(überarbeitete Kopie des Dessendre-Family-Portraits von Sandfall)
Epilog – Familie Dessendre
Einige Tage später standen sie wieder zu viert vor der Leinwand – Aline, Renoir, Clea und Maëlle.
Sie befand sich jetzt in Versos Zimmer – zwischen seinem Piano und der Spielzeugeisenbahn.
„Schauen wir nach.“
Obwohl Maëlle aufgrund ihrer Brandwunden nicht sprechen konnte, verstand jeder in ihrer Familie, was sie meinte.
„Ob er noch schläft. Und ob sie noch leben.“
In der Zwischenwelt, die sie vorsichtig betraten, war Maëlle wieder jung und gesund.
Sie sahen den schlafenden kleinen Jungen – sein Gesicht schon ein wenig erholt.
„Das ist erstaunlich.“
Aline trat an die Membran, sah das Leben im Inneren – und wie sehr sich die Stadt verändert hatte.
„Wie ist das möglich?“
„Du hast die Menschen erschaffen, Maman. Ich habe sie wiederbelebt.“
„Jeder von uns hinterließ Spuren im Bild … Ich hatte Angst, dass es euch verschlingt.
Nun verstehe ich – wir wollen es alle erhalten.
Doch wir sollten uns einig sein: kein neuer Verso mehr.“
Renoir sah sich um.
„Kein neuer Verso.“
Aline war ruhig und bestimmt.
„Er braucht unsere Liebe, unsere Erinnerung – und seine Ruhe.“
Sie verließen die Leinwand, dann das Zimmer, und redeten weiter.
„Auf dem Hauptkontinent gibt es keine Nevrons mehr. Zwischen Alt- und Neu-Lumière auch nicht.
Stellt euch vor – es gibt jetzt drei Städte.“
„Meine Menschen waren vorher schon mutig, produktiv und einfallsreich.
Aber dass es ausgerechnet dir gelungen ist, sie so wiederzuerschaffen …“
„Ich habe dir schon immer gesagt, dass du unsere Kleine unterschätzt, Aline.“
„Die Gestral-Strände sind beliebt.“
„Das kann ich mir vorstellen.“
„Viele versuchen sich an den Prüfungen, aber nur wenige schaffen es, sie zu bestehen.“
„Hast du sie je geschafft?“
„Nur die erste,“ Maëlle lachte.
„Und alle lieben das Gestral-Dorf – schon wegen der kuriosen Dinge, die es dort zu kaufen gibt.
Was meint ihr, wie viele ich schon in diesen klobigen Kostümen gesehen habe!“
„Esquies Höhle ist der Lieblingsspielplatz der Kinder. Ich habe eine Kopie von Esquie erschaffen, die dort lebt.“
„Ist François noch da?“
„Natürlich! Und er würde sich sehr freuen, dich zu sehen.“
Als sie das Haus verließen, um in die Stadt zu gehen, passierte Aline Versos Grab zum ersten Mal, ohne zu weinen.
ACHTUNG SPOILER! Wer das Spiel noch nicht kennt, sollte nicht weiterlesen!
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Expedition 32 - Was bisher geschah
Ein Jahr nach dem Maelle-Ende
Kap.1: Lune erhält von einer geheimnisvollen „Expedition 32“ die Einladung, ein Konzert im Theater von Old-Lumiere zu geben.
Kap.2: Lune und ihr Hund Alan treffen Esquie.
Kap.3: Auch Maelle und Verso erhalten eine Einladung.
Kap.4: Lune freut sich über die vielen Veränderungen im letzten Jahr.
Kap.5: Nach dem Konzert wird die Gruppe angegriffen und findet bei den Angreifern Zettel mit dem Signum „32“.
Kap.6: Vor dem Theater gibt es einen grausamen Fund.
Kap.7: Im Monolithen wird eine Gruppe toter Fanatiker gefunden.
Kap.8: Lune und Verso kommen sich näher.
Alle Teile findet Ihr auch auf Ao3
Kapitel 9 – Küsse, Schwüre und ein Schnupfen
(da NSFW und Mature mache ich den Cut gleich hier ;))
Lune räkelte sich glücklich. Sie genoss die feuchte Wärme zwischen sich und Verso, drehte sich um, damit sie ihn ganz spüren und umfassen konnte. Sie küsste seinen Hals und sog seinen Duft ein.
Als er ihr Gesicht streichelte, nahm sie seine Hand, massierte sie, wobei er die Augen schloss und wohlig summte. Sie nahm einen Finger zwischen ihre Lippen. „Uh, salzig.“
„Was hast du erwartet?“
Grinsend zog er sie an sich, um auch ihren Hals zu küssen und ihren Duft einzuatmen.
Sie seufzte tief. Sie streichelten, massierten und küssten sich, bis ein weiterer Moment der Ekstase zwischen ihnen entstand.
„Das war wohl der vierte in dieser Nacht, oder?“, fragte Lune lächelnd.
„Weiß nicht, könnte auch der fünfte gewesen sein.“ Verso strich ihr eine lose Haarsträhne sanft aus dem Gesicht.
Erschöpft und schwindelig vor Glück legte sich Lune auf Verso. „Wenn wir so weitermachen, wachsen wir noch zusammen.“ Sie küsste die kleine Kerbe auf seiner Nasenspitze.
„Hm… Ich hätte nichts dagegen.“ Auch Verso konnte nicht aufhören zu lächeln. Er zog Lune eng an sich und biss sanft in ihren Hals.
