Und so begab ich mich - angestachelt von F. - in den Kaisersaal im Hamburger Rathaus, um der Anhörung des Innenausschusses zu den Ereignissen um den 21.12.2013 herum bis hin zum Gefahrengebiet beizuwohnen. Gute vier Stunden haben wir es dort ausgehalten.
Und so kam es, wie es kommen musste. Ist ja keine Debatte, sondern eine Anhörung. Das heißt: Da sitzt eine Reihe Menschen (eine eifrige Blondine und ein kantiger, braungebrannter Mensch vom Typ US Republikaner, jeweils ohne erkennbare Funktion, Innensenator Michael Neumann, Polizeipräsident Wie-heißt-er-noch und Einsatzleiter Born) und die beantworten Fragen, die ihnen von Bürgerschaftsmitgliedern verschiedener Parteien gestellt werden. Je nach Partei versuchen die Fragensteller dabei, Antworten aus der Reihe heraus zu bekommen, die dem jeweiligen Parteiprogramm dienlich sind - simpel ausgedrückt. Dabei sind einige mehr an der Wahrheit interessiert (Die Linke und tatsächlich auch ein SPDler), andere mehr so geht so (Die Grünen) und wieder andere gar nicht (CDU). Einer (Ahlhaus) hat nur den Mund auf gemacht, um noch mal auf sein Versagen als Bürgermeister hinzuweisen, und warum ihn keiner mag. Er wird das anders empfunden haben, aber wenn man sich zwei, drei Stunden so offensichtlich langweilt, wie er das getan hat, dann rutscht einem auch schon mal aus Versehen die Wahrheit raus. Er ist halt nicht das schärfste Messer in der Lade. Die Reihe selber versucht derweil, so gut wie möglich auszusehen und ihre Taten in einem rechtschaffenden Licht dastehen zu lassen. In diesem Fall…Nnnaja. Eher so Ausreichend Minus, gut aussehen kann keiner von denen. Außer das funktionslose Pärchen. Ich würde wetten, dass die schon alle Räume des Rathauses zervögelt haben.
Höhepunkte gab es fünf:
1. Ich habe Neumanns Personenschützer den Stuhl geklaut und dreist behauptet, er sei gar nicht reserviert gewesen. Fühle mich immer noch wie personifiziertes Karma. “Die bescheißen uns, wir bescheißen eine Andere. Kreislauf, verstehste?”
2. Neumanns Behauptung, es gäbe in Hamburg “eigentlich kein konkretes politisches Problem.” Dafür reicht die Bezeichnung ‘unter einem Stein leben’ - die in diesem Kontext vielleicht auch etwas unglücklich klingen mag - schon nicht mehr aus. Muss man wahrscheinlich so verstehen: Lampedusa Flüchtlinge - ein Problem der Kirche. Die Essohäuser - ein Problem der Bewohner. Die Flora - Kretschmers Problem. Parkplätze - ein Problem der Autofahrer. Autofahrer - ein Problem der Radfahrer (und vice versa). Das Gefahrengebiet - kein Problem. Beschädigte Polizisten - da hört der Spaß auf. Alternativ: Alles Probleme der Polizei, nicht des Sport- und Innensenators. “Herr Born, ihre Antwort bitte.”
3. Witzigerweise ungefähr in der Minute, in der Einsatzleiter Born in einem Nebensatz nuschelte, dass “die Videoaufnahmen Teil der Ermittlungen” seien, machte ein taz-Artikel online die Runde, in dem der Hamburger Polizeisprecher Streiber folgendermaßen zitiert wird: “Die Davidwache hat zwar zum Schutz Videoüberwachung, es wird aber nichts aufgezeichnet – so sind die datenschutzrechtlichen Bestimmungen.” Priceless. Lügen haben kurze Beine, Born ist ca. 1,60m (hoch wie breit), für Streiber weiß ich nicht.
4. Die Fragen der Linksabgeordneten Damen, ob die im Gefahrengebiet eingesetzten Polizisten überhaupt wüssten, was sie denn jetzt dürfen, und was nicht - diese Polizisten hatten kurz zuvor die Gunst der Stunde erkannt und gerade noch rechtzeitig einem Journalisten im Gefahrengebiet den Presseausweis ent- und durchgerