17.06.22 – Das Loch im Boden – Gedanken an Zuhause
Während so einer langen Reise ist man weit, weit weg von allem. Wir haben in Deutschland alle Zelte abgebrochen, die Wohnung aufgelöst und unser Hab und Gut bei meinen Eltern untergebracht. Offiziell gemeldet sind wir in Rio, sodass auch die wichtige Post von meinen Eltern geöffnet und uns per Foto zugeschickt wird. Also sind wir auch aus diesem Blickwinkel mit leichtem Gepäck unterwegs. Alle Sorgen und Aufgaben haben wir einfach zurückgelassen. Weit weg sind wir aber auch, wenn mal unsere Hilfe gebraucht würde, es viel zu tun gibt, es jemandem Schlecht geht oder einfach andere unvorhergesehene Dinge geschehen.
Bei Fines Familie sind gerade viele Dinge in der Veränderung. Manfred geht es gesundheitlich nicht gut und gleichzeitig steht der Verkauf des Hauses an, wo es noch so viel im Haus und Grundstück zu erledigen gibt. Viel ist zu organisieren und Petra steht mit allem allein da. Das ist ein großer Berg Arbeit. Eigentlich viel zu viel für eine Person. Zum Glück kommen Lukas und später auch Vickie aus Neuseeland um zu helfen. Fine hat beide seit 3 Jahren nicht mehr gesehen und ich konnte beide selbst noch nicht persönlich kennenlernen. Jetzt verpassen wir sie leider. Im zweiten Teil unserer Reise ab November wollen wir sie besuchen fahren. Dann holen wir das nach.
Es gibt immer mal Situationen, bei denen wir denken, jetzt wäre es schön zuhause zu sein. Sei es, wenn mal kleine oder große Katastrophen passieren, oder man schöne Erlebnisse mit anderen Teilen will. Wie Theo mit Laufen und Reden beginnt und seine Umwelt viel bewusster wahrnimmt, kann man nur schlecht per WhatsApp uns Skype transportieren. Genauso ist es verrückt, dass in Europa ein Krieg tobt und wir gefühlt im Dauerurlaub in unserer Blase leben. Was tun wir, wenn dieser Konflikt sich weiter ausbreitet? Die Meldungen dazu verfolgen wir täglich. In Deutschland rollt die nächste Coronawelle an. Hier leben wir aktuell, als würde es das Virus nicht geben.
Am späten Abend des 17. Juni schrieb meine Mutti im Familienchat bei WhatsApp, dass sich der Boden auf dem Grundstück senkt, die Nebengebäude Risse bekommen und sich auf dem Nachbargrundstück bereits ein Loch gebildet hat. Wir alle waren sehr erschrocken. In der Nacht wuchs dieses Loch immer weiter. In ihm verschwanden auf dem Nachbargrundstück ein Schuppen und mehrere Koniferen. Ein Teil des Fundamentes vom Nebengebäude auf dem Grundstück meiner Eltern hängt frei in der Luft. Ein Stück der Bruchsteinmauer ist im Loch verschwunden. Die Nachbarn und meine Eltern mussten ihre Häuser verlassen. Als der Erdrutsch zum Stehen kam, hatte das Loch einen Durchmesser von 15 m erreicht. Die Tiefe war unbekannt, da bis 1,5 m unter der Lochoberkante Wasser stand.
Im Untergrund unter Rio befinden sich in großer Tiefe wasserlösliche Salzgesteine. Durch die Kelbraer Störung gelangt Grundwasser in diesen Bereich und löst die Gesteine über sehr lange Zeiträume. Immer mal Bricht etwas im Untergrund zusammen, was sich übertage als Erdfall äußert. Rund um Rio und natürlich auch an anderen Orten entlang der Störung gibt es einige dieser Erdfälle. Ereignet sich ein solcher Erdfall irgendwo in der Landschaft, dann ist das sicher sehr spannend. In bewohntem Gebiet ist es jedoch sehr tragisch. Meine Eltern und die Nachbarn haben riesen Pech, dass es nun ausgerechnet sie getroffen hat. Es bricht eine Welt zusammen. Das ist so eine Situation, in der man gerne helfen würde, aber man leider sehr weit weg ist.
Ich will an dieser Stelle nicht lang ausbreiten, welche Sorgen meine Eltern mit diesem Erdfall haben. Es kann sich jeder vorstellen, was es heißt, wenn man sein Lebenswerk bedroht sieht. Da ein Erdfall ein natürliches Ereignis ist und nicht vom Altbergbau herrührt, ist das Bergamt raus und die Betroffenen müssen sich um alles selbst kümmern. Zum Glück hat einer der Nachbarn eine Elementarversicherung die greift und für das Verfüllen des Loches aufkommt. Damit ist es jedoch noch lange nicht geschafft, denn es muss sichergestellt sein, dass der Erdfall zum Erliegen gekommen ist. Wenn das geklärt ist, müssen als nicht mehr standsicher bewertete Gebäude abgerissen werden. Zum Glück ist das Wohnhaus meiner Eltern nicht betroffen, aber eines der Nebengebäude ist nicht mehr zu retten.
In der Nacht vom 17. auf den 18. Juni wurde uns irgendwann bewusst, dass auch wir indirekt betroffen sind. Ein Teil unserer Sachen ist in dem Nebengebäude eingelagert. Das sind vor allem Möbel, die Waschmaschine und der Trockner, das Pflanzregal, die Winterreifen und diverser Kleinkram. Auch das ist gerade weit weg. Der Verlust wäre für uns nicht schlimm. Alles nur Gegenstände. Ersetzbar.
In dieser Situation haben wir wieder festgestellt, wie schön und sorgenfrei es sich lebt, wenn man sehr wenig besitzt. Hier haben wir alles, was für uns besonders wichtig ist: uns. Natürlich sind uns auch unsere Familien und Freunde wichtig. Meinen Eltern ist zum Glück nichts passiert. Zum Glück ist auch alles gut gegangen, als sie zusammen mit meinem Schwager unsere Sachen aus dem Nebengebäude geräumt haben, obwohl die Situation ungeklärt ist und das Gebäude bereits Risse hat. So haben Sie sich um unsere Dinge gekümmert, obwohl sie selbst genügend Sorgen haben.
Gerne wären wir vor Ort gewesen und hätten geholfen. Jetzt gilt es abzuwarten, wie die weiteren Maßnahmen zur Sicherung des Erdfalls verlaufen. Wir können von hier aus nur Danke sagen, dass unsere Sachen gerettet wurden und haben doch ein ungutes Gefühl im Bauch. Unsere Sorgen sind so klein, gegen die zuhause.












