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Am Bhf 39307 Elbe-Parey
RTW 3 BF Brandenburg + RTW + NEF DRK LK Jerichower Land
Schatz im Acker - Predigt, Popularkultur und Provinz
Um Zutrauen zu gewinnen ist es in öffentlicheren Reden Mode, Bilder aus dem Fußball zu entlehnen; von Debatten im Bundestag bis zu Homilien im Sonntagsgottesdienst.
Während einer der letzten Fußballweltweltmeisterschaften schlug ein Prediger aus dem Jerichower Land (Sachsen Anhalt) vor, neben die Deutschlandflagge eine Kirchenflagge/ Vatikanflagge ans Auto zu stecken. Man solle damit seiner Umwelt ausdrücken, dass ‚W-M‘ gleich ‚Weit-Mehr‘ bedeuten könne… nämlich das ‚Weit-Mehr‘ Gottes, das auch in der Freude um eine Fußball-WM zum Ausdruck komme.
Man kann wünschen, dass an dem Gedanken was dran sei.
Aber dann begegnet man doch noch anderen Typen an Fußballfans. Solange man nur an die FußballfreundIn denkt, ist alles unverbindlich belanglos. Wesentlich geprägt ist die Fußball- und eventuell auch Religionsszene allerdings ebenso vom Chauvinisten und vom Vereinsanhänger bzw. dem Vertreter der aktiven Fanszene.
Er/ Sie - die FußballfreundIn - hat eine ganz und gar moderne Perspektive auf das Spiel: Er/ Sie sagt: Ist doch nur ein Spiel … ist doch nicht so schlimm/ so ernst … der Bessere soll gewinnen … Hauptsache es wird ein schönes Spiel … die Mannschaft die den besten Fußball spielt soll gewinnen … das Leben geht weiter ... usw. Für ihn/ sie gibt es immer weit mehr als Fußball oder eine Mannschaft: nämlich das persönliche/ private Vergnügen daran und darüber hinaus. Er/ Sie konsumiert das Produkt Fußball, lässt sich ein, für ein paar Momente in eine vorgespielte Welt hineinziehen, nutzt das Produkt um sich mit anderen zu unterhalten, vielleicht auch um sich selbst darzustellen. Ein Trikot vom Lieblingsspieler, ein Bier im Stadion, eine WM-Party: das versüßt das Leben das aus weit mehr besteht, es ist nur ein Hobby, nur soziales Schmiermittel, nur Zerstreuung. Unterm Strich macht der Fußballfreund/ die Freundin das, was alle machen: die Trennung von Privaten und Beruflichen, Konsum, Zerstreuung. Dass Fußball weit mehr sein kann, das ahnt er/ sie allerdings - und fürchtet sich davor (schon von Rechts wegen); das würde nämlich radikale Entschiedenheit im Leben für eine Sache bedeuten.
Wer sich aber nun dazu hinreißen lässt, eine Fahne zu hissen, der hat eine etwas traditionellere Perspektive auf die Sache und will das Gefühlsmeer – das GefühlsMehr - des Chauvinismus erproben oder kanalisieren und schließlich sich selbst und seine Nächsten und Nachbarn darin baden, ihn damit einseifen. Es ist der Impuls des Willens zur Macht, zur Eigenermächtigung, zu einem Mehr/ Meer des Selbst. Was soll schon dabei sein, mal ein bisschen Pöbeln, mal was politisch Unkorrektes grölen, mal die Sau rauslassen, mal den Macker spielen, mal stark wirken.
Wer eine Mannschaft unterstützt – Vereinsanhänger/ Supporter/ Ultra – hat sich verbindlich und ausschließlich und total an eine bestimmte Mannschaft gebunden: Ausschließlichkeit, Verbindlichkeit, Totalität in der Hingabe ist das, was die Leidenschaft ermöglicht, was Sinn gibt für ein erfülltes Leben, eine erfüllte Existenz. Je verbindlicher, je totaler, je existentieller Mann sich anhängt, Mann sich verschreibt, Mann darin aufgeht - desto Mehr (Sinn/ Persönlichkeit) bekommt Mann aus einem Sieg oder einer Niederlage oder einer Spiel- oder einer Turniergeschichte, oder einer Fußballhistorie usw. Jeder Mann versteht, dass es hier um Verengung in der Perspektive - um Verzicht im Leben (auf Privatleben, private Annehmlichkeit/ Freiraum/ Rückzugsraum) - geht, um an das begehrte Mehr des Fußballs/ des Spiels gelangen zu können.
Zwei Fußballfähnchen am Auto überzeugen mich nicht davon, dass jemand von Euch einen Schatz im Acker gefunden hat. Ihr überzeugt mich nicht vom Weit-Mehr des Opfers Gottes, vom Weit-Mehr-als-alle-anderen-Opfer, die je gebracht werden konnten. Ihr überzeugt mich nicht, weil euer Opfer mir nichts bedeutet. Da ist nichts konkret.
Was kann ich berühren, wenn Autos mit zwei Fähnchen durch das Jerichower Land fahren? Ich sehe was ich eh erwarte, dass die Provinzler dieses Landstrichs genau so oberflächlich sein wollen, bzw. oberflächlich betrachtet genauso aussehen wollen, wie alle überall auf der Welt sind. Oder jedenfalls in den Zentren der Kultur erscheinen (so etwa im Fern-Sehen).
