[Flugblatt] Per Klimastreik in den »Green Capitalism«
Anlässlich des Klimastreiks an der Uni Leipzig, hat die Gruppe «Antideutsche Kommunisten Leipzig» folgendes Flugblatt bei der Vollversammlung im Audimax verteilt.
Per Klimastreik in den »Green Capitalism«
Der gesellschaftliche Klimawandel
Der aktuelle Klimawandel gilt den einen, den Klimaschützern, als menschengemacht, den anderen, den „Klimaleugnern“ als naturhaft. Die meisten halten die anthropogene, also durch den Menschen verursachte Erwärmung der Erde für einen sicheren, von der Wissenschaft nachgewiesenen Fakt. Die Politik hätte ihn schlichtweg nur zu beherzigen. Aber „der Mensch“ kann die Erde überhaupt nicht erwärmen. Schlichtweg deshalb nicht, weil es ihn überhaupt nicht gibt. Er ist ein pures Gedankending, eine bloße Fiktion. Menschen gibt es nur im Plural. Und als solche gehen sie bestimmte Verhältnisse zueinander ein. Das wird gemeinhin Gesellschaft genannt. Wer schlichtweg vom „Menschen“ redet, der den Klimawandel verursacht, ist nicht näher an der Wahrheit als jene, die behaupten es gäbe keine Erderwärmung oder sie beruhe einzig auf Sonnenzyklen. Gesellschaft lässt sich weder auf die Summe der Handlungen Einzelner reduzieren, noch ist sie etwas den Individuen abstrakt Übergeordnetes. Sowohl durch, als auch vermittelt über ihre alltäglichen Handlungen erzeugen die Einzelnen vielmehr einen Zusammenhang. Und dieser verselbständigt sich von ihnen. Gesellschaft verwandelt sich, jedenfalls im Kapitalismus, in einen „Naturprozess“ (Marx). Die einzelnen Menschen bringen ihn zwar hervor, vermögen ihn jedoch nicht zu kontrollieren. Auf ideologisch nennt sich das: „Marktwirtschaft“. Gesellschaft verhält sich als solche tatsächlich ähnlich wie Natur. Kriege und Krisen brechen über die einzelnen Menschen wirklich so herein wie früher allenfalls Erdbeben oder eben natürlich verursachte Klima- Umbrüche. Deshalb ist die Rede vom naturhaften Klimawandel so falsch wie sie für viele klingt auch wieder nicht.
Langfristiges Denken
Die Klimabewegung spricht nicht von Verhältnissen, kaum mal vom Kapitalismus. Sie kritisiert die Untätigkeit der Politiker – nicht jedoch das gesellschaftliche Verhältnis in seiner Gänze. Sie macht Einzelne, wie Autofahrer, Vielflieger, Luxus-Shipper oder Fleischesser verantwortlich. Im besten Falle wird sie deshalb wirkungslos verpuffen. Im schlimmeren und wahrscheinlicheren Fall wird sie die herrschenden Verhältnisse nicht nur stützen. Sie hilft vielmehr dabei einzelne Schuldige, wie SUV-Fahrer, als Sündenböcke aufzurichten und zum Abschuss freizugeben.
Im Interesse langfristiger Kapitalanhäufung befindet sich der Kapitalismus heute auf dem Weg in die »sozialökologische Marktwirtschaft«. Die kapitalistische Herrschaft und Ausbeutung soll sozial und ökologisch nachhaltig betrieben werden – ganz neoliberal mittels Abbau von Arbeiterrechten, Senkung des Wohlstandes, Reglementierung der Verbraucher. Der von den Freunden des Klimas geförderte „neue“, „ökologische“ und „nachhaltige“ Kapitalismus zerstört indes die Natur wie sein Vorgänger. Allerdings nunmehr »nachhaltig«: Alles muss irgendwie grün aussehen. Aber der grüne Kapitalismus ist nicht bloß eine Mogelpackung. In ihm verschleiert die flexibilisierte kapitalistische Gesellschaft ihre sich zuspitzende Krise. Nachhaltig ist sie keineswegs weil sie wirklich umweltverträglicher wirtschaften würde, sondern in Bezug auf den Kapitalismus selbst. Gerettet wird nicht, wie von ihnen selbst gehofft, die Natur, sondern der als Natur erscheinende kapitalistische Charakter der bestehenden Verhältnisse.
