Singt ein neues Lied - Warum Gemeinde Menschen bildet (II)
In der Kita meiner Tochter wird schon seit einiger Zeit ein Projekt mit dem Namen Musikita. In dem Projekt geht es darum, mit den Kindern zusammen zu musizieren und zu singen. Ich finde das großartig. Denn ich selbst bin mit dem Singen groß geworden. Als ich 4 Jahre alt war, bin ich in den Kinderchor gegangen. In der Zeit auf dem Gymnasium war ich jedes Jahr in der Chor AG. Mir hat das schon immer gut gefallen: Das gemeinsame Singen, der Moment wenn mehrere Stimmen mehrstimmig klingen, wenn aus Einzelnem etwas Ganzes wächst. Dazu: Den eigenen Körper wahrnehmen und kennenlernen, laut und leise erforschen, die Dynamik erspüren. Früher habe ich auch oft mit meiner Mama zusammen gesungen. Einfach so am Nachmittag.
Dabei bin ich kein richtig guter Sänger. Ich kann Töne halten und meistens auch treffen. Zweite Stimmen alleine zu singen, fällt mir schwer. Auch mein Bruder war im Kinder- und Schulchor, und das, obwohl er sich noch schwerer mit dem Singen tut als ich.
Das Projekt Musikita gibt es, weil Singen und Musizieren ein wichtiger Teil von Bildung ist (zusammen mit der Kunst). Erzieher/Innen und Pädagogen stellen fest, dass in den Familien immer weniger gesungen und zusammen musiziert wird. Es ist einfach keine Zeit und/oder keiner da, der zusammen musizieren könnte (siehe auch mein letzter Blogeintrag). Das ist tatsächlich sehr schade. Und während bei den Erwachsenen das Interesse nach dem gemeinsamen Singen ungebrochen ist, scheint die nachkommende Generation dafür keine Zeit oder keine Lust zu haben (siehe die Statistiken auf www.chorverbaende.de). Dabei lernt immer noch ein Großteil der Kinder ein Instrument. Denn auch das ist den Eltern wichtig. Nur – so meine Vermutung – scheint sich die Motivation dahinter geändert zu haben: Nicht mehr der Spaß am Musizieren und die Erfahrung stehen im Vordergrund, sondern das Erlernen von Skills. Früher gab es auch schon die Eltern, die ihre Kinder in Konkurrenz zueinander gebracht haben. Wer kann besser, lernt schneller und gewinnt welche Preise. Heute erscheint mir dieser Gedanke mehr und mehr in den Vordergrund zu treten, damit das Kind später beweisen kann, dass es erfolgreich ist (bzw. sein kann). Musik als Zweck für den eigenen Lebenslauf.
Ich glaube, dass auch deswegen die Chorarbeit unter Kindern und Jugendlichen eine niedrige Priorität hat: Kein Wettbewerb (außer: Wer darf ein Solo singen), sich einlassen müssen auf den anderen und jeder, egal wie gut oder schlecht darf mitmachen. Dadurch geht wichtige Bildung und das Erlernen wichtiger Fähigkeiten verloren. Deswegen gibt es Projekte wie die Musikita.
Ich bin froh darüber, dass wir in meiner Kirchengemeinde jeden Gottesdienst zusammen singen. Manche, gerade die, die Kirche nicht kennen, finden das komisch. „Immer wird bei euch gesungen“, diesen Spruch habe ich schon häufiger gehört. Ja, das mag ein wenig merkwürdig sein. Und doch schafft das gemeinsame Singen genau das: Miteinander verbunden sein, sich und die Anderen zu spüren, gemeinsam etwas erschaffen und formen. Dieser Gedanke ist schon in der Bibel angelegt. Z.B.: „Singt dem HERRN ein neues Lied.“ Im Gottesdienst und in unseren Gruppenstunden singen wir zur Ehre Gottes. Und auch im Kindergottesdienst wird kräftig gesungen. Meine Tochter bräuchte keine Musikita. Sie kennt viele Lieder und singt auch fröhlich zu Hause die Lieder, die sie aus dem Kindergottesdienst kennt. Ich bin stolz darauf, dass auch so ein wichtiger Teil von Bildung geschieht. Bei uns darf da auch übrigens jeder mitmachen: „Wer nicht singen kann, der brummt halt, wer nicht brummen kann, der summt halt, wer nicht summen kann, der klatscht halt – Hauptsache, du bist dabei.“
Singt ein neues Lied – Warum Gemeinde Menschen bildet (II) was originally published on Der Theorist