„Uhh – ein Vampir bist du auch noch?“
„Ja… aber ich will nur dich, deinen Körper, deine Wärme, deinen Duft und den Geschmack deiner Haut. Nur noch dich – für den Rest meiner Welt.“
„Hmmm.“ Lune zeigte ihr spöttisches Lächeln. „Dann zieh dich warm an, alter Mann, denn ich habe noch einiges mit dir vor.“
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Verso lachte und kitzelte sie am Hals, worauf ein kleiner Kitzel-Kuss- und Kissenkampf zwischen ihnen entstand, bis sie sich vor lauter Magenknurren endlich entschieden, aufzustehen.
Maelle war mit Hilfe von Gustave und seinen Lehrlingen dabei, das alte Atelier, das dem ihres Vaters nachempfunden war, in ihr eigenes umzubauen. Natürlich hätte sie allein ihre Kräfte dafür nutzen können – doch sie übernahm mit Freude Gustaves Hinweise, wie Licht und Luft im Atelier am besten wirken würden.
Dann stellte sie eine große, magische Leinwand auf und begann mit dem Werk, das sie Lune versprochen hatte: ein Bild des „echten Paris“, wie sie es in ihrer Alicia-Kindheit erlebt hatte – mit all seiner Schönheit, Lebendigkeit, der Luft über der Seine, den Brücken, den Cafés…
Sie setzte die ersten Pinselstriche.
„Ich kann es kaum erwarten!“ Lune drückte ihre Finger zusammen und hüpfte auf dem Boden, als wäre sie ein Kleinkind – ihre Augen voller Begeisterung. „Am liebsten würde ich sofort hineinspringen. Ja, ich weiß, das Bild kann noch Jahre dauern, aber…“
Maelle drehte sich lächelnd zu ihr um. „Ich könnte für dich eine kleine Skizze machen, in der du dich schon umschauen kannst. Wie diese kleinen Musikhöhlen, die wir in einigen Ecken der Welt gefunden hatten – erinnerst du dich?“
„Geht das?“ Lunes Stimme überschlug sich, ihr Herz schlug höher vor Freude.
Verso stand skeptisch daneben.
In einem Moment, als sie allein im Atelier waren, legte er seine Hand auf Maelles Schulter. „Alicia… Maelle… bitte – verspreche mir… SCHWÖRE mir – dass du keine Kopie von mir in diesem Bild erschaffst.“ Verso schaute seine Schwester so eindringlich an, dass es selbst im Halbdunkel unübersehbar war.
„Das hatte ich nie vor und werde es auch niemals tun, Verso.“ Sie nahm seine Hand. „Das schwöre ich dir!“
Er war nicht sicher, ob er ihr das glauben konnte. Der Gedanke an ein solches Bild im Bild hinterließ ein unangenehmes Brennen in seinem Magen, das er vergeblich durch Schlucken zu löschen versuchte.
Ein Knoten legte sich in Versos Brust, als würde die Erinnerung ihn verschlingen. Er atmete tief. Seine Finger zuckten unruhig, suchten Halt. Für einen Moment schien der Raum enger zu werden, ein Käfig aus Atemnot und Stille.
„Ich – will dir glauben.“ Er blieb noch eine ganze Weile im dunklen Atelier, während Maelle die Pinsel säuberte und ihre Sachen ordnete. Sein Blick glitt ein letztes Mal über die magische Leinwand, ehe sich die Tür hinter ihnen beiden leise schloss.
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Zum Abschluss der Woche spielten Lune und Verso das erste Konzert, bei dem deutlich zu sehen war, dass sie sich nähergekommen waren. Den Abschluss bildete ein Liebeslied, das sie gemeinsam geschrieben hatten. Sie ernteten tosenden Applaus.
Auf dem Rückweg gingen sie Arm in Arm durch die laue Nacht zurück zu Lunes Wohnung.
„Übrigens – ich schulde dem Kleider-Grandis noch Geld… für den Mantel, den ich in Alt-Lumiere getragen hatte.“
„Oh… der sah grandios aus – wie für dich geschaffen,“ Verso zog sie an sich und küsste ihre Wange.
Lune küsste ihn glücklich zurück. „Ich könnte allein rüberfahren, aber…“
„Nächste Woche habe ich drei Tage frei.“ Er zwinkerte ihr zu.
Sie nahmen die Fähre zum Gestral-Strand, weil es von da aus ein zwar längerer, aber wunderschöner Weg zu Monocos Höhle war.
Die Luft war klar, der Himmel eisblau. Hier war es deutlich kühler als in Lumiere; und es wurde Stück für Stück kälter, je näher sie dem Schneegebiet kamen. Lune hatte wieder ihren Mantel an – dunkelrot wie Versos Lieblingswein – und sah umwerfend darin aus.
Sie gingen Hand in Hand. Manchmal drückten sie fest, manchmal umspielten sich nur ihre Finger. Manchmal umarmten sie sich, dann entfernten sie sich voneinander, die Spitzen ihrer Finger immer noch zusammen, damit Alan stolz zwischen ihnen marschieren konnte.
Als sie an dem Hügel vorbeikamen, auf dem Verso Julies Tagebuch gefunden hatte, schluckte er, und sein Blick verfinsterte sich. Hier würde er wohl nie leichtfüßig vorbeigehen können. Aber Lunes Liebe und gute Laune machten es ihm leichter, sich wieder abzuwenden und ihr zu folgen.
Als sie in der Höhle ankamen, schaute sich Lune genauso verwundert lächelnd um wie beim ersten Mal: das glitzernde Eis, ein groteskes Gerüst aus Eisenbahnwaggons, das sich über ihren Köpfen spannte… Weil sie schweben konnte, spürte sie die Kälte des Bodens nur flüchtig und bemerkte auch nicht, wie glatt er war.
Jeden Moment rechnete sie damit, dass Monoco – der schrullige Fell-Gestral – ihnen entgegengesprungen kam wie damals.
