5 Tage unterwegs in Deutschland - Der digitalen Zukunft auf der Spur
5 Tage, alles drin. Bild: F. Tentler
Zusammenfassung: Deutschland tut sich schwer mit den neuen Web-Technologien wie “Location Based Services/Technologies”, “Internet of Things”, Augmented Reality und Co.. Zumeist werden sie als technische Lösungen an- und eingesehen, aber ihr sinnvoller Einsatz in der täglichen Interaktion und Partizipation bei Unternehmen und Bundesbehörden nicht erkannt und kommt in den Konzepten für Wirtschaft, Handel und Touristik so gut wie nicht vor. Sie liegen weit hinter den bereits von Smartphone-Besitzern genutzten Anwendungsfällen zurück. Aber im Kunst/Kulturbereich und im städtischen Umfeld stossen Technik und Partizipationskonzepte für den analog-digitalen Erlebnisraum auf Begeisterung.
In den letzten 5 Arbeitstagen war ich in fünf verschiedenen Städten. Meine Reise begann in Dresden. Dort besuchte ich das “Theater der jungen Generation”. Dieses Theater, dass in Dresden bereits Generationen von BürgerInnen seit ihrem zweiten Lebensjahr kennen dürften, zieht um und überlegt nun, wie es sein Angebot und den neu zu Verfügung stehenden Raum auch digital sinnvoller und künstlerischer für die Partizipation am “Erlebnis Theater” einsetzen kann.
Es entwickelte sich ein spannendes Brainstorming. In einer solchen komplexen und vor Content überschäumenden Welt ist der Einsatz von ortsbasierten Diensten und eines 3-dimensionalen Storytelling nicht nur sinnvoll, sondern es bietet sich geradezu an, um mit den digital aktiven Besuchern in eine neue Form der Interaktion zu kommen. Dabei spielt es nicht nur eine Rolle, wie man Smartphones richtig und gezielt einsetzt, um das Erlebnis Theater zu erweitern. Sondern vor allem wie das Zusammenspiel von offline/online so dramaturgisch entwickelt werden kann, dass das Erlebnis nicht hinter einem Bildschirm verschwindet. Es wurde eine lebendige und kreative Diskussion, die wir demnächst mit der Formulierung von Zielen und Wegen fortsetzen werden.
Ich muss gestehen, dass ich bei dem Besuch des TjG ins Staunen kam. Vom Ort, wie von den Menschen, die dort arbeiten. Es war interessant zu sehen wie die verschiedenen Abteilung eines Theater zusammen arbeiten können, um einen sinnvollen Mehrwert für Ihre BesucherInnen zu gestalten, der sonst eher nicht innerhalb des Know Hows eines normalen Theater zu finden ist. Zumindestens nach meinen Erfahrungen. Die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche heute kaum noch von ihren Smartphones zu separieren sind, ist eine spannende Herausforderung für Kunst und Kultur. Sicherlich ist eine optimale Lösung in einer amorphen Schnittmenge von analog und digital zu finden, die sich nach Bedarf und Ereignis frei den Erfordernissen der inhaltlichen Vermittlung anpassen muss. Genau dieses Ziel stand von Anfang an über dem Gespräch. Dieses Ziel markiert für mich ein Spannungsfeld, in dem wir Menschen uns bewegen und in dem wir leben. Dass wir die kleinen elektronischen Helferlein nicht mehr aus unserem Alltag verbannen werden, liegt auf und für jeden sichtbar in der Hand. Wie wir aber durch kluge dramaturgische Konzepte und mitreissende Inhalte die Menschen dazu bringen ihre Smartphones so einzusetzen wie wir es uns im optimalen Fall wünschen würden, ist sicherlich die große Herausforderung in den kommenden Jahren. Hierbei werden ortsbasierte Dienste eine große Rolle spielen und deshalb war ich sehr dankbar an dieser vorausdenkenden Runde teilnehmen zu dürfen.
Von Dresden aus ging es nach Berlin. Dort besuchte ich am nächsten Morgen das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Grund des Besuchs war es herauszufinden und zu diskutieren, ob es im Sinne des Ministeriums ist, das Konzept einer Infosphäre (wie sie z.B von Prof. Luciano Floridi in seinem Buch “Die 4. Revolution” beschrieben wird) in einer Zukunftsplanung zu beachten. Zusammengefasst kann man sagen: Nein. Die Strukturen eines solchen Ministeriums lassen es wohl nicht zu, dass wichtige Entwicklungen zeitnah erforscht und unterstützt werden. Zudem hatte ich den Eindruck, dass diese komplexe Welt - die auf uns zu stürmende vierte Phase der Web-Evolution (Mobil Only + Social Web + Location Based Services) - weder bekannt, noch - trotz bemühter ausführlicher Erklärung - für sinnvoll erkannt wird. Diese Festellung sehe ich nicht unbedingt als Kritik an dieser Einstellung. In einem Ministerium gibt es unterschiedliche zu beachtende Sachzwänge. Ich denke aber, dass dieses Ministeriums leider nicht der richtige Ort war, um sich intensiv mit einer solchen relevanten Zukunftsfrage und ihrer Auswirkung auf unsere analogen und digitale Welt auseinanderzusetzen. Sicherlich gibt es in anderen Ministerien auch Anlaufstellen für zukunftsgerichtete Ideen.
