Ein Nachruf
Stan Lee ist tot. Die Nachrufe auf ihn ploppen überall im Internet auf und erinnern an einen der ganz Großen.
Nun ja, dann kommt halt auch noch einer von mir dazu:
Stan Lees Welt war (und wird sein) das Korrektiv, das Gegengewicht zu DC mit den Über-Ikonen eines Superman. Er war derjenige, der uns gebrochene Helden gebracht hat. Die, von denen einige so richtig, wirklich richtig kaputt sind. Körperlich. Psychisch. Aber dennoch Helden. Helden mit besondere Kräften, aber auch mit der einen Kraft, weiterzumachen, auch wenn längst - eigentlich - gar nichts mehr geht.
Im Marvelversum war (und ist) Platz für jede/n von uns. Dort finden sich Charaktere, die einen sofort ansprechen. Und andere, mit denen man vielleicht so gar nichts anzufangen weiß. Diese Vielfalt (an Macken und Makeln, an Heldentaten und besonderen Fähigkeiten, an Freunden... und den anderen) zu schaffen war die Gabe von Einem [siehe unten]. Das war das Bemerkenswerte an Stan Lee. Sein Lebenswerk.
In einem der vielen Nachrufe (leider habe ich mir nicht notiert, wo und wie) kam ein Aspekt an Stan Lees Helden auf, der mir bislang nicht in der Tragweite aufgefallen war, die dies wirklich hat:
die meisten seiner Helden sind (wären, gäbe es sie in unserer Welt) Menschen mit Behinderungen, Beeinträchtigungen, mit Handicaps. Und aus jedem Blickwinkel sind sie Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen. In der Sprache der Comics: Mutanten. In unserer Sprache: Menschen mit Behinderungen.
Okay, das jetzt hier zu schreiben ist total abgedroschen (und ich werfe gerne 5 € ins nächste Phrasensparschwein, wenn ich an einem vorbeikomme), aber aus großer Macht erwuchs s/eine große Verantwortung: diejenigen zu Helden zu machen, die anders sind, die Außenseiter, die Typen mit Macken, mit Ecken, mit Kanten, mit Beschädigungen, mit Abweichungen, Mutationen. Makeln. Diejenigen, die nicht in die normierte, normale, Normen vor-gebende Gesellschaft passen. Die große Macht... ist hier diejenige von Stan Lee, Menschen zu erreichen, zu begeistern - auch und gerade für das Andersartige. Und dieses doch irgendwie normal erscheinen zu lassen. Besonders. Besonders besser.
Ein/e wirklich jede/r kann im großen, großen Marvelversum seinen Helden oder seine Heldin finden, selbst dann... wenn es ein Antiheld oder eine Antiheldin ist. Und der Urknall dieses Universums.... war der Geist von Stan Lee.
Mit wem ich immer am Meisten anfangen konnte? Spidey, lange bevor er der Kultfilmheld wurde (und danach dann nicht mehr so sehr). Hulk und Bruce Banner, getrieben zwischen unendlicher Wut und genialem Verstand, dem dennoch nicht gelingt, was er sich am Meisten wünscht: die Heilung zu finden. Gambit. Rogue. Für mich war sie immer die machtvollste Frau unter allen Comichelden. Und die Einsamste, unfähig zu Berührungen...
Mit den Fantastic Four konnte ich nie etwas anfangen. Auch nicht mit Professor X. Oder Cyclops. Und mea culpa: auch nicht mit Iron man. Aber hey, so ist es nun mal auch im wirklichen Leben. Manch einen mögen wir, manch anderen nicht. Einige sind uns so herzlich gleichgültig, wie nur irgendwas. Und andere... finden wir auch richtig doof.
Aber all diese Figuren sind Superhelden geworden: Außenseiter. Behinderte. Uns fremde. Und eben Superhelden. (Trotz der Mängel. Oder wegen diesen.) Manchmal ist es gerade die große Schwäche, aus der die große Macht erwächst.
Mein Universum war immer eher Marvel als DC... aber es war auch DC in den Zeiten der großen Niederlagen: als der Joker Robin2 tötete. Als es für eine kurze Zeit eine Welt ohne Superman gab. Im großen Epos “The dark knight returns”, das Startschuss für eine neue große Comicära wurde, obwohl es inhaltlich eigentlich eher ihr Abgesang war. Bernie Wrightsons so dunkles Swamp-Thing. Er, der in 2017 so sehr viel stiller verstarb, als nun Stan Lee, und der doch so viele Maßstäbe früherer Comics über den Haufen geworfen - und durch neue, viel größere ersetzt hat. Bis heute sind die Illustrationen von Bernie Wrightson in Stephen Kings Werwolf von Tarker Mills für mich ikonisch. Und brachten einen neuen harten Realismus in die bunte Comicwelt.
Heute ist aber der Tag für Stan Lee. Heute ist es Zeit, einem von bunten Bildern und Sprechblasen erfüllten Leben zu gedenken. Und dann, wenn die Trauer sich legt, ist es Zeit für uns alle gemeinsam zu realisieren, dass die große Idee, die Stan Lee in die Welt gesetzt hat, weiterleben wird. Und mit ihr alle Charaktere, die er erschaffen hat. Und alle, die von denen inspiriert wurden, die er erschaffen hat.
Meine wahren Favoriten sind und waren in seinem Universum zuhause. Von ihm inspiriert, aber nicht erfunden: Cloak & Dagger. Sie machen gerade ihre ersten Schritte als Realfiguren-TV-Serie (die ich leider noch nicht kenne). So wird eine Lebensgeschichte weitergeschrieben. Und wie im richtigen Leben bekommt sie Nachwuchs, wächst und setzt sich fort.
Es ist an der Zeit, weiterzugehen.
Vielleicht schaut Stan Lee sich gerade auf irgendeiner Wolke um und überlegt, wie er einen Teamup-Comic aus all den anderen ganz Großen entwickeln kann, unter denen er nun weilt. Mit einem Cameo-Auftritt von sich selbst, versteht sich ;-)
Leute, was für eine irre Geschichte gäbe das ab...
[So, und jetzt noch eine zusätzliche Erklärung: Ja, ich weiß, dass er nicht alleine an den Comics gearbeitet hat, und dass das Marvelversum nicht das Werk eines Einzelnen war/ ist. Stan Lee war aber unbestreitbar der Ideengeber so vieler Charaktere und Geschichten, dass man sagen kann: es war sein Werk und das Marvelversum würde es so ohne ihn nicht geben. Dieses Lebenswerk wird nicht dadurch geschmälert, dass er ein Team anderer um sich herum hatte - ich finde sogar, dass sein Beitrag für die Comicwelt und in der anderen Welt umso reicher ist, je mehr andere er einbezogen, mitgenommen und inspiriert hat. Denn letztlich gilt in der realen Welt, was auch in der der Comics gilt: im Team geht alles noch ein bissl besser; aber das Team darf den Einzelnen dabei nicht ersticken oder negieren.]