Stattdessen standen die gutmütigen Grandis an ihren Plätzen; unterhielten sich, bauten, saßen an Feuern oder an ihren Marktständen.
Der Kleidergrandis war durch seinen aufwendig gestalteten roten Hut durch die ganze Höhle zu sehen. Lune ging direkt auf ihn zu, zahlte ihm die Restsumme und ein dickes Trinkgeld obendrauf. „Vielen Dank, die Lady,“ er verneigte sich tief. „Ich kann nur sagen, der Mantel steht Ihnen vorzüglich! Möchten Sie sich vielleicht noch nach einem hübschen Kleid umschauen?“
„Nein,“ lachte sie. „Aber der gute Verso könnte vielleicht eine Felljacke gebrauchen. Er wirkt… ein bisschen dünn angezogen für eine Schneehöhle.“
Der Kleidergrandis schaute Verso von oben bis unten an – schicke Frisur, hübsches Gesicht, vorzügliche Figur, aber tatsächlich nur eine einfache Hose und ein lockeres Hemd. „Tja, das wäre wohl angebracht,“ er kratzte das Fell unter seinem Hut. „Leider führe ich nur Damenkleidung. Wenn Sie daran Interesse hätten?“
Verso lachte. „Lass gut sein, Kumpel. Ich war schon immer hart im Nehmen.“
„Hast du noch Lust auf einen kleinen Ausflug?“ Verso drückte Lunes Hand, seine Augen sprühten vor Freude. „Ich würde dir gern zeigen, wo ich früher immer Ski gefahren bin… Das ist gleich hier um die Ecke; und ich bin mir sicher, dass man sich die Skier dort auch leihen kann. Ich könnte es dir beibringen.“
„Bist du verrückt?“ Aber Lune lachte mehr, als sich aufzuregen. „Verso, mon amour, deine Lippen sind blau und deine Hände eiskalt, du willst doch nicht erfrieren.“
Verso nahm sie in seine Arme und küsste sie. Sein Kuss traf sie wie ein Frostzauber.
„Wie sollte ich denn an der Seite einer so heißen Frau erfrieren?“ flüsterte er ihr ins Ohr.
Lune schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist, aber… ich bin neugierig.“
Es gab tatsächlich Skier zu leihen.
Lune lachte, als ihr bei den ersten Versuchen die Skier immer wieder auseinanderglitten und sie unsanft auf dem Hintern landete. Verso half ihr jedes Mal auf und ermutigte sie, weiterzumachen, bis ihr eine kleine Fahrt an seiner Hand gelang.
Er zeigte ihr stolz sein eigenes Können – kleine Kunststücke, schnelle Abfahrten.
Doch Lune bemerkte, dass er mehr und mehr fror. Gegen Abend hustete er leicht.
Sie umarmte ihn. „Komm – lass uns in das Gasthaus in Alt-Lumiere gehen.“
Er nickte bloß und folgte ihr. Er zitterte, ihm fielen die Augen zu; und einmal nieste er auf dem Weg.
In der Stadt war es zwar wärmer, doch Verso hörte nicht auf zu zittern.
Sie fanden ein Zimmer im Gasthaus, und Lune gab ihm ihren warmen Mantel zusätzlich zu der dünnen Decke.
Sie hockte sich zu ihm und streichelte sein Gesicht. Vor allem seine Nase war immer noch eiskalt. „Warte, ich hole dir Suppe und Tee.“
Er nickte nur.
Als Verso am nächsten Morgen aufwachte, schmerzte sein Kopf, als hätte er am Abend ein ganzes Fass Wein getrunken. Auch seine Arme und Beine taten ihm weh, und er fror.
Ein unangenehmes Kitzeln in seiner Nase ließ ihn aufsitzen. „Haptschi!“ nieste er kräftig in sein Hemd und schniefte. Er griff sich an den Hals, denn der tat beim Schlucken noch mehr weh als alles andere, und er stieß einen Zischlaut aus, der den Schmerz verriet.
Lune war neben ihm wach geworden und hatte sich aufgesetzt. „Oje, mon amour!“ Sie strich ihm die Haare von der Stirn. „Weißt du, was eine Erkältung ist?“
Verso nickte.
„Hattest du jemals eine?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nun, herzlichen Glückwunsch!“ Lune konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, während sie weiter zärtlich sein Gesicht streichelte. „Dann ist das wohl die erste in deinen hundert Jahren.“
„Siebenundneunzig!“ wollte er sagen, aber es kam nur ein Krächzen heraus und er musste noch einmal niesen.
„Komm her, Süßer.“ Lune legte Versos Kopf auf ihre Knie, streichelte ihn und gab ihm ihr Taschentuch. „Ich hole dir noch einen Tee und schaue, ob ich dir wärmere Kleidung kaufen kann, d’accord?“
Sie legte ihn sanft zurück aufs Kopfkissen und verließ das Zimmer schneller, als er widersprechen konnte.
Für einen Moment blieb er reglos liegen, dann huschte trotz des Kratzens im Hals ein schwaches Lächeln über sein Gesicht.
Die erste Serie seit langer Zeit, die ich gesuchtet habe.
Bzw. gern gesuchtet hätte, denn ich musste ja immer eine Woche warten.
Aber jetzt ist die erste Staffel schon nach 8 Folgen vorbei. 😭
Es wird zwar über eine zweite Steffel geredet, ist aber bisher alles eher Spekulation, denn die Steven King Geschichte, auf der die Serie beruht, ist zu Ende erzählt.
