Kolumne J.S. Research KG: Von Griechen, Dramen und Drachmen – oder: Warum der Grexit noch nicht vom Tisch ist
Die erste Kolumne für mein Unternehmen im Solinger Boten:
Ich weiß, Sie können zur Griechenlandkrise, fortwährenden Eurogipfeln und insbesondere dieser hässlichen Wortschöpfung Grexit schon länger nichts mehr hören – aber diese Nachlese muss dann doch noch sein. War es das ganze Theater nun Wert (vor allem die neu zugesicherten, 80+ Milliarden Euro zur Bewahrung Griechenlands in der Eurozone)? Und ist der Grexit damit endgültig abgewendet?
Auf die 1. Frage ein klares Ja: Der Euro ist eine ökonomische Erfolgsgeschichte vor allem für Deutschland, die über die Jahre aufgelaufenen und in Zukunft noch anfallenden Vorteile beim Grenzübergang von Kapital und Waren (die sogenannten Transaktionskosten) sowie der dadurch angeregte zusätzliche Handel summieren sich zu einem hohen dreistelligen Milliardenbetrag, der immer weiter wächst – von den so ermöglichten und erhaltenen Arbeitsplätzen in der Exportwirtschaft einmal ganz abgesehen.
Auf die zweite Frage jedoch muss man ebenso klar mit Nein antworten. „Toll“, höre ich Sie bereits sagen, „schon wieder so ein einerseits-andererseits-Ökonom, der keine eindeutige Antwort geben kann!“ Wohlan, um Ihrer Kritik zu begegnen, möchte ich Sie durch ein einfaches Beispiel führen um zu zeigen, warum sich am ökonomischen Kern des Problems nichts geändert hat.
--- Stellen Sie sich vor, Sie wären Mitglied in einem Londoner Herrenclub (auch die Damen, bitte – nehmen Sie stattdessen einfach einen imaginären Club for Ladies only). Und nehmen Sie weiter an, Sie und Ihre Clubfreunde (Gendern können wir uns hier ja sparen, siehe oben) seien übereingekommen, für die häufigen Transaktionen untereinander (Wetten, Gin auf fremde Rechnung usw.) wofür stets irgendwie das unschickliche Kleingeld fehlt, eine gemeinsame Tauschwährung zu schaffen, sagen wir: edle Zigarren (ob Sie die jetzt mögen oder nicht). Dann ergäbe sich unmittelbar ein absehbares Problem: Die Zigarren sind für den unangenehmen Neureichen, der immer Geld hat, kein Problem; ja, sie sind als Tauschwährung für ihn fast zu günstig und verschaffen ihm einen erheblichen wirtschaftlichen Vorteil. Für den zwar sympathischen, aber stets mittellosen Baron vom Lande dagegen sind sie von Anfang an eine Belastung: Zwar spart auch er die Transaktionskosten (immerfort ans Kleingeld zu denken, das lästige Gewicht in der Westentasche und so fort), aber die Zigarren übersteigen seine finanzielle Leistungsfähigkeit kontinuierlich (Sie selbst verorten wir der Unverfänglichkeit halber irgendwo im angenehmen Mittelfeld). Nun kommt aber der besondere Gag: Die befreundeten Bankiers des Barons, die zufällig auch dem Club angehören, sind nun bereit, ihm zu denselben Bedingungen wie dem unbeliebten Neureichen Zigarren und auch harte Pfund Sterling (das waren noch Zeiten, als die nicht als Synonym für den US-Dollar gelten brauchten…) zur Begleichung seiner Rechnungen innerhalb und außerhalb des Clubs zu leihen. Dies deshalb, weil sie – von den übrigen Clubmitgliedern nur halbherzig widersprochen, da sie zum Teil auf denselben Effekt hoffen – darauf vertrauen, dass der Baron von den anderen Clubmitgliedern im Notfall schon die erforderlichen Zigarren geliehen bekommen wird – und im Übrigen einen Teil der Zigarren für schlechte Zeiten zurücklegen würde.
Doch dann geschieht das Unfassbare: Den Genüssen sorglos zugewandter Vertreter des Landadels, der er nun mal ist, verkonsumiert der Baron die solcherart günstig erstandenen Zigarren größtenteils, und steht wiederholt ohne Clubwährung da. Es kommt aber noch schlimmer: Im nieseligen London draußen hat einer der Bankiers des Clubs pleite gemacht, die Zinsen für alle Clubmitglieder steigen daher spürbar an. Die übrigen Clubmitglieder haben das Verhalten des Barons nun immer beobachtet – aus einer Mischung von Solidarität mit dem bekannt genussfreudigen Landadel einerseits (viele Clubmitglieder kennen sowas noch aus ihrer eigenen Vergangenheit), und andererseits vor allem aus Furcht vor der Rufschädigung, die ein öffentliches Ausscheiden eines Clubmitglieds draußen in London mit sich brächte (mit allen damit verbunden Nachteilen für Geld und Kredit aller Clubmitglieder), leihen sie dem Baron tatsächlich ein ums andere Mal Zigarren, wie von den Bankiers erwartet. Der Clubstewart – sozusagen die „Zentralbank“ des Clubs, da er die Ausgabe der clubeigenen Zigarrenmarke steuert – legt noch einen obendrauf, schließlich will er seinen Arbeitsplatz nicht verlieren.
Und dennoch: Bis zur 2. Rettung raucht der Baron, und raucht, und raucht – bis die Kreditgeber ihren Clubfreund ermahnen, dass es so nicht weiterginge, und ihm zu verstehen geben, dass er mit den Zigarren besser haushalten müsse, fortan nicht mehr jeden Abend das erlesene Steak vom Angus-Rind speisen könne und überhaupt den Gürtel enger schnallen müsse. Doch diese Ansage kommt zu spät und obendrein zu brutal: Nun akut vom Verlust seiner Clubmitgliedschaft bedroht, magert der Baron innerhalb weniger Wochen ab, er leidet sichtbar, aber: vergebens. Die Zigarren bleiben als Währung für ihn und seinen Lebensstil, der er mit knapp 60 Jahren auch nicht mehr einfach ändern kann, schlicht zu teuer. ---
Und jetzt ersetzen Sie, werte Leser, einfach nur noch „Lebensstil“ durch die traditionelle Vetternwirtschaft Griechenlands, und die Zigarren durch den Euro – und Sie haben verstanden, warum der Grexit mittel- bis langfristig unausweichlich ist.