Draußen wird es hell. Europäischer Morgen. Gleich setzt der Sinkflug ein. Ach Leute. Fugazi. Fucked up Got Ambushed Zipped in. In der Scheiße sitzen, in einen Hinterhalt geraten, im Leichensack landen.
Ich hab echt verbrannte Erde hinterlassen. Krater. Was ich jetzt gebrauchen könnte, wär eine Handvoll Zaubereicheln. Wie bei Asterix und Obelix, hab ich glaub ich schon mal erzählt, ja?
Ruben legt mir die Hand auf die Schulter und deutet mir an, den Tisch hochzuklappen. Ich drücke ihm den leeren Kaffeebecher in die Hand, schließe den Sicherheitsgurt und summe im Sinkflug die Schnulze mit, die die Mariachis gestern Abend in diesem mexikanischen Schnellimbiss gespielt haben.
Kurz nachdem das Schwarz-Weiß-Foto von einem vietnamesischen Jungen in einer Blechschüssel die Environmental Protection Agency dazu veranlasst hat, die Enlist-Zulassung zurückzurufen, hatt Orange in einem Thrift Store eine Ringelmütze aus der 50 Cent-Kiste gezogen. So eine, wie sie ihr ehemaliger Biolehrer immer aufhatte, ihr erster Held, der den Fox River runtergeschippert ist, Umweltsündern die Abwasserrohre verstopft und tote Stinktiere auf die Schwelle gelegt hat. Längst war der auch zu meinem Helden geworden. Wir wollten ein bisschen feiern, haben Gino und Eddie vor der letzten Mad-Men-Staffel geparkt, eine Flasche Chianti eingepackt, uns die Wollmützen ins Gesicht gezogen und this land is your land schmetternd ein bisschen unser erobertes Terrain erkundet. Seit der Anti-Enlist-Kampagne wollten ja plötzlich alle mit uns kuscheln, auch die sonst eher konservativen Farmer, was natürlich weniger mit unserem Robin-Hood-Ansatz zu tun hatte als damit, dass wir der Schlüssel zu den Zielgruppen der Zukunft sind. Also führt unser Ausflug uns aufs Gelände dieser Gemüsekooperative, strictly organic vegetables, der wir durch unsere Mitgliedschaft zu irgendeiner Zertifizierung verhelfen sollen. Und wie wir so mit unserer geteilten Flasche, aus der wir abwechselnd trinken, unser Terrain besichtigen und an einem runtergekommenen Schuppen eine kleine Pause einlegen und ich Orange gerade fragen will, ob ich meine kalten Hände unter ihrem Norwegerpulli aufwärmen darf, hören wir von der Rückseite des Schuppens dieses gequälte Schnauben, gefolgt von einem unterdrückten Wiehern.
Gemüse wiehert nicht, nicht mal strikt organisches. Pferde wiehern. Unterdrückt und qualvoll wiehern unterdrückte und gequälte Pferde. Zuchtstuten zum Beispiel. Künstlich dauerschwangere Zuchtstuten, deren Blut PMSG enthält. Pregnant Mare Serum Gonadrotropin. Ein Hormon, dessen hervorstechendste Eigenschaft darin besteht, die Ovulation von Zuchtsäuen termingerecht zum Zeitpunkt einer geplanten künstlichen Befruchtung stattfinden zu lassen, weswegen es vorzugsweise zur Ertragssteigerung bei der Ferkelzucht eingesetzt wird. Brunstsynchronisation nennt sich das dann. Und weil besagtes Hormon nur in bestimmten Phasen der Schwangerschaft produziert wird, bedeutet das, dass nur eine schwangere Stute eine gute Stute ist. Bis zu 10 Liter Blut werden schwangeren Stuten wöchentlich abgezapft. In einem Land, in dem sich Abtreibungsgegner vor Kliniken aufbauen, die Schwangerschaftsabbrüche praktizieren, um schwangere Frauen als Mörderinnen zu beschimpfen und zu bespucken, werden Stuten bis zum Ablaufdatum ihrer Fruchtbarkeit in Dauerschwangerschaft gehalten und die Fohlen als unfreiwilliges Nebenerzeugnis abgetrieben. Damit die Abtreibungsgegner, sobald sie mit dem Beschimpfen und Bespucken fertig sind, sich in ihr Autos schwingen und im nächsten Diner ihren mächtigen Hunger mit Rührei mit ausreichend Speck stillen können, den sie Zuchtsäuen verdanken, die dank dauerschwangerer Hormonspenderstuten die Kunst der Synchronovulation beherrschen. Statt also meine Hand unter Oranges Wollpulli zu schieben, haben wir uns durch das Gatter gezwängt und standen plötzlich zwischen sieben Stuten mit aufgeblähten Bäuchen. Vor einer Spenderherde. Zu dem Zeitpunkt war ich viel zu schockiert und viel zu sediert, um zu kapieren, dass auch ich mich zum Zuchthengst habe programmieren lassen. Dass auch ich mich auf die vorprogrammierte, termingerechte Verfügbarmachung seiner Spermien habe abrichten lassen. Da ist Orange längst durch den Zaun geklettert und hängt den Stuten in den Mähnen, hat ihnen zärtlich in die Ohren geflüstert, wer weiß, was sie ihnen versprochen hat.
Natürlich ist mir die Szene hochgekommen, als ich ihre Statusänderung auf Twitter gesehen habe. Von #ttc auf #pregnant. Der Status, dem wir zehn Monate lang Wäscheleinen aus Zervixschleim gesponnen, an die wir unsere Hoffnung geklammert haben. Nur, dass unsere Glow-Profile da schon seit drei Monaten nicht mehr miteinander verknüpft waren. Vom echten Leben ganz zu schweigen. Orange will halt was erreichen im Leben. Und das geht an der Seite von Hornbrillen-Kevin wohl besser. Bestimmt, hab ich gedacht, weiß sie nichts von seinen unsauberen Machenschaften mit der GMO-Industrie. Hat er ihr nicht verraten, wer sein Stipendium gezahlt hat. Das muss ihr doch jemand sagen, hab ich gedacht. Und ihr meine Informationen zukommen lassen. In der idiotischen Hoffnung, dass sie dann geläutert und schockiert zu mir zurückkommt.
„It´s all because I grew up with a compulsive liar.” Eine zwanghafte Lügnerin, so hebt die zwanghafte Lügnerin an, das habe sie mir doch gleich zu Anfang anvertraut, sei ihre Mutter gewesen. Die zwanghaft schmerzhafte Ehrlichkeit, mit der sie mich verletzt habe, diese verletzende Radikalität, mit der sie durchs Leben gehe, sei doch nur wegen der traumatischen Lügen, denen sie in ihrer Kindheit ausgesetzt gewesen sei, wegen ihres nie entwickelten Urvertrauens, weswegen sie beschlossen habe, andere nie, nie, niemals zu belügen, selbst wenn der Preis dafür in schmerzhaft verletzender Offenheit besteht. Und jetzt liegt dieses Mädchens, das mich zehn Monate lang in einen Fruchtbarkeitsfonds hat einzahlen lassen, mit mir auf meinem Bett, ihr Hinterkopf auf meinem Schwanz und irgendwie erregt mich das, auch wenn das eher unpassend erscheint, weil das Mädchen, das seine Schwangerschaft demselben Hormon verdankt, das zur Ertragssteigerung bei der Ferkelzucht verwendet wird, nur hier liegt, um mich davon abzuhalten, dass ich gemäß der Werte und Überzeugungen handle, die sie mich erst gelehrt hat. Die mich davon abhalten will, Informationen über den Mann zu veröffentlichen, der versucht hat, Zweifel an der Unschädlichkeit von GMO der Lächerlichkeit preiszugeben. Informationen über die Auftraggeber, in deren Interesse und auf deren Kosten er reist, forscht und veröffentlicht. Die mich doch um nichts weiter bittet als diesen lächerlichen Gefallen, im Interesse des größeren Ganzen auf die Veröffentlichung dieser Informationen zu verzichten.
Ein Kreter sagt, alle Kreter lügen, denke ich und streichle der zwanghaften Lügnerin über die Haare, die weich und fest und glatt sind, ganz anders als Mamas und meine, die irgendwie strohig sind und nicht gestreichelt werden wollen, aber während Mama irre Mühe darauf verwendet, ihre möglichst kämpferisch wirken zu lassen, machen sie das bei mir von alleine. Auf Abwehr gebürstet. Oranges Haare sind anschmiegsam. Wie alles an ihr. Ihre Storys, mit denen sie sich in mein Vertrauen geschmiegt hat, eine Heimat wollte ich ihr geben, eine Decke ausbreiten, die Heizung anstellen, damit sie sich endlich aufwärmen kann. Damit sie zu dem Menschen werden kann, der sie sein wollte, ein Mensch, der einen Unterschied macht in dieser kranken, verlogenen Welt, in einer Welt, in der Mütter ihren Kindern verbieten, runtergefallene Brötchen wieder aufzuheben, und denselben Kindern ohne mit der Wimper zu zucken Burger servieren, die die Pisse panischer Schweine beinhalten und Keime stecken, die sich in den Mastbetrieben eine Antibiotikaresistenz antrainiert haben. Damit dieses Mädchen einen Unterschied machen kann. Und dieses Mädchen verlangt jetzt von mir, meine Liebe unter Beweis zu stellen. Und hat ziemlich präzise Vorstellungen davon, wie das auszusehen hätte.
„Du sagst, du liebst mich. Aber das reicht nicht. Das ist Besitzdenken. Menschen haben kein Recht aufeinander, solange es darum geht, dem größeren Ganzen zu dienen. Du gibst vor, dass es dir um die Sache ginge. Um sauberes Essen, um eine Alternative, um eine Utopie. Behaupten kannst du das sehr überzeugend, jetzt gilt es, den Beweis zu erbringen. Dahinzugehen, wo es wehtut. Wo Verzicht gefragt ist. Entsagung. Opferbereitschaft.“ Schluchzt die notorische Lügnerin in meinen Schoß, in dem es jetzt zu allem Überfluss auch noch heiß und feucht wird, weil sie ihren Kopf herumwirft, mit ihren Tränen meine Hose nässt und ihr Atem durch den feuchten Stoff dringt. Ich schiebe die Hand unter ihren Hinterkopf, lege ihn auf der Überdecke ab und stehe auf, ein Tee, vielleicht tut ein Tee uns jetzt gut. Während der Wasserkocher anfängt, zu zischen, drehe ich meine Erektion zum Fenster und rauche in den Regen. Vom Bett her kommt ein Schluchzen. Das Schluchzen kommt aus Orange. Orange schluchzt, ich presse meine Erektion an die Heizung.
