Irgendwie schräg, dass meine Erinnerungen heute immer mit meinem Sperma enden. Vielleicht, weil sich die ganzen Monate zuvor immer alles um Oranges Zervixschleim drehen musste. Was weiß denn ich. Jedenfalls war der Tag, an dem Orange mit Spülschaum am Arsch und einem Strauß Wiesenblumen in der Hand aus der Küche gerauscht ist und mich mit zuckendem Schwanz und klebrigem Sperma in der Hose hat lassen, der Tag, an dem sich mein Status geändert hat. Auf #Ex. Nur dass ich das zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste. Dass es gar nicht um meinen Status und mein Sperma und meine Gene ging, sondern um ihren Status. Der hat sich wenig später nämlich auch geändert.
Wollt ihr den Rest auch noch wissen? Oder wollt ihr nur die Version, die die 7 k Follower von @RealLifeSuperOrange kennen? Dann wäre hier der richtige Zeitpunkt, noch auszusteigen. Ansonsten: Welcome to the other half of the story. Einen Monat, nachdem Spülschaum-am-Arsch-Orange Sperma-in-der-Hose-Anatol vor dem Spülbecken im Lousy Liberty hat stehen lassen, um Hornbrille-im-Gesicht-Kevin einen Wildblumenstrauß zu überreichen, hat @RealLifeSuperOrange ihren Empfängnisstatus geändert. Von #ttc - trying to conceive - auf #schwanger. Nur eben nicht von mir. Nicht von demjenigen, der die Konsistenz ihres Zervixschleims kurz vor dem Eisprung kennt. Nicht von dem, der diese Schwangerschaft finanziert hat.
Gino und Eddie gucken bedröppelt. Das hätten sie von ihrer Real-Life-Superheldin nicht erwartet. Sorry to disappoint you, guys, ging mir ja nicht anders. Weil der Opferstatus, den Orange für sich in Anspruch nimmt, natürlich nur seine Wirkung entfaltet, wenn man ein paar Informationen gezielt unter den Tisch fallen lässt. Nur leider hab ich sie da gefunden, unter dem Tisch. Ich höre schon den Aufschrei. Dass ich hier intime Details an die Öffentlichkeit zerre. Aber ist der Zervixschleim, dessen Konsistenz monatelang all deinen Instagram-Followern präsentierst, wirklich ein intimes Detail? Ist es wirklich unlauter, sich einer Information zu bedienen, den man mit 7 k weiteren Followern teilt? Kann eine, die mit einer App ins Bett geht, einer App, mit der sie selbst ihre intimsten sexuellen Vorlieben teilt, sich wirklich auf die Verletzung ihrer Intimsphäre berufen? Und außerdem, unsere Beziehung war von Anfang an intim. Ich hab euch mit in unser Bett genommen und in 142 Zeichen zu erklären versucht, woran man fruchtbaren Zervixschleim erkennt. Ihr habt mit mir den Dauerauftrag über 50 Dollar zur Absicherung meines Familientraums eingerichtet. Ich hab nichts ausgelassen oder beschönigt. Hab selbst in peinlichen Momenten die Kamera nicht ausgeschaltet, sondern bin auf Sendung geblieben, selbst wenn die Szene sich unschön entwickelt hat. Wir haben ihn gemästet, den Big-Data-Kraken, mit unserem Leben, unseren Wünschen, unseren Gewohnheiten, unseren Hoffnungen, und wir nicht nur ihn, auch euch haben wir großzügig an allem teilhaben lassen, was unsere kleine selbstproduzierte Soap so hergegeben hat. Nur das Material, in dem meine Freundin zur Zuchtsau mutiert ist und sich mein Traum von Familie in genetisch modifizierte Scheiße aufgelöst hat, das hatte ich rausgeschnitten. Aus Verantwortungsgefühl. Ich habe die Schuld immer bei mir gesucht. Hab Teile ausgelassen. Aber jetzt schulde ich euch das vollständige Material. Der Verlierer des ganzen Spiels bin ich eh schon. Ich will nicht auch noch als Monster dastehen.