Was soll’s – nun muss ich warten. 😒
(Genau wie auf ein anderes gutes Game nach „Clair Obscur“)
Expedition 32
Fanfiction zu Clair Obscur: Expedition 33
ACHTUNG SPOILER! Wer das Spiel noch nicht kennt, sollte nicht weiterlesen!
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Expedition 32 - Was bisher geschah
Kap.1: Ein Jahr nach dem Maelle-Ende erhält Lune von einer geheimnisvollen „Expedition 32“ die Einladung, ein Konzert im Theater von Old-Lumiere zu geben.
Kap.2: Lune und ihr Hund Alan treffen Esquie.
Kap.3: Auch Maelle und Verso erhalten eine Einladung.
Kap.4: Lune freut sich über die vielen Veränderungen im letzten Jahr.
Kap.5: Nach dem Konzert wird die Gruppe angegriffen und findet bei den Angreifern Zettel mit dem Signum „32“.
Kap.6: Vor dem Theater gibt es einen grausamen Fund.
Kap.7: Im Monolithen wird eine Gruppe toter Fanatiker gefunden.
Alle Teile findet Ihr auch auf Ao3
Kapitel 8 – Neue Wege
Eine Hand griff nach einem feuchten Papier, das an einer Straßen-Mülltonne klebte: „32 … Theaterplatz“
„Sie konnte die Toten in Blüten verwandeln.“
„Ist nicht wahr.“ Emile schaute ungläubig über ihr Weinglas.
„Frag Ferdinand, er war auch dabei!“
„Eine neue Paintress?“ fragte ein Mann mit deutlich geröteten Augen an der Bar.
Gerüchte verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. –
„War sie schuld am Theater-Massaker?“
„Aber dann wären sie doch gleich in Blüten zerfallen?“
„Auch in der Nähe des Hafens wurden Blütenblätter gefunden.“
Der Kurier war in den nächsten Tagen überschwemmt mit Artikeln, Fotos und Kommentaren zu dem Thema. Die Zeitungen erreichten auch Lumiere.
Die Vorfälle brachten die Stadträte von Lumiere und Old-Lumiere dazu, eine Polizei zu gründen. Bisher hatten Stadtwachen gereicht – aber bisher gab es auch nie Ereignisse wie diese.
„Vielleicht lag das an der Gommage.“ Lune schaute nachdenklich. Sie spürte die fragenden Blicke von Gustave und Maelle auf sich. Aber Emma schaute sie an, als würde sie gerade erwachen. „Das könnte es durchaus sein, Lune.“
„Die Gommage war ein Schicksal, das jeden ereilen würde. Jeder hatte Angst, jedes Kind verlor seine Eltern. Die Menschen hielten zusammen. Es gab einen gemeinsamen, geheimnisvollen Feind.“
„Ich hoffe, du willst damit nicht sagen…“ Gustave lachte.
Lune antwortete mit spöttischem Lächeln. „Sicher, es wäre viel besser, wenn die Paintress noch da wäre. Dann wäre ich letzte Woche gestorben, und du wärst mich los… Aber halt! Du wärst ja auch gestorben, Gustave.“ – „Schon wieder… meine ich.“
Lune wurde rot. Schon wieder war ihre Zunge schneller gewesen als ihr Taktgefühl. Aber Gustave lachte – und schließlich auch alle anderen am Tisch.
Sie stießen mit Wein an.
Verso beschleunigte seine Schritte auf dem Weg nach Hause.
„Warte,“ rief Lune leise und lief hinterher.
Tatsächlich wurde er diesmal langsamer und schaute sich um.
„Wollen wir noch ein bisschen…“ Lune räusperte sich. „Ich meine… den Botanischen Garten…“
„Du sprichst wie Gustave,“ ein amüsiertes Lächeln.
Lune errötete. „Ich würde nur gern noch ein paar Worte mit dir wechseln – und der Botanische Garten ist um diese Zeit leer.“
Sie gingen nebeneinander durch das hohe Tor, wo die Gaslaternen blasse Lichtkegel über die Wege warfen. Der Duft von Erde und verblühten Rosen hing in der Abendluft.
Sie setzten sich auf eine der Bänke. Lune wackelte langsam mit den Beinen, den Blick auf ihre Knie gerichtet, die Hände fest im Schoß verschränkt.
„Ich… wollte mich noch einmal entschuldigen.“
„Nein,“ unterbrach Verso sie und schaute sie ernst an. „Du kannst mich nicht um Verzeihung bitten für etwas, das du nicht verstehst."
Lune schaute auf. Es bildete sich jene Falte über ihrer Nase, die zugleich fragend und wütend aussah. „Was meinst du, das ich nicht verstehe?“
„Ich habe es schon erklärt.“ Er senkte den Blick. Seine Finger waren unruhig, als würden sie nach unsichtbaren Tasten suchen. „Ihr versteht es nicht. Weder meine Schwester, noch einer von euch. Oder jemand von der Straße.“
„Also… dein Alter?“
„Ja. Aber… nicht nur das,“ Er traf ihren fragenden Blick und schluckte.
„Okay, dann… erkläre es mir.“ Ihr Gesicht änderte sich zu einem spöttischen Lächeln.
Verso lachte leise und schüttelte seinen Kopf. „Was habe ich mir da nur wieder eingehandelt.“
Die Restaurationsarbeiten am Haus der alten Boulangerie waren fast abgeschlossen. Verso war dabei so oft er konnte. Denn er wollte in sein altes Zuhause zurück – raus aus dem Herrenhaus, das jetzt Galerie und Stadtmuseum war. Er brauchte seine Ruhe, seinen Freiraum.