Keine Verletzung der Welt, behauptet das Mädchen, dessen Zervixschleimkonsistenz ich monatelang protokolliert habe, und zieht trotzig die Nase hoch, wird sie davon abhalten, weiter der Mensch zu bleiben, der zu sein sie sich vorgenommen hat, nur weil ihre Aufrichtigkeit sie angreifbar und verletzlich macht. Schwach, sagt das Mädchen, die weiß, auf welche 32 amerikanischen Großstädte man die jährlich bei Smithfield geschlachteten Schweine verteilen müsste, damit jeder Einwohner eines abbekäme, schwach sind doch die, die es nötig haben, kompromittierendes Wissen aus egoistischen Rachemotiven auszuspielen und Intrigen anzuzetteln. Ein bisschen Rotz schwingt noch in ihrer Stimme mit als sie, inzwischen wieder aufgerichtet im Schneidersitz, die heiße Teetasse entgegennimmt. Dass ihr klar ist, dass sie mein Vertrauen verspielt hat (hey, ich meine, sie hat sich schwängern lassen. Mithilfe von Hormonen, die ich bezahlt habe. Hättet ihr da noch Vertrauen?). Verdammt, ihr könnt mir glauben, wie gerne ich Orange abnehmen würde, dass es die Wahrheit ist, die sie in meine Überdecke heult (immerhin taugt die Wahrheit ja noch, mir einen Ständer zu verursachen, rein technisch ist die Wahrheit also durchaus noch brauchbar), aber Oranges Wahrheit ist inzwischen ein ganz schön gerupftes Huhn, weil sie bei Orange immer dann zum Einsatz kommt, wenn sie davon ablenken will, dass sie es selber mit ihren hohen moralische Ansprüchen nicht so genau nimmt. Dass für sie andere Regeln gelten. Die Opfer-Regel, ihr erinnert euch.
Tja, in ihrem Fall besteht die lächerliche kleine Opferbereitschaft, die sie von mir erwartet, darin, über ein paar unwesentliche Fakten hinwegzusehen. Lächerliche, triviale Fakten. Fakten wie die Tatsache, dass der Direktor der Abteilung Crop Biometrics bei Monsanto zusammen mit Partnern in der Lebensmittelindustrie Forschungsstipendien in unbekannter Höhe ausgelobt hat, um die landesweite Reisetätigkeit zur Verteidigung gentechnisch modifizierter Lebensmittel zu ermöglichen. “Wir wissen unabhängige Wissenschaftler zu schätzen, die sich der Aufklärung der Öffentlichkeit verschrieben haben”, ergeht die schmeichelnde Einladung an einen promovierten Molekularbiologen, der regelmäßig zugunsten von Gentechnologie argumentiert, gefolgt von der offiziellen Anfrage, der Desinformationskampagne der Anti-GMO-Lobby wissenschaftlich fundierte Argumente entgegenzusetzen. “Es handelt sich bei dieser Maßnahme um einen neuen Anlauf, Vertrauen, Dialog und Unterstützung für Biotechnologie in der Landwirtschaft zu gewinnen, der anhand einer unabhängigen Stimme erklärt, wobei es sich bei GMOs handelt,” erklärt man dem Molekularbiologen, und dass man ihm typische Fragen weiterleiten werde, zum Beispiel, ob genetisch veränderte Lebensmittel Krebs verursachen. Es sei, so verteidigt der Molekularbiologe auf Nachfrage, doch Teil seiner Aufgabe, seine Expertise öffentlich zu verbreiten. Bezüglich zu erbringender Forschungsergebnisse habe man ihm keinerlei Vorgaben gemacht. Allerdings, so räumt er nach Vorlage unwiderlegbarer Nachweise ein, habe man es nicht dabei belassen, ihm Fragen weiterzuleiten. Zu verschiedenen Anlässen habe man ihm auch Entwurfsvorlagen für die Antworten geliefert. Derer er sich dann fast buchstabengetreu bediente. Ein Schritt, den er heute sehr bedaure. Weswegen seine Fakultät, um den Vorwurf auszuschließen, er habe sich von der Nahrungsmittelindustrie instrumentalisieren lassen, die Monsanto-Zuwendungen einer gemeinnützigen Organisation spenden werde.
Warum ich Orange mit diesen lächerlichen, trivialen Fakten kommen musste? Weil Details wichtig sind. Weil Ihr drei Mal raten dürft, wie der Molekularbiologe mit Vornamen heißt. Und was er für eine Brille trägt. Dann sieht das nämlich schon ganz anders aus. Dann wird aus lächerlichen, trivialen Fakten die feindliche Übernahme der Mutter des durch mich finanzierten Kindes durch einen durch die Genindustrie finanzierten Typen. Lächerliche, triviale Fakten wie die Fruchtbarkeitsbehandlung mit einem Hormon, dessen Gewinnung ein prächtiges Motiv für überlebensgroße Schwarz-Weiß-Bildern gequälter Zuchtstuten böte. Und so stehe ich mit einer Erektion, die ich gerade nicht gebrauchen kann, am Fenster, das mal wieder geputzt werden müsste, vor zwei Plastiknilpferden, die schon längst ausgestiegen sind. Mir fallen partout keine nilpferdgerechten Worte ein, mit denen ich ihnen erklären kann, warum das Mädchen, das jetzt schwanger ist, weil es sich mit Ferkelzuchthormonen hat behandeln lassen, bezahlt aus einer Versicherung, in die ich eingezahlt habe, auf meinem Bett liegt und heult, um mir zu erklären, warum ich zum Verräter werde, wenn ich Dinge, die ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen, veröffentliche?
Irgendwie schräg, dass meine Erinnerungen heute immer mit meinem Sperma enden. Vielleicht, weil sich die ganzen Monate zuvor immer alles um Oranges Zervixschleim drehen musste. Was weiß denn ich. Jedenfalls war der Tag, an dem Orange mit Spülschaum am Arsch und einem Strauß Wiesenblumen in der Hand aus der Küche gerauscht ist und mich mit zuckendem Schwanz und klebrigem Sperma in der Hose hat lassen, der Tag, an dem sich mein Status geändert hat. Auf #Ex. Nur dass ich das zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste. Dass es gar nicht um meinen Status und mein Sperma und meine Gene ging, sondern um ihren Status. Der hat sich wenig später nämlich auch geändert.
Wollt ihr den Rest auch noch wissen? Oder wollt ihr nur die Version, die die 7 k Follower von @RealLifeSuperOrange kennen? Dann wäre hier der richtige Zeitpunkt, noch auszusteigen. Ansonsten: Welcome to the other half of the story. Einen Monat, nachdem Spülschaum-am-Arsch-Orange Sperma-in-der-Hose-Anatol vor dem Spülbecken im Lousy Liberty hat stehen lassen, um Hornbrille-im-Gesicht-Kevin einen Wildblumenstrauß zu überreichen, hat @RealLifeSuperOrange ihren Empfängnisstatus geändert. Von #ttc - trying to conceive - auf #schwanger. Nur eben nicht von mir. Nicht von demjenigen, der die Konsistenz ihres Zervixschleims kurz vor dem Eisprung kennt. Nicht von dem, der diese Schwangerschaft finanziert hat.
Gino und Eddie gucken bedröppelt. Das hätten sie von ihrer Real-Life-Superheldin nicht erwartet. Sorry to disappoint you, guys, ging mir ja nicht anders. Weil der Opferstatus, den Orange für sich in Anspruch nimmt, natürlich nur seine Wirkung entfaltet, wenn man ein paar Informationen gezielt unter den Tisch fallen lässt. Nur leider hab ich sie da gefunden, unter dem Tisch. Ich höre schon den Aufschrei. Dass ich hier intime Details an die Öffentlichkeit zerre. Aber ist der Zervixschleim, dessen Konsistenz monatelang all deinen Instagram-Followern präsentierst, wirklich ein intimes Detail? Ist es wirklich unlauter, sich einer Information zu bedienen, den man mit 7 k weiteren Followern teilt? Kann eine, die mit einer App ins Bett geht, einer App, mit der sie selbst ihre intimsten sexuellen Vorlieben teilt, sich wirklich auf die Verletzung ihrer Intimsphäre berufen? Und außerdem, unsere Beziehung war von Anfang an intim. Ich hab euch mit in unser Bett genommen und in 142 Zeichen zu erklären versucht, woran man fruchtbaren Zervixschleim erkennt. Ihr habt mit mir den Dauerauftrag über 50 Dollar zur Absicherung meines Familientraums eingerichtet. Ich hab nichts ausgelassen oder beschönigt. Hab selbst in peinlichen Momenten die Kamera nicht ausgeschaltet, sondern bin auf Sendung geblieben, selbst wenn die Szene sich unschön entwickelt hat. Wir haben ihn gemästet, den Big-Data-Kraken, mit unserem Leben, unseren Wünschen, unseren Gewohnheiten, unseren Hoffnungen, und wir nicht nur ihn, auch euch haben wir großzügig an allem teilhaben lassen, was unsere kleine selbstproduzierte Soap so hergegeben hat. Nur das Material, in dem meine Freundin zur Zuchtsau mutiert ist und sich mein Traum von Familie in genetisch modifizierte Scheiße aufgelöst hat, das hatte ich rausgeschnitten. Aus Verantwortungsgefühl. Ich habe die Schuld immer bei mir gesucht. Hab Teile ausgelassen. Aber jetzt schulde ich euch das vollständige Material. Der Verlierer des ganzen Spiels bin ich eh schon. Ich will nicht auch noch als Monster dastehen.
