René Grandjean lebt in Bonn und veröffentlicht als unabhängiger Autor Romane. Literatur aus dem Off. Unabhängig, unverwässert. Mit Seele, manchmal voll Wehmut, immer mit Rhythmus.
Kürzlich besuchte ich an aufeinanderfolgenden Tagen Konzerte von Roosevelt und The Temperance Movement. So unterschiedlich wie großartig beide Bands sich live präsentieren, sind sie streng genommen…
Kürzlich besuchte ich an aufeinanderfolgenden Tagen Konzerte von Roosevelt und The Temperance Movement. So unterschiedlich wie großartig beide Bands sich live präsentieren, sind sie streng genommen doch bloß brillante Diebe, die langen Finger im Schmuckkästen der Musikgeschichte.
So kam ich nicht umhin, mir Gedanken über die Zukunft der Musik zu machen. Innovatoren, die sich nicht im selbstverliebten Experiment verlieren, hörbare zugängliche Musik machen, welche kraftvoll genug wäre, eine neue Jugendbewegung zu initiieren – Fehlanzeige. Die Frage, ob das doof oder egal ist, werde ich an den Theken dieser Welt mit ausgesuchten betrunkenen Fachmännern diskutieren. Aber das just in diesem Prozess „The Raucous Tide“, der zweite Langspieler des Kölners Fabio Bacchet aka Hello Piedpiper in meinem Postfach landet, ist hilfreich.
Weil gute Musik zeitlos ist. Ein guter Song ist ein guter Song ist ein guter Song. Auf „The Raucous Tide“ findet der geduldige Hörer davon gleich Elf an der Zahl. Troubadour Folk, wie Bert Jansch ihn in den späten Sechzigern zelebrierte, oder Bands wie Songs Of Green Pheasant und Midlake auf „The Courage Of Others“, um historisch weniger weit auszuholen, standen zweifelsfrei Pate bei Bacchets musikalischer Menschwerdung. Und er hat gut aufgepasst. Spärlich instrumentiert gelingt den zum Trio gewachsenen Hello Piedpiper ein vielschichtiges Album mit Anleihen von Country, Jazz und Pop. Flirrendes und Fliegendes, versteckt in den Tiefen der Produktion, qualifizieren „The Raucous Tide“ für Liebe auf den Zweiten Blick und/auch einen Hörgenuss für Freunde des Entdeckens.
Mischer Matthijs Herder schickt die Lieder durch große Räume, tiefe Tunnel und mächtige Kathedralen. Das unterstützt das Retro Ding, ist aber egal, weil es verdammt gut gemacht ist. Folkmusik und Geschichten erzählen gehören seit jeher zusammen wie Teeparties und weiße Kaninchen, und auch da ist Bacchet Traditionalist im besten Sinne. Ein Album wie eine verregnete Fensterscheibe. Du sitzt drinnen, alles ist gut.
„Die Zeiten ändern sich“ (Peter Licht, Lieder vom Ende des Kapitalismus) Veränderungen stehe ich außerordentlich aufgeschlossen gegenüber. Das Alte weicht dem Neuen. Niemals ist das an sich gut ode…
Kommentar zur Schließung vom Mr. Music / Bonn
„Die Zeiten ändern sich“ (Peter Licht, Lieder vom Ende des Kapitalismus)
Veränderungen stehe ich außerordentlich aufgeschlossen gegenüber. Das Alte weicht dem Neuen. Niemals ist das an sich gut oder schlecht. Mir scheint vielmehr, dass Erneuerung ein wesentlicher Antrieb menschlichen Strebens ist. So wie zum Mars fliegen. Oder Softdrinks mit kranken Geschmacksrichtungen erfinden. Oder die Komposition des Schokoriegels KitKat Chunky Peanutbutter. Ein Meisterwerk. Leider von Nestlé. Dass diese der menschlichen Gattungen eigenen Neugier, kombiniert mit kapitalistischem Gewinnstreben (auch an sich nicht böse) dazu führte, dass die gemeine Bundesdeutsche Innenstadt von Filialen übermächtiger Ketten dominiert wird, begrüße ich selbstverständlich nicht. Meine Stadt Bonn bekommt demnächst seinen ersten Primemark. Ich habe einen ausgefuchsten Plan: ich werde nicht hingehen. Der Plunder, der da verhökert wird, riecht sowieso nach Mottenkugeln. Dennoch werde ich mich nicht vor der Eingangstüre einbetonieren, um andere an ihrem stinkigen Einkaufserlebnis zu hindern. Das Leben ist bunt, die Meinungen zahlreich, die Interessen verschieden, der Bürger mündig. Manchmal dämlich, aber auch das ist das Recht des Einzelnen. Seufz. Das Rad der Zeit dreht sich und ich versuche so gut es eben geht, mich nicht von ihm zermahlen zu lassen. So finde ich mich ab mit Veränderungen, mögen sie mir auf den ersten Blick auch suspekt erscheinen. Des einen Freud, des anderen Leid. Aber der anstehende Verlust des letzten Plattenladens in der Bonner Innenstadt macht mir zu schaffen.
Mr. Music scheint seinen Betreibern eine echte Herzensangelegenheit. Als ich vor zwölf Jahren mit dem Gedanken schwanger ging, von Köln nach Bonn zu ziehen, galt es als erstes in Erfahrung zu bringen, ob das vermeintlich verschlafene Bundesdorf meine musikalischen Gelüste befriedigen könnte. Kaum aus dem Zug, stolperte ich auch schon ins Ladenlokal von Mr. Music. Und siehe da, die Soundtracks zu „Twin Peaks“ und „Fire Walk With Me“ waren nicht nur vorrätig, sie waren auch günstig. Dem Umzug stand somit nichts mehr im Weg.
Bist du der Neue in der Stadt, ist es nicht leicht Fuß zu fassen. Das ich bald bei meinen regelmäßigen Platteneinkäufen wiedererkannt wurde, ein nicht unwesentlicher Teil des Ankommens. Dafür Danke. Dies möge auch rechtfertigen, das ich diesen Text verfasse. Bin ja bloß Kunde und möchte mir nicht anmaßen, über Gebühr traurig zu sein. Das überlasse ich Daumen drückend denjenigen, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Es macht aber einfach großen Spaß, bei euch mein Geld auszugeben. Als ich das Don Johnson – Album „Heartbeat“ von 1986 erstand, nahm Mr. Music (als Synonym für alle dort arbeitende Menschen) es an der Kasse mit spöttischem Grinsen entgegen und fragte mich, was denn mit mir nicht stimmt. So etwas finde ich witzig. Nick Waterhouse drittes Album „Never Twice“ wollte ich, mit Nick Waterhouse erstem Album „Time’s All Gone” ging ich heim, Mr. Music hielt es für das bessere, außerdem kostete es weniger. Großartig. Oder folgender Dialog, der sich erst kürzlich ereignete:
Ich: „Es gibt eine neue Best of von Springsteen?“
Mr. Music: „Brauchst du nicht.“
Ich: „Kann ich mal hören?“
Mr. Music: „Nein.“
Ich mag es, das Mr. Music sich nicht zu Schade ist, Andrea Berg ebenso anzubieten wie Blood Orange. Von Bonnern für Bonner. Kein blödes Getue, Hauptsache Musik.
Das letzte Einhorn. Der letzte Mohikaner. Der letzte Tanz. Der letzte Drink. Der letzte Plattenladen in der Innenstadt. Mr. Music schließt zum 30. Juni 2017. Für mich fühlt es sich an wie der Umzug eines Kumpels, kein enger Freund, eher ein sympathischer Bekannter, dem man immer mal wieder über den Weg lief und bierselige Gespräche führte. Das Leben geht weiter, ist er fort, aber man bemerkt seine Abwesenheit. Heute war ich dort, wollte mal was von Neil Young. Herrje, da standen bestimmt dreißig verschiedene Alben des kauzigen Kanadiers. Ich frage Mr. Music, welches er empfiehlt. Versuch das mal im Media Markt.
Als Sting sich nach Jahren voller Eskapaden entschloss, wieder ein rockiges Album zu machen, wuchsen die Erwartungshaltungen gen Himmel. Endlich wieder Zerbrechlichkeit und Felder aus Gold! Und sie…
Als Sting sich nach Jahren voller Eskapaden entschloss, wieder ein rockiges Album zu machen, wuchsen die Erwartungshaltungen gen Himmel. Endlich wieder Zerbrechlichkeit und Felder aus Gold! Und siehe da, die Vorabsingle „I Can’t Stop Thinking About You“ gefiel. Ein treibendes Gitarrenpicking, marschierendes Schlagzeug, hymnischer Refrain. Natürlich klingt sie nach The Police, was aber nicht überraschen sollte, immerhin war Sting dort Sänger und Bassist, aber das kann ja nicht jeder wissen.