Aus dem noch hohlen Fensterloch schaute Verso aufs Meer und dann auf das Nachbarhaus, in dem Lunes kleine Wohnung war. „Nur einen Steinwurf entfernt,“ dachte er. Als sich hinter Lunes Fenstern etwas zu bewegen schien, erschrak Verso über seine eigenen Gedanken und trat einen Schritt zurück – gegen einen Betoneimer. „Pass doch auf, Alter!“ rief einer von Gustaves Lehrlingen. Er war vielleicht vierzehn, und Verso lachte. Diese „Beleidigung“ passte auf niemanden in dieser Welt so gut wie auf ihn.
Abends kreuzten sich ihre Wege wie zufällig am roten Baum.
Lune lächelte. „Du bist mir noch eine Erklärung schuldig.“
Versos Blick verfinsterte sich, er wandte sich ab.
„Du kannst nicht immer weglaufen, Verso,“ sagte sie leise und trat einen Schritt näher.
„Du weißt nicht… Du kannst das nicht verstehen, wie es ist, über hundert Jahre alt zu sein.“
Lune ging noch einen Schritt auf ihn zu, schaute ihn direkt an. „Nein, aber das würde ich gern. Es wäre ein Traum für mich, das zu erleben.“
„Ich habe so viele Menschen verloren – im Laufe der vielen Jahre.“
Lune nahm seine Hand. „Ich auch. Unser ganzes Leben war mit Trauer und Verlust gefüllt… Großeltern, Eltern, Freunde, Geschwister… Geliebte.“
Verso schaute auf. „Du weißt von Julie.“
Lune ließ seine Hand wieder los, blickte zornig, lief hin und her.
„Julie… Julie… Julie… fängst du damit wieder an? Wie lange ist das her?“
„68 Jahre, aber…“
„Du kommst von ihr nicht los?“ Lune trat nah an Verso heran, schaute in seine traurigen, abwesenden Augen. „Verso… wie sehr kann sie dich geliebt haben, wenn sie bei der ersten merkwürdigen Begebenheit sofort Abstand von dir nahm? Ich… hätte dich mit Fragen gelöchert.“
Verso lachte leise auf. „Das hättest du.“
„Eben – das hätte ich getan. Aber sie, Julie? Sie hat sich von dir abgewandt – ihren Freunden gesagt, dass sie dich entführen und foltern sollten.“
Nun nahm sie beide Hände von ihm sanft in die ihren. „Verso – wenn sie das getan hat – wie groß kann ihre Liebe zu dir gewesen sein?“
„Aber ich… bin nur die Kopie eines toten Mannes.“
„Und ich bin nur eine von deiner Mutter erdachte und erschaffene Figur… Aber ich lebe, habe Gefühle, Gedanken… Ich kann glücklich sein, traurig, kann lieben und hassen, kann Schmerz empfinden und sterben – nicht nur durch die Gommage. Verso – wir sind hier, du und ich. Unsere Gespräche während der Expedition. Unsere… Küsse… War das alles nur Lüge von dir? War das nicht… echt?“
Verso schaute sie an. Er öffnete den Mund, aber wusste nicht, was er antworten sollte. So leckte er nur seine Lippen.
„Weißt du…“ Lune schaute auf ihre Füße, ihre Stimme fing an zu zittern. „Ich war einige Zeit in Gustave... Er hatte sich von Sophie getrennt, vier Jahre, und ich hatte gehofft... Als sie den Tag ihrer Gommage hatte, merkte ich… Ich sah, wie sehr Gustave immer noch…“
Tränen kamen, die sie eilig vom Gesicht wischte. Sie schniefte leise und schaute wieder auf. „Es brach mir das Herz, als ich ihn… zwischen all den Toten, und er wollte sich aufgeben.“ Ihre Tränen flossen nun so schnell, dass sie es nicht mehr schaffte, sie zu stoppen.
„Shhh,“ Verso nahm sie zärtlich in seine Arme. „Komm her.“ Er führte sie zu einer Bank, setzte sich mit ihr hin. „Du hast Gustave geliebt.“
Lune fand ein Taschentuch in ihrem Rock, um sich die Tränen zu trocknen. Sie schüttelte den Kopf. „Ich war in ihn verliebt, ja. Aber er… und dann starb er.“ Lune lehnte sich weinend an Versos Schulter. Er trug nur ein einfaches Hemd und spürte ihre warmen Tränen. Zögernd legte er seine Hand auf ihr Haar, begann, sie zu streicheln.
„Er war tot, wie...“ Lune schniefte leise und löste sich von Versos Schulter, um noch einmal ihre Tränen zu trocknen. „Ich weiß es, Verso… Ich weiß, wie sich das anfühlt.“
Der Mond legte den Platz in ein schummriges Licht – die große, goldblaue Kugel im schwarzen, von roten Nuancen durchzogenen Himmel. Blinkende Sterne formten eine Hülle um ihre Welt.
Lune spürte Versos Arm um ihre Schultern. Seine Nähe ließ ihr Herz laut schlagen.
„Als ich dich dann... es war viel zu früh. Es hätte mir nicht passieren dürfen. Bestimmt war es... es ging um Leben und Tod und... Und auch für dich... ja, sie ist nicht mehr da. Aber du bist es noch.“ Ihre Stimme verhedderte sich, erneut strichen ihre zitternden Hände über ihr Gesicht, bis sie ihn vorsichtig ansah mit ihren von Tränen geröteten Augen.
„Schau dich um, Verso. Ich bin hier. Und... und... so viele andere junge Frauen, die klug sind und schön. Jünger als ich, und...“
Verso lächelte sie an. Er hob ihr Kinn mit seinem Finger, streichelte ihre Wange mit seinen Augen. Und dann küsste er sie.“
Das Gefühl durchströmte ihren gesamten Körper in einer Weise, die sie noch nie zuvor erlebt hatte. Wieder kamen Tränen, diesmal der Freude und der Liebe. Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und vertiefte den Kuss. Wenn es nach ihr ging, hätte dieser Moment für immer dauern können.
