Gerade komme ich von meiner dritten re:publica zurück und habe dort wieder viele nette und interessante Menschen getroffen und sehr viel Inspirierendes erlebt. Unter anderem habe ich meine Stimme zum Mond gesendet und 2,7 Sekunden später deren Echo gehört. Damit bin ich in gewisser Weise weiter von der Erde entfernt gewesen, als es der sympathische „Astro-Alex“ Gerst in der ISS war, der bei der #rp19 in der Abschlusssession von seiner Arbeit dort erzählte.
Nicht selten habe ich in Berlin meinen Small Talk Joker gezogen: „Ach, übrigens ich bin ein Cyborg.“
Damit bekommt man immer neuen Drive in einen Plausch mit Menschen, die man noch nicht näher kennt. So auch im Backyard der Station am Abend des zweiten Tages mit Kathrin Passig und Klaus Eck, die sich aber gar nicht drauf einließen, sich von mir die ganze Geschichte erzählen zu lassen, sondern mich stattdessen einluden, sie hier aufzuschreiben.
Da die Chance winkte, an einem Anwärter für den Grimme Online Award mitgewirkt zu haben und ich sie ja sowieso ständig wiederhole, haue ich doch gleich mal in die Tasten bzw. auf‘s Display.
Cyborg, die Definition dafür hier zu erörtern, erspare ich mir, da sie einerseits diskutabel ist und ich andererseits annehme, dass die Leser*innenschaft des Techniktagebuches ein überdurchschnittliches Verständnis von ihr hat.
Kurz und knapp: 6 Chipimplantate in meinen Händen und meinem linken Unterarm erfüllen diese Selbstbeschreibung mit Gehalt.
Für diesen Artikel beschränke ich mich auf die technischen Aspekte. Meine Motivation für diese Eingriffe, deren Prozedur und die damit einhergehende persönliche Transformation spare ich mir für meine Vorträge oder zukünftige Gespräche auf.
Alle meine Implantate sind gekapselte RFID bzw. NFC-Chips in zwei verschiedenen Formen - 5 sind 2x12 mm große Kapseln (etwa ein großes Reiskorn, kein Rundkorn wie für Risotto) aus für medizinische Zwecke zugelassenem Glas. Ein Prototyp eines Betatesting Programms des Entwicklers Amal Graafstra ist etwas größer (ca. 33x4x0,4 mm) und in biokompatible Polymerfolie eingeschweißt.
Es sind miniaturisierte Versionen dessen, was die meisten Leser dutzendfach in ihren Portemonnaies oder Brieftaschen tragen und täglich benutzen: Kreditkarten, Gesundheitskarte, Personalausweis, Mitglieds- und Zugangskarten usw.
Haustierhalter*innen kennen ähnliche Implantate von ihren Katzen oder Hunden, die seit Jahren damit gekennzeichnet werden, um sie nach evtl. Streunereien identifizieren und zurückführen zu können.
Tatsächlich ist eins meiner Upgrades ein Tierkennzeichnungschip, für wenige Euro im Internet bestellt, und ein anderer ist von einem Tierarzt eingesetzt worden (einen weiteren habe ich mir selbst gespritzt). Mit ersterem kann ich ua. eine handelsübliche Katzenklappe öffnen.
4 der Chips sprechen auf Radiowellen mit der Frequenz 13,56 MHz an, einer auf 125 KHz und einer auf 134 KHz. Sie selbst sind passiv (Achtung, Carmen, Insiderwitz: „Sie senden nicht!!!“) und funktionieren nach dem Prinzip der elektromagnetischen Induktion.
Sie erfüllen ähnliche Aufgaben wie die üblichen Karten oder Token, können gelesen und beschrieben werden - mit aktuellen Smartphones und Lesegeräten unterschiedlicher Bauweise und Anwendung.
Sie haben einen Speicher von ein paar hundert Byte bis zu 4 KB beim aktuellsten Typ.
Ich öffne damit meine Gebäude- und Bürotüren meines Arbeitsplatzes, habe meine Notfalldaten und meine Visitenkarte darauf gespeichert und versuche weitere Nutzungsmöglichkeiten zu übertragen, um in Zukunft auf Portemonnaie und Schlüsselbund verzichten zu können.
Mehr Details zu Chiptypen, Herstellern und der Platzierung in meinen Händen habe ich in meinem Instagram gepostet.
Wer noch mehr darüber erfahren will, möge sich gerne melden. Ihr findet mich schon.
Doch noch etwas zum Schluss über meinen Weg, der mich hierher geführt hat: Molly Millions in William Gibsons Cyberpunk-Roman Neuromancer trägt eine Menge Augmentations. Sie war meine erste Cyborg-Liebe.