(4) Wer sich zu lang unter Stinktieren rumtreibt, fängt an wie eins zu riechen
Auf dem Foto, das Orange in der Hand hält, ist eine vietnamesische Mutter, die ihren Sohn in einer Blechschüssel wäscht. Der sichtbare Teil des Jungen endet ungefähr auf Hüfthöhe am Schüsselrand, er ist vielleicht zehn oder elf, und die Schüssel so groß wie die Salatschüssel vor mir. Da hat kein Unterkörper eines Zehn- oder Elfjährigen Platz. Der Junge auf dem Foto kann keinen Unterkörper haben. Von meinem Platz hinter der Küchentheke sehe ich durch den breiten Durchgang, wie die anderen die Köpfe über weitere Fotos beugen, Bilder von brennenden vietnamesischen Kindern, Nahaufnahmen von verbranntem Fleisch und deformierten Körperteilen.
„Das 24-D macht sie alle platt.“ Den Blick herausfordernd in die Kamera gerichtet, preist der geplagte Maisfarmer im aktuellen Werbespot Enlist Duo an, während ich hinter meiner Küchentheke den Dosenöffner in Gurkenglasdeckel kloppe und über die Konsistenz von Tofu nachdenke. Das Superunkraut, berichtet der Farmer, das den Mais überwuchert, lässt sich fast nur noch mit Macheten vernichten und droht seine komplette Ernte zu vernichten. Gegen das erst im Vorjahr eingeführte Konkurrenzprodukt RoundUp, mit dem Monsanto den Superweeds den Garaus zu machen, ist es längst resistent. Die Chance konnte sich Dow Agro Sciences ja schlecht entgehen lassen. Jetzt also Enlist. Jetzt also Fotos von verätzten vietnamesischen Kindern, um die EPA dazu zu bringen, die Enlist-Zulassung zu widerrufen. Jetzt also Schulen zählen wie in Michigan, wo in einem 200-Fuß-Umkreis der einer Enlist-Behandlung ausgesetzten Mais- und Sojafelder allein 658 Schulen liegen. Das ist politisch, dafür sollte ich mich interessieren, denke ich, oder denkt zumindest Orange, während ich hinter meiner Theke am Spülbecken den Dorn des Dosenöffners in Gurkenglasdeckel kloppe und die Luft entweichen lasse.
Aus mir wird nie ein Radikaler, denke ich, während Orange die Schädlichkeit von Glyphosat zu einem Fliegenschiss erklärt im Vergleich, wenn man weiß, dass es sich bei diesem 24-D, das alles platt macht, um Dichlorphenoxyessigsäure und bei Dichlorphenoxyessigsäure um den Hauptbestandteil von Agent Orange handelt, das im Vietnamkrieg zur Entlaubung eingesetzt wurde. Entlaubt hat es dann auch knapp eine Million Vietnamesen, 400.000 hat es direkt getötet, 500.000 später mit Geburtsdefekten auf die Welt entlassen. Aus mir wird nie ein Radikaler. Ich schiebe mir eine Gurke in den Mund, Orange hält das Schwarz-Weiß-Bild einer vietnamesischen Mutter hoch, die ihren Sohn in einer Blechschüssel wäscht, und erklärt den Zusammenhang zwischen dem Entlaubungsmittel, das für den Zustand der auf den Schwarz-Weiß-Fotos abgebildeten Menschen verantwortlich ist, und dem neuen Unkrautvernichtungsmittel, mit dem Dow Chemical jetzt die amerikanischen Farmer ein für allemal von der Superweed-Plage befreien will. Es wird wohl auf Seitan hinauslaufen. Tofu fällt wegen seiner bröckligen Konsistenz aus und Sojagranulat funktioniert vielleicht als Hackfleischersatz, aber ganz bestimmt nicht für ein vegetarisches Pastrami Reuben Sandwich. Geschmacklich muss es eh die Pökelmischung richten, Muskat, Knoblauch und Nelkenpfeffer, und was das Brot angeht, bin ich auch auf der sicheren Seite, der letzte Beutezug hat uns zwanzig Packungen geschnittenes Roggenbrot German Style beschert, und Sauerkraut haben wir schon vor Wochen eingelegt. Ottilies Gurkenglastricks. Ottilie, die übrig gebliebenes Sauerkraut am nächsten Tag immer mit Butter, Zucker und Apfel angebraten hat. Das sind so meine Themen.
Und dann stehe ich an diesem lauwarmen Juniabend in geschmolzenen Butterschwaden und lasse Gino und Eddie die Reste von den Tellern picken, Eichelblinis mit Sauerrahm und Löwenzahnkapern, mit denen wir gerade die Vertreter des lokalen Community Supported Agriculture-Verbands abgefüttert haben. Anstelle von Orange und ihr Schwarz-Weiß-Foto mit dem verkrüppelten vietnamesischen Kind hat Kevin vom Horticultural Science Department der University of Illinois die Deutungshoheit übernommen, gerade lässt er per Funksignal einen animierten Monarchschmetterling durch seine Powerpoint fliegen. Die dickrandige schwarze Nerdbrille, die Kevin trägt, legt viel Wert darauf, ihn nicht als Nerd auszuweisen und hat bestimmt viel Geld gekostet, erkläre ich den Hippos. Seit unsere Anti-Enlist-Kampagne dazu beigetragen hat, dass die EPA die Zulassung für Enlist widerrufenhat, können wir uns vor Aufmerksamkeit kaum noch retten. Plötzlich will die halbe Lebensmittel- und Agrarindustrie best Buddies mit uns sein. Im Januar, als uns der Schweiß unter unseren Wollmützen über die Stirn gelaufen ist, während wir im völlig überheizten Copyshop auf unsere wetterfesten RollUp-Banner gewartet haben, hätten wir uns nicht träumen lassen, dass wir mit überlebensgroß vergrößerten verkrüppelten vietnamesischen Kindern mit fehlenden Beinen, Armstümpfen und schweren Verbrennungen die GMO-Industrie das Fürchten lehren würden. Dass der Traum wahr werden würde. Plötzlich waren wir die neuen Gallier. Wir, die Salvation Army aus Waukegan, Michigan. Ein Trupp durchgeknallter Freaks, die Lebensmittel aus Container klauben und Eicheln sammeln. Aber klar, wir hatten den Zaubertrank, wir hatten die Street Credibility, auf die die Marketingstrategen so scharf sind, seit sich mit Fernsehwerbung und Wurfsendungen höchstens noch die Silver Ager und klassische Ökos erreichen lassen. Aber zur Nachwuchssicherung, zur Wildwuchssicherung, für die Armee verfilzter Wollmützenfreaks mit implantiertem Verantwortungschip für die Welt, die ihre Eltern mit Coffee-to-go-Bechern, Industriefleisch, FCKW-Gasen und SUVs runtergewirtschaftet haben, brauchen sie uns, uns und unsere Filterblase, die Social-Media-Crowd der Freegans, Dumpster Diver und Vegan Straight Edger. Unsere Credibility ist ihre Währung und an den 13 k Followern, die der Food-Salvation-Army-Account der David-gegen-Goliath-Nummer gegen Dow Chemical verdankt, kommen sie nicht mehr vorbei.
Wir haben uns auf die Schultern geklopft und den durchschlagenden Erfolg in unserer wollmützigen Naivität unserer Brillanz und Unkorrumpierbarkeit zugeschrieben und uns die Nächte um die Ohren geschlagen, um über Food Waste und GMOs aufzuklären und Reichweite zu erzeugen, die kritische Masse zu erreichen. Die Augäpfel hingen uns sonstwo, die Aschenbecher sind übergequollen, wir haben uns um Kopf und Kragen getwittert und alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war, social-media-zwangsrekrutiert. Wir waren wie berauscht, an einem der kältesten Tage haben wir ein Lagerfeuer angemacht und mit Glühwein aus Blechtassen den tausendsten Follower gefeiert, einen Monat nach der EPA-Entscheidung waren es plötzlich schon knapp 8.000. Wir haben wirklich geglaubt, wenn wir die richtigen Tasten treffen, ändern wir die Welt, und unsere Welt, das waren eure Likes, die uns haben glauben lassen, den entscheidenden Unterschied zu machen. Mit der 24-D-Kampagne haben wir dann ja auch die richtigen Tasten getroffen. #DowChemicalKnew. Irgendwann hat sich das Ding zum Selbstläufer entwickelt, #DowChemicalKnew hat innerhalb von drei, vier Stunden landesweit getrendet und auf der Welle sind wir mitgeschwommen. @LousyLiberty ist zu everybody´s darling avanciert und die Food Salvation Army zum ernstzunehmenden Player.
Plötzlich waren wir keine abfällig gemusterten Freaks mehr, die gammlige Lebensmittel aus Containern klauben. Plötzlich hat man uns Mikrofone ins Gesicht gehalten und sich von uns die Welt erklären lassen. Naja, zumindest die Schädlichkeit genetisch modifizierter Lebensmittel. Plötzlich haben Dokumentarfilmer auf unseren selbstgebauten Sperrholzbänken rumgelungert, Fotografen haben ihre Kameras in unser Containerbeutelager und in meine Kochtöpfe gehalten, die Waukegan Post hat eine Serie mit unseren Rezepten und Resteverwertungstipps eingeführt und jede Woche hat irgendwer von uns einen Anruf aus Kalifornien oder von der Ostküste gekriegt, weil irgendwer aus seiner Familie ihn in einem Beitrag über die GMO-Rebellen vom Lake Michigan gesehen hat. Yep. Wir haben uns kaufen lassen. Wir waren Analphabeten. Literally. Jeder wollte plötzlich mit uns sprechen, über GMO, über Food Waste, über Alternativen, über Kooperationen, ich weiß nicht, in wie vielen Gremien Orange zu dem Zeitpunkt schon mitgewirkt hat, jedenfalls haben wir im Plenum selbstverständlich zugestimmt, als sie uns die Anfrage des örtlichen Community Supported Agriculture-Chapters angetragen hat, ob die eine Informationsveranstaltung bei uns durchführen können. Wir standen ja schon seit der Enlist-Kampagne mit denen im Austausch, wie man mehr lokale Farmer einbinden und irgendeine Form der Zertifizierung erstellen könnte.
