Um mich vom home office abzulenken oder vielleicht doch eher, um mich von den Ablenkungen des home office abzulenken, entschied ich mich, in die Bibliothek zu gehen. Mit Horkheimer (Band fünf), Lyotards “Sprechen nach Auschwitz” und der “Minima Moralia”, an der ich mich noch mal versuchen wollte, ging ich, ganz vorfreudig auf schöne kleine Texte, wieder nach Hause, zumindest wollte ich das. Aber dann zog es mich auf eine kleine Runde Richtung Helmholtz Kiez, wo ich auf R. traf, der, ganz ungewöhnlich, auf einem Fahrrad auf mich zu rollte. R. erzählte mir folgendes.
Seit Jahren ja eigentlich seit über einer Dekade sei er auf seinen Spaziergängen durch die Nachbarschaft an der Fahrradwerkstatt in der Schliemannstraße vorbeigegangen aber reingegangen sei er nie. Er habe mal sein altes Mountainbike in der Werkstatt in der Stargarder, die an der Ecke gegenüber von den Tischtennisplatten, auf Vordermann bringen lassen, wie man sagt, sagte er. R. sagte, die haben gesagt, an der Gangschaltung können sie nichts machen, er solle vorne nur auf dem mittleren Kranz fahren, dann habe er nicht das Problem, dass die Kette immer auf dem kleinen oder großen Kranz hängen bleibe.
Das sei jetzt fünf, sechs Jahre her, sagte er, die Werkstatt in der Stargarder sei nun schon vor ein zwei Jahren einem Café gewichen, an welchem er mit seinem Fahrrad und dessen zwar talentierter aber dennoch unter ihren Möglichkeiten arbeitende Gangschaltung nicht vorbei radele, weil er lieber Spazieren gehe, sagte er. Aber immer wenn er das Café passiere, müsse er an die alte Fahrradwerkstatt denken und an die drei, vier oder fünf Gänge, die sein Fahrrad von den achtzehn Gängen hergab, und dass es doch nicht sein könne, dass diese Gangschaltung nicht zu reparieren sei, oder er müsse eben eine neue kaufen. In einem Youtubevideo habe er gesehen, wie man eine Gangschaltung in ein Fahrrad einbaut. Hundertfünfzig Euro würde eine solide Gangschaltung kosten, sagt er, aber er sei sich nicht sicher, ob er die wirklich selbst einbauen könne. Seit fünf, sechs Jahren fahre er also nur ein Bruchteil der verfügbaren achtzehn Gänge, weil die hintere Gangschaltung auch nur über drei oder vier Ritzel gehe und einfach nicht vollständig hoch- oder runterkomme.
Er habe schon daran gedacht, sich ein neues Fahrrad zu kaufen, von Null mit was Neuem und Richtigen anzufangen, noch mal neu starten, in ein neues Leben, ein neues, sportlicheres und gesünderes Fahrradleben, sagte er. Er habe gedacht er kaufe sich einfach ein neues Fahrrad und dann fahre er zur Ostsee, wenn er Urlaub habe, sagte er. Wenn er Urlaub habe, fahre er um die Ostsee herum, auf dem Ostseeradwanderweg, und wenn er kein Urlaub habe, fahre er jeden Tag mit dem neuen Fahrrad mit achtundzwanziger Felgen zur Arbeit, dann spare er auch Fahrkosten und schwuppdiwupps wären die plus minus Tausend Euro, die er für das neue Fahrrad zu investieren, bereit gewesen wäre, wieder drin. Er glaube das Nahverkehrsticket würde im Monat Achtzig Euro kosten, das seien ja auch mehr als neunhundert Euro im Jahr, dann müsse er eben jetzt jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, also mit dem neuen dann. Über fünfundzwanzig Kilometer wären das, und Regenkleidung brauche er dann auch. Aber ich solle wissen, sagte er, dass sein letzter Arbeitsplatz ziemlich genauso weit entfernt von seiner Wohnung gelegen sei wie sein jetziger, und in dem Jahr, in dem er noch die alte Arbeitsstelle gehabt habe, sei er nur drei, vier Mal mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Aber das sei ja auch sein altes Fahrrad gewesen, mit der mehr oder weniger kaputten Gangschaltung, sagte er. Zwar sei er jetzt wie so viele im home office und bräuchte gar nicht zur Arbeit fahren, aber ein neues Fahrrad würde ihn sicherlich rausziehen, raus aus der Wohnung. Und Bewegung, sagte er. Ein neues Fahrrad sei doch etwas Sinnvolles, auch für die Umwelt. Sein altes Mountainbike habe einen Alu-Rahmen, weil dieses Material leicht sei, aber sein neues Fahrrad würde noch leichter sein! Ein