Bei einem Veteranen wie Sting ist es unmöglich, ein neues Album nicht im Vergleich zum Lebenswerk zu hören, zumindest mir nicht. Ist „57th & 9th“ ein gutes Album? Ja, zweifelsohne, dennoch eines der schwächeren von Sting. Jazziges findet diesmal wenig bis kaum statt. Auch der Ethno tritt in die zweite Reihe. Betrachtet man das Cover, ein überraschend jung aussehender Sting in den Straßen von New York (?), den Bass geschultert, suggeriert das eine musikalische Heimkehr, welche tatsächlich stattfindet. Viel Triosound, gerade Grooves statt Schnörkel, rockige Gitarren und klassische Songstrukturen. Die Zutaten stimmen, doch schmeckt das Ergebnis zu meinem großen Bedauern etwas fad. Das liegt zum einen daran, das „I Can’t Stop Thinking About You“, der stärkste Song des Albums, selbiges eröffnet. Dieses Pulver wäre verschossen. Das anschließende „50,000 (NEW Version)“ beginnt mit vielversprechenden zwei Akkorden im epischen U2-Gewand, nimmt jedoch in der Strophe den Fuß vom Gas und endet in einem uninspirierten Fadeout. Wenigstens der Refrain ist groß. „Down, Down, Down“ und „One Fine Day (NEW Version)“, Sting at its best, eindringliche zeitlose Popsongs mit der eigenen, unverwechselbaren Handschrift. Wie sehr ersehne ich mir mehr davon. Die übrigen sechs Lieder ziehen jedoch recht unbeeindruckend an mir vorüber. „Pretty Young Soldiers“, eine Remineszenz an das eigene Frühwerk, startet mit einem sehr eigentümlichen Gitarrenriff, schunkelt sich danach zum Schluss, ohne Spuren zu hinterlassen. „Petrol Head“, fieser Rock mit unnötigen Soundspielerein, welche Modernität vorgaukeln sollen, die gar nicht nötig wäre. „Heading South On The Great North Road“, eine gefühlvolle Ballade mit akustischer Gitarre. „If You Can’t Love Me“ beginnt mit einem betörenden Gitarrenpicking. “If You Can’t Love Me This Way Then You Must Leave Me”, singt Sting eindringlich. So einfach, so wahr. Ein spannender, unterschwellig energetischer Song kurz vor der Explosion. Der Geist des Orients wird in „Inshallah“ heraufbeschworen. Dies gelingt Sting gut, ohne sich in Weltmusik Kitsch zu verrennen. „The Empty Chair“, ein ruhiger Schlusspunkt, wo mehr Aufregung gefragt gewesen wäre.
„57th & 9th“ erscheint mir, ganz im Gegensatz zu den meisten Arbeiten von Sting, mehr wie eine heterogene Mischung von Liedern, als wie ein in sich geschlossenes Album mit rotem Faden. So verliert es mich unterwegs, gewinnt meine Aufmerksamkeit für Momente, nicht jedoch über die gesamte Distanz. Das bedauere ich ungemein. Bis zum nächsten Mal, Sting!
Der schwedische Songwriter Christian Kjellvander, der in einer alten Kirche lebt und aufnimmt, hat für sein neues Werk einen Teilzeitjob auf einem Friedhof angenommen, berichtet RP-Online. Er wollt…
Der schwedische Songwriter Christian Kjellvander, der in einer alten Kirche lebt und aufnimmt, hat für sein neues Werk einen Teilzeitjob auf einem Friedhof angenommen, berichtet RP-Online. Er wollte, dass die Erfahrung aus einer handfesten Arbeit in seine Songs einfließt. Und tatsächlich ist „A Village: Natural Light“, eingespielt mit dreiköpfiger Band und Gästen, reich an natürlichen Raumklängen und morbidem Charme, was Ortswahl und Inspirationsquelle offenkundig legitimiert.
Neun Lieder, im Geiste verwandt mit Country Marke Bill Callahan oder vollends entschleunigten Calexico, traurig, tiefgründig, zerbrechlich und zart wie die Figuren in Tim Burton-Filmen. „Please forget me when I’m gone, I was never here“, singt Kjellvander in „Riders In The Rain”, den Friedhofsdreck noch unter den Nägeln. Schmutzige Nägel nennt man da wo ich herkomme, vielleicht auch woanders, Trauerränder. Schwermut um der Schwermut willen ist bedeutungslos, sogar sinnlos, doch steckt hier spürbar mehr dahinter. So ringe ich unter den tiefen Novemberwolken um jedes Wort, diesem Album gerecht zu werden. Schwer, abgründig, düster, jedoch nicht ohne Hoffnung. Nähern wir uns dem Ganzen pragmatisch, gefällt Kjellvanders tiefes warmes Timbre, die klirrenden Gitarren, die dezenten Tasten, welche vielleicht von jenseits der Kanzel erklingen. Das Schlagzeug, bis auf wenige Ausnahmen („Always With The Horses“) perkussiv. Rimshots, Shaker, Becken.
Doch schwer wird mir in der Bauchgegend, je länger ich lausche. Mag sein, ein mancher zieht Kraft aus der Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit. Sie treibt ihn an, die gegebene Zeit zu nutzen. Ein anderer erstarrt entsetzt beim Gedanken an das eigene unvermeidliche Ende. Ziehen wir das Info des Labels zurate: „A Village: Natural Light“ ist ein Album über das Leben, die Liebe und den Tod. Die Songs auf diesem Album machen mir wieder einmal bewusst, wie wichtig es ist, das Leben wirklich zu leben. Ihr kennt doch diese Songs, die einen von fernen Orten träumen lassen, die in einem den Wunsch wecken, aufzustehen und aufzubrechen? Solche Songs werdet ihr hier nicht finden. Auf diesem Album geht es darum, zu bleiben. Auszuharren. Schaff dir dein eigenes Leben, umgib dich mit guten Menschen, lass dich nicht von Vollidioten runterziehen und mach das Beste aus dem, was du hast. Pack die Liebe beim Schopf. Schau dir deine Frau an. Liebe sie. Liebe sie wie verrückt. Kämpfe mit ihr. Lauf nicht weg. Schau dir deine Kinder an. Du hast sie gezeugt. Halt sie fest und lass sie gehen. (Henry Toft)“.
Diesen Eindruck teile ich nur bedingt. Auszuharren, auszuhalten, eine der bewundernswertesten Eigenschaften. Doch am Ende einer langen aussichtslosen Schlacht kann Kapitulation die Erlösung sein. Und vielleicht, wer weiß, ist der Tod die ultimative Kapitulation. Bis dahin, aufstehen und aufbrechen ist nicht gleichbedeutend mit fortgehen. Erhebe ich mich, breche ich auf, und bleibe, ohne stillzustehen. Schaffe ich mir mein eigenes Leben, umgebe mich mit guten Menschen, bin ich unterwegs. Aber so was von unterwegs bin ich dann. Ob es ein wundervoller Ort ist, darüber schreibe ich, bin ich angekommen. Bald. Auf dem Weg dorthin höre ich aber Springsteen.
Bekommt das Jahr 2016 kurz vor Toresschluss doch noch die Kurve? Ich brülle ein aus tiefstem Herzen überzeugtes „Jawohl“ in die Runde. Maria, wundervolle begnadete Maria. Über meine tie…
Bekommt das Jahr 2016 kurz vor Toresschluss doch noch die Kurve? Ich brülle ein aus tiefstem Herzen überzeugtes „Jawohl“ in die Runde.
Maria, wundervolle begnadete Maria. Über meine tiefe Zuneigung zu Saddle Creek Records, das Label, welches ich als die Wiege ihrer Musik bezeichnen möchte, habe ich mich ja bereits an entsprechender Stelle ausgiebig ausgelassen. Conor Oberst, Freund, Weggefährte, Mitmusiker – auch diesmal mit von der Partie, haben wir erst kürzlich und völlig zu recht für sein neues Album gelobhudelt. Jetzt beglückt Maria uns mit zehn frischen Songs, welche im Paket „In The Next Life“ heißen und hierzulande über Grand Hotel van Cleef veröffentlicht werden.