Ausgerechnet die Fußball-WM. Die Fußball-WM ist die McDonalds-Filiale des Fußballs. Man versucht bei sich so zu Feiern, wie man das aus dem Fernsehen kennt, von Berlin und jeder anderen Hauptstadt der Welt. (Dabeisein ist alles - das muss man mitnehmen.) Fußball-WM bedeutet Zentralisierung. So entsteht kein Mehr, sondern Zerstreuung des Immergleichen. Stattdessen würde mich interessieren, welche hässlichen Verlierer-Visagen und provinziellen Glatzköpfe jede Woche für die SG Burg oder den FC Magdeburg in deren Block einstehen.
Die 'weit größeren Möglichkeiten im Leben' sind in diesem Sinne für jene provinziellen Träumer da, die tatsächlich in die Großstadt ziehen. Und dort selbst dann ein Unternehmen gründen, das sich dann wiederum wie McDonalds überall in der Welt verteilen lässt. Wenn sie nicht ganz so groß träumen wollen sie Geschäftsführer, Außendienstmitarbeiter, Manager, Agent, PR'ler, Lobbyist usw. eines bereits weltweit erfolgreich agierenden Unternehmens sein.
Die Weite des Lebens, die Weite der Provinz, besonders aber das 'weit mehr der Provinz' zeigt sich mir hier. Als einem Akt, der, aus vielen bestehenden und vorgehaltenen Möglichkeiten, tatsächlich ergriffen wurde; damit welken freilich auch andere Möglichkeiten, sterben ab, müssen verkümmern. Vielleicht werden sie auch abgeschnitten.
'Weite des Lebens' - nur durch Entschiedenheit erwachsen. Die erscheint mir konkret, die ist eigen(mächtig), die wächst, die altert, die hat ein Gesicht (das hässlich, oder jedenfalls runzlig, werden kann und wirkt) - und ist keine Plastikfahne, die man nach Farb-Belieben überall auf der Welt zu jeder Zeit frisch für 2 Euro 30 im McPfeifer kaufen kann, und hinterher wegschmeißt (wozu sollte man das unnütze und hässliche und dreckige Ding vier Jahre lang in irgendeiner Schublade aufbewahren - wenn es irgendwann wieder Mode ist mit den Fähnchen, kann man sich für paar Cent auch ein neues kaufen).
Dass das Leben/ Fußball bunt glitzern kann, überzeugt mich von gar nichts; überzeugend finde ich es dann, wenn es (auch nur) einen Schatz enthält. Wer hat unter dem Fußballacker/ unter den Äckern des Jerichower Land einen Schatz - im Geheimen/ im Dreck - entdeckt? Er wird dann danach trachten seinen Boden in- und auswendig zu kennen, wird ihn lieben, wird entschieden sein, wird Tatkraft zeigen, alles wird unwiederholbar scheinen. Er wird den Boden als gewachsen wahrnehmen, als wirklich, als lebendig usw. Vielleicht wird er auch den Schatz unter seinem Acker vor anderen verbergen wollen.
Das sind Zeichen die mich überzeugen.
"Ostelbischer Supermarkt muss wegen Flüchtlingen schließen”
Wir sind uns relativ sicher, dass wir in den sozialen Medien nur die absolute Spitze des Gerüchte-Eisbergs zu Gesicht bekommen. Ein Großteil, da sind wir uns relativ sicher, wird von Mund zu Mund im Bekanntenkreis verbreitet und ist somit auch wesentlich unauffälliger unterwegs. Umso mehr freute es uns (soweit Freude in so einem Fall möglich ist), als vor einigen Tagen per Mail so ein analoges Gerücht den Weg zu uns fand:
Meine Eltern erzählten mir, jemand habe ihnen erzählt - und der habe die Info von einem Polizisten [hier hab ich ja schon die Augen verdreht und "Urban Legend!" gerufen, aber das brachte sie nicht aus dem Konzept, leider!] - dass der ALDI (oder irgendein anderer Discounter, da waren sie sich plötzlich nicht mehr ganz sicher) in Biederitz (oder doch Gerwisch oder Königsborn oder so?!) habe dicht machen müssen, nachdem wiederholt Asylsuchende mit vollen Einkaufswägen ohne zu zahlen mit: "Merkel zahlt!" abgehauen wären. Mein Hinweis, dass ich solche Geschichten aus ganz Deutschland, sowohl aus Hamburg als auch aus Regensburg schon gehört habe und die alle auf Nachfrage eine Ente waren, hat nichts geholfen, denn: "Immerhin ist das jetzt hier um die Ecke, und dem, der mir das erzählt hat, dem glaube ich das!”
Dieses Gerücht profitiert eindeutig von der Unschärfe - Ort und Name sind nicht klar definiert - was eine Widerlegung entsprechend erschwert. Sollte sich herausstellen, dass in den genannten Orten kein Supermarkt schließen musste, dann sei des eben woanders passiert, so könnten die Verbreiter behaupten.
Die ursprüngliche “Nachricht” mit dem Ausspruch “Merkel zahlt” stammt offenbar aus einem Beitrag des rechten Hetzblogs Netzplanet vom 27.09.2015. Im Anschluss verbreiteten sich in ganz Deutschland Gerüchte über Flüchtlinge, welche angeblich mit diesem Ausspruch “einkaufen” gingen.
Zu den Methoden von Netzplanet schreibt mimikama.at:
Inhaltlich kann man jedoch nahezu all diese Meldungen zusammenfassen und in einer Kurzform widergeben:
Der tüchtige Deutsche Bürger wird, weil er anständig ist und sich nicht zur Wehr setzt, von jungen männlichen Asylbewerbern (vorzugsweise afrikanischer Herkunft) finanziell ausgebeutet und jene dürfen sich sogar über Deutsche Gesetze hinwegsetzen.
- http://www.mimikama.at/allgemein/pseudonyme-hass-und-propaganda-tglich-schiet-der-netzplanet/
Vielen Dank an die Einsenderin!