Nach dem massiven Blow, den der Rückruf der Zulassung von Enlist Duo ihnen zugefügt hat, standen Dow Chemical und Bayer ganz schön unter Druck, plötzlich sind auch die konventionellen Farmer auf die Barrikaden gegangen und die Kommunen, Eltern, Schulen, also echt eine kritische Masse, die die Konzernstrategen nicht mehr als eine Handvoll radikaler Ökofreaks abtun konnte. Da war Flurschadensbereinigung angesagt. Genetic Literacy Project, Was die Öffentlichkeit braucht, haben sie gedacht, ist eine Alphabetisierungskampagne in Sachen genetisch manipulierter Organismen, und haben mal eben das Genetic Literacy Project gelauncht, um die besorgte Öffentlichkeit zu überzeugen, dass durch GMO keinem Schmetterling auch nur ein Flügel gekrümmt wird. Dabei konnten sie so einflussreiche Akteure wie die Community-Supported-Agriculture-Verbände natürlich nicht ignorieren. Warum also nicht bei uns im Lousy Liberty, da können wir uns gleich mal mit deren Denke und Argumentation auseinandersetzen. Hat Sharon vom lokalen CSA-Chapter vorgeschlagen. Warum also nicht bei uns im Lousy Liberty, da können wir gleich mal einen GMO-Aufschlag für Catering und Raummiete veranschlagen, haben wir gedacht. Warum also nicht bei uns im Lousy Liberty, da lassen sich Schwachstellen für die psychologische Kriegsführung eruieren, müssen die Spin Doctors der Kampagne gedacht haben. (Und Gino und Eddie, die dazu bestimmt auch eine Meinung gehabt hätten, konnten nicht eingreifen, weil sie über die Wiese gerannt sind und Löwenzahnknospen für die Löwenzahnkapern gepflückt haben.)
Und so stehe ich an diesem warmen Junitag in Butterschwaden hinter meiner Theke und spüle Sauerrahm und Blinireste von den Tellern und ahne nicht, dass die Schwachstelle gleich ihren Hintern in meinem Spülschaum versenken wird. Eichel-Blini aus selbst gemahlenem Eichelmehl mit Sauerrahm und Löwenzahnkapern, das sollte unser Beitrag zur Alphabetisierungskampagne sein, unser Alphabet gegen ihres, hab ich mir gedacht und nicht kapiert, dass von Waffengleichheit überhaupt keine Rede sein kann, wo die einen Think Tanks, Old Guys Networks und Allianzen auffahren, während die anderen in Container klettern, über den Waldboden kriechen und Eicheln aufklauben.
Ich stehe also mit den Unterarmen im Spülschaum in Schwaden geschmolzener Butter hinter der Spüle. Auf dem Gasherd neben mir schmoren die zwei Fingerbreit mit Wasser befüllten Gusseisenpfannen, um die festgebackenen Blinireste zu lösen, vor mir auf der Theke der kunterbunte Wiesenblumenstrauß, den Gino und Eddie vorhin noch gepflückt haben, Sumpfschafgarbe, schwarzäugige Susanne, Sonnenhut, Seidenpflanze, lilabommliger wilder Schnittlauch, was halt so in freier Wildbahn zu finden ist, wo noch kein Herbizid gewütet hat. `Here´s to the land you´ve torn out the heart of, oh Dow Chemical, find yourself another country to be part of...´, singe ich leise meine umgedichtete Phil-Ochs-Coverversion, begleitet vom leisen Schaben der beiden Mokkalöffelchen, mit denen Gino und Eddie auf der Arbeitsfläche Eichelschalen zu kleinen Häufchen zusammenschieben. Das Gemurmel, das den Speiseraum erfüllt hat, als wir die Teller abgeräumt haben, verstummt und nach einem kurzen Mikrofonfiepen schickt sich hi-mein-Name-ist-Kevin-ich-komme-vom-Horticultural-Sciences-Department-der-University-of-Illinois an, die Anwesenden von ihrem genetischen Analphabetismus und ihrem ankonditionierten Misstrauen gegenüber genetisch modifizierten Organismen zu befreien. Sein Oberkörper unterhalb der schwarzen Hipsterbrille deutet auf eine teure Fitnessclub-Mitgliedschaft hin. Vielleicht rudert er auch einfach nur und ich muss ihm den Fitnessclub unterstellen, damit er in mein Feindbild passt.
„Lassen Sie mich einen der Lieblingsbegriffe unserer Opponenten aufgreifen: organisch. Die Verbreitung des sogenannten organischen Anbaus hat auch den Begriff mutieren lassen. Mutiert zu lediglich einem weiteren Marketinginstrument in der undurchschaubaren Flut der so willkürlichen wie inhaltslosen Zertifizierungen. Der Begriff `organisch´ beinhaltet keinerlei, und ich betone, keinerlei Aussage zu Lebensmittelsicherheit, Nährwert oder Qualität.“ Kevin vom Horticultural Science Department legt exakt die kleine Kunstpause ein, die es braucht, damit Ray den Kopf nach hinten werfen, seine Rastas zum Fliegen bringen und den Raubvogel geben kann, der sich auf seine Beute stürzt. Seinen nackten Oberkörper, der unter der Küchenschürze hervorragt, zieren Schwanzflossen und Flügelspitzen eines Drachens, Ray kellnert konsequent mit nacktem Oberkörper, sein Drache reicht vom Hüftknochen bis zum Schlüsselbein, muss beim Stechen irre weh getan haben. Wir sind schon eine schräge Armee, wenn ich mir die durchtrainierte Genindustrie im flaschengrünen Polohemd da drüben so angucke, der sich weder von Rays nacktem Oberkörper noch von seinem Drachen aus dem Konzept bringen lässt. „Sie können davon ausgehen, dass keine der Provokationen, mit denen Sie die Veranstaltung hier zu unterminieren gedenken, mich aus der Bahn werfen wird. Ich verfüge über ausreichend Menschenkenntnis, um Ihren entschlossenen Gesichtsausdruck, Ihre Kriegsbemalung und die Pflegebedürftigkeit Ihrer Haare dahingehend zu entschlüsseln, dass es sich bei Ihnen um einen Vertreter derjenigen Fraktion handelt, die sich mit missionarischem Eifer dem Auftrag verschrieben hat, der unmündigen Öffentlichkeit klarzumachen, dass die industrielle Lebensmittelproduktion, Massentierhaltung und die gentechnische Steigerung der Widerstandsfähigkeit von Nutzpflanzen einzig und allein der Profitmaximierung einiger weniger skrupelloser Chemiekonzerne und ihrer Aktionäre dient.“
Ich muss den Blick nicht heben, nicht über den Thekenrand durch den Durchgang gucken, um das Lächeln zu sehen, das Kevin in der dramaturgischen Pause auf seinem Gesicht ausbreitet, bevor nach zwei dezenten Schluckgeräuschen das Aufsetzen eines Wasserglases den Start der Folgeoffensive signalisiert. „Lassen Sie sich bitte nicht zu voreiligen Schlüssen hinreißen. Ich bin kein Vertreter der Lebensmittelkonzerne, ich bin kein Agent der Aktionäre, ich stehe nicht hier, um die Fronten zu verhärten. - Ich schlage Ihnen einen Deal vor: Sie versuchen für die kommenden zwanzig Minuten, Ihre Vorbehalte zurückzuhalten, und ich verspreche im Gegenzug, dass keines Ihrer Anliegen, keiner Ihrer Einwände am Ende unbeantwortet geblieben sein wird. - Seien Sie darüber hinaus versichert, dass Ihr unermüdliches Engagement uns mitnichten entgangen sind, im Gegenteil, Sie sehen uns tief beeindruckt ob der Hartnäckigkeit und Entschiedenheit, mit der Sie noch dem unkritischsten Konsumenten die entscheidende Frage direkt auf dem Esstisch platziert haben: Können wir davon ausgehen, dass gentechnisch modifizierte Organismen auf lange Sicht ungefährlich sind? - Zum derzeitigen Zeitpunkt können wir uneingeschränkt sagen, dass wir davon ausgehen - auch wenn ich Ihnen den wissenschaftlichen Nachweis dazu zum jetzigen Zeitpunkt schuldig bleiben muss.“ Wie er aus der Nummer wieder rauskommen will, interessiert mich ja jetzt doch. Ich hebe den Blick. Und bleibe an einem Hindernis hängen, das sich so unvermittelt wie besagte Frage auf dem Tisch noch des unkritischsten Verbrauchers in mein Blickfeld geschoben hat und den Blick auf Kevins durchtrainierten Oberkörper auf der anderen Seite des Durchgangs verdeckt. Neben den wilden Schnittlauchbommeln schiebt sich Oranges Silhouette ins Bild. Sie winkelt die Ellbogen an, schwingt sich durch die aufgestützten Unterarme auf die Arbeitsfläche und landet mit den nackten Oberschenkeln in Ginos und Eddies zusammengeschobenen Eichelschalenhäufchen. Sie grinst mich aufreizend an. Ich schlucke. Lege den Finger auf die Lippen und gestikuliere in Richtung Hornbrillen-Kevin.
