Morgenstimmung mit Blick auf San Giorgio Maggiore
Der Himmel brennt. Nicht in einem wütenden Rot, sondern in einem sanften, fast unwirklichen Flieder und Magenta, das sich wie ein Schleier über die Lagune legt. Ich stehe auf dem breiten Steinboden des Riva, die kalten Platten unter meinen Füßen, und blicke über das Wasser. Es ist die magische Stunde der Dämmerung, in der die Welt zwischen Nacht und Tag schwebt.
Vor mir ragt eine dreiflammige, gusseiserne Laterne auf, ihr dunkles, filigranes Muster bildet einen scharfen Kontrast zu den leuchtenden Farben des Himmels. Ihre Lichter sind noch an, ein warmes, gelbliches Glühen, das gegen das kommende Morgenlicht ankämpft. Sie sind die letzten Wächter der Nacht.
Das Wasser ist unruhig, eine tiefviolette Fläche, die in kleinen, schnellen Wellen schlägt. Es reflektiert die Farben des Himmels, aber in einer dunkleren, gesättigteren Melancholie. Ich höre das ständige, leise Schlagen der Wellen gegen die hölzernen Anlegestege, ein Geräusch, das mich beruhigt und mir gleichzeitig die unaufhaltsame Bewegung der Zeit vor Augen führt.
Mein Blick sucht die Insel San Giorgio Maggiore in der Ferne. Sie liegt wie ein stilles Versprechen auf der anderen Seite des Kanals. Der Campanile und die Kuppel der Basilika sind in ein weiches, diffuses Licht getaucht. Sie wirken nicht mehr wie steinerne Monumente, sondern wie eine sanfte Vision, die jeden Moment im Licht des vollen Tages verschwinden könnte.
Ich bin Chiara Anselmi, und ich bin müde. Die Müdigkeit ist tief, nicht nur die des Körpers, sondern die der Seele, die zu viele Eindrücke des gestrigen Tages verarbeitet hat. Doch in diesem Moment, in dieser Stille, die nur von den Wellen unterbrochen wird, fühle ich mich seltsam leicht. Ich bin eine Beobachterin, eine stille Zeugin dieser täglichen Wiedergeburt der Welt.
Ich rieche die kühle, jodhaltige Luft der Lagune, vermischt mit dem schwachen Geruch von altem Holz und dem Ruß der Laternen. Ich lege meine Hand auf den kühlen, feuchten Stein des Bodens. Es ist ein Gefühl von Beständigkeit in dieser flüchtigen, farbenprächtigen Szene. Die Laterne, die Steine, die Insel – sie alle sind da, während meine Gedanken wie die Wolken am Himmel ziehen. Es ist ein poetischer, einsamer Moment, in dem die Schönheit der Welt so überwältigend ist, dass sie fast wehtut. Ich atme tief durch und lasse die Farben in mich einsickern, bevor ich mich umdrehe und in den erwachenden Tag gehe.