Expedition 32
Fanfiction zu Clair Obscur: Expedition 33
ACHTUNG SPOILER! Wer das Spiel noch nicht kennt, sollte hier nicht weiterlesen - auch die Beschreibung nicht!
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Wie könnte es nach Maelles Ende weitergehen?
Diese Frage beschäftigt mich und meine Phantasie.
Ich bevorzuge dieses Ende, denn die meisten meiner über das Spiel liebgewonnenen Begleiter bleiben am Leben; und die Aufgabe, mit der die Expedition gestartet war, wurde erfüllt.
Alle Teile findet Ihr auch auf Ao3
Kapitel 6: Das Theater
Lune dröhnte der Kopf nach der durchwachten Nacht. Neben ihr gähnte Gustave in seinen Arm und kämpfte vergeblich gegen die Schwere seiner Lider.
Sciel kam als Erste die Treppe herunter. „Guten Morgen“, rief sie und legte den beiden Nachtwächtern die Arme um die Schultern.
„Ihr könnt euch hinlegen. Ich habe mit dem Wirt gesprochen.“
Lune hob ihren schweren Kopf in Sciels Richtung und blinzelte sie an. „Du bist die Größte“, murmelte sie. Während die beiden sich zurückzogen, kamen nach und nach die anderen herunter.
„Maëlle und ich werden die Stadt absuchen.“ Verso stellte Kaffee auf den Tisch und holte Baguettes zum Frühstück.
„Ich bleibe lieber hier.“ Sciel lächelte Pierre an, der die schlafende Zoé im Arm hielt.
Plötzlich sprang Alan, der die ganze Nacht unter Lunes Tisch geschlafen hatte, auf und bellte die Tür an, während sein Schwanz aufgeregt wedelte. Kurz darauf öffnete sich diese – und Monoco trat ein. Er musste den Kopf einziehen, um durch den Rahmen zu passen.
„Hallo, die Herrschaften!“ rief er und plumpste auf einen Hocker. Alan umkreiste ihn begeistert und schnupperte an seinen Pfoten.
„Es tut mir leid, dass ich nicht rechtzeitig hier sein konnte und euer Konzert verpasst habe.“ Er nickte in Versos Richtung.
„Du hast noch weit mehr verpasst“, entgegnete dieser düster.
Feucht-kalter Nebel lag über der Stadt. Verso rieb sich die Hände, Maëlle schlug den Kragen ihres Mantels hoch.
Wie abgesprochen, teilten sie sich auf: Sie durchstreiften die Gassen, während Monoco und Alan das Hafenviertel absuchten. In Hauseingängen und an Brückenpfeilern fanden sie weitere Papiere der „Expedition 32“ – alle mit demselben Siegel versehen; die Nachrichten waren ebenso knappgehalten. Einen neuen Überfall gab es nicht.
Als sie sich schließlich am alten Theater wiedertrafen, drängte sich dort eine große Menschenmenge. Es war unruhig. Man hörte Weinen und verzweifelte Rufe.
„Was ist hier passiert?“ fragte Maëlle, während sie sich langsam näherten.
Monoco konnte es seiner Größe wegen zuerst erkennen. „Bei allen Gestrals!“, rief er, und sein Blick blieb entsetzt auf dem Geschehen haften.
Alan bellte schrill und drängte sich durch die Beine der Zuschauer.
Verso setzte seinen finsteren Blick auf – die Menschen wichen zurück, so dass er sich und Maëlle einen Weg bahnen konnte.
Vor dem Theater türmte sich ein Hügel aus Leichen. Es roch nach Blut und Angstschweiß. Aufgeschlitzte Kehlen, durchbohrte Rücken und Leiber; reglose, blasse Gesichter. Einige der Opfer kannte er. Sie gehörten zu den Zweiunddreißigern – jenen, die in diesem Jahr bei der Gommage gestorben wären. Und gestern… wäre der Tag der Gommage gewesen. In starren Händen hielten sie Einladungskarten, identisch mit jenen, die auch die Gruppe erhalten hatte.
Henri, der Theaterdirektor, stand im Eingang, die Hand entsetzt vor den Mund geschlagen.
„Geht“, sagte Verso leise zur Menge. Die Schärfe seiner Stimme ließ die ersten zurückweichen.
Monoco hob die Arme, der Stab in seiner Hand wirkte riesig. „Alle, die hier keine Angehörigen unter den Opfern haben, mögen jetzt bitte zurücktreten!“ Er sprach höflich, doch seine imposante Größe überzeugte genug. Der Vorplatz leerte sich.
„Ich hole Lune“, sagte Verso und eilte davon.
Monoco lief los, um die Krankenstation zu informieren; und Alan bellte stolz, weil er nun Wächter des Geschehens war.
Maëlle kniete sich neben die Körper, über denen einige Kinder herzzerreißend weinten. Sie zog Reanimationstränke aus ihrer Tasche, deren Inhalt im Licht schimmerte.
„Ich schau mal, ob deine Mama nur krank ist, ja?“ flüsterte sie einem Kind zu und ließ ein paar Tropfen der Flüssigkeit über die Lippen einer Frau laufen.
Langsam öffnete diese die Augen. Das Kind warf sich ihr mit glücklichen Tränen in die Arme.
Maëlle probierte es bei anderen – besonders bei jenen, deren Kinder neben ihnen schluchzten. Manchmal wirkte es, manchmal nicht.
