Alleine reisend aber niemals einsam: Begegnungen #kathi2016 #papa1991
1. Die Fahrrad-Reisende aus Norddeutschland #kathi2016
An der Stabskirche in Heddal treffe ich Christiane, 52 Jahre als, aus Föhr. Sie reist alleine mit ihrem vollbepackten Rad durch ganz Norwegen. Bis zum Nordkapp will sie sich durchschlagen. Die letzte Nacht hat sie im Zelt auf einem kleinen Berg neben der Kleinstadt Notodden verbracht. „Da war einfach nichts“, erzählt sie beeindruckt. „Kein Mensch, kein Tier, nur eine beeindruckende Stille.“ Ob sie denn keine Angst hat, so alleine als Frau und dann auch noch im Zelt? „Achwas“, lacht sie. „Da war ja eben rein gar nichts um mich herum. Nicht mal einen Elch hab ich leider gesehen.“
Einmal in ihrem Leben hat die Norddeutsche tatsächlich einen klassischen Hotelurlaub gemacht, erzählt sie. Damals war sie 21, mit ihrem Freund gemeinsam. Einmal und nie wieder. „Da siehst du doch jeden Tag die gleichen Menschen, die gleiche Umgebung, das hat doch keinen Reiz,“ sagt sie. Mit dem Rucksack dagegen sei das alles anders. Auf diesem Weg war sie in Asien unterwegs, mit dem Rad ist sie danach durch Deutschland und Dänemark getourt. Und auch ihre 21-jährige Tochter hat Christiane trotz deren anfänglicher Skepsis zum Alleinreisen überredet, Japan und Australien. Der Spross war begeistert von dieser Erfahrung und wartet jetzt im heimatlichen Deutschland stolz auf die Heimkehr der alleinreisenden Mama. Irgendwann im Sommer will Christiane dann am Nordkapp sein. Zeitlichen Druck macht sie sich da keinen. „Ich genieße diese Ruhe, ein Monat mehr oder weniger spielt da auch keine Rolle mehr“, sagt sie.
Christiane aus Föhr: Die 52-Jährigen genießt die Ruhe beim Alleinreisen.
2. Der Öl- und Fischfabrikant aus Bergen #kathi2016
Endlich geht es auf die Lofoten. Unzählige Leute haben mir schon von der Magie dieser Inselgruppe vorgeschwärmt. Mit dem Nachtzug fahre ich von Trondheim nach Bodø. Am Fähranleger der Kleinstadt stelle ich dann etwas entgeistert fest, dass die einzige Fähre auf die Lofoten erst um 16.30 Uhr ablegt, ich also nun noch 9 Stunden überbrücken muss. Ich komme mit einem Mittfünfziger ins Gespräch, der ebenfalls wartet und scheinbar Norweger ist, da er uns die Anzeigen auf den Tafeln übersetzt. Ja, Brynjulv ist Öl- und Fischfabrikant aus Bergen und verbringt seinen Urlaub immer auf den Lofoten. Er kennt sich in Bodø aus und wir gehen auf seinen Vorschlag hin schließlich Brunchen mit überragender Aussicht auf das Meer und die Stadt. Dabei reden wir über meine Zukunft, seinen Job, die Lofoten, das Reisen, Norwegen und den Zweiten Weltkrieg. Ich glaube er genießt es nicht alleine zu sein, ich ebenfalls. Auf den Lofoten angekommen verabschieden wir uns, tauschen Mailadressen. Seitdem erkundigt sich Brynjulv regelmäßig nach mir, wie die Reise weitergegangen ist, wie die Uni nun zurück in Deutschland läuft.
Scandic Hotel, Bodø, Norwegen: Frühstück mit netter Aussicht.
Was ich mit dieser Geschichte sagen will: Wer offen auf Menschen zugeht, der ist selbst auf einer Alleinreise nie alleine. Es fordert mich irgendwie heraus, immer wieder neue Menschen kennen zu lernen. Jedes Kennenlernen hat seine Eigenheiten, jedem Typ Mensch muss man sich auf eine eigene Weise nähren. Wer das beherrscht, der hat fürs Leben etwas essentielles gelernt.
3. Wenn Schweigen glücklich macht: Meine Lofoten-Mädels #kathi2016
Meine drei Nächte auf den Lofoten verbringe ich in einem unglaublich süßen Hostel, bestehend aus mehreren roten Holzhäusern auf Stelzen, direkt am Wasser. Bilderbuch-Norwegen sozusagen. Ich teile mir mit zwei Mädels ein Zimmer: Cindy, 21, eine Französin, die ein Auslandssemester in Oslo gemacht hat, und Melissa, 25, eine Italienerin, die sich eine Auszeit genommen hat und schon seit Wochen auf der Reise ist. Wir sprechen alle passables Englisch, aber jede von uns mit dem ihr landestypischen Akzent. Verständigung funktioniert, erfordert aber in gewissen Situationen die volle Aufmerksamkeit des Gegenübers.
Mit dem Auto, das ich gemietet habe, erkunden wir in den folgenden drei Tagen von morgens bis abends die Inseln. Es sind lange Wege, die man auf den Lofoten fährt. Und da bemerke ich: Es gibt Menschen, mit denen dir Schweigen absolut nichts ausmacht. Die meiste Zeit sitzen wir im Auto, ich am Steuer. Alle starren aus dem Fenster, fassungslos, wie schön die Landschaft doch ist. Manchmal erzählt eine von uns eine kleine Anekdote zu irgendwas, dann schweigen wir wieder. Ich bin normal ein Mensch, der in den meisten Situationen versucht Schweigen zu überbrücken. Ich kenne sehr wenige Menschen, mit denen ich absolut problemlos Schweigen kann. Umso verrückter finde ich die Tatsache, dass es mit diesen beiden, mir eigentlich völlig fremden Mädchen so gut funktioniert. Als ich den beiden erzähle, wie toll ich das finde, lachen sie und bestätigen mich. Vielleicht haben Menschen, die bewusst alleine reisen etwas gemeinsam. Vielleicht sind wir uns ähnlicher, als wir in diesen drei gemeinsamen Tagen eigentlich herausfinden.
Lofoten, Norwegen: Mit den Mädels und ein paar anderen Jungs aus dem Hostel auf der Suche nach der Mitternachtsonne.
4. Den Tag versüßt: Das deutsche Motorrad-Pärchen #papa1991
Auch mein Papa erinnert sich an eine Begegnung, die er in Norwegen gemacht hat. Als er nachmittags auf einem Parkplatz eine Rast einlegt, hört er plötzlich ein deutsches Gespräch: Ein Mann und eine Frau aus Deutschland, ebenfalls mit dem Motorrad unterwegs. Sie kommen ins Gespräch – und das Pärchen packt plötzlich eine Tafel Schokolade aus und teilt sie mit meinem Papa. Er muss bei der Erinnerung lachen: „Eigentlich ja nichts besonderes, aber ich hatte natürlich nichts Süßes als Proviant dabei und das ist in Norwegen so teuer.“ Und so bleibt ihm die kleine Geste mit einem süßen Beigeschmack in Erinnerung.