So habe ich in Schleswig-Holstein ein Ministerium kennen gelernt, das nicht nur eine zukunftsweisende digitale Agenda für das Bundesland mitentwickelt, sondern auch das Verständnis nächster Entwicklungsschritte für sich als Ziel formuliert hat. Als Ergebnis dieser Planung kann dann die aktuelle Stufe einer Entwicklung gleich übersprungen. Der dafür genutzte Ausdruck in Kiel war „Leap Frogging“, oder auf deutsch „Bocksprung“ und beschreibt den Vorgang sehr anschaulich. Das bedeutet im Falle des Webs und seiner Möglichkeiten, dass nicht auf eine Optimierung von vorhandenen Websites oder den quantitativen Ausbau von Standard-Apps gesetzt wird, sondern sich damit beschäftigt wird, was Smartphone-Besitzer tagtäglich heute schon nutzen und wie diese Technologien und Konzepte eingesetzt werden können, um den Dialog zwischen Bürger und Verwaltung und städtischen Angeboten einfacher zu gestalten.
Über die Eindrücke, die ich mit aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie nahm, musste ich erst einmal einige Zeit nachdenken und mir einige Notizen machen. Der Gedanke, der mir dabei die meisten Sorgen macht, ist der, dass hier der öffentliche Raum - dieses Mal der digitale - privaten Interessen und Investoren zur Verfügung gestellt wird. Persönlich finde ich es wichtig, dass die auf uns zukommenden neuen Angebote der Web-Technologie nicht auf einer unternehmerischen Plattform laufen würden, sondern wenn der Staat als Verwalter der Bürgerrechte und der Privatssphäre eine eigene Plattform zur Verfügung stellt, die die neuen Technologien bespielt und vor allen Dingen sicher zur Verfügung stellen kann. Aber auch diese Entwicklung wird höchst wahrscheinlich nicht in Deutschland in Gang kommen. Vielmehr werden wir wohl in fünf Jahren die ersten Politiker hören, die fordern, dass die „Location Based Services“-Plattformen doch eher vom Staat zur Verfügung gestellt werden müssen als sie Playern wie Facebook, Google und Co. zu überlassen.
Für mich als Unternehmer ist das ein Freibrief. Ich weiß nur nicht, ob ich ihn als Bürger zu schätzen weiß.
Am darauf folgenden Tag fuhr ich nach Hamburg und absolvierte mein drittes Informationsgespräch innerhalb von drei Tagen. Auch dieses Mal ging es wieder um „Location Based Services“ und ähnliche Angebote für wirtschaftliche Interessen. Ich durfte an einem Meeting teilnehmen, bei dem es um digitale Zukunftsentwicklungen für Einkaufszentren ging. Zusammenfassend kann ich sagen, dass alle neuen Konzepte, alle neuen Technologien und alle daraus sich ergebenden Chancen und Nutzungsmöglichkeiten, die bereits heute schon aktiv im Leben und im Einkauf der Menschen genutzt werden, im Bezug auf Einkaufszentren in Europa (noch) kaum eine Rolle spielen. Das hat mich doch etwas erstaunt. Ich dachte, dass gerade Einkaufszentren ihren abgeschirmt und klar strukturierten Raum optimal für den Einsatz dieser Art von Interaktionsmöglichkeiten nutzen. Ich habe zwar vorab Präsentation gesehen, wo typische Stichwörter aus dem Bereich „Location Based Services“ und „Customer Experience“ aufgelistet waren, fand diese aber in keinem der Gesprächsinhalte wieder. Weder gibt es Konzepte, mit denen man eine interessante Interaktion mit dem Besucher nachhaltig entwickeln kann, noch werden die durchaus bekannten Möglichkeiten, wie zum Beispiel Beacons, GPS, NFC und Co. in irgend einer Weise sinnbringend und partizipationsfördernd eingesetzt. Kommunikationstechnisch gesehen befindet sich diese Branche noch im Jahre 2008. Ich finde es hierbei interessant zu beobachten, dass Innenstädte sich so große Sorgen wegen Einkaufszentren machen. Sie sind sicherlich klug und wirtschaftlich exakt durchkalkulierte Einkaufsfliessbänder. Aber den Menschen in seiner analogen und digitalen Erfahrungswelt nehmen sie nicht mit. Das aber ist eine große Chance für den „Erlebnisraum Stadt“ in seiner ganzen Angebotsfülle.