Unter allen Singer/Songwriterinnen ist Maria mir seit ihrem Solodebüt „11:11“ von 2005 die Liebste. Die kühle Erotik, welche ihrer Stimme innewohnt, wie sie mal säuselnd, mal kraftvoll aus den Tiefen der warmen, organischen Produktionen aufsteigt, trifft bei mir einen Nerv. Fernab jeglicher plakativer Sex Sells-Ästhetik verströmt die vierzigjährige Mutter zweier Kinder dabei Sinnlichkeit und Zuverlässigkeit in selten anzutreffender Balance. Vielleicht so etwas wie die schönste singende Farmerin der Welt. Doch genug von meinen unverfüllten Träumen. An dieser Stelle wollen wir Maria selbst zu Wort kommen lassen. Ich koche inzwischen Tee, feuere den Kamin an und stimme die akustischen Gitarren, ja, Schatz? Auszüge aus dem Infotext zum Album, geschrieben von Maria Taylor:
„Ich liebe die Freiheit, verschiedene Genres auf einem einzigen Album zu kombinieren. Jedes Album, das ich seitdem heraus gebracht habe ist eine Reflexion davon wo das Leben mich hingeführt hat. Vorgespult ins Jahr 2016: Ein Umzug zurück nach Kalifornien, einen Ehemann und zwei Kinder später schaute ich mir meinen ganzen musikalischen Output an. Ich kramte durch mein bisheriges Leben, nahm Teile aus meinem alten Leben und verflechtete sie mit meinem heutigen. Ich habe alles was ich musikalisch und lyrisch gelernt habe (mit der Hilfe meiner unglaublich talentierten Freunde) zusammengetragen und in dieses Album gesteckt. Ich habe mich immer wieder gefragt, „wenn ich morgen sterben würde, was sollte dein letztes Album aussagen?“
„In The Next Life“, ein weiteres wundervolles Album von Maria Taylor. Folk- und Popsongs, mit in meiner Wahrnehmung aus der Zeit gefallenen Akkordfolgen, die man auf dem sechsten Album einer sich treu bleibenden Künstlerin durchaus als typisch bezeichnen darf. Hallige Gitarren, denen zu klingen erlaubt wird, welche Assoziationen an die amerikanische Musik der Fünfziger wecken, auch wenn diese Beschreibung Marias Gesamtwerk lediglich streift. Vorsichtige Klangexperimente, kein übertriebenes nach den Sternen greifen, denen auf den frühen Alben gerne ein Plätzchen eingeräumt wurde, findet man auf „In The Next Life“ nicht. Die Produktion ist heimelig und einladend. Klavier und Orgeln finden ihr Plätzchen, Streicher und Gitarren, im Zentrum der umwerfend schöne Gesang. Conor kommt vorbei, singt mit Maria „If Only“, muss schnell wieder los und läßt mich mit Fernweh und Unruhe im Herzen zurück. Mein persönlicher Song des Jahres! „Flower Moon“ liebäugelt mit dem Bubblegum-Pop der Fifties, „Free Song“ versucht sich an Tarantino-Dramatik, bleibt dabei aber zuckersüss. Ein Album wie ein Abendessen mit guten Freunden, mit Wein, Käse und Gelächter. Was gibt es besseres.
Zweiunddreißig Jahre mussten vergehen, zwischen dem Kauf meines ersten The Cure-Albums und dem Moment, in dem Robert Smith, Simon Gallup und ich sich endlich im selben Raum befinden. Ob es für die …
Zweiunddreißig Jahre mussten vergehen, zwischen dem Kauf meines ersten The Cure-Albums und dem Moment, in dem Robert Smith, Simon Gallup und ich sich endlich im selben Raum befinden. Ob es für die beiden so schön war wie für mich, dass kann ich nur hoffen. Vielleicht haben sie mich aber auch gar nicht bemerkt, denn es war ein wirklich großer Raum mit Siebzehntausend Menschen. The Cure live in der Lanxess Arena zu Köln.
Besagtes Album war „Boys Don’t Cry“, das Debüt der Band von Neunundsiebzig, welches in Deutschland mit leicht abgewandelter Trackinglist unter dem Namen „Three Imaginary Boys“ verkauft wurde. Ich hatte Vierundachtzig nicht einmal auch nur eine Note von The Cure gehört. Die Freunde meines fünf Jahre älteren Bruders, sie duldeten mich, hingen gemeinsam vorm C64 ab, bläuten mir wiederholt ein, was für furchtbare Musik diese geschminkte Heulboje von der Insel produzierte. Einer warnte mich sogar eindringlich, dass alljene, die The Cure oder Kate Bush hören, irgendwie seltsam drauf sind. Und wer will schon seltsam drauf sein? Dann kam jener Tag. Ich halte das Cover mit dem großen Runden „Nice Price“-Aufkleber und dem bunten Scherenschnitt einer Wüstenlandschaft im Plattenladen in Händen und entscheide mich, ab jetzt für immer seltsam drauf zu sein.
Vielleicht war mir trotz meiner zarten zehn Jahre klar, dass die Freunde meines Bruders – allesamt nette Kerle – mit ihren Mixtapes im Kadett, voll mit Rick Astley und Jason Donovan, irgendetwas verpassten. Vielleicht kaufte ich das Album aber auch nur, weil es für zehn Mark verschleudert wurde. Fakt ist, The Cure sollten mich ab da bis heute begleiten. Unter den Post-Rock Bands sind sie mindestens so herausragend wie die Beatles im gesamten Popkosmos. Unter den Gothics – wer weiß, ob die schwarze Szene in ihrer heutigen Form ohne The Cure überhaupt existieren würde – der schillernste Diamant. Robert Smith ist ein Genie auf ganzer Linie. Simon Gallup, nicht der einzige Bassist der Band, aber jener, der sich für mich am ehesten wie ein Original anfühlt, prägte mein Bassspiel für Jahrzehnte.
Mein Handy zeigt 20.37h, als The Cure die Bühne betreten. Die Vorband versäumte ich, verloren im Raucherbereich in einem netten Gespräch über „The Walking Dead“. Robert Smith ist aktuell mopsig, zieht sich aber geschickt an und wirkt agil. Simon Gallup sieht fantastisch aus wie immer. Drahtig im Muskelshirt, beeindruckend modellierte Tollenfrisur und in den folgenden zweieinhalb Stunden der einzige sich bewegende Aspekt auf der Bühne. Vorab, The Cure sind von der ersten bis zur letzten Minute fantastisch. Die Wucht, mit der sie einen Potpourri ihres Schaffens herausschmettern, für mich so überraschend wie atemberaubend. Angemessen rockig, ohne ausufernde Improvisationen, erlebt das Kölner Publikum eine Band, die abliefert. Smith verzichtet auf große Reden oder gar Publikumsmotivationen. Muss er auch gar nicht. Die Menge weiß auch so, wie man den Bassgroove von „A Forest“ mitklatscht. Spielt Smith mal nicht Gitarre, vollführt er marionettenhafte Bewegungen mit den Armen.
Das er den Gesang mancher Songs varriiert, sie tiefer singt oder die Phrasierung verändert, möchte ich keiner mangelnden Ausdauer zuordnen. Nach vierzig Jahren Bandgeschichte muss vielleicht der Routine ein Schnäppchen geschlagen werden. Den Bühnenhintergrund zieren Leinwände, auf welchen den Songs entsprechende bewegte Bilder gezeigt werden. Zum überraschenden Opener „Tape“, sind das Hypnosespiralen. Die kommenden knapp über dreißig Songs, eine gelungene Mischung aus Raritäten („Push“, „A Night Like This“, „Burn“) und den großen Hits („Lullaby“, „Friday I’m In Love“, „Boys Don’t Cry“). Wenn ich im Kino Schwierigkeiten habe, die richtige Sitzposition zu finden, bin ich nicht im Film. Wenn ich auf einem Konzert Appetit verspüre oder Lust auf eine Zigarette, bin ich nicht in den Liedern. Hier in Köln erliege ich gleich beiden Gelüsten. Die Lanxess Arena ist ein hochgradig professioneller Vergnügungstempel. Läuft das Konzert, werden viele der zahlreichen Bewirtungsstationen geschlossen, sicher aus Kostengründen. Effizienz und so. Das Bier ist teuer, das Essensangebot unzeitgemäß fleischlastig. Auf meiner Suche nach Nahrung pflanzlichen Ursprungs werde ich Zeuge einer wie ich finde interessanten Begebenheit. Ein nicht mehr ganz junger Mann, wasserstoffblonde Strubbelhaare, schwarz gekleidet, diskutiert recht hitzig mit einer jungen, hübschen Merch-Verkäuferin. Worum es geht, ich weiß es nicht, aber als der Strubbel sich entfernt ruft er der Verkäuferin zu, wir müssten alle wieder in den Achtziger-Flow zurückkommen. Die Verkäuferin lächelt gekünzelt, und ihre Augen verraten, sie hat keine Ahnung, was der Scheiß bedeuten soll. Ich wohl. Im Raucherbereich erzählt mir wer, er möchte unbedingt „One Hundred Years“ hören, während die Band drinnen den Song spielt. Mir begegnet eine große Gruppe, mit schwarzen Karnevalsperücken und verschmierter Schminke als Robert Smith verkleidet. Ich gehe zurück in den Saal und warte auf das Ende. Das Ende des Konzertes. The Cure als Silhouetten im kalten weißen Gegenlicht, vom Kunstnebel verschluckt, die Lieder in endlos ausufernden Liveversion; obwohl ich lieber nach vorne schaue als zurück, komme ich dafür wohl zu spät. „And let’s move to the beat like we know that it’s over”.
