Kolja Reichert, aus `Über Wachen und Schlafen’
„Achttausend Radiergummis und achttausend Stifte“, sage ich an der Theke.
„Macht sechzigtausend Euro“, sagt die Verkäuferin.
Ich radiere die Preise auf den Preisschildern weg.
„Das stimmt dann so“, sagt die Verkäuferin. „Brauchen Sie eine Tüte?“
„Danke, nein“, sage ich. „Aber hier haben Sie einen Radiergummi.“ Die Verkäuferin bedankt sich artig und beginnt, die restlichen Preisschilder im Geschäft auszuradieren.
Draußen hat sich eine riesige Menschenmenge [...] versammelt und wartet.
[...] Alle jubeln laut, ich verteile die Radiergummis und Stifte, und wir legen los.
Wir gehen in die Geschäfte und radieren alle Preise weg. Sofort sind die Straßen voller glücklicher Menschen, die alles haben, was sie brauchen. Alle holen Radiergummis und Stifte und machen mit.
Wir radieren die Haltelinien vor den Ampeln weg und die Mittelstreifen und die Überholverbotslinien und die Fahrradwege.
Dann malen wir alles voller Zebrastreifen.
Wenn Polizisten oder Wachleute anrücken, kreisen wir sie mit unseren Stiften ein und lassen sie stehen. Manchmal kommt jemand vorbei, gibt ihnen Radiergummis und Stifte, radiert die Linien weg und die Polizisten machen mit.
Wir gehen zum Reichstag, radieren die Inschrift „Dem deutschen Volke“ weg. [...] Sofort löst sich die Warteschlange der Touristen auf, die auf die Reichstagskuppel wollen, und die Abgeordneten strömen singend die Freitreppe herunter, sie haben den Reichsadler dabei, den sie schwankend auf ihren Schultern balancieren, sie lassen ihn auf der Wiese zu Boden kippen, und alle radieren mit.
Wir gehen zur Deutschen Bank und ändern im Logo das Quadrat in einen Kreis. Dann stellen wir den schrägen Strich senkrecht. Sehr schön, ein Powerknopf. Ich drücke. Etage für Etage gehen die Lichter aus, und glücklich strahlende Menschen strömen auf die Straße. Alle haben Radiergummis und Stifte und singen [...].
Plötzlich ist es still. „Etwas fehlt noch!“, ruft einer der früheren Bankangestellten.
„Stimmt!“, rufen die anderen. „Die Schulden ! Wir haben die Schulden noch nicht wegradiert!“ Sie rennen zurück ins Gebäude und treten mit feierlichen Mienen zurück auf den Platz, wo sie erwartungsvolle Gesichter empfangen.
„Und?“, fragt jemand. „Sind sie weg?“
Die früheren Bankangestellten nicken.
„Es ist gar nichts anders“, ruft ein kleiner Junge. „Es fühlt sich genau so an wie vorher.“
„Egal“, ruft jemand anderes, „ich hab das mit den Schulden eh nie verstanden.“
„Wir auch nicht!“, rufen die Bankangestellten und lachen.
Dann recken sie ihre Radiergummis und Stifte in die Luft, und wir ziehen los.
Wir gehen in die Krankenhäuser und radieren die Krankheiten von den Rechnungen. Sofort sind alle gesund, sie bekommen Radiergummis und Stifte und machen mit. Wir gehen in die Schulen und radieren alle Tafeln und alle Stundenpläne aus. Die Schüler und Lehrer johlen, packen ihre Radiergummis und Stifte, reihen sich in unsere Linien ein und machen mit. Wir gehen in die Gefängnisse, radieren die Akten der Gefangenen aus und die Dienstausweise der Angestellten. Alle kriegen Radiergummis und Stifte und machen mit. Wir radieren alle unsere Personalausweise aus und schreiben: „Die Arbeiterklasse hat kein Vaterland.“ Dann radieren wir die Mauern der Asylbewerberheime weg und die Mauern der Flüchtlingsauffanglager, und dann malen wir gang, ganz viele Brücken übers Mittelmeer.
Am Ende radieren wir noch die Grenzen weg, alles weg.
So, fertig. Sieht gut aus.