Dynamisches Publizieren in der Wissenschaft. Ein aktuelles Beispiel aus der Kulturanthropologie.
Das DFG-Projekt zu den Future Publications in den Humanities (Fu-PusH) an der Bibliothek der Berliner Humboldt-Universität ist bekanntlich seit Mai abgeschlossen. Die Frage, wie die Möglichkeiten des digitalen Publizierens das wissenschaftliche Publizieren weg von einem Printparadigma führen können / sollten / werden bleibt jedoch naturgemäß nach wie vor offen.
Das gilt insbesondere für die geisteswissenschaftliche Fachkommunikation. Bislang dominieren beim Veröffentlichen in digitalen Strukturen eher klassische Textformen, unter anderem aber vermutlich oft nachgeordnet auch aus urheberrechtlichen Gründen. Die der Fu-PusH-Idee und dem Enhanced Publishing zugrunde liegende Idee, dynamische und multimediale Elemente würden zunehmend Teil digitaler wissenschaftlicher Veröffentlichungen, lässt sich nur in Pilotprojekten feststellen. Der digitale Journalismus ist da deutlich agiler (vgl. u.a. auch diesen Text im Fu-PusH-Blog), steht aber wie das wissenschaftliche Publizieren vor der Herausforderung, das bestimmte Rezeptionspraxen aus der Printkultur auch in digitale Kommunikationszusammenhänge übernommen wurden und es am Ende im überwiegenden Teil der Fälle doch auf ein stilles, mehr oder weniger lineares Lesen (bzw. Überfliegen) hinausläuft.
Über die Ursachen könnte man nun eifrig mutmaßen. Hier soll für den Augenblick nur eine aktuelle Position aus der Kulturanthropologie registriert werden, die den Einsichten des Fu-PusH-Projektes ziemlich genau entspricht.
In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Cultural Anthropology reflektieren Dominic Boyer, James Faubion, Cymene Howe und Marcel LaFlamme über den Anthropological Research Article of the Future und stellen für ihr eigentlich aufgrund des Forschungszuschnitts für Multimedialität geradezu prädestiniertes Feld fest:
Despite this long and complex history of multimedia experimentation in anthropological research practice, it remains fair to say that print has been the mainstream medium of choice for publicizing and communicating anthropological knowledge in the discipline’s history to date. It is thus striking but perhaps not surprising that even two decades into the Internet revolution, a typical anthropological article or book looks much as it might have a century ago, even when it is downloaded as an electronic file onto a laptop or a smartphone. What we encounter is a lot of printed text offset by the occasional photograph, still usually in black and white to maximize contrast and print quality for paper publication.
Die offenbar generell feststellbare Nutzung unterschiedlicher Medialitäten (”think, for example, of the many multimedia and installation projects at the juncture of art and anthropology”) fänden, so die Autoren, im wissenschaftlichen Publizieren in der Anthropologie keinen sonderlichen Niederschlag. Die Zeitschrift Cultural Anthropology unternimmt daher nun den Versuch, sich als Brückenbauer selbst mit einer Sound + Vision section einer interaktiveren Artikelform zu öffnen:
In that spirit, we imagine Sound + Vision creating a growing repertoire of tools and toys that will inspire others to rethink how they might design, actualize, and disseminate their work.
Die LIBREAS-Redaktion dürfte sich nun an entsprechende eigene Diskussionen erinnert fühlen, wobei die Bibliothekswissenschaft hinsichtlich ihres realisierbaren multimedialen Potentials deutlich in einer anderen Liga als die Kulturanthropologie spielen dürfte. Für LIBREAS stehen Aufwand und Nachfrage aktuell noch in einem solchen Missverhältnis, dass wir lieber auf andere und niedrigschwelligere Formen des erweiterten digitalen Publizierens, beispielsweise die Praxis der Webannotation, setzen.
Eine erhebliche Hürde des Enhanced Publishing bleibt, wie auch die Redaktion der Cultural Anthropology feststellen muss, die Fixierung des digitalen wissenschaftlichen Publizierens auf das diesbezüglich eher unfruchtbare und viel zu komplizierte PDF-Format:
“Embedding audio and video content in PDF files turns out to be no simple matter; different PDF viewers and devices display media content in different ways, and so we were faced with the prospect of producing files that would function properly for some of our readers and not others.”
Umso mehr sind wir gespannt, welche Lösungen sie finden werden. Einige Artikel sind mit der aktuellen Ausgabe bereits erschienen - zum Beispiel dieser. Die Einbettungen dynamischer Inhalte sind für die Rezeption angenehm und nachvollziehbar. Die spannenden Fragen bleiben aber, welche Folgen und in welchem Umfang diese Erweiterungen für das Schreiben und möglicherweise auch die Methodologie des Faches haben werden sowie aus Sicht der Bibliotheken und der Bibliothekswissenschaft selbstverständlich nach wie vor, wie man diese Art von Publikationen auf lange Zeit verfügbar hält.
(Ben Kaden, Berlin, 25.11.2016)
Boyer, Dominic, Faubion, James, Howe, Cymene and LaFlamme, Marcel: Sound + Vision: Experimenting with the Anthropological Research Article of the Future. In: Cultural Anthropology 31, no. 4 (2016): 459–463. http://dx.doi.org/10.14506/ca31.4.01







