Letzte Woche haben wir den obligatorischen „Mein schönstes Ferienerlebnis“- Aufsatz schreiben müssen. Natürlich war dieses schnöde Thema nicht gut genug für Adam und als wir den Raum betraten, hatte er bereits „Ein Moment des Sommers“ an die Tafel geschrieben. Wir sollten über einen Augenblick, ein Gefühl oder ein Bild berichten, das uns diesen Sommer unwiederbringlich schien.
Ich hatte schnell mit der Arbeit begonnen, ehe ich zu lange darüber nachdenken konnte, dass ich die Idee im Grunde sehr schön fand. Ich hatte über die Briefe van Goghs geschrieben und B., dessen Aufsatz ich heute lesen durfte, hatte einen Reisebericht über Zypern verfasst, der mich sehr an seine Briefe im Sommer erinnerte. Er berichtete von der schroffen Landschaft am Meer. B. schreibt wunderschön; realistisch, beobachtend und doch immer auch emotional fesselnd, aber er würde niemals über etwas zwei verschiedene Texte schreiben. Und für die Texte, die er gezwungen ist zu schreiben, wie diesen Aufsatz, verwendet er sowieso nicht mehr Energie, als er muss. In seinen Worten erkennt man, dass er Kerouac liebt und George Johnston nacheifert.
T. habe ich nicht nach seinem Aufsatz gefragt, er hatte die erstaunliche Anzahl Blätter schnell in seinen Rucksack gesteckt, nachdem er sie von Adam zurückbekam, und ich wollte ihn nicht in eine komische Situation bringen. In letzter Zeit ist die Stimmung zwischen uns sowieso etwas befremdlich. Ich glaube, wir haben beide ein schlechtes Gewissen. Er (zu Unrecht), weil er die Gruppe und Adam so mag und ich (und ich verdiene es), weil ich ihn dazu bringe, ein schlechtes Gewissen zu haben, nur weil er nicht so griesgrämig und negativ ist wie ich.
Nach dem Ende der Stunde wollte Adam mit T. und mir sprechen. Ich wartete draußen, als die beiden miteinander sprachen. Eigentlich hatte ich schnell nach Hause gewollt und nun stand ich in diesem langen, dunklen Korridor und wartete ungeduldig auf meine Audienz.
Als T. aus dem Zimmer kam, sah er mich mit einem Lächeln an, dass mir das Gefühl gab, wir werden uns fremd. Er wirkte fast schüchtern.
Adam lobte meinen strukturierten Aufbau, die sensible Haltung, die ich eingenommen hatte und mein offensichtliches Verständnis für van Gogh. Kurz überlegte ich, anzusprechen, von wem ich das gelernt hatte, aber ich wollte nicht kleinlich sein. Er fuhr fort und fragte mich plötzlich, ob es mir gut gehe und begründete seine Frage mit ebendiesem Verständnis für die von Selbstzweifeln geprägten Gedanken des Künstlers.
Und natürlich fragte er mich auch, warum ich nicht mehr zu den Lizards kam. Die anderen hatten ihm erzählt, wie begeistert ich letztes Jahr versucht hatte, sie zum Mitmachen zu bewegen, wie viel Geduld und Energie ich darauf verwendet hatte, sie zu überzeugen, Zeit für das Schreiben aufzubringen und Interesse daran zu finden, selbst zu schreiben.
Er hatte beim ersten Treffen den Eindruck bekommen, sie waren nur meinetwegen in die Gruppe gekommen. Wohl eher, damit ich aufhörte, sie zu fragen, dachte ich. Mich hatte bereits jedes der gerade mal 3 Mitglieder (er sollte bloß nicht übertreiben), die letztes Jahr neben B., T. und mir bei den Lizards waren mindestens einmal gefragt, warum ich nicht mehr zu den Treffen kam. Ich sagte ihm, dass ich am Mittwoch wirklich keine Zeit hatte und mein Wegbleiben nicht unbedingt zulasten meines Stils ging, wie er mir gerade selbst bestätigt hatte. Ich ließ ihn wissen, dass ich darüber hinaus gehört hatte, dass die Stimmung auch ohne mich ziemlich gut war. Alle waren doch sehr begeistert von der ersten Sitzung gewesen.
Ja, und genau das seien die Gründe, aus denen er mich fragte. Er würde gerne mehr von mir lesen und sei sich sicher, dass ich eine Bereicherung für die Gruppe sei.
Er hatte auch auf alles eine Antwort.
„Ich wollte dich nicht verletzen“, sagte er, als er meinen Blick sah.
„Ich hätte die Gründerin der Lizards nur gerne mit an Bord.“ Plötzlich kam er mir verändert vor. Sein sonst so selbstsicheres Auftreten, das ich manchmal fast als abgeklärt empfand, wirkte jetzt irgendwie aufgesetzt.
„Vielleicht liegt es ja auch an mir. Ich habe das Gefühl, ich könnte dich vertrieben haben. Ich glaube, das Schreiben ist dir wirklich wichtig und ich will dich nicht ... Also ich meine, es ist okay, wenn du mich nicht magst. Natürlich würde ich das gerne ändern, ab so etwas kann man ja nicht erzwingen. Jedenfalls sollte dich das nicht davon abhalte, zu den Treffen zu kommen.“
Erwischt!