„Bevor Sie aufgrund meiner Einschränkung in voreiligen Jubel und Häme ausbrechen, lassen Sie mich das Vorbeugeprinzip in den Zeugenstand rufen. Das Vorbeugeprinzip, das garantiert jeder der hier Anwesenden bewusst oder unbewusst für jeden anderen Alltags- und Gebrauchsgegenstand gelten lässt: Ihr Mobiltelefon, unverzichtbar, um Ihr Anliegen auf den Social-Media-Kanälen zu verbreiten, Ihr Mobiltelefon also, ist Ihr Mobiltelefon ungefährlich? Oder PKWs. Ich wette, ein Großteil der Anwesenden wird auf ein eigenes Auto nicht verzichten, wenn Sie also nachher auf dem Parkplatz Ihr Auto besteigen und den Motor anlassen, hat Ihnen der Händler beim Kauf den Nachweis erbracht, dass Autofahren ungefährlich ist? - Den finalen Nachweis, dass etwas ungefährlich ist, kann Ihnen kein Hersteller, kein Produzent, keine unabhängige Kommission erbringen, die nicht auf der Stelle ihrer Glaubwürdigkeit verlustig gehen möchte. Valium, in den 60ern noch als Mother´s Little Helper in jeder Hausapotheke zu finden, heute für schweres psychisches und körperliches Abhängigkeitspotenzial und Missbrauchsgefahr geächtet. So viele einst als heilsbringend gepriesene Medikamente, heute auf der Liste schwer gesundheitsschädlicher Substanzen aus dem Handel verbannt. Letztendlich macht die Dosis erst das Gift.“
Orange legt ihre Handflächen an meine Schläfenknochen und zwingt meinen Blick mit leichtem Druck wieder zurück in ihre Richtung. Mit einem Ausdruck, den ich nicht deuten kann, starrt sie mich unverwandt an, während sie von meinem Gesicht ablässt und ihre Hände stattdessen auf meinen Schultern ablegt. Bevor ich etwas sagen kann, gräbt sie die Finger in in meine Schulterblätter und schiebt sich über den Küchencounter in Richtung Spülbecken. Die Eichelschalen rascheln leise, bevor sie über die Kante der Arbeitsfläche rutschen und fast geräuschlos auf dem Boden landen. Orange kauert jetzt nur noch eine Handbreit von meinem Oberkörper entfernt auf dem Spülbeckenrand. Sie lässt sich nach hinten rutschen. Versenkt den Stapel mit Eichelbliniresten und Sauerrahm verschmierter Teller im Spülschaum.
„Kommen wir zu Ihrem Lieblingsobjekt. Wir wissen, dass man zur Vermarktung von Mode, Autos und anderen Gebrauchsgegenständen gerne der Devise `Sex sells´ folgt. In Sachen Umweltschutz und Industriebashing kennen wir einen anderen Schlüsselreiz. Das vordergründig besorgte `und die armen Tiere?´ Ganz weit oben im Besorgnis-Ranking: die vermeintliche drohende Vernichtung unersetzlicher Arten. Bienen. Auch gerne genommen: Robbenbabies, wenn es um die Pelzindustrie geht. Delfine bei Thunfischkonserven. Aber kommen wir zum Tier der Wahl für genetisch veränderte Organismen: Der Schmetterling. Genauer gesagt: der Monarchschmetterling und seine drohende Ausrottung durch genetisch modifizierte Organismen.“
Orange hat meine Handgelenke aus dem Abwaschwasser gezogen, den Spülschaum an ihren Oberschenkeln abgewischt und meine feuchten Finger unter ihr eng anliegendes T-Shirt direkt auf die erigierten Nippel gelegt. Es fällt mir nicht ganz leicht, mich weiter auf Kevins Ausführungen einzulassen, ich hoffe, Gino und Eddie, die uns den Rücken zugewendet und die Vase mit den Wildblumen zwischen sich und Orange und mich gebracht haben, hören aufmerksam zu.
„Natürlich wird bei der Bestellung von Ackerboden auch Unkraut vernichtet. Insofern müssen wir dafür sorgen, dass an den Wanderwegen des Monarchschmetterlings der Anteil seiner Futterpflanzen steigt. Das kann aber auch außerhalb von Ackerflächen geschehen.“ Ich versuche mich noch einmal zusammenzureißen, ziehe meine Hände von Oranges Brüsten weg und konzentriere meinen Blick demonstrativ auf die gegenüberliegende Seite des Durchgangs, auf der gerade ein Schmetterling flügelschlagend von der Leinwand entschwindet und sich an seiner Stelle ein Küchentisch mit einer Kaffeekanne, einem Salzstreuer und einer Packung Aspirin ins Bild schiebt. „Ohne Kaffee kommen Sie nicht in den Tag, Sie salzen Ihr Frühstücksei und wenn Ihnen die Gerüchte über die Toxizität von Glyphosat Kopfschmerzen bereiten, darf es auch mal eine Aspirin sein? Dann dürfte es Sie interessieren, dass der Schadstoffgehalt von Glyphosat niedriger ist als der von Koffein, Salz, Aspirin oder Nikotin. Wäre Koffein ein Pestizid, würde es in Kanada schon heute wegen seines grenzüberschreitenden Schadstoffgehalts nicht zugelassen.“
Orange braucht keine Zulassung. Orange überschreitet einfach Grenzen, ohne sich über Schadstoffgehalt und Nebenwirkungen Gedanken zu machen. Mit der rechten Hand packt sie mich an den Haaren und zieht meinen Kopf in den Nacken, ihre geöffneten Lippen an meiner Kehle, ihre Linke mit leichtem Druck auf Reißverschlusshöhe über meine Hose kreisend. Ich ziehe Luft durch die Zähne ein und klappere lautstark mit Messern und Gabeln im Spülwasser, bevor ich sie mit Schwung auf die Arbeitsplatte fallen lasse. „Woher dann aber die Angst, wenn sich doch keines der vorgebrachten Argumente gegen GMO als haltbar erweist?“, höre ich Kevin noch zur finalen Attacke ansetzen. Ich bin bereit, aufzugeben. Soll sie machen. Soll sie haben, was sie will. Ich schließe die Augen. Und höre plötzlich ganz klar Kevins Botschaft.
„Angst ist der perfekte Verkäufer. Hochpreisige Spezialprodukte und Bio-Lebensmittel verkaufen sich leichter, wenn die Konsumenten verunsichert und eingeschüchtert sind, was die Produktion ihrer Lebensmittel angeht. Wir sprechen von schätzungsweise 2.5 Milliarden jährlich, die eine Handvoll Akteure, die sich der Diskreditierung von Landwirtschaft und Genforschung verschrieben haben, einwerben, indem sie ganz spezifisch Ängste schüren, um ihre Hochpreispolitik für Nahrungsmittel durchzusetzen.“
Mein Hinterkopf wird plötzlich freigegeben. Lippen lösen sich von meinem Hals. Orange braucht beide Hände, um sich vom Spülbeckenrand zu stemmen. Als sie sich auf den Boden gleiten lässt, drückt ihr Unterleib für den Bruchteil einer Sekunde gegen meine Hose, bevor sie sich abwendet, die Wiesenblumen aus der Vase zieht und in Richtung Rednerpult aufbricht. Ihr nasser Hintern scheint sie nicht zu stören. Mein Schwanz zuckt traurig und entlässt klebrig in meine Hose, was unser Kind hätte werden sollen. Es riecht nicht mehr nach geschmolzener Butter. Es stinkt nach Stinktier. If you spend enough time with skunks, you start to smell like one.
Die Erinnerung an Orange spüle ich zusammen mit meinem Sperma in der Bordtoilette runter und wische das Waschbecken brav mit dem Papierhandtuch aus, hinterlassen Sie diesen Ort, wie Sie ihn vorzufinden wünschen, ich gehe nicht davon aus, dass Orange und mein Sperma zu den Dingen gehören, die irgendwer hier vorzufinden wünscht. Bei der Wodkaflasche könnte es sich anders verhalten, aber so weit geht mein Gemeinsinn dann doch nicht. Den leeren Becher hab ich mir von Ruben mit Tomatensaft auffüllen lassen, als er uns das eingeschweißte Abendessen auf die Ablage gestellt hat. Showtime. Gino und Eddie mögen zwar inzwischen Experten in Sachen Löwenzahnkapern und Waukang Tacos sein, aber in Aluschalen eingeschweißtes Essen kriegen sie zum ersten Mal im Leben zu Gesicht (auf dem Hinflug waren sie ja noch in ihrer gelben Hülle hinter einer Schokoladenwand von der Außenwelt abgeschirmt). Ich gebe mir Mühe, die Alufolie möglichst wackelfrei von meinem Rigatoni-Auflauf abzuziehen, um die glitzernden Kondenswasserperlen an der Folienunterseite nicht zu zerstören, bevor sie auf die Parmesanschicht, das eingeschweißte Mehrkornbaguette, die Folie über dem Apfel-Weizenkorn-Salat und die das klarsichtumhüllte Einwegbesteck tropfen. Mich überkommt ein bisschen Vaterstolz. Immerhin, das kann ich noch. Plastiknilpferde mit physikalischen Eigenschaften mikrowellenerhitzter Bordmenüs beeindrucken. Und ertappe mich dabei, dass ich sofort darüber nachdenke, ob das Kondensspektakel über Home-Style Truthahn-Hackbraten in würziger Barbecue-Sauce mit Süßkartoffelstampf mit Amaranth-Mango-Salat nicht eindrucksvoller gewesen wäre. Oder gekräuterter Hähnchenbrust in Steinpilzrahm mit Polenta nach Carolina Art, serviert mit Cranberry-Kürbis-Quinoa-Salat und hausgemachtem Vollkornciabatta. Keine Ahnung, wie United in einem Flieger was Hausgemachtes produzieren will, aber Cranberries mag ich, den Salat hätte ich gerne genommen, aber ohne Hähnchenbrust gibt´s den wohl kaum, und dass sich mit meinem Eintritt in die Food Salvation Army die Tür zum Industriefleischkonsum für immer verschlossen hat, muss ich ja wohl nicht dazusagen. Wobei dem Industriekäse auf dem Rigatoniauflauf mit Sicherheit auch niemand gesagt hat, dass er sich als Parmesan ausgeben soll.