Trekkingrad habe er sich kaufen wollen, mit achtundzwanziger Felgen, damit kommt man schneller voran, als mit den Sechsundzwanzigern, seine Freunde mit den achtundzwanziger Trekking-Cross-Rädern seien immer schneller als er, weil er sechsundzwanziger Felgen auf seinem Mountainbike habe, aber mit Achtundzwanzigern müsse er weniger treten und dann sei das Fahrrad ja auch noch leichter, dann wäre er auch schneller auf der Arbeit, weil er weniger treten müsse, das heißt, er könne länger schlafen, obwohl er ja jetzt, dank Home Office bis kurz vor Arbeitsbeginn schlafen könne. Trotzdem, sagte er, ein richtiges Reisefahrrad wolle er haben, um mal rauszukommen, Bewegung zu haben, Sport und Gesundheit, durch die Natur um Berlin fahren. Er habe sich Youtubevideos von Radreisenden, die mit dem Fahrrad nach Asien gefahren seien, angeschaut, sagte er. Deren Räder haben aber Rahmen aus Stahl, weil die viel besser zu reparieren seien, bei einem Rahmenbruch zum Beispiel, sagte er. Das solle natürlich nicht sein, sagte er, ein Stahlrahmen mache da natürlich viel mehr Sinn, Stahl sei zwar schwerer als Alu, aber dafür sicherer, so wie eine Nabenschaltung, die habe viel geringeren Verschleiß, genauso wie ein Zahnriemen anstatt einer Kette aus Metall. Das muss alles sicher sein, aber auch reparierbar, denn wenn er dann irgendwo mal in Asien auf einer ungeteerten Straße sein Fahrrad reparieren müsse, dann müsse er das auch machen können. Also dann doch kein Kunststoffriemen und keine Nabenschaltung, denn die sei auch viel schwieriger zu reparieren, sagte er. R. sagte, ein paar Wochen sei das so in seinem Kopf herumgegangen, er habe sich überlegt, man brauche nur ein Fahrrad und dann fange das Leben an, alles könne man dann machen, man könne fahren wohin man will, zur Arbeit könne man fahren und Fahrscheingeld sparen, zur Ostsee fahren, ein Sabbatjahr machen und mit dem Fahrrad durch Europa fahren, oder er kaufe sich gleich einen Transporter, leisten könne er es sich jetzt ja. Dann könne er das Fahrrad da reinstellen und noch freier sein, und dann mit dem Fahrrad durch die Natur fahren. R. sagte, der Individualverkehr mache ja nur einen ganz geringen Prozentsatz am CO-Zwei-Ausstoß aus und er sei nie geflogen und achte auch sonst immer auf ökologisches Handeln, sodass er sich jetzt eben dafür ein Auto leisten könne, und leisten könne er es sich nun ja auch, da er ja nun nicht mehr so arm sei, wie er es als Student gewesen sei. Und den Transporter, den würde er sich zu einem Van umbauen. Um dann mobil zu sein, reiche ja auch ein Klappfahrrad, das nehme im Van dann auch nicht so viel Platz weg und schön leicht sei es auch. Wenn er einen Van habe, könne man darin ja auch schlafen und dann könne er auch Fahrgeld sparen, er könne ja direkt vor seinen Arbeitsplatz campieren, gerade im Sommer. Dann könne er im Sommer seine Wohnung untervermieten und noch mehr Geld sparen, fürs Reisen, sagte er. Es sei sicherlich angenehmer mit dem Auto als mit dem Fahrrad um die Ostsee zu fahren, und dann gleich über den Polarkreis, um endlich mal Nordlichter zu sehen. Für den Winter würde er eine Standheizung kaufen müssen, denn Kälte bekäme ihn rein gar nicht. Alles würde er selber bauen, da gebe es ja ausführliche Anleitungen im Internet, oder er kaufe sich gleich so eine fertige Camper-Box, denn wenn er es selber mache, dann müsse er ja auch Werkzeug dazu kaufen, und eigentlich brauche er das Werkzeug ja dann nur für diese eine Sache, und was solle er denn mit dem ganzen Werkzeug, wenn der Transporter zu einem Van fertig ausgebaut sei, und wohin denn mit dem Werkzeug, wenn er seine Wohnung untervermieten würde? Oder er würde den Van einfach nach eigenen Wünschen ausbauen lassen, schließlich gebe er ja nie großartig Geld aus, also könne er sich das auch mal gönnen, außerdem würde ja wieder Geld reinkommen, wenn er seine Wohnung untervermieten würde, sagte er. Dann müsse er wohl Lagerraum anmieten und seine Wohneinrichtung und sein Zeug da reinstellen, sagte er, vorher aber würde er so viel