Am darauffolgenden Montag erlebte ich dann das genaue Gegenteil. Im Ruhrgebiet steht ein internationales Stadtprojekt vor seinem Start und die Macher suchen nach einer Lösung, wie die analoge Welt sinnvoll mit der digitalen nachhaltig und über den Projektzeitraum hinaus vernetzt werden kann. Sie haben da klare Vorstellungen und gemeinsam mit ihnen an Idee und Strategien zu feilen, wie sie man so etwas planen und umsetzen könnte, machte grossen Spass. Ich hoffe, dass ich hierbei intensiver mein Wissen und meine Erfahrung einbringen darf. Immerhin geht es um meine Heimatregion und wenn hier so zukunftsweisen gedacht wird, wäre ich gerne dabei.
Vom Ruhrgebiet aus ging es am selben Tag weiter nach Nürnberg. Und hier schloss sich am nächsten Morgen der Kreis auf beinahe wundersame Weise. Eingeladen zu einem Brainstorming zu den Themen „Stadt, Kultur und digitale Zukunft“ traf ich auf eine sehr engagierte und wissensdurstige Gruppe städtischer Kulturschaffender. Zunächst brachten wir uns alle auf einen gemeinsamen Stand. Mir wurde die sich gerade schnell erneuernde Nürnberger Kulturlandschaft erläutert und ich nahm die TeilnehmerInnen mit auf eine Reise in den analog-digitalen Erlebnisraum. Wie es manchmal so ist, fügte sich in den Stunden des Gesprächs plötzlich viele Teile zusammen und es entstand das Konzept eines modularen Erlebnisraum-Projektplans, der über die transmediale Medienkompetenz, bis hin zum „3-dimensional Storytelling“ mit Unterstützung durch „Social Web Command Center“ und „Location Based Services/Technologies“ keine Wünsche offen lies und auf einen realisierbaren Masterplan für Nürnberg hinauslief. Bei dieser Planung lernte ich selbst sehr viel über praktische Möglichkeiten und realistische Umsetzungen einer SmartSphere, wie wir sie mit menschortweb entwickeln. Daher sind solche Austausch-Termin für mich so wichtig. Noch stehen diese Technologien in ihrer komplexen Symbiose am Anfang ihrer Entwicklung. Ihre Zeit wird kommen, ja, sie ist in einem überschaubaren Umfang bereits da und entwickelt sich rasend schnell weiter. Bei den Gesprächen über Möglichkeiten, Sorgen, Ablehnung und Visionen dabei zu sein gibt mir die Möglichkeit, viel schneller viel mehr zu lernen und zu verstehen, was alles mit dem Konzept des Erlebnisraums machbar ist und der Realität ein paar Schritte voraus zu sein.
Für einen Unternehmer sicher keine schlechte Perspektive.
Nach diesem intensiven Roadtrip muss ich mich und die Eindrücke heute sortieren. Die Erfahrungen der letzten Tage gehen mir durch den Kopf und bilden neue Erkenntnisfelder. Da steht auf der einen Seite Kunst, Kultur und Städte, die hochmotiviert sind neue Ideen, neue Technologien und neue Web-Nutzer-Bedürfnisse so zu nutzen, dass Botschaft und Werte auch in einer digitalisierten Umwelt nicht nur erhalten bleiben, sondern dazu auch analoge, aber digital korrespondierende Alternativen integriert werden, die es Menschen ermöglichen, ihre Wahrnehmung und Partizipation zu multiplizieren. Auf der anderen Seite stehen Unternehmen und Behörden, die so fern der digitalen Realität ihrer Bürger und Kunden sind, dass sie keinerlei Einfluss darauf haben, wie die digitale Welt über sie hinweg rollen wird. Immer wieder wurde von ihnen das Thema alleine auf den Bereich Technik reduziert. Jede Zukunftsperspektive war auf technische Prozesse fixiert, die vergleichbar sind mit Ingenieureleistungen und entsprechend langfristig geplant werden müssen. Die Sprunghaftigkeit und Schnelllebigkeit einer digitalen Welt war in dieser Planung nicht einbezogen.
Ich glaube nicht, dass viele meiner GesprächspartnerInnen wirklich ahnen oder verstehn, was gerade um sie herum digital passiert. Aber in der Welt der Bürger und Kunden ist dieser analog-digitale Erlebnisraum längst ein fester Bestandteil geworden. Es wird sich zeigen ob eine Entscheidung gegen eine Partizipation und vorausschauende Planung an und in dieser digitalen Welt gesellschaftlich und wirtschaftlich sinnvoll und richtig ist.
Ich habe beide Sichtweisen - Ablehnung und Teilhabe - an diesen Tagen dankenswerter Weise kennen lernen dürfen und werde sie weiter beobachten.