Es kann ja jeder machen, was ich will, doch als Faustregel: Wenn ich in die Oper gehe, trage ich einen Anzug. Wenn ich zum Sport gehe, trage ich eine Jogginghose. Nie andersherum. Wie gesagt, The Cure waren fantastisch. Ich könnte schwören, die alten Kumpels meines Bruders waren heute auch da.
von René Grandjean Was bisher geschah: Ich verlor den Glauben an die Liebe und meinen Regenschirm, entwickelte ein Konzept für eine Sitcom und verwarf es, schaute Serien auf Netflix und tröstete meine Freundin Libelle in einem schlimmen Fall von Liebeskummer wegen eines Typen Namens Dick. Wenige Woche später … Teil 2 „Pimmelbilder!“, ereifert sich Libelle. „Du hast ja keine Ahnung, wie un ...
Die Wahrheit über Männer - hier steht sie geschrieben. Aber nicht weitersagen. Außerdem: Pimmelbilder, Nacktmulle, Tinder und wie das alles miteinander zu tun hat.
Ich wette, die Schweine in der Redaktion haben einen Heidenspaß, wenn sie die Alben für die Rezensionen verteilen. Das geht dann sicher so: „Oh, hör’ mal, das schicken wir dem Grandjean, das wird e…
Purple – Bodacious
Okt 24, 2016 by René Grandjean in Platten
Ich wette, die Schweine in der Redaktion haben einen Heidenspaß, wenn sie die Alben für die Rezensionen verteilen. Das geht dann sicher so: „Oh, hör’ mal, das schicken wir dem Grandjean, das wird er hassen!“ Biere werden geöffnet, man prostet sich zu und macht Furzgeräusche mit den Achselhöhlen. (in etwa genau so. Anm. d. Red.) Mobbing ist das, was ich nicht länger hinnehmen werde. Arbeitsrechtliche Schritte sind eingeleitet.
Zwei Jahre ist es her, dass das texanische Trio Purple um die singende Schlagzeugerin Hanna ihr erstes Album „409“ veröffentlicht hat. „Bodacious“, der zwölf Songs starke Nachfolger, hat erneut diesen rohen Indie-Punk,-Rock,-Pop Touch mit Krawall-Attitüde. Weißt Du was, liebe Redaktion? Du hast das Ziel verfehlt! Ich hasse es nicht. Zugegeben, die Single „Backbone“ zündet bei mir so gar nicht und ich bin dicht dran, mich meinem Hass auf dumpfe Sprech – und Kreischgesänge zu ergeben und auf die dunkle Seite des Rezensierens zu wechseln. Noch schlimmer, das sich anschließende „Mini Van“.
Neunziger Crossover mit Hip-Hop-Anleihen und Funkgitarren. Erwähnte ich schon mal, wie furchtbar ich die Red Hot Chilli Peppers finde? Kurz Tee gekocht, geraucht, beruhigt, dann: „Bliss“. Zuckersüßer Gesang über einem catchy Four on the Floor-Beat. Dezente Gitarren, die einschmeichelnde Bridge mündet in einen rockenden Chorus, der mehr als nur okay geht. Das macht Sinn. This is bliss. Hanna klingt dabei wie die wütende kleine Schwester von Gwen Stefani (Solo, nicht mit No Doubt, die auch furchtbar sind). Geht doch. „Money“ verbirgt, wie erst der effektvolle Schluss verrät, unter seiner rockigen Schale einen Dub Song. Irgendwas mit Raggae auch im feinen „Pretty Mouth“, was der Band gut zu Gesicht steht.
Das ist hübsch, aber vom Falschen zu viel, vom Richtigen zu wenig, um mich ernsthaft zu begeistern. Die männlichen Anteile im Gesang finde ich durch die Bank mies, uninspiriert und seltsam produziert. The Offspring oder so. Hilfe! Die Gitarren sind neunziger Jahre Stangenware, die mich an die B-Liga des Grunch (ist das ne Mischung aus Grinch und Grunge? die Red.) erinnern. Lediglich Hanna gelingt es, mein starres Herz mit einschmeichelndem Gesäusel zu erweichen. Ich bin ja auch nur ein Mensch. Und ein Mann, was sich nicht gegenseitig ausschließt. In der Summe ist Purple sicher eine feine Neuentdeckung für alle, die The Fratellis oder The Distillers hören, wozu ich ja so gar nicht gehöre. Macht doch, was ihr wollt.
Conor Oberst – Ruminations Ach Conor, immer Kummer, trotz gutem Aussehen, Talent und Ruhm. Hast mit Saddle Creek eines der Labels schlechthin ins Leben gerufen, mit Bright Eyes richtungsweisende Alben aufgenommen, spannende Projekte wie Monsters of Folk initiiert und eine unübersichtliche Menge fantastischer Lieder für die Ewigkeit komponiert. Woher also noch all der Schmerz, die Schwermut, die Trauer, die Dein Werk bis heute prägen? Vielleicht, weil Du ein Getriebener bist, ein Suchender, der von allem zu viel will und es im schlimmsten Fall sogar bekommt. Für mich, Fan und Hörer, ist Dein Leid ein Gewinn, weil Du nicht der Musiker wärst, der Du bist, ginge es Dir gut. Oder auch nur besser. Weil die negativen Gefühle diejenigen sind, die große Kunst ermöglichen. Dein Hundeblick hat auch jenseits der Dreißig nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt. Ich wette, die jungen Frauen, die Dich retten möchten, stehen Schlange. Auf „Ruminations“, Dein viertes echtes Solowerk, habe ich mich gefreut, weil die Zeit gerade Reif ist für Deine Musik. Auf dem Titelbild sitzt Du am Klavier, beinahe im Profil, drehst dem Betrachter aber doch den Rücken zu. Das wirkt intim und irgendwie nah und fern zugleich. So sehr ich Deine Arbeit liebe, so tief ergriffen und nachhaltig begeistert wie von „I’m Wide Awake, It’s Morning“ war ich zuletzt nicht. Zugegeben, das war 2005, das war Bright Eyes, nicht Conor, aber Du warst Stimme und Gesicht dieser Band, weshalb ich warte und hoffe. „Ruminations“, zu Deutsch Grübeln, Nachsinnen, Wiederkäuen. Conor singt immer noch wie eine gelungene Kreuzung aus Bob Dylan und Robert Smith. Klavier, Mundharmonika, es wäre kein Folk ohne akustische Gitarre. Zehn Lieder in getragenen Tempi, zerbrechlich dargeboten und ohne Tricks und doppelte Böden aufgenommen. Bereits der Opener „Tachycardia“ macht, das meine Hände reglos auf der Tastatur verharren, mein Blick starr wird und es mich ein wenig schauert, obwohl die wohlig blubbernde Heizung in meiner Küche wärmt. Dass die Komposition stellenweise an „What A Wonderful World“ erinnert, tut der Sache keinen Abbruch – ich baumele am Haken. Bei „Barbary Coast (Later)“ klingt die akustische Gitarre exakt so, wie selbige klingen muss, nimmt man sie auf. Eine Mundharmonika, die wie ein Feuerwerk explodiert. Lieder, neu und vertraut zugleich, stoisch dargeboten ohne jemals statisch zu wirken, nur einige der vielen Stärken von Conor Oberst. Überhaupt steht das auf „Ruminations“ beinahe allgegenwärtige Klavier Liedern wie “Gossamer Thin“ und „Next Of Kin“ ausgesprochen gut und es scheint, Conor hatte große Freude an der Vertonung seines Kummers. Und mehr geht doch nicht, oder? Mehr purer Folk als der Vorgänger „Upside Down Mountain“ erfreue ich mich an der Besinnung auf das Wesentliche und der Abwesenheit einer Band, die mir manchmal zu sehr nach Nashville Country klang. Und textlich war und ist Conor Oberst ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Wer weiß, vielleicht ist ja der Literaturnobelpreis 2045 drin. Was ich vermisse, ist der Irrsinn, der seine Musik ausmachte, als er noch ein Teil von Bright Eyes war. Pathos auf den Spuren von Wagner, Geräusch und Experiment, Verspieltheit und Reduktion in wilder Allianz. Aber, ich wiederhole mich, das war Bright Eyes. Hier ist Conor, und mit niemandem ist besser leiden, in Sehnsucht vergehen und am helllichten Tag betrunken werden. Warum Menschen ihre Zeit mit Passenger verschwenden, während man Conor Oberst hören könnte, mir ein ewiges Rätsel.