Ökologie oder Freiheit
Fridays for future stellen Verzichtsforderungen, vor allem gegen die alten Eliten (über Smartphones, Internet oder Computer hört man wenig). Sie betreiben eine Politik der Knechtschaft der Gewissensbisse, die den Einzelnen suggeriert, unmittelbar für die Zerstörung der Umwelt oder der Demokratie verantwortlich zu sein. Durch den ideologischen Kitt von Gewissenszwang und Glauben an die eigene Verantwortung hält sich das Getriebe der herrschenden Gesellschaft jedoch gerade am Laufen. Aus Gewissensbissen entsteht niemals Gesellschaftskritik, sondern nur Selbstkritik. Wenn sich das Gewissen meldet wird das gesellschaftliche Versagen nicht adressiert, sondern nur das eigene Unvermögen erblickt und versucht, dieses zu beseitigen. Das Problem wird dadurch noch nicht einmal verstanden. Statt der Forderung nach einem besseren Leben, bleibt nur die Selbstzurichtung. Die kapitalistische Gesellschaft wird durch diese Selbstbeschäftigung individualistisch verzerrt wahrgenommen. Denn auf den Einzelnen und sein Verhalten kommt es in dieser Gesellschaft gerade nicht an. Genau das wäre zu skandalisieren. Fridays for Future vertritt in weiten Teilen eine individualisierte Konsumkritik und fordert ein »back to nature«. Das einzige womit Fridays for Future aufwarten kann ist das Schaffen einer neuen Konkurrenzsituation zwischen den Individuen, darum ökologischer zu sein als andere und nicht selbst Ziel von Diffamierung zu werden. Eine Konkurrenz die für den Grünenwähler in Schule und Beruf ein Problem zu sein scheint, soll im Privaten auf einmal seinen richtigen Platz gefunden haben. Dabei ist diese Konkurrenz gar noch gefährlicher als ihr kapitalistisches Pendant. Die kapitalistische Konkurrenz ist von der Idee her zumindest noch darauf angelegt, dass der einzelne, wenn er sich nur richtig anstrengt, mit Geld seine Träume erfüllen kann. Dagegen hat die ökologische Konkurrenz dem Individuum noch nicht einmal ein falsches Versprechen zu bieten. Sie verlangt stattdessen von jedem Einzelnen seine Wünsche für das Kollektiv zu opfern. Damit gefährdet die Klimabewegung selbst die prekäre Freiheit dieser Gesellschaft. Während der Kapitalismus den Menschen ihre Wünsche bloß nicht erfüllt, versucht die Klimabewegung selbst die Wünsche den Menschen zu nehmen. Dabei sollte Kapitalismuskritik gerade die Wünsche der Menschen bejahen und ihre nicht-Erfüllung skandalisieren.
Aus der richtigen Diagnose, dass die kapitalistische Gesellschaft die Lebensgrundlagen der Menschheit zerstört, wird fälschlicherweise geschlussfolgert, diese Gesellschaft müsse irgendwie »natürlicher« und »ökologischer« gestaltet werden. Das Gegenteil ist der Fall: Um überhaupt die Möglichkeit zu bekommen gegen den Klimawandel vorzugehen ohne die Menschen dabei auf der Strecke zu lassen, muss zunächst die Naturhaftigkeit dieser Gesellschaft beseitigt werden. Dass Menschen weiterhin verhungern, obwohl es keiner mehr müsste, zeigt die Machtlosigkeit der Menschheit über den Produktionsprozess. Die Ökologie vermag als Teilgebiet der Naturwissenschaften, keine Antworten auf gesellschaftliche Probleme zu geben. Sie verlängert sie lediglich, in dem sie Wissenschaft ohne Reflexion auf die Gesellschaft betreibt. Der Ruf nach einer natürlichen oder ökologischen Gesellschaft, die sich nach Erkenntnissen der Naturwissenschaft richtet, liegt so gänzlich auf der Flugbahn des sich globalisierenden Kapitalverhältnisses und stellt keineswegs einen Einspruch dagegen dar. Naturzerstörend ist diese Gesellschaft gerade, weil sie wie Natur verläuft. Sie zerstört sie, weil sie selbst wie Natur handelt.
Wem am schönen Leben und nicht nur am bloßen Überleben noch etwas gelegen ist, der sollte sich statt zu streiken ein Flug in den Süden buchen, um am Strand den schönen Seiten des Lebens zu frönen, so bleibt zumindest noch die Hoffnung, dass die Menschen mehr von dem wenigen Glück haben wollen, dass diese Gesellschaft ermöglicht. Die Klimabewegung sollte sich darauf besinnen, warum es sich lohnen könnte gegen den Klimawandel zu kämpfen. Das ist nicht das bloße Überleben der Spezies Mensch, sondern das gute Leben.
Antideutsche Kommunisten Leipzig