Lune folgte Verso frierend durch die Straßen. Ihr Magen krampfte, ihr Kopf schmerzte heftig. Die Zunge fühlte sich pelzig an; sie sehnte sich nach Wasser oder einer Tasse Kaffee, und die Übelkeit drohte sie zu überwältigen. Doch nachdem sie von Verso erfahren hatte, was geschehen war, konnte sie nicht länger im Bett bleiben.
Am Theater angekommen, hockte sie sich zu Maëlle und setzte ihre Magie ein – entschlossen, so viele Menschen wie möglich zu retten.
Monoco kam mit einem Arzt, Krankenschwestern und Trägern zurück. Schwer Verletzte brachten sie ins Spital; anderen konnten sie nur noch die Augen schließen und sie mit Tüchern bedecken. Angehörige der Überlebenden suchten Maëlle und Lune mit dankbaren Blicken, manche flüsterten ein leises „merci“.
Erschöpft sanken die beiden zu Boden. Maëlles Hände zitterten, eine einzelne Träne rann über ihr Gesicht. Lune wischte sie fort und umschloss ihre Hände fest mit ihren warmen Fingern.
„Wollen wir gehen?“, flüsterte sie. Maëlle nickte.
Verso trat zu Henri, um mehr von ihm zu erfahren.
„Ehrlich… ich wusste von nichts.“ Henris Stimme zitterte.
Verso führte den jungen Mann zu einem Stuhl und setzte sich neben ihn. Er fragte nicht weiter, sondern schaute ihn nur ruhig an.
„Es war… es hörte sich so gut an“, stammelte der Direktor. „Sie zahlten viel Geld, erzählten von ihrem Plan… berühmte Künstler in die alte Stadt zu bringen, damit…“
„Wer waren sie? Kanntest du sie?“
„Nein.“ Henri schüttelte den Kopf. „Aber sie wirkten sehr freundlich – ein Mann, eine Frau. Sie sagten, sie würden die Einladungen verteilen.“
„Kannst du die beiden beschreiben?“
Verso erhob sich und ging zurück zum Eingang. „Maëlle?“ – doch sie war schon fort.
Seufzend griff er zu Stift und Papier. Seine Mutter hatte ihm das Malen beigebracht – hoffentlich würde es diesmal genügen.
Expedition 32
Fanfiction zu Clair Obscur: Expedition 33
ACHTUNG SPOILER! Wer das Spiel noch nicht kennt, sollte hier nicht weiterlesen - auch die Beschreibung nicht!
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Wie könnte es nach Maelles Ende weitergehen?
Diese Frage beschäftigt mich und meine Phantasie.
Ich bevorzuge dieses Ende, denn die meisten meiner über das Spiel liebgewonnenen Begleiter bleiben am Leben; und die Aufgabe, mit der die Expedition gestartet war, wurde erfüllt.
Alle Teile findet Ihr auch auf Ao3
Kapitel 2: Die Überfahrt
„Alan, komm jetzt endlich!“ Lune zog ihren Hund an der Leine durch die Straßen. Er ließ sich nicht davon abbringen, an jedem Lampenpfahl und jeder Mülltonne zu schnuppern.
„Ich muss mich irgendwann um seine Erziehung kümmern.“ Lune schaute zwischen Missgunst und Schuld auf das schwarz-weiße Bündel undefinierbarer Rasse, das sie eines Tages am Markt gefunden hatte. Blutende Augen, zerrissenes Ohr. Er kam ihr ungefragt hinterher, sie ließ es zu.
Endlich war der Hafen in Sicht. Mit „Papa va t‘en“ in großen Lettern auf der Front war der Monolith zu einem beliebten Fotomotiv geworden. Lune blieb einen Moment lächelnd stehen.
Esquie war die beliebteste Fähre über das erste Meer. Die Tickets waren über Monate hin ausgebucht. Aber für seine engen Freunde hatte er immer einen Platz. „Lune! Mon amie!“ Seine Flügel flatterten vor Begeisterung.
Er hatte wieder einmal Soarrie verloren und konnte nicht mehr fliegen. Aber schwimmen konnte er. „Und tauchen!“ wie er immer wieder betonte. Das beunruhigte die meisten Fahrgäste allerdings.
Die Kinder neckten ihn gern. „Esquie: Warum heißt es Erstes, Zweites und Drittes Meer?“
„Erstes heißt eins, Zweites heißt zwei und Drittes heißt drei,“ antworteten sie im Chor mit ihm, bevor sie lachten.
Esquie machte es nichts aus, dass die Schiffsmeister eine Reling auf seinen Rücken gebaut hatten. Eine alte Frau hielt sich daran fest und schaute in eine undefinierbare Richtung. Alan hatte sich neben sie gesetzt und schaute hinterher.
„Lune – spielst du eigentlich noch Gitarre?“ fragte Esquie.
„Ja“
„Ich mochte es immer, wenn du Gitarre gespielt hast. Und Verso dann Klavier. Das war schön.“
Esquie summte eine vertraute Melodie. Lune dachte daran, wie er im Camp dazu getanzt hatte, während das lila überwucherte Ufer immer näherkam.
Erinnerung kratzte im Herz und ließ sie schlucken. Sie war damals schuld. Das glaubte sie immer noch.
Ein tiefer Atemzug, als die Esquie-Fähre anlegte. Auch hier standen viele begeisterte Fahrgäste, die seine Ankunft bejubelten.
Lune lief so schnell wie Alan es zuließ vom Steg. Sie mochte so viele Menschen um sich herum nicht. Sie setzte sich hinter einen der feuchten Felsen und schaute aufs Meer. Aus den Augenwinkeln sah sie das Schiffswrack. Ein großes, goldenes Schild als Erinnerung davor.