Manchmal habe ich den richtigen Riecher. So wusste ich bereits, dass Dev Hynes eines Tages Großes vollbringen würde, als er noch unter dem Pseudonym Lightspeed Champion Folkmusik spielte. Zweifelso…
Manchmal habe ich den richtigen Riecher. So wusste ich bereits, dass Dev Hynes eines Tages Großes vollbringen würde, als er noch unter dem Pseudonym Lightspeed Champion Folkmusik spielte. Zweifelsohne, das war gute Folkmusik, aber die engen Grenzen dieses Genres schienen mir Hynes kreativem Potenzial nicht gerecht zu werden.
So kam es, wie ich es mir wünschte. Im Jahre 2011 ließ er Lightspeed Champion hinter sich und veröffentliche sein Debüt „Costal Groove“ unter dem Alias Blood Orange. Was sich damals lediglich andeutete, fand 2013 in „Cupid Deluxe“ seine Vollendung: Der Blood Orange-Sound war geboren. Man erkennt Hynes Handschrift auch in seinen Arbeiten als Produzent und Songschreiber für kommende Größen wie Sky Ferreira, Solange Knowles oder Samantha Urbani. R´n´B, Dancefloor, Pop und Wave in bisher nicht gehörter Eintracht.
Fernes Stimmgewirr, ein verstimmtes Piano, souliger Chorgesang, eine feministische Kampfansage, schon sind wir mittendrin in „Freetown Sound“, dem dritten und bis dato besten Blood Orange-Album. Hynes als den neuen Prince zu bezeichnen ist natürlich völliger Unsinn. Wieso auch? Der Hautfarbe wegen? Aber bitte! Und Multiinstrumentalisten gibt es viele. Wo Prince als Musiker, Tänzer und Performer ein Genie war, dem alles scheinbar leicht von der Hand ging, höre ich bei Hynes, wie hart er arbeitet, um an sein Ziel zu gelangen. Seine bemühten Tanzeinlagen, manchmal an der Grenze zur Peinlichkeit, sind auswendig gelernte Choreografien, die nicht im Entferntesten etwas mit der Art Tanz zu tun haben, wie Prince ihn beherrschte. Doch macht all dies Hynes Kunst keineswegs schlechter.
Im Gegenteil, vielleicht ist es gerade das, was ihren Charme ausmacht. Der Funke – bei allem Respekt – Dilettantismus, der seine Produktion vom R´n´B–Einheitsbrei unterscheidet, den ich täglich im Radio abwürge. Schwulstig, Urban, ganz viel Brooklyn. „Freetown Sound“ ist ein luftiges, aufgeräumtes Album voll subtiler Erotik und bezaubernd gehauchter Melodien, trotz der schweren Themen, welche in den siebzehn Tracks behandelt werden. Gender, Konflikte zwischen den Religionen, Rassismus, Sexismus. Wie es soweit kommen konnte, obwohl Ferris Bueller der Welt bereits 1986 erklärte, das „Ismen“ nicht gut sind, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben, aber gut. Klavier und Streicher als Rahmen, in dem dezente Funkgitarren, jazzige Bläser und rumpelige Drumcomputer wunderbar koexistieren. Das weckt selbstverständlich Assoziationen an die Achtziger, weil große Popmusik immer ein wenig nach den Achtzigern klingt. Die Ästhetik dieses Jahrzehnts transportiert Blood Orange, was sicher kein Zufall ist, auch visuell. Wer es etwas moderner braucht, auch die großen Daft Punk scheinen Hynes nicht völlig unbeeindruckt gelassen zu haben. Vielleicht schöpfen aber auch beide Projekte nur aus denselben Quellen.
In Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, einem von Bürgerkriegen, Seuchen und Armut gebeuteltem afrikanischen Staat, kam übrigens Hynes Vater zur Welt. Nelly Furtado und Debbie Harry als die Prominentesten unter unzähligen Gaststimmen, sollen nicht unerwähnt bleiben. Ein Album, größer als Deine Stadt, von einem richtungsweisenden Künstler. Wer ihn jetzt entdeckt, braucht demnächst dem Trend nicht hinterherhinken.
Death to the Pixies! Im Sommer 1991 war es mir vergönnt, die Pixies auf dem Bizarre-Festival in Gießen live zu erleben. Ich erinnere mich, dass sie mir gefielen, überaus gut sogar, an viel mehr jed…
Death to the Pixies! Im Sommer 1991 war es mir vergönnt, die Pixies auf dem Bizarre-Festival in Gießen live zu erleben. Ich erinnere mich, dass sie mir gefielen, überaus gut sogar, an viel mehr jedoch nicht, weil irgendein Rotzlöffel Reizgas im Publikum versprühte. Deppentum ist nun mal keine Erfindung des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Der popkulturellen Relevanz dieser Band, begründet in der Schöpfung eines ziemlich eigenen Soundkosmos, zum Trotz, ihrer Patenschaft für den Grunge, den Scharen populärer Fans wie Bowie oder Stephen Malkmus, verkam ihr Frühwerk auf Vinyl über die Jahre in meinem Vitrinenschrank zur staubigen Trophäe. Die Zeiten, die Zeiten. Dementsprechend gleichgültig stand ich der Wiedervereinigung gegenüber, neue Alben ohne Kim Deal am Bass interessierten mich von vornherein kein Stück. Gute Voraussetzungen, „Head Carrier“ zu besprechen.
Zwölf Lieder, keines davon schlecht. Indie-Rock Gitarren, Achtel-Beats, Harmonien zwischen Beach Boys und Fleetwood Mac… Pixies halt. Hier könnte dieser Text enden, erschiene mir dies nicht zu respektlos. Außerdem ist ja mancher Crazewire-Leser, anders als ich, nicht tausend Jahre alt und hat schon alles gehört. Also: Bei den Pixies plärren die Gitarren gestern wie heute ganz wundervoll, ohne sich als blöder Rock zu entlarven. Klingt es doch mal ausversehen wie blöder Rock, kann es sich nur um ein ironisches Zitat handeln, weil Black Francis (Vocals/Gitarre) ein ganz gewitzter Typ ist. Gewitzt ist es z. B. Kim Deal, meines Wissens wegen Suchtproblemen aus der Band ausgeschieden, in Folge durch andere Bassistinnen zu ersetzen. Zeigt dies nicht, das die Pixies Stand heute keine Band mehr sind, sondern ein Unternehmen? Und wäre dem so, wäre dies wichtig? Komme mir bloß keiner mit den ach so prägenden Backings, welche nur eine Frau singen kann.
Kim Deals Bassspiel, ihre Art des Gesangs, die waren prägend für den Sound der Pixies. Unabhängig davon, das Paz Lenchantin ihren Job gut erledigt, sie macht uns die Kim. Nur ein Plagiat. So will es mir einfach nicht gelingen, mich mit „Head Carrier“ zu arrangieren. Weil es mir vorgaukelt, das alles ist, wie es war. Die hymnenhafte Lieder, tolle versponnene Melodien, kraftvoller Gesang und seliges Gebrüll – mir ist so langweilig. Eine Band, die sich in der Spätphase ihrer Karriere lediglich selbst wiederkäut, braucht eine resistente Fangemeinde. Die haben die Pixies sicherlich. Ob es ihnen jedoch so gelingt, neuer Zuhörer zu erreichen, möchte ich anzweifeln. Zumal Black Francis so charismatisch ist wie Jabba. Liebe Redaktion, darf ich jetzt die neue Blood Orange hören? (Ja, darfst Du. Anm. d. Red.)
2016 ist ein Jahr, indem ich wiederholt von mir selbst überrascht werde. So verschwende ich derzeit mit Begeisterung meine Zeit mit der Serie „Gilmore Girls“. Das hat sicher damit zu tun, dass es a…
Ryley Walker - Golden Sings That Have Been Sung
2016 ist ein Jahr, indem ich wiederholt von mir selbst überrascht werde. So verschwende ich derzeit mit Begeisterung meine Zeit mit der Serie „Gilmore Girls“. Das hat sicher damit zu tun, dass es aktuell nicht die besondere Frau in meinem Leben gibt. Wie sonst ist es zu erklären, das ich Abend für Abend Lorelai Gilmores hochfrequentes Geplapper ertrage? Mein Speicher muss leer sein.
Aus der gleichen Richtung stammt vermutlich die Freude an Lichterketten, mit denen ich meine Wohnung schmücke, wie auch eine tiefe Sehnsucht nach dörflichem Leben inkl. neugierigen Nachbarn, Klatsch und Tratsch und Mittagessen in Luke’s Diner. Überschaubarkeit ist an dieser Stelle das Stichwort. All das mag den Nährboden bereitet haben, auf den Ryley Walker fiel und keimte, als ich zufällig das Video zu „The Roundabout“ sah, der Single aus seinem vierten Album „Golden Sings That Have Been Sung“. Auch da, Kleinstadtleben, Freunde, Freude, Feuerwerk. Vielleicht auch Lichterketten, ich muss noch mal genau hinsehen. Vierzig Minuten Sixties-Hippiegedudel, vom Cover Artwork bis zum Songwriting schonungslos Retro. Dass mich das begeistert, eine Überraschung. Kompositionen wie hypnotische Endlosschleifen, eingespielt mit allen im bekannten Universum existierenden akustischen Saiteninstrumenten.
