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Bad Nenndorf: Freudenfest statt "Trauermarsch"
Leise knattern die magentafarbenen Banner von „Bad Nenndorf ist bunt“ im Sommerwind. Nur hin und wieder ist ein Auto zu hören. Dieser Morgen am ersten Sonnabend im August ist so ganz anders als in den zehn Jahren zuvor. Wurden die Kurstädter in Zeiten des „Trauermarsches“ schon am frühen Morgen davon geweckt, dass Polizisten mit lautem Poltern Hunderte Sperrgitter in der Stadt errichteten, herrscht heute Früh Ruhe in der Stadt. Keine grün-weißen Mannschaftswagen mit Blaulicht dröhnen durch die Straßen, keine Helikopter knattern zur Frühinspektion über das Städtchen am Deister. Bad Nenndorf hat seine Ruhe wieder, seit die Veranstalter des braunen „Trauermarsches“ vor drei Tagen schriftlich ihren Verzicht auf das Spektakel erklärt haben – zumindest für das Jahr 2016.
„Wir wollen unseren Erfolg feiern“
Bad Nenndorf atmet auf – und ist bester Laune. Das ist bereits am Freitagnachmittag spürbar, als Dutzende Helfer das Wincklerbad in bunten Farben schmücken. Das Wincklerbad war seit 2006 alle Jahre wieder der zentrale Aufmarschort der Rechten gewesen. Und weil man ihnen zeigen wollte, dass es in Bad Nenndorf nichts zu trauern gibt, wurde das Bad bunt dekoriert – gar nicht passend zu einem „Trauermarsch“-Spuk. In diesem Jahr sind die Fahnen Ausdruck von Freude: „Nach zehn Jahren bunten Widerstands gegen Neonazis wollen wir unseren Erfolg feiern“, heißt es da von einem der Mitstreiter, und eine Frau sagt: „Wir wollen zeigen, dass es unsere Stadt ist und dass wir froh sind, an diesem Wochenende nazifrei zu sein.“
Das Schlümpfe-Lied als Widerstandssymbol
Am Wincklerbad soll am Mittag die Abschlusskundgebung erfolgen, danach ist Party auf der Bahnhofstraße angesagt. Und gewiss wird dort auch wieder das Lied der Schlümpfe zu hören sein – jenes Lied, mit dem die Bad Nenndorfer jahrelang die braunen Trauermarschierer veralbert haben. Gewiss ein wesentlicher Faktor dafür, dass die Rechten diesmal vor den Bad Nenndorfern gekniffen und ihren Aufmarsch abgesagt haben.
Wincklerbad in Bad Nenndorf
Dreh- und Angelpunkt des rechten Interesses an Bad Nenndorf ist das dortige Wincklerbad. Britische Besatzungssoldaten nutzten das Bad von 1945 bis 1947 als Internierungslager für NS-Schergen und mutmaßliche Kriegsverbrecher. Es kam dort auch zu Misshandlungen ehemaliger Wehrmachtssoldaten. Großbritannien entschuldigte sich dafür später. Nach der Auflösung der Grabstätte des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß im oberfränkischen Wunsiedel im Juli 2011 gilt Bad Nenndorf als einer der letzten rechten „Wallfahrtsorte“. Mit ihrem „Trauermarsch“ wollen die Neonazis an die Opfer des Vorgehens der Alliierten erinnern.
Projekt der Rechten „gescheitert“
Formal gesehen ist die Chose noch nicht ausgestanden. Denn angemeldet haben die Rechtsextremisten ihren braunen Spuk bis zum Jahr 2030. Der Verzicht gilt nur für 2016. Doch Kenner der Szene wie der Apotheker Jürgen Uebel glauben nicht, dass es in den kommenden Jahren eine Wiederauflage des rechten Spektakels geben wird. „Man kann bei den Nazis nie ganz sicher sein, was sie vorhaben“, sagt Uebel. „Aber wenn man sich die Geschichte dieses Projekts anschaut, dann muss man feststellen: Es ist gescheitert.“ Zum Beleg verweist der Apotheker, der sich seit dem Beginn der Aufmärsche im Jahre 2006 im Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“ engagiert, auf die in den vergangenen Jahren rapide gesunkenen Teilnehmerzahlen aus dem rechten Lager. „Wenn sie wirklich versuchen sollten, diesen Kadaver namens ‚Trauermarsch‘ wiederzubeleben, dann braucht es schon ein gutes Reanimationsteam.“
Zu den langjährig im Bündnis engagierten Bad Nenndorfern gehört auch Sigrid Bade. Sie war vor vielen Jahren die erste, die am Rande des „Trauermarsches“ eine lautstarke Party veranstaltete und damit so etwas wie den Zündfunken setzte für eine Widerstandsform, die das Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“ weit über die Grenzen Niedersachsens bekannt gemacht hat. Sie nutzt den Tag für eine Rückschau: „Es fühlt sich gut an, wenn man weiß, dass man sich aktiv gegen diese rechtsextremen Umtriebe eingesetzt hat.“
„Keine Nazis, also mehr Platz für uns“
Auch sie will heute feiern, weil „wir jetzt endlich wieder die Bahnhofstraße 365 Tage im Jahr für uns haben“. Die Bahnhofstraße war in den vergangenen Jahren die zentrale Aufmarschroute der Rechten. Ein anderer Bad Nenndorfer bringt es ähnlich auf den Punkt: „Keine Nazis, also mehr Platz für uns, mehr Platz für Demokratie. Ist doch perfekt.“
Polizei rechnet nicht mit Störungen
Die Polizei – und das ist für die Bad Nenndorfer auch eine gute Nachricht – wird heute auf Absperrgitter verzichten können. „Unser Hauptaugenmerk liegt auf verkehrslenkenden Maßnahmen“, sagt Sprecher Axel Bergmann. Auch bei den Behörden rechnet offenbar niemand mit ernsthaften Störungen heute – weder von rechts noch von links.
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