„P“ wie „Patriotismus“
Unser Freund der Homo historicus ist zwar zeitweise ein recht tageslichtscheues Wesen. Dennoch weiß er, wie seine Mitmenschen ticken und wie sie in Teilen gar verzweifelt versuchten (und es immer noch tun) sich ihre Welt so simpel wie nur möglich zu erklären. Denn die Menschen liebten schon immer Schubladen- und Schwarzweiß-Denken. Eines der größten Phänomene der Neuzeit ist die Frage nach „Heimat-“ bzw. „Vaterlandsliebe“. Dass dieses Thema auch heute noch eine solche Brisanz aufweist, deutet bereits darauf hin, dass wir es hier mit einer recht emotional aufgeladenen Diskussion zu tun haben.
Das griechische Wort „patriótes“, welches schlicht „jemand, der aus dem gleichen Geschlecht stammt“ bedeutet, erfuhr in den letzten zweihundert Jahren eine hohe Beliebtheit in Europa und Nordamerika. Mit den Wirrungen um die ersten mehr oder minder geglückten Revolutionen und Befreiungskämpfe machten sich immer mehr Intellektuelle ihre Gedanken, wie sie die neue Situation zu erklären vermochten. Landesgrenzen wurden teils neu gezogen. Erstmals entstanden sogenannte „Nationen“ oder „Nationalstaaten“. Dieses Konzept war völlig innovativ und bot deshalb auch ungeahnte Möglichkeiten für die Schaffung eines Zusammengehörigkeitsgefühls. Schnell wurden Symbole und Merkmale zusammengesammelt, die die Zugehörigkeit zu jenen besonderen Gruppen ausmachen und verdeutlichen sollten. Dieses Handeln fand stets im Zusammenhang mit der Abgrenzung zu anderen statt. Neben der gemeinschaftlich geteilten Sprache kamen auch recht synthetische Dinge hinzu, die von Menschen erdacht wurden. Zu diesen Konzepten gehörten beispielsweise Hymne, Orden, Feiertage, Feste oder Religionsausübung. Da die Menschen sich seit jeher in Gemeinschaften erdachten, wurde dadurch die staatliche Ordnung nun umso mehr aufgemotzt. Die damit verbundene positive emotionale Nähe zu diesen Elementen, die mit der „Heimat“ (nebenbei bemerkt auch so eine Erfindung von Menschen... Denn „Home is where your heart is“) verbunden sind, nennt man recht wertneutral „Patriotismus“.
Aber der Homo historicus weiß, dass die Menschen ihr eigenes Werk nicht mehr zu lenken vermochten, kaum, dass es entstanden war. Getreue dem Motto, „Hilfe, ich rief die Geister und werde sie nicht mehr los!“, flog den Neuzeitlern die vermeintliche Vaterlandsliebe schnell um die Ohren. Denn falsch verstandener „Patriotismus“ wurde schnell zum „Nationalismus“, einem widerlichen Stiefgeschwisterkind des eigentlichen Konzeptes. Denn hier findet sich eine vollkommen überdrehte, überhebliche und abwertende „Liebe“ zum Land wieder, dem man sich zugehörig fühlt. Kriege, gar Weltkriege, wurden auch aus dieser vollkommen verrückten Selbstüberschätzung der eigenen „Nationen“ geführt. Und was hat es gebracht? Nichts! Einfach gar nichts!
Die Menschen haben nichts aus der Geschichte gelernt. Stattdessen fragen sie sich auch heute noch, was für sie die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Schlag von Menschen ausmacht, anstatt ganz simpel einmal darüber zu reflektieren, was für sie das Leben beinhaltet. Unter welchen Umständen und mit welchen Mitteln sie sich rundum wohlfühlen und glücklich sind. Für die Mehrheit werden es wohl ganz grundlegend die Familie, die Freunde, ein bestimmter Geruch aus der Kindheit oder ähnliches sein. Stattdessen meinen die meisten jedoch, dem altklugen Fingerzeit der Historiker nicht folgen zu müssen, wenn diese Alarmschlagen. Entschuldigung, aber wenn jemand Strukturen erkennen kann, dann ist es unser Freund der Homo historicus. Kaum jemand beschäftigt sich tagein und tagaus so intensiv mit den menschlichen Abgründen und Dummheiten wie er. Und ja, die Erfindung von Nationen, Vaterlandsliebe und ähnlichen Klamauk ist von Menschen betrieben worden. Aus diesem Grund müssen sie hinterfragt und sollten genauso weiterentwickelt werden. Statt sich darauf zu fokussieren, was man alles im Vergleich zu anderen Menschengruppen nicht hat, sollte vielmehr darauf geachtet werden, was das eigene Leben ausmacht. Und dies beinhaltet hoffentlich so schöne grundlegende Dinge wie Gesundheit, Liebe, eine tolle Familie und Freunde sowie Vertrauen. Das Leben ist zu kurz, um sich von Hass und Selbstüberschätzung leiten zu lassen.