Daraus resultiert eine orchestrale Wucht, ein Breitbandsound, direkt, unverschleiert und ungeheuer mitreißend. Das Schlagzeug, über weite Strecken so zurückhaltend, verschmilzt nahezu völlig mit den übergroßen Pickings der akustischen Gitarren. Satte tragende Basstöne, denen zu klingen erlaubt wird. Sparsamer, wohldurchdachter Einsatz von Orgel, Klavier, Bläsern, Lap Steel Gitarre. Ryley Walker, Jahrgang 1989, weiß sicherlich, wer Bert Jansch ist (Du auch?), Tim Buckley und Nick Drake. Sein überhaupt nicht neuer angejazzter Folk ist aber einfach zu gut, um ihm seine Rückwärtsgewandtheit vorzuwerfen. Mit einem herzlichen Gruß an alle Germanisten und Deutschlehrer schreibe ich verzückt: Der perfekte Kling zum Sommerausklang.
In meiner Küche, wo die Fruchtfliegen um den Mülleimer kreisen, während die Katze friedlich auf dem Balkon schlummert, den Bauch in die Sonne streckt, die Beine gen Himmel, die Nachbarn Rasen mähen und das Kindergeschrei der nicht fernen Tagesstätte sich mit der Musik von Ryley Walker und dem Gezwitscher der Vögel vermischt, sitze ich Kaffee schlürfend und Zigaretten rauchend vor meinem Laptop und muss einräumen, mein Leben könnte viel beschissener sein. Gestern, heute, morgen, welche Rolle spielt das schon.
Beginnen wir mit Namedropping, bis der Erste kotzt: Arc Iris wurde im Jahr 2012 als Soloprojekt der ehemaligen The Low Anthem-Musikerin Jocie Adams ins Leben gerufen, erblühte im Folgenden mit Zach…
Arc Iris – Moon Saloon
Beginnen wir mit Namedropping, bis der Erste kotzt: Arc Iris wurde im Jahr 2012 als Soloprojekt der ehemaligen The Low Anthem-Musikerin Jocie Adams ins Leben gerufen, erblühte im Folgenden mit Zach Tenorio Miller (Keyboards), Ray Belli (Schlagzeug) und zahlreichen Gästen zur Band. „Moon Saloon“, ihr zweites Album, wurde von David Wrench (FKA Twigs) gemischt. Wer gekotzt? Erster! Auf zur Musik.
Eine Menge ist los im “Moon Saloon”. Es wird getrötet, gegeigt, Banjo und Pedal Steel finden ihren Platz ebenso wie Cello und Electronics aller Couleur. Zentraler Dreh – und Angelpunkt in den zehn Liedern ist zweifelsohne Jocie Adams Stimme mit ihrem gebrochenen Timbre, den verspielt ausufernden Melodiebögen, den überbordenden Chören und dem naiv anmutenden Charme. Eine Verwandte im Geiste mag Harfengöttin Joanna Newsom sein. In der Summe erinnert „Moon Saloon“ mit seiner ätherischen Orchestralität in mancher Passage an die Anfänge der Sneaker Pimps oder The Sugarcubes mit Sängerin Björk.
„Kaleidoscope“, Opener und erste Single, von einem Trip-Hop Schlagzeug getragen, von Streichern und Chören emporgehoben, von Adams Gesang gekrönt. „Kingdome Come“ schließt sich an, kommt verspielter daher, perkussiv arrangiert. Adams hier mit Tendenz zum Kinderstar, in einem Lied, das sich erst beim zweiten Hören in die Karten schauen lässt. „Paint The Sun“ startet mit starkem Piano und reinem Bandsound, Adams schwebt über der Szene wie eine junge Kate Bush. „Pretending“ bezaubert mit seiner musicalesquen Überladenheit und zaubert ein Judy Garland-Gefühl in die Magengegend. Hinter dem Regenbogen hat es wundervolle Bläser und ein verflixt charmantes Banjo. „She Arose“ und „Lilly“, zwei wundervoll herzerwärmende Stücke Musik mit reduzierten Instrumentierungen, frischen Sounds zwischen klassisch und nie zuvor gehört und dem Mut zur Verspieltheit, welcher den Komposition nicht im Wege steht, im Gegenteil, ihnen sogar zugutekommt. Die übrigen vier Lieder mögen meine Aufmerksamkeit nicht bei sich behalten, aber es ist heute auch wirklich warm und meine Konzentrationsfähigkeit nicht die Beste.
Klassisches amerikanisches Songwriting, in der Tradition der großen Alten wie Cohen, Mitchell, Dylan, mit Mut zur Modernität, zum Experiment, das in der Gesamtheit gelingt. Musik zum Fresse halten und zuhören. So geht Kunst. Für Idioten sicher zu komplex.
EPs besprechen wir bei Crazewire eigentlich nur, wenn sie uns durch Besonderheiten in Ohr und Auge springen und in der Lage sind, unsere Aufmerksamkeit über ihre kurze Spielzeit hinaus zu fesseln. …
Spannende neue Band: Privatier.
EPs besprechen wir bei Crazewire eigentlich nur, wenn sie uns durch Besonderheiten in Ohr und Auge springen und in der Lage sind, unsere Aufmerksamkeit über ihre kurze Spielzeit hinaus zu fesseln. Die Gründe dafür könnten unterschiedlicher kaum sein. Auf simpelste Art gewinnt man unser Herz sicherlich mit guten Songs. Manches fasziniert uns durch ausgeprägte Eigenständigkeit, die wir in hohem Maß für popkulturell relevant, vielleicht sogar richtungsweisend, halten. Anderes wiederum lässt uns dermaßen ratlos zurück, dass wir unsere Verwirrung mit der Welt teilen müssen, um sie zu verarbeiten.
Da ist es wie mit einem Verkehrsunfall. Du weißt, es ist verwerflich, doch Du kannst den Blick nicht abwenden. Letzteres ist dennoch kein Todesurteil. Es gibt zahllose Songs, die sich über jenen schrägen Umweg Zutritt zu meinem Herzen verschafften und dort für immer blieben. Und von alldem ein wenig und noch etwas mehr, das ist die Musik von Privatier.
Vier Herren aus Köln musizieren in der Schnittmenge aus Bo Diddley und Joy Division. Sänger Sven Blüchel sieht im besten Sinne aus wie ein progressiver Dorfpfarrer und trägt mit leierndem Timbre Texte zwischen Dada und Minimal-Poesie vor, welche an die Anfänge der Hamburger Schule denken lassen, an große Bands wie Kolossale Jugend, Die Erde oder Cpt. Kirk. Mit Letzteren hat Privatier auch die Neigung zum perkussiven Spiel gemein. Da wird der Schlagzeugbreak, wie in „Belmondo“, auch mal zum tragenden Rhythmus erhoben. Es swingt und jazzt im ausgebrannten Klub jenseits der Bahngleise, wo sich jeden Montag die verarmte Boheme mit Rotwein aus Tetrapacks bewusstlos trinkt.
Das Gitarrenspiel ist auf den zweiten Blick vielschichtig. Mut zur Lücke und/oder sphärische Echo-Sounds, Akzent statt Klangteppich, mutwillig trashige Soli und jede Menge Akkord. Der Kitt, welcher das Privatier Universum zusammenhält, ist eine Laissez-faire Attitüde und eine schwer definierbare Verweigerungshaltung, die zwischen den Noten spürbar wird. Ich kann es nicht belegen, glaube aber, wir können Privatier alle mal am Arsch lecken. „Auch wenn ihr nicht in die Kirche geht, Gott ist King Kong und King Kong lebt“, singt Blücher in „Pastor KingKong“. Ist das jetzt großes Kino oder die Sehnsucht nach dem kalkulierten Tabubruch durch das Verletzen religiöser Gefühle? Wer letzterer Variante den Vorzug gibt, der könnte Privatier als Pennälerstreich abtun. Wer sich jedoch Zeit nimmt für das größere Ganze, der erlebt eine herrlich verschrobene Band in den ersten Stunden ihrer eigenen Schöpfung. Selten plagten mit seltsamere Ohrwürmer.
Dieser Irrsinn hat Methode. Demnächst live und in Schwarz-Weiß in der Klapse Deines Vertrauens.
Ich habe eine Mission: All jenen Künstlern, die mich in Kindheit und früher Jugend prägten, mich mit dem Popvirus infizierten, mich empfänglich machten für große Melodien und Pathos, einen Besuch a…
Ich habe eine Mission: All jenen Künstlern, die mich in Kindheit und früher Jugend prägten, mich mit dem Popvirus infizierten, mich empfänglich machten für große Melodien und Pathos, einen Besuch abstatten, solange sie und ich noch können. Ganz oben auf meiner Wunschliste: Cyndi Lauper.