Jetzt ist mir schlecht, aber als ich einen Verdauungsschnaps in Erwägung ziehe, schüttelt Gino streng den Kopf, während Eddie die Apfelschnitze aus dem Salat pickt. Ich lege den Hinterkopf an die Rückenlehne, schließe die Hand um den kühlen Tomatensaftbecher und träume uns an unsere Imbissbude in Waukegan zurück >>
Ich wusste also eine halbe Stunde nach unserem Kennenlernen von der zukünftigen Mutter meines Kindes, dass sie eine Erdnussallergie hat. Vielleicht hätten wir es dabei belassen sollen. Was ich in den folgenden Monaten über sie erfahren habe, ist der Grund dafür, dass ich jetzt an Bord eines erdnussfreien United Airlines-Fluges mit runtergelassener Hose in der Toilettenkabine hocke. United hat nämlich seine Erdnusspolitik geändert. Keine Erdnüsschen mehr für Anatol, Gino und Eddie. Weil United sich der Sicherheit seiner Passagiere verpflichtet fühlt und die Sicherheitsverpflichtung von United auch die Sicherheit der Passagiere mit Erdnussallergie beinhaltet. Dabei mag ich Erdnüsschen.
Schon Erdnüsschen schmecken ja viel besser zusammen mit Bloody Mary. Keine Erdnüsschen dagegen verlangen geradezu zwingend nach der Gesellschaft von Wodka. Und weil kaum davon auszugehen war, dass Ruben mir noch einen dritten spendiert und ich mich nicht traue, mitten in der Kabine die Wodkaflasche aus meiner Duty-Free-Tüte zu holen, hab ich mich eben in die Toilettenkabine verzogen. Zusammen mit meiner Umhängetasche. Ist ja schließlich mein Kulturbeutel drin. Vielleicht will ich mir ja die Haare bürsten. Oder die Zähne putzen. Umhängetaschen auf dem Klo sind bei United nicht verboten. Nur mitgebrachte Wodkaflaschen. Und Erdnüsschen.
Ich hab Ruben richtig eingeschätzt. Hat mich nur kurz freundlich angelächelt und mir völlig arglos Tomatensaft nachgefüllt, als ich mit meinem leeren Becher im Crew-Aufenthaltsbereich zwischen den Kabinen aufgeschlagen bin. Ein guter Zeitpunkt für meine kleine Party, Ruben und der Rest der Crew sind damit beschäftigt, die heißen Aluschalen fürs Abendessen in den Trolleys zu verstauen und die anderen Passagiere verkneifen sich das Pinkeln lieber, um den Moment nicht zu verpassen, in dem der Wagen mit dem Essen und dem nächsten Drink durch die Gänge kommt. Ich stelle meinen zum Bloody-Mary-Becher geadelten Tomatensaftbecher auf den Waschbeckenrand und stelle Gino und Eddie und mein aufgeklapptes Portemonnaie dazu, sodass mich das Selfie von Orange und mir auf der Aztekendecke aus der Klarsichthülle anguckt. Wie ein kleiner Familienaltar. Und damit Prost. Auf die fruchtbaren Zeiten.
Ein Vogel. Bestimmt ein Vogel. Und das in diesem fiesen Moment, in dem dich die Beschleunigung schon in die Rückenlehne presst, dieses fiese Ziehen, wenn der Pilot das Dinge jede Sekunde hochziehen kann und du darauf spekulierst, dass es ab jetzt nur noch maximal zwanzig Minuten dauert, bis der Getränkewagen durchkommt. Und dann das. Ich hab gerade noch die Bremsklappen aus den Tragflächen schießen sehen und schon hab ich diesen säuerlichen Schwall in der Kehle. Jetzt bloß nicht die Pommes auskotzen. Kein angenehmes Gefühl, mitten im Take-Off ausgebremst zu werden. Jetzt kann ich meine Bloody Mary erstmal vergessen, und die Wodkaflasche liegt eingeschweißt im Gepäckfach. Na toll. Ich klappe die Ablage aus der Lehne und stelle Gino und Eddie so hin, dass sie mich angucken müssen. Aber denen ist auch nur schwindelig und sie wissen gerade keinen Trost. Durchsage. Die dear passengers werden um Verständnis gebeten, aufgrund technischer Probleme verzögert sich der Take-Off auf unbestimmte Zeit. Na immerhin, wir dürfen zwar während der Wartezeit die Maschine nicht verlassen, aber dafür wird mit dem Getränkeausschank begonnen. Ich rechne mal mit einer Stunde, länger werden die für ihren Sicherheits-Check ja wohl kaum brauchen.
Eine behaarte Hand, die aus einem weißen Hemdsärmel ragt, greift sich Gino und Eddie, hebt sie hoch und wischt zwei kleine Tröpfchen von der Ablage. Ich muss beim Denken gesabbert habe. Tomatensaft geben die Fluglinien ja umsonst aus, aber da ich hier kaum unbemerkt an meine Duty Free Tüte rankomme, müssen wohl die zerknüllten Dollarscheine in meiner Hosentasche ran. Die Bordpreise sind echt gesalzen, aber für einen Wodka sollte es noch reichen. Ich spähe auf sein Namensschild. Ruben. Ich ordere Tomatensaft und Wodka bei Ruben. Die Hand im weißen Hemdsärmel lässt zwei Papierservietten auf die Ablage segeln und stellt je eine Büchse Mott´s Tomato Juice und zwei von diesen Minipäckchen mit Salz und Pfeffer darauf ab. „Don´t worry, I´ll only charge you for one“, Ruben baut zwei Becher mit durchsichtiger Flüssigkeit vor mir auf. „You look like you need it. - Ice?“ Krass. Dieselbe Erfahrung hab ich heute Morgen schon mal gemacht. Da hab ich einen Penner um eine Zigarette angeschnorrt. Er hat mir zwei gegeben. Irgendwas an mir scheint Menschen zu triggern, ungefragt Theorien über mich zu entwickeln.
Genau wie Orange in unserer ersten gemeinsamen Szene. Nur, dass man ihr ins Script geschrieben hat, wie eine Rachegöttin aus einem Lebensmittelcontainer zu springen. Und mir den entscheidenden Satz, dessentwegen ich jetzt vor zwei Bechern Wodka auf den Take-Off warte und zwei Spielzeughippos den Teil der Handlung nacherzähle, den sie nicht kapiert haben. Staffel 1: Container Love
Ich denk noch, wie schräg eigentlich, das Aztekenmuster wird man hinterher auf dem Foto sehen, wie kratzig so eine handgewebte Aztekendecke ist, eher nicht. Die Augen haben wir zusammengekniffen, unsere Gesichter kreuzen ein paar dunkle Schattenstreifen, von den Zweigen, die sich über uns vor der Sonne bewegen. Man kann die trockenen Hautfetzchen erkennen, die sich von Oranges Nase lösen, ein Stück von meinem ausgestreckten Arm und den zähflüssigen, glänzenden Glibberfaden, den Orange zwischen Daumen und Zeigefinger in die Kameralinse hält.
#Zervixschleim. Klar trau ich mich. #ttc #EWCM bitly.glowfertilityapp
Wahrscheinlich ist spätestens an diesem Punkt eine Triggerwarnung fällig. Ab hier wird´s ziemlich explizit und wahrscheinlich nicht nur für Gino und Eddie #tmi, too much information. Aber wenn man ein Kind kriegen will, ist es total wichtig, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen, auch als Mann, versuche ich Gino und Eddie zu erklären, die ein bisschen gequälte Gesichter machen, weil sie meine Faszination für Dry Days, Bloody Mary und Zervixschleim, die ich Glow verdanke, nie geteilt haben. Glow ist die Fruchtbarkeits-App, die Orange und ich auf unseren Handys installiert haben. Weil Orange mich überzeugt hat, dass wir wissen müssen, was mit unseren Körpern vor sich geht, wenn wir uns aus der Abhängigkeit von irgendwelchen Experten und der Pharmaindustrie befreien wollen. Bevor Orange und Glow in mein Leben getreten sind, hätte ich den weiblichen Gebärmutterhals ja selber noch für abstrakte Kunst gehalten und wäre bei der Ansage „Bloody Mary“ garantiert nicht auf die Idee gekommen, meiner Freundin einen Tampon anzureichen. Aber egal, wie befremdlich euch das jetzt vielleicht vorkommt, eins kann ich euch versprechen: wenn ihr euch auf diese Reise einlasst, wird die Zubereitung von Rührei nie wieder dieselbe für euch sein.
Ich war jedenfalls total dankbar, dass der User-Support von Glow erkannt hat, wie viele Fruchtbarkeitsanalphabeten sich da draußen rumtreiben, deren Kenntnis des weiblichen Fortpflanzungsapparats sich darauf beschränkt, dass es fruchtbare Tage gibt und es gilt, die eigenen Spermien termingerecht auf die Eizelle der Frau abzuschießen, wenn das mit dem Kind klappen soll. Und, schon klar, dass das jetzt nicht gerade klassische Smalltalk-Themen sind, deswegen hat Glow die Kategorie ja auch „Taboo Tuesdays“ gelabelt. Und selbst, wenn das Versprechen, dort wirklich alles thematisieren zu dürfen, mit der mit der reißerischen Frage, „does your partner suck your nipples outside of sex?“ angepriesen wird, geht´s da doch hauptsächlich um ganz praktische biologische und organische Nachhilfe. Ich kann gar nicht sagen, wie viele Stunden ich mich da rumgetrieben habe, um mich halbwegs auf den Stand zu bringen und vor Orange nicht wie ein kompletter Idiot dazustehen. Und irgendwann ist dir das Vokabular halt total vertraut und dir erschließt sich im Handumdrehen, was es bedeutet, wenn jemand ein Foto von seinen Fingern mit irgendeinem Glibber dazwischen postet und dazu twittert:
Ich musste dieses Bild einfach mit euch teilen, weil ich gerade so unglaublich #fruchtbar bin #ttc #EWCM
#ttc steht für „trying to conceive“ und lässt sich am ehesten mit „Empfängnisversuch“ übersetzen, EWCM ist die Abkürzung für „egg white clear mucus“ und was man auf dem Foto sieht, ist der eiweißklare Zervixschleim des Mädchens, deren Aufklärungsbedürfnis nicht einmal davor Halt macht, Bilder von ihrem Ausfluss zu twittern. Und den Status unserer Zeugungsversuche. Aber das ist wohl Teil der Vereinbarung, wenn man die Verantwortung für die eigene Fortpflanzungsfähigkeit selber in die Hand nimmt. Oder eben den Zervixschleim zwischen die Finger. Um zu gucken, ob er sich ein paar Zentimeter auseinanderziehen lässt und wie unverkleppertes Eiweiß aussieht. Solche Sachen fragt Glow. Orange und ich haben da so ein kleines Ritual draus gemacht, andere küssen ihrer Freundin jeden Morgen die Muschi oder gehen mit dem Hund raus oder machen zusammen den Sonnengruß. Ich begutachte eben den Schleim, den sich Orange jeden Morgen aus der Scheide holt, und dann diskutieren wir Konsistenz und Farbe und pflegen das in die App ein.
