzieren. Stimme, Bühnenpräsenz und der offensichtliche Spaß an der Sache überzeugen. Die Band verschwendet keine Zeit mit ausufernden Intros oder gar Balladen, sie rocken vom ersten bis zum letzten Takt und es gelingt ihnen mühelos, die Spannung aufrechtzuerhalten. Rock ‘n’ Roll, Garage, Country, etwas Surf – verschiedene Stile werden zu einem lauten, röhrenden Ganzen verwurstet, das sich nie in stumpfem Radau verliert. Gitarrist Kelly ‚Gator‘ Gately beackert wie von Sinnen sein Instrument, das er wahrhaftig beherrscht und welches neben Jennys Stimme den Sound der Band prägt. Bonn beklatscht das Ganze artig, ohne völlig aus dem Häuschen zu geraten. Da hilft es auch nicht, wenn Jenny ein Lied lasziv auf der Bassdrum tanzend singt. Lediglich das Schlagzeugsolo trifft mich unerwartet und lässt mich ratlos zurück, weil ich Schlagzeugsolos grundsätzlich für Mumpitz halte.
Mehr Rock ‘n’ Roll geht nicht an einem Ostermontag. In Bonn.