Die Zuckerwatteprinzessin aus New York war für mich in den Achtzigern eine Art verrückte Tante aus der Nachbarschaft. Mit knallbunten Haaren und durchdringendem Organ kam sie stets unangemeldet zu Besuch, kniff mir zur Begrüßung kräftig in die Wange und brachte mit ihrer chaotisch charmanten Art den Haushalt durcheinander. Erst als ihre Besuche plötzlich ausblieben, erkannten wir, wie sehr sie uns am Herzen lag. Was ich meine; ich besitze sämtliche Cyndi Lauper Alben und las sogar ihre Autobiografie, erkannte dennoch erst kürzlich, wie lange mich ihre Musik schon begleitet und berührt. Ich durchlebte sozusagen Jahrzehnte des unbewussten Fan-Daseins. Diese Erkenntnis begrüße ich ungemein, sollte man doch nichts für selbstverständlich nehmen, besonders keine Künstler, deren Musik Dir etwas bedeutet. Irgendwann werden sie, so wie Du und ich, unwiderruflich verstummen. Also, selbst Schuld, hast Du Dich für Fußball entschieden, denn der wird so gut wie jedes Wochenende gespielt.
Heute bittet Cyndi Lauper im Kölner E-Werk zur Audienz. Das Publikum ist nicht zahlreich, dafür aber herrlich bunt. Paare aller Couleur, viele Veteranen der Achtziger, ein Schwung junges Gemüse, vielleicht von der Neugier getrieben, mal zu sehen, bei wem Lady Gaga und Katy Perry ihr Handwerk lernten. Das neunzigminütige Set startet nach einem kurzen Filmeinspieler mit „Funnel Of Love“. Zum Beat des Wanda-Jackson-Klassikers, der jedem Tarantino Soundtrack zur Ehre gereichen würde, tänzelt Cyndi, ausstaffiert mit Hut und Koffer, wie auf dem Titel des aktuellen Albums „Detour“, aus den Untiefen der Bühne ins Licht. Die überschwängliche Begrüßung durch das Publikum macht klar, hier sind echte Fans vor Ort, nicht nur Nostalgiker, die kamen, um noch einmal die alten Hits zu hören.
„Detour“ ist eine Sammlung von Country und Rockabilly Coversongs, welche Cyndi, wie sie uns später in einem von vielen herrlich sympathischen Monologen verraten wird, aus ihrer Kindheit kennt, als jede TV-Show im Wilden Westen spielte. Beeindruckend, wie mühelos das zum Teil siebzig Jahre alte Fremdmaterial sich im Folgenden mit ihren Songs aus den Achtzigern und Neunzigern mischen wird. Dies am heutigen Abend nicht zuletzt ein verdienst der tadellos spielenden Band, welcher der Spagat gelingt, die in den Studioversionen überwiegend poppigen Songs angemessen zum Rocken zu bewegen. Dennoch wird keine Sekunde auch nur der geringste Zweifel bestehen, wer hier der Star ist: Cyndi Laupers Bühnenpräsenz ist schlichtweg atemberaubend! Egal, ob sie tänzelnd die Band dirigiert, sich am Boden rekelt oder von einer Seite der Bühne zur anderen hüpft, alle Aufmerksamkeit ist ihr gewiss. Es mag taktlos erscheinen, in aller Öffentlichkeit über das Alter einer Dame zu schreiben, und eigentlich spielt es auch keine Rolle. Dennoch darf nicht unerwähnt bleiben, das Cyndi (obwohl sie mit ihren pinken Dreadlocks aussieht wie ein Knallbonbon) ihre zweiundsechzig Lenze mit Würde trägt und mir ihre Stimmgewalt schlicht den Atem verschlägt. Ob „She Bop“, das ursprünglich für Roy Orbison komponierte „I Drove All Night“, “You Don’t Know” vom „Sisters Of Avalon“ – Album mit infernalem Gitarrengewitter, Cyndi verausgabt sich in jedem Augenblick und hat, wie auch das Publikum, sichtlich Spaß. Sie berichtet vom großen Glück, Prince getroffen zu haben, erinnert sich, wie liebenswürdig, großzügig, witzig und süß er war. Applaus und gespannte Erwartung, weiß doch jeder im Saal, dass uns dies unvermeidlich zu einem der Höhepunkte des Sets führt: „When You Were Mine“, jener Prince Song, der auf Cyndis zeitlosem Meisterwerk „She’s So Unusual“ einen zentralen Platz innehat. Die unterkühlte New Wave Basslinie, das sture Schlagzeug, die eindringliche Melodie, „When You Were Mine“ ist ein Manifest des Irrsinns Namens Liebe und ganz großer Pop.
„The Goonies ‚R‘ Good Enough“. Viel mehr als das! “Die Goonies” ist der beste Film aller Zeiten und ich werde nicht müde, dies an den Theken der Welt zu verkünden. Nicht zufällig besitze ich beeindruckende elf Goonies Buttons und ein T-Shirt, aber dass interessiert hier wie auch sonst überall wahrscheinlich niemanden. Nun gut. Entsprechend riesig meine Freude, dass der Goonies Titelsong, eigentlich nicht im Set, wie Cyndi verrät, trotzdem gespielt wird.
„Money Changes Everything“ ist ein wahrhaft würdiges letzter Song. Cyndi verlangt sich, der Band und dem Publikum noch einmal alles ab, bevor sie verschwindet, damit wir sie zu den Zugaben herauskitzeln. Gesagt, getan. Was dann folgt, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. „Girls Just Wanna Have Fun“, „Time After Time“, zu guter Letzt „True Colours“ in einer betörenden acapella-Version mit Appell für die Vielfalt. Recht hast Du, Cyndi!
Müsste ich meckern, ich würde sagen, dass knappe neunzig Minuten Konzert recht übersichtlich sind für eine gestandene Künstlerin wie Cyndi Lauper. Da ich aber jede einzelne Sekunde genossen habe, sei’s drum.
P.S Wie zu Beginn erwähnt, Cyndi präsentierte auch eine Menge Material des neuen Albums. Leider sind mir meine Aufzeichnungen verloren gegangen, der Hund hat sie gefressen, sodass ich mir nicht mehr sicher war, welche „Detour“-Songs sie spielte. Kauf Dir einfach das Album.
Kinder, Hefte raus, Klassenarbeit. Lehrstunde in Rock ‘n’ Roll. Wenn Bruce Springsteen & The E Street Band rufen, strömen 56.000 Menschen ins Münchener Olympiastadion. Und das, obwohl es kein a…
Bruce Springsteen & The E Street Band – Live in München (17.06.2016)
Kinder, Hefte raus, Klassenarbeit. Lehrstunde in Rock ‘n’ Roll. Wenn Bruce Springsteen & The E Street Band rufen, strömen 56.000 Menschen ins Münchener Olympiastadion. Und das, obwohl es kein aktuelles Album zu betouren gibt. Wir zelebrieren gemeinsam den 35. Geburtstag des Klassikers „The River“ von 1980. Vielen Fans, die sich selbst gern Tramps nennen, des Meisters liebstes Werk. Ich kann und will mich da nicht final festlegen, liefert doch jedes Springsteen-Album je nach Lebensphase Antworten oder spendet Trost. Seit meiner Kindheit, Bruce und ich wurden Freunde, als ich gerade mal elf Jahre alt war, rettete der hart arbeitende Mann aus New Jersey mir bereits unzählige Male das Leben. Dafür von ganzem Herzen tausendmal mein tief empfundener Dank.
Zurück ins Jetzt: In den kommenden dreieinhalb Stunden werden Springsteen und die E Street Band uns mit einunddreißig Songs alles abverlangen, werden uns von Himmelhochjauchzend, bis zu Tode betrübt alle Facetten der menschlichen Emotion im Zeitraffer durchlaufen lassen. Überschäumende Freude, abgrundtief empfundener Schmerz, hier und heute nur ein energisches „One-Two-Three-Four“ voneinander entfernt. Und ganz egal, in welchen Abgrund uns Springsteen führt, wir folgen, wohl wissend, am Ende siegt stets die Hoffnung auf ein besseres Morgen.