Dass dieses Mädchen vor nichts Halt macht, war mir doch von dem Moment an klar, als sie hinter mir aus dem Container gesprungen ist. Orange macht keine halben Sachen. Wo andere Lebensmittel an kirchliche oder soziale Einrichtungen spenden, steigt Orange in Container. Wo andere Vegetarier werden und Petitionen gegen Massentierhaltung unterschreiben, verrechnet Orange Schlachtschweine mit den Einwohnern amerikanischer Städte. Und wo andere ihren Freundinnen hinter vorgehaltener Hand stecken, dass sie versuchen, schwanger zu werden, leistet Orange Aufklärungsarbeit, indem sie Fotos von ihrem Zervixschleim in den unterschiedlichen Zyklusstadien twittert. Meinen Einwand, dass die Welt da draußen dadurch nebenbei auch über meine Fruchtbarkeits-Performance informiert wird, grinst Orange weg. Ich soll´s als meinen individuellen Beitrag zur Wiedergutmachung ansehen. Für jahrhundertelange patriarchale Unterdrückung und Mansplaining.
Aber gut, wer mit dieser Frau ein Kind haben will, muss den Vertrag gar nicht bis zu Ende lesen, der weiß schon nach der Präambel, dass bei ihr immer alles mit allem zu tun hat. Wer sich auf diese Frau einlässt, gibt sein Recht auf Privatsphäre an der Garderobe ab und erkennt an, dass sie das Patriarchat nicht mit einem Strauß Rosen, ein paar hingetupften rosa Wölkchen und drei Mal Müll runterbringen aus der Nummer rauskommen lässt. Und auch nicht den Mann, in dessen Schwanz eben nicht nur die Spermien sitzen, die sich mit ihrer Eizelle vereinigen könnten, sondern auch das jahrhundertealte Patriarchat. Wär ja nicht die erste Fremdsprache, auf die ich mich einlasse, inzwischen träume ich schon manchmal auf Englisch. Kann ich mich auch an einer weiteren versuchen. An der Sprache der Fruchtbarkeit der Glow Community: #ttc, trying to conceive. #bbt, basal body temperature, die basale Körpertemperatur nach dem Aufwachen, täglich in die App einzupflegen, ganz wichtig, damit Glow den Zeitpunkt nicht verpasst, uns einen mehr oder weniger dezenten Hinweis darauf zu geben, dass wir jetzt aber wirklich die nötige Performance erbringen sollten, falls wir im Folgemonat als Statusanzeige kein Bild von Oranges eiweißklarem Zervixschleim posten wollen, sondern ein #BFP, ein Big Fat Positive. Und wer seinem Zervixschleim und der Basaltemperatur nicht ausreichend über den Weg traut, kauft sich zusätzlich noch das von Glow empfohlene ovulation predictor kit, #opk, die automatische Eisprungvorhersage.
Auf jeder von Oranges Unterhosen ist irgendeine weibliche Heldin drauf, von Spider Girl über Elasti-Girl bis zu Chief Wilma Mankiller und Orangea Davis. Auf der Unterhose, deren Bild sie nach Ende ihrer letzten Bloody Mary gepostet hat, Hashtag #drydays, war Wonder Woman drauf. Seitdem läuft für uns der Countdown, was sich rein technisch gesehen so darstellt: Während der Eisprungphase durchläuft der Körper das höchste Östrogenlevel und die stärkste Produktion von Zervixschleim. Userfreundlich übersetzt heißt das, sobald ein Ei sich zum Absprung bereit macht, verändert sich bei einer Frau der Scheidenausfluss. Ich kann das bestätigen, ich hab das ja jeden Tag für Glow protokolliert, am Anfang war der eher trüb und irgendwie pappig. Und unmittelbar vor dem Eisprung hast du dann den stärksten Schleimausstoß, dann ist er durchsichtig und glitschig, wie rohes Eiweiß eben. Das ist der Startschuss, auf den du gewartet hast. Das ist das, was Orange gerade zwischen zwei Fingern in die Kamera hält. Den Nachweis ihrer Fruchtbarkeit. Wunderschön.
„Wir könnten da doch einen Zyklus-Fotokalender draus machen, wie diese Jahreszeitenkalender, mit passenden Motiven für jeden Monat, Schneemänner im Januar, Krokusse im März, Strandhandtücher, Sombreros und Margaritas mit Strohhalmen drin im Juli. Nur eben für den weiblichen Zyklus. Genug Fotos müsste die Glow Community ja wohl hergeben, wir sind ja nicht die einzigen, die mit ihrem Zervixschleim hausieren gehen. Lass uns die Welt mit Zervixschleim überziehen! Ich meine, was kriegst du denn angeboten, wenn du bei iStock oder irgendeiner anderen Bilddatenbank nach Motiven für Fruchtbarkeit und Schwangerschaft suchst? Blümchen vor Babybäuchen, Schwangerschaftstestsets, Clomifen-Tablettenpackungen, das war´s dann aber auch schon mit der reproduktiven Realität… Wo findest du denn bitte außerhalb der Glow Community die ungeschönte Wahrheit über unsere Fruchtbarkeit? Ich meine, das wäre doch echt mal ein radikal emanzipativer Akt – was Facebook zensiert, Glow zeigt´s.“
Radikal emanzipativer Akt, versteht ihr, was ich meine, wenn ich sage, unter der Weltrevolution macht´s eine wie Orange nicht? Aber sie hat ja auch einfach Recht, manche Dinge müssen wir eben erst zu denken lernen. Dass nicht etwa unversehrte Lebensmittel aus dem Container widerlich sind, sondern die Tatsache, dass wir jeden Monat tonnenweise unverdorbene, frische Lebensmittel in den Müll hauen. Dass wir zwar ein Tamagotchi am Leben erhalten und das komplette pornographische Kürzelalphabet von Youporn durchbuchstabieren können, aber keine Ahnung von den natürlichen Abläufen und Sekreten unserer Körper haben. Klar kommst du dir am Anfang vor wie der Ochs vorm Berg, wenn du nämlich merkst, dass du von Tuten und Blasen keine Ahnung hast und dich da gerade auf was einlässt, was `ne Nummer zu groß für dich ist. Meine Vorstellung davon, was es heißt, Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen, war ungefähr so krisselig und grobkörnig wie das erste Ultraschallbild von mir, das Mama in ihrem Mutterpass hatte. In meiner Vorstellung hat meine Verantwortung als Mann irgendwie im Kreißsaal eingesetzt, bei der Geburt, oder von mir aus schon vorher, falls du genau das verhindern willst, also die Geburt. Dann übernimmst du als Typ wahrscheinlich die Verantwortung, dich um Kondome zu kümmern. Aber alles, was vor dem Ultraschallbild und dem Kreißsaal kommt, also sogar vor dem Sex, darüber hab ich mir doch nie eine Platte gemacht. Und weil ich damit in verdammt guter Gesellschaft bin, hat Max Levchin mit der Glow App ein ziemlich profitables Geschäftsmodell daraus gebastelt. Auch wenn er natürlich lieber auf seine Rolle als Retter aller unfreiwillig kinderlosen Paare hinweist als auf die Profitabilität seiner App.
Dabei ist natürlich weder der gute Max ein Erlöser noch Glow die Erlösung, sondern ein ziemlich gnadenloser Datenkrake, der unerbittlich alle Informationen aus dir herausmelkt und dabei permanent ein schlechtes Gewissen in dir abruft, du könntest den Erfolg des Unterfangens gefährden, wenn du Glow nicht deine intimsten Geheimnisse anvertraust. Und wer lässt sich schon gerne vorhalten, das Ausbleiben einer Schwangerschaft selbst verschuldet zu haben, nur weil er Glow aus Peinlichkeit und Scham irgendwelche unangenehmen Details verschweigt. Erektionsschwierigkeiten, eine Woche Dauersuff, so Zeug halt. Denn für die erfolgreiche Befruchtung ist es ja mit Körpertemperaturmessung und Zervixschleimkonsistenz noch lange nicht getan, du schuldest Glow auch Rechenschaft über jede gerauchte Zigarette, jedes Bier, jeden Sex, den du hattest oder eben nicht, und in welcher Position er stattgefunden hat, oben, unten oder anders, wobei Glow sich darüber ausschweigt, was unter „anders“ zu verstehen ist. Und dabei macht Glow bei Sex und Drogen noch lange nicht Schluss, weiter geht´s mit deiner generellen körperlichen und psychischen Verfassung, dafür gibt´s sogar ein fettes Dropdownmenü, die reinste Selbstbedienungstheke: Akne, Rückenschmerzen, Aufgeschwemmtheit, Verstopfung, Krämpfe, Durchfall, Schwindel, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Hitzewallungen, Verdauungs- oder Schlafstörungen, Migräne, Übelkeit, Schmerzen beim Sex, Beckenschmerzen, Brechreiz, schmerzende Brüste und Vaginalschmerzen, aber auch so Sachen wie Appetit und Sextrieb sind im Angebot, you name it, Glow got it. Keine Ahnung, ob Appetit und Sextrieb tatsächlich als Beschwerden gelten oder einfach nicht einzuordnen waren, aber ich wette, die nächste Weiterentwicklung, die Levchin auf den Markt schmeißt, ist eine Sexualtherapie-App.
