Nicht die Sterne
Gal Gadot, dass er nicht lache, sagte R. Gal Gadot und ihre reichen Freunde, sagte er. Dabei sei doch allgemein bekannt, dass schon John Lennon ein Arschloch gewesen sei. Imagine!, sagte R. Ein Haufen Millionäre würden von einer Welt ohne Besitz singen, und das würde alles besser machen. Habe bei John Lennon ja auch schon so gut geklappt. Für ihn selbst zumindest, sagte er. Wie könne man social distance besser zum Ausdruck bringen als ein paar Hollywoodmillionäre, die sich ihre smartphones in die Fresse hielten und ‘imagine all the people, living for today’ sängen, sagte R., und: neunzig Prozent der scheiß Weltbevölkerung würden for today liven. Amimillionäre!, sagte er. Der Virus habe innerhalb weniger Tage Millionen Amerikaner arbeitslos gemacht, die alle keine Ersparnisse hätten, keine Krankenversicherung, weil Krankenversicherung bei denen ja sowas wie Kommunismus sei, und ein paar Showmillionäre würden jetzt zu den Millionen Arbeitslosen sagen, dass sie alle für den Tag leben sollten, im Hier und Jetzt, ohne Besitz. R. war ein bisschen verrückt, aber nicht so richtig. Er war mehr das Produkt einer ganzen Reihe unangenehmer Erfahrungen, erlebt von einem viel zu sensiblen Geist, der deswegen jetzt ein wenig unruhig und nervös war. Die Psychedelika hatten da auch nicht geholfen. Nein, richtig verrückt war er nicht, nur manchmal poltern verrückte Sätze aus ihm raus: „Ich bin eben ein bisschen neurotisch, aber andere Menschen bauen Konzentrationslager.”, oder „Vergewaltiger haben mehr Sex als ich.” Er stellte Fragen, die zu beantworten, einen unbefriedigt zurück ließen: „Wenn man nur schlechte Gefühle hat, ist es dann nicht erstrebenswert ein Psychopath zu sein?” und sagte Dinge, die seltsam poetisch waren: „Wenn man nicht aufpasst, merkt man nicht, dass es einem gar nicht gefällt.” R. war immer auf der Suche nach Poesie und traurig weil es so wenig davon gebe. Wenn er Poesie entdeckte, hatte er Tränen in den Augen, weil sie ihn erlöse, von sich selbst, seiner Wut, seiner Einsamkeit und vermutlich auch von seiner etwas wahnwitzigen Ideenwelt. R. war ein Poesieradar. Je näher er ihr war, desto ruhiger wurde er. Meistens war er unruhig. Soziale Distanz!, sei ja mal ganz was neues, sagte er. Sei ja nicht so, dass diese Gesellschaft davon durchdrungen wäre, wir selbst seien davon ja durchdrungen. Natürlich sei das ein freudscher Versprecher und es sei eigentlich physische Distanz gemeint, aber der Fakt, dass allgemein von sozialer Distanz gesprochen würde, ließe doch tief in die ideologiebesoffene westliche Psyche blicken. Das sei ein Riss in der Matrix!, sagte R. Gehe es nicht in jedem zweiten Rapsong um Gucci, Louis und Colucci, um Autos, Kilos und Mios, um Statussymbole, die anzeigen würden, dass man es aus der indifferenten, ununterscheidbaren Masse heraus geschafft und sich also distanziert habe? Und in dem Ausdruck modus mio raffe sich das alles zusammen. R. sagte, eigentlich müsse man, wenn man systemimmanent bleiben wolle, eigentlich müsse man ja von Fusion sprechen, sagte R., und kicherte. Aber in modus mio schließlich raffe sich das alles genial zusammen, sagte R. Modus mio sei die ultimative ideologische Selbstbezüglichkeit, ein fraktales Artefakt, das die neoliberale Gesellschaftsartundweise widerspiegle, denn als Abkürzung für Millionen verweise mio einerseits natürlich auf das Geld, das alles durchdringe, Psychen besetze, dabei noch gar nicht richtig erforscht sei, denn niemand wisse, was das eigentlich sei, aber alle würden es wollen, also habe Simmel doch schon irgendwie Recht, dass es mit Begehren zu tun habe, also mit der Innenwelt verknüpft sei. Andererseits sei mio aber auch die italienische Version für das Possessivpronomen mein und das zeige doch wiederum dieses schwindelerregende Kreisen um das Eigene, das Ego mit all seinen Verknüpfungen in die Außenwelt, die Wiederholungen, die Neurotik, die Gewohnheit, die Depression, die Angst, die Süchte, das Alleinsein mit der Uhr, wenn man nicht gerade zusammen allein sei, sagte er. Ganz definitiv sei das Ego die wohl unterhaltsamste psychische Erkrankung, kicherte R. Er nehme sich da gar nicht aus, wie könne er, er wisse, dass er vollständig verrückt sei und er meine das gar nicht als Ausrede, um insgeheim eine psychische Stabilität zu simulieren, weil es doch hieße, dass Verrückte ihre Verrücktheit gar nicht erkennen und sich eingestehen können würden, nein er sei wirklich verrückt und alles was er wolle sei, dass die Anderen sich auch eingestehen würden, verrückt zu sein, aber die würden lieber SUVs kaufen, sagte R., oder sit ups machen, oder dergleichen. Er habe gegen soziale Distanz gar nichts einzuwenden, so sei es nicht, im Gegenteil, er wolle mit diesen oder jenen gar nichts zu tun haben, er prangere lediglich die Distanz zum Eigentlichen an, zur Realität. Wir hätten uns von der Realität distanziert, sagte R. Alles um uns herum sei so dermaßen vollgestopft mit Uneigentlichem, mit Künstlichem, dass wir nachts bei klarem Himmel nicht mal Sterne sehen können würden, was, die Sterne, das Eigentliche sei. Wir. Wir waren mal Stars, lachte R. Doch nun wären wir vollkommen entfremdet von uns selbst, glaubend, dass wir selbst wirklich etwas Besonderes wären. Es solle ein Menschenrecht auf Sterne und also damit auch auf Dunkelheit geben und dies solle verfassungsmäßig verankert sein, sagte R. Es mache ihn traurig, dass es so schwer sei, sich selbst zu sehen. Schlimm sei das. Alles in allem wäre er aber froh, dass es jetzt endlich ein Wort dafür gebe, was er die letzten Jahre, seitdem alle geheiratet und Kinder in die Welt gesetzt hätten, erlebt habe. So nenne man das also. Und R. lachte. ___ © Marcus Frost
