So nimmt der Irrsinn seinen Lauf. „Prove It All Night“, wie auf der Darkness-Tour in den späten Siebzigern, mit dem nicht enden wollenden Intro, über das Springsteen ein Solo spielt, die Gitarren wie eine Kettensäge heulen lässt, eröffnet das Konzert bei strahlendem Sonnenschein. In der ersten Stunde reiht sich Song an Song, keine Pause, keine Gnade, Rock ‘n’ Roll-Taumel aus dem Maschinengewehr. „Badlands“, „Out In The Street“, Springsteen wirft wie im Rausch sein Mikro fort, bekommt es jedoch schnell wieder und lacht herzlich über seinen Fauxpas. „Sherry Darling“, “Two Hearts (Are Better Than One)“ – wer möchte da widersprechen? Der Menge bleibt kaum Zeit zu atmen. Dass “The River”-Jubiläum wird locker gehandhabt, Springsteen spielt, wonach ihm ist, und das ist auch gut so. „No Surrender“, einer meiner Liebsten vom „Born in the U.S.A.“–Album, wird nach einem Fehlstart einfach neu eingezählt. Was soll’s auch, wir sind doch unter Freunden. „Hungry Heart“, die erste Hit-Single aus dem fernen Jahr 1980, wie immer eine Angelegenheit für den größten Chor der Welt, nutzt Springsteen für einen Spaziergang durchs Publikum. Dabei kommt er mir so nah, dass mir ganz bange wird. Was wäre, würde ich ihn berühren, und er zerplatzte wie eine Seifenblase, weil ich ihn nur geträumt habe? „You Can Look (But You Better Not Touch)“, scheint im Anschluss wie die Antwort auf meine surreale Sorge. Wenn Springsteen und Langzeitgefährte Little Steven sich im Finale des Songs „Just Look“ und „Don`t Touch“ zusingen, ist das beinahe mehr Männerfreundschaft, als mein müdes Herz erträgt. Möget ihr nie verstummen. Springsteen ist und bleibt ein Mensch, kein Fabelwesen wie Bowie oder Prince es waren. Niemand versteht es besser, zugleich professioneller Unterhalter und hemdsärmeliger Kumpel zu sein. Die E Street Band spielt im vierzigsten Jahr ihres Bestehens mit dem ungestümen Drang einer Garagenband, der Erfahrung gestandener Musiker und ist mit Sicherheit die beste Rock’n’Roll-Band der Welt. Wen kümmert es da, das die Gesichter seit der letzten Tour ein wenig faltiger geworden sind.
Auf „Death To My Hometown“, einem wütend stampfenden Folksong von „Wrecking Ball“, Springsteens 2012er-Album zur amerikanischen Wirtschaftskrise, folgt die zuckersüße Hymne „My Hometown“, was ich als Statement verstehe. Kopf hoch, Amerika! Kopf hoch, Welt!
Die schnurrende Mundharmonika-Melodie, Textzeilen, die jeder Fan gebetsmühlenartig aufsagen kann, „The River“ ist ein emotionaler Höhepunkte einer jeden Show, weil es eine atemberaubende Komposition ist. „Because The Night“ ist in der Version von Springsteen so leidenschaftlich und mitreißend, man fragt sich, warum er den Song einst Patti Smith schenkte. „They can’t hurt you now“, sogar beim Tippen dieser Zeile bekomme ich eine Gänsehaut. Ist es weniger als das, ist es keine Liebe. „Thunder Road“, mein favorisierter Song seit frühster Jugend, soll mir wenig später endgültig den Rest geben. „It’s a town full of loosers and I’m pulling out of here to win“, brülle ich in die anbrechende Dämmerung über München und fühle mich, wie von einer schweren Last befreit. Keine Ahnung, was da mit mir abging, aber ich will das noch mal. So ist sie eben, die Magie eines Springsteen-Konzertes.
Als finalen Song des Abends, nach einer nicht enden wollenden Abfolge der großen Hits (u.a. „Born In The U.S.A.“, „Born To Run“, „Dancing In The Dark“) und einer Kamikazeversion des Isley Brothers Klassikers „Shout“, ich bin am Ende meiner Kräfte, bete, dass endlich jemand diesen Irren von der Bühne holt, lässt Springsteen Gnade walten. Wir verabschieden die E Street Band, nur Bruce bleibt zurück, hängt sich die akustische Gitarre um und murmelt „See if I remember this one“. Er tut es, das Publikum auch. „For You“ aus dem Jahre 1973. Nach der ersten Strophe geht allen außer Springsteen der Text aus. 56.000 Menschen halten die Klappe und lauschen gebannt. „I came for you, but you did not need my urgency. I came for you, your life was one long emergency”. Manchmal muss man einfach loslassen. Gefallen muss das nicht.
Ewig könnte ich so überschwänglich weiterschwärmen, könnte zu jedem Song Zitate bringen und erläutern, was er mir und so vielen anderen bedeutet. Aber Du kannst auch einfach einsteigen, seiner Musik lauschen und das Unvermeidliche geschehen lassen. Komm zu uns, wir haben den Größten! Das Verhältnis zwischen Springsteen und mir, einem Fan, ist gar nicht so einfach in Worten einzufangen. Er ist väterlicher Freund und tröstende Schulter, treuer Wegbegleiter und Retter in der Not, moralisches Leidbild und unerreichbarer Traum zugleich. Fast empfinde ich Mitleid für die wenigen Unwissenden, die in dem Irrglauben vor sich dahin vegetieren, Springsteen wäre lediglich „Born in the U.S.A.“. Menschen, die lieber Tom Waits hören und sich dabei so unfassbar schlau vorkommen. Ich fühle mich veranlasst, ihnen zuzurufen: „Kehre um, Idiot, erkenne Deinen Irrtum, erfahre ein Springsteen Konzert, solange Du noch kannst.“ Bruce wäre auch für Dich da. Aber Du musst schon zu ihm gehen, er kann ja nicht überall zugleich sein. Obwohl?
P.S.: Nach dem Konzert hat Bruce uns noch allen ein Eis gekauft, 56.000 mal zwei Bällchen, und mit jedem, der wollte, über seine Probleme gesprochen. Logisch, dass alle wollten. Hat ewig gedauert, bis ich an der Reihe war. Ich hatte eine Menge zu erzählen, viel Herzschmerz und Sorgen wegen diesem und jenem. Und siehe da, hat sich nach dem Gespräch alles in Luft aufgelöst. Alles wird gut. Ich räume ein, den Teil der Geschichte habe ich evtl. nur geträumt. Gut wird trotzdem alles. Lass uns bloß nicht allein zurück.
Die Band mit dem wahrscheinlich besten Namen der Welt sucht ihren Sound. Immer noch. „Evacuate“, die Singleauskopplung aus dem zweiten The Boxer Rebellion-Album „Union“ von 2009 gehört zu jenen Son…
Die Band mit dem wahrscheinlich besten Namen der Welt sucht ihren Sound. Immer noch.
„Evacuate“, die Singleauskopplung aus dem zweiten The Boxer Rebellion-Album „Union“ von 2009 gehört zu jenen Songs, die mich mit ihrer Dramatik und Energie bereits nach wenigen Takten lichterloh in Flammen stehen lassen. Atemlos treibender Beat, Gitarrengewitter, epischer Refrain, das ist der Stoff, aus dem Post-Rock Träume gesponnen sind. Zumindest die meinen. Leider blieb „Evacuate“ bis heute eine Ausnahmeerscheinung im musikalischen Schaffen der in London beheimateten vierköpfigen Band, deren Sound sonst eher an Snow Patrol oder Athlete erinnert. Der Versuch, sich mit dem 2011er-Album „The Cold Still“ in den Windschatten von Radiohead zu begeben, scheiterte an einem Mangel an Substanz und Irrsinn. Mittelmäßigkeit ist des Künstlers größte Bürde.
„Ocean by Ocean“, das neue Werk von The Boxer Rebellion, klingt beim ersten Durchhören wie Coldplay. Nicht wie die guten Coldplay, die mit „Yellow“, „Shiver“ oder „Don’t Panic“ meine Welt erschütterten. Nein, wie die verlorenen unrelevanten Coldplay, die Musik für Leute machen, die auch Revolverheld mögen. Falsettgesang, U2-Gitarren, elektronische Spielereien, das ist Mainstream-Musik im Jahr 2016. Goodbye Düsternis, hallo Pathos, hereinspaziert, ich habe Kuchen da.
Auf den zweiten Blick gewinnt „Ocean by Ocean“ immerhin an Eigenständigkeit. The Boxer Rebellion verzichten auf die zwanghafte Fröhlichkeit, welche die letzten Coldplay-Alben so unerträglich macht. Sänger und Keyboarder Nathan Nicholson ist mit einer unverwechselbaren Stimme gesegnet. Die Produktion ist liebevoll durchdacht, die elektronischen Elemente sind sparsam und sinnvoll platziert und somit mehr als lediglich Selbstzweck. Breitband-Pop statt Dampframme, die Zutaten stimmen. In der Summe ist „Ocean by Ocean“ aber zu glatt, um hängen zu bleiben. Und einen Hit kann ich beim besten Willen nicht ausmachen. Apropos: Ausmachen. Die Wehleidigkeit tropft auf meinen Teppich.