Sie schluckte und legte die Stirn in die Hand. Sie sah sie alle wieder: Alan … Catherine … Lucien … Margot … Gustave. Sie blinzelte Tränen weg und schaute sich um. Es war ruhig geworden. Die meisten Menschen waren auf der Fähre zurück nach Lumiere, in der Höhle oder auf einem der Wanderwege.
„Ich muss weiter, bevor die nächste Fähre kommt.“ Alan schaute winselnd zu ihr auf und wedelte mit dem Schwanz. „Mit dir red ich nicht.“
Lune stand auf. Dort war der Wasserfall. Dort begann der Weg. Die Frühlingswiesen.
Expedition 32
Fanfiction zu Clair Obscur: Expedition 33
ACHTUNG SPOILER! Wer das Spiel noch nicht kennt, sollte hier nicht weiterlesen - auch die Beschreibung nicht!
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Wie könnte es nach Maelles Ende weitergehen?
Diese Frage beschäftigt mich und meine Phantasie.
Ich bevorzuge dieses Ende, denn die meisten meiner über das Spiel liebgewonnenen Begleiter bleiben am Leben; und die Aufgabe, mit der die Expedition gestartet war, wurde erfüllt.
Alle Teile findet Ihr auch auf Ao3
Kapitel 1 - Die Einladung
In Kapitel 1 gibt es eine Einladung. Auch an Euch: Fühlt Euch eingeladen, meine Geschichte zu lesen 📜
Sie klappte den Gitarrenkoffer noch lauter zu als sonst und ging mit noch forscheren Schritten von der Bühne. „Schade, dass hier keine Tür ist,“ dachte Lune.
Ihr Haus war gleich die Straße runter. Eine Wohnung im Dachgeschoss mit Blick das erste Meer und den krummen Turm. Koffer in die Ecke, Schuhe in die andere. Sie schmiss sich aufs Bett und schaute in die Leere.
Letztes Jahr hatte sie eine Aufgabe, ein Ziel. Ihr Leben hatte Sinn, Dreck, Gefahr und Trauer. Aber jetzt… Sie starrte auf den Lumina-Konverter in der Vitrine. Gleich daneben die Ehrenurkunde für den erfolgreichen Abschluss…
„Bla, bla, bla,“ rief Lune laut und warf ein Kleidungsstück nach dem anderen auf den Boden, bis sie nackt unter der Dusche stand und weinte.
Verso schaute auf als es knallte. Er sah sie kurz, drehte dann seinen Blick auf die leeren Ränge und atmete tief durch.
Es war das, was er wollte. Das war es doch?
Als er sein Studium am Konservatorium endlich beenden konnte, hätte er die Prüfung fast verpasst.
Mit einem tiefen Seufzen setzte er sich zurück ans Klavier. Er spielte und kratzte Notizen auf Notenblätter.
Ein ganzer Stapel von ihnen lag auf seinem Tisch im Kunstmuseum, das einst ein Herrenhaus war. Seine Zimmer und das Bad waren ihm geblieben.
Eisenbahn und Spielzeug in der Truhe verstaut, sah das Schlafzimmer leer aus. Musikinstrumente und Arbeitstisch – alle im Nebenraum. Dorthin zog er sich zurück, wenn er Schritte hörte.
Der nächste Morgen. Lune hat am Abend so viel Wein getrunken, dass sie vor Kopfschmerzen kaum geradeaus schauen konnte. Ihr Mund fühlte sich pelzig an. Kurz musste sie an Esquie denken, wie er Wein auskotzte und lachte.
Mit Plüschpantoffeln und Morgenrock schlich sie runter zum Briefkasten. Irgendwann hatte es geklingelt. Sie wartete auf eine Lieferung der Boulangerie. Stattdessen – ein Brief: Einladung der Expedition 32. Sie lachte auf und überlegte kurz, ihn zu zerreißen. Doch sie nahm ihn mit, warf ihn auf den Tisch und legte sich zurück ins Bett.
Neben ihr ein Heulen – Alan. Stimmt, ihr Hund war auch noch da.
„Frühstück?“ Wie immer hatte Maelle die Tür ohne Klopfen geöffnet. Heute trug sie rote Zöpfe und Lumiere-Shirt. Verso stand wortlos auf und ging ins Bad.
Er kam in die Küche. Es war zu laut, also war er zu früh hier. Er wollte sich gerade umdrehen und zurückgehen, da…
„Wie siehst du denn aus?“ – Pierre und Sciel. Was machten die hier?
„Euch auch einen guten Morgen. Ist heute…“
„Es ist Freitag, gemeinsames Frühstück im Saal. Das hast du doch nicht vergessen, oder?“
Sciel mit ihrem Lächeln…
Er ging rüber und schluckte. Fünfzehn Leute am Tisch. Das Piano bereit. Das Spiel half, die Stimmen zu übertönen. Und wenn er die Augen schloss, fühlte er jeden Ton in den Fingern und konnte vergessen.
Irgendwann heulte Alan so laut, dass Lune sich erhob und anzog. Sie musste sich an den Schrank stützen, so schwindlig war ihr. „Ist ja gut, dann kack halt auf den Teppich,“ murmelte sie, ging aber doch mit ihm vor die Tür – nur ein paar Schritte weit und gähnend.
Einladung zu einem Konzert in Alt-Lumiere. Lune stützte das Kinn auf ihre Hand und schaute aus dem Fenster. Es gab dort kein Konzerthaus, nur ein kleines, halb-restauriertes Theater. „Vielleicht ist das genau das Richtige!“
Sie lächelte, sammelte ihre Sachen am Boden zusammen und zog sich alles noch Brauchbare an. Nach einem kurzen Blick in den Spiegel wuschelte sie ihr Haar so zurecht, dass es einigermaßen vernünftig aussah.