Was soll ich sagen. Natürlich machen Orange und ich uns über uns selber lustig, aber wenn du erstmal so und so viele Jahre nicht verhütet hast und trotzdem nicht schwanger geworden bist wie Orange mit ihrem Ex, dann gehst du eben auf Nummer sicher. Also haben wir´s nicht bei der kostenfreien Version belassen, sondern von Anfang an Glow First gebucht, sozusagen das erste Klasse Upgrade, eine Art Versicherung gegen Unfruchtbarkeit. Sollten wir also wider Erwarten trotz Schleimanalyse und Vögeln nach Eisprung bis nächsten Juni noch nicht schwanger sein, finanziert uns der Glow Fonds eine Fruchtbarkeitsbehandlung in einer Glow Vertragsklinik. Was schon eine Ansage ist, wenn man weiß, dass so ein künstlicher Befruchtungszyklus ungefähr bei 12.000 Dollar liegt und kaum eine staatliche Gesundheitsvorsorge diese Kosten übernimmt. Max Levchin hat den Fonds mit einer Million Dollar Privatvermögen angestoßen, aber der hat ja auch mit PayPal genug Geld gescheffelt, um jetzt Schwangerschaften über Crowdfunding zu finanzieren.
Aber was heißt schon Schwangerschaften finanzieren, ein Stück Unberechenbarkeit bleibt natürlich immer. Insofern entspricht Glow weniger einem Strategiespiel, sondern eher einer Runde „Mensch ärgere Dich nicht“, mit jedem Zug unternimmst du kleinere oder größere Schritte, um deinem Ziel näher zu kommen, und manchmal fliegst du kurz vor dem Ziel raus, während die anderen an dir vorbeiziehen. Aber immerhin auch kein reines Glücksspiel, bist ja nicht völlig vom Würfelgott abhängig, kriegst ja genügend Hinweise, was du tun kannst oder ändern musst, um dein Ziel zu erreichen. Orange mag die Spielmetapher nicht, zu oft hat man mit ihr und ihren Gefühlen gespielt. Nach einer Kindheit mit einer emotional unberechenbaren Mutter, die ihr das Vertrauen in die Verlässlichkeit von Aussagen und Gefühlen gründlich ausgetrieben hat, hat sie sich treffsicher auf Männer eingelassen, die dieses Muster bedient und sie nach Strich und Faden hintergangen haben. Den Menschen, den man liebt, zu hintergehen und danach mit ihm zu schlafen, ohne dass er von dem Betrug wisse, gehört zu den absoluten Todsünden, hat sie mich wissen lassen, noch bevor sie das erste Mal ihr T-Shirt hochgezogen hat. Weil nämlich Sex mit einem Partner, dem eine entscheidende Information fehlt, Sex mit einem Menschen, der nicht weiß, dass er betrogen wurde, unter falscher Voraussetzung stattfindet. Und damit gar nicht einvernehmlich sein kann. Ich hab genickt und ihr zugestimmt und darauf verzichtet, ihr zu sagen, dass ich nicht vorhabe, sie je zu betrügen. Hab genickt und ihr zugestimmt, dass Glow dann doch eher mit einer Ernährungsumstellung vergleichbar sei. Oder einer Verhaltenstherapie. Zervixschleimbilder twittern, Fruchtbarkeitswein aus Storchschnabelkraut brauen, über die Wiese robben und Löwenzahnknospen abknipsen, Eicheln vom Waldboden oder Konservenbüchsen aus Containern klauben, letztendlich experimentieren wir mit Dingen, mit denen wir uns vorher nicht befasst haben, in der Hoffnung, damit einen nicht mehr akzeptablen Zustand zu verändern. Und dass diejenigen, die dem Wahnsinn dieser Welt Alternativen entgegenzusetzen versuchen, komisch angestarrt zu werden, sei ja schließlich das Risiko aller Revolutionäre. Und dass ich mich nicht so anstellen soll, ich müsse doch schließlich gewohnt sein, nicht für ganz dicht gehalten zu werden. Einer, der mit Spielzeugnilpferden spricht und ein Foto vom Zervixschleim seiner Freundin im Geldbeutel herumträgt.
Manchmal bin ich nicht ganz sicher, ob ich komisch bin oder die anderen. Aber auf meine Rückfrage bestätigen mir auch Gino und Eddie, die sonst nicht verdächtig sind, zu viel Verständnis für mich aufzubringen, dass sie nicht verstehen, was ein Zervixschleimbild merkwürdiger macht als die Ultraschallaufnahme eines sieben Millimeter großen bohnenförmigen Zellhaufens in der 7. Schwangerschaftswoche, die andere Menschen im Geldbeutel rumtragen. Orange hat Recht. Wir müssen viel radikaler werden, wenn wir gegen das Ausmaß der Perversion, mit der bestimmte Dinge in dieser Welt als normal dargestellt werden, vorgehen wollen. Ich meine, da stimmt doch etwas ganz gewaltig nicht, in einer Welt, in der alles, was zwischen zwei Menschen und ihren Körpern stattfindet, mit Scham behaftet ist. Sex hat allgegenwärtig und lustvoll und geil zu sein, aber worüber du bitte auf keinen Fall auch nur irgendein Wort verlierst, ist, , dass du irgendein Problem damit hast, mit deinem Körper, mit deinem Schwanz, mit deiner Erektion oder damit, deiner Freundin zu sagen, dass dich jede gottverdammte Kleinigkeit verunsichert: ihr BH-Verschluss, der Zeitpunkt und die Worte, mit denen du einen HIV-Test ansprichst, die Panik, einen echten nicht von einem gefakten Orgasmus unterscheiden zu können, die Angst, versagt zu haben, wenn sie nach dem Orgasmus nicht in einer klatschnassen Lache liegt, und überhaupt, wie das mit den Körperflüssigkeiten und den Geräuschen ist, Schwitzen, Stöhnen, die Liste könnte ich ewig fortführen und da sind wir erst beim Sex und noch lange nicht beim Gespräch über Fruchtbarkeit und den weiblichen Zyklus, Leute.
„Warum drehst du den Spieß nicht einfach um? Du kennst doch diese widerlichen YouTube Tutorials, auf denen dir irgendwelche Ekelpakete erklären, was du tun musst, um erfolgreich eine Frau abzuschleppen. Ihr zieht einfach euren eigenen Kanal auf, du, Gino und Eddie, ihr wärt doch ein Dream Team! Ich seh dich schon in Boxershorts und Küchenschürze mit dem Schneebesen in der Luft herumfuchteln, „die Konsistenz von eggwhite clear mucus“, erklärst du, „hat jeden zeugungswilligen Mann mindestens so dringend zu interessieren wie die Qualität seiner Spermien – der Zervixschleim ist die Rutschbahn, auf der seine Spermien auf die Eizelle zuschlittern!“ An der Stelle würde Gino dir ein rohes Ei anreichen und Eddie ein Messer, beim Aufschlagen muss das Eigelb intakt bleiben, und natürlich erwartet der Zuschauer, dass du das Ei als nächstes mit dem Schneebesen verklepperst, stattdessen zoomt die Kamera auf die aufgeschlagene Eierschale, man sieht in Nahaufnahme, wie du Daumen und Zeigefinger im Eiklar versenkst, beim Rausziehen hast du ein bisschen Glibber zwischen den Fingerkuppen, den du ganz, ganz vorsichtig auseinander ziehst und einen dünnen Glibberfaden spannst, dein eigener Zervixschleim-Kanal, Hashtag #EWCM, das wär mal ein Zeichen. Aber das traust du dich nicht, stimmt´s?“
Stimmt. Hab ich mich nicht getraut. Hab stattdessen eine Packung Engelshaarnudeln aus dem Lager mit der Containerbeute geholt. Morgen ist ein E-Tag. Morgen gibt´s Engelshaarpasta. Morgen lege ich mein Ohr an Oranges Bauch und höre, wie mein künftiges Kind den Sprung in die Zukunft wagt. Eisprung und Engelshaar-Pasta. Mein radikal emanzipativer Akt findet nicht auf YouTube statt, sondern in meinem Portemonnaie. Mit dem ausgedruckten Zervixschleim-Selfie, das ich gegen das Bild von Mama, Papa und mir ausgetauscht habe. Ab jetzt fällt mein Blick, wenn ich an irgendeiner Kasse stehe, auf meine Zukunft, nicht mehr auf meine Vergangenheit. Nicht auf Mama und Papa, die mich von einer Picknickdecke im Park anlächeln. Auf dem Foto sind sie kaum älter als Orange und ich, sie haben die Köpfe aneinander gelegt und gucken in den Himmel, Papa hat seine Hand auf Mamas Hand gelegt. Sie sehen glücklich aus, man sieht ein Stück von Papas ausgestrecktem Arm, wie er versucht, die Kamera weit genug wegzuhalten, damit er beide Gesichter draufkriegt, das Lederband von der Kamerahülle baumelt dabei ins Bild. Mamas Hand liegt auf einem geringelten Frotteestrampler. Der Babybauch, der in dem geringelten Frotteestrampler steckt, ist mein Bauch. Sie wirken glücklich. Miteinander. Mit mir. Eine Familie zu sein. Es ist das letzte Bild, auf dem wir zusammen drauf sind, also Mama, Papa und ich. Danach gibt es kein weiteres Foto von uns dreien mehr. Kein Bild, auf dem sie mich an der Hand halten und „Engelchen, Engelchen, flieg“ mit mir machen. Kein Einschulungsfoto, auf dem sie hinter mir stehen und mir die Hand auf die Schulter legen. Mit mir auf einer Luftmatratze im Meer herumtollen.
Warum es diese Fotos nicht gibt, dafür hatten beide überzeugende Erklärungen. Bei keinem von beiden hat es falsch geklungen. Falsch hat es sich nur angefühlt. In mir. So soll sich mein Kind nie fühlen müssen. Ich hab nicht viel vor im Leben. Aber das werde ich zu verhindern wissen. Orange und ich, wir kriegen das anders hin. Wir werden nicht mit dem Finger auf dem Auslöser verharren, um den perfekten Moment zum Abdrücken nicht zu verpassen. Unser Kind wird nicht die Erfahrung seiner Mutter machen. Sich abgelehnt zu fühlen. Falsch. Nicht dazugehörig. Für die Unehrlichkeit und Untreue das Schändlichste sind, was Menschen einander antun können. Wir werden mit unserem Kind Eicheln in Gruben werfen.