wie möglich verkaufen, um einfacher und mit weniger zu leben, minimalistisch, sagte er. Dann brauche er aber schon einen großen Transporter, in dem man auch Duschen könne. Aber damit einparken?, in Berlin?, da sei er sich allerdings nicht so sicher. Also vielleicht doch ein Minivan, oder ein Kombi, könne man sich ja auch selbst ausbauen, zum Reisen, sagte er, dann behalte er die Wohnung eben, oder er würde in eine kleinere ziehen. Um durch Asien zu fahren brauche er dann aber auch Allrad, schließlich wolle er ja nicht nur über Straßen, sondern raus in die Wildnis, da wo noch niemand war, Gobi zum Beispiel. Und er brauche ein Auto, für das es da auch Ersatzteile gebe, einen Toyota also, und einen vier mal vier Toyota könne er sich nur gebraucht leisten. Nicht mehr als hundertfünfzigtausend Kilometer sollte so eine gebrauchtes Auto auf dem Tacho haben, habe er rausbekommen, es sei denn, es handele sich um einen VW oder BMW oder Audi, die würden locker dreihunderttausend machen. Aber ein Gebrauchtes kaufen?, habe er sich gefragt, und wenn es ein Unfallwagen sei?, die Leute können einem ja sonst was erzählen!, sagte er, oder wenn er ständig mit irgendwas zur Reparatur müsse? Und dann die ganzen Kosten, Versicherung, Benzin, sagte er, wer sage ihm, dass der Benzinpreis in zwei Jahren nicht unbezahlbar würde? und das sogar auch völlig zurecht!, sagte er. Einige Wochen habe ihn das alles beschäftigt, richtig irre sei er geworden, völlig bekloppt, sagte er. Aber heute sei er in die Fahrradwerkstatt in der Schliemann gegangen, an der er schon so lange vorbeispaziert aber nie reingegangen sei, sagte er. Ein Freund habe mal direkt neben der Werkstatt gewohnt und dort auch sein Fahrrad hingebracht, das sei im Übrigen einer der Freunde gewesen, die achtundzwanziger Räder gehabt haben und schneller gewesen seien als er mit seinem sechsundzwanziger Mountainbike, und da der Freund dann nichts negatives über die Werkstatt habe verlautbaren lassen, habe er sich gedacht, dass er dort einfach mal sein Fahrrad hinbringe, weil es irgendwie kein Sinn mache, dass die Gangschaltung derart eingeschränkt und also nutzlos und deswegen eigentlich gar keine Gangschaltung sei. R. habe das Fahrrad also rein gebracht, kaum drinnen angekommen habe er dem wohl dauerrauchenden alten Herren, der im Übrigen aussehe wie bicycle repair mans Vater (er sagte “sein Vater”, gemäß den urbanen Gepflogenheiten derjenigen, die falsche Grammatik witzig finden) die Geschichte von der letzten sogenannten Reparatur erzählt und das man ihm erklärt habe, dass er eben nur mit dem mittleren Kranz fahren solle und man an der Gangschaltung nichts machen könne. R. sagte, der Alte, der zudem einen original DDR-Blaumann getragen habe, obwohl er das nicht mit Sicherheit sagen könne, zumindest habe er seit dreißig Jahren niemanden einen Blaumann tragen sehen, alle gingen ja heute mit adidas Jogginghosen auf den Bau; der Alte habe nur sowas gemurmelt wie, dass es nicht schwer sei in einen Raum ein paar alte Fahrräder und Werkzeug hinzustellen und sich dann Fahrradwerkstatt zu nennen, und als er den Satz zu Ende gesprochen habe, habe er auch schon gesagt, dass es erledigt sei, und der Alte habe dann kurz überlegt und gesagt “sagen wir fünfzehn Euro”. Das sei eben gerade gewesen, sagte R., und jetzt habe er wieder eine richtige und funktionierende Gangschaltung, und er habe gar nicht gewusst, dass die Klickgeräusche macht, wenn man hoch- und runterschalte. Fünfzehn Euro!, sagte R. Und das Fahrrad sei tippitoppi und er brauche gar kein neues. Als ob er zur Ostsee fahren würde!, sagte er. Asien!, sagte er. Das sei doch alles total verrückt! Die Leute seien doch alle bekloppt. Niemals würde er sich ein Auto holen, er würde viel lieber auf ein U-Boot sparen und das nur um mit Boomern vollbesetzte Kreuzfahrtschiffe zu versenken. Und dann radelte er davon und ich war glücklich R. zu kennen, denn er würde niemals zur Serienproduktion zugelassen werden.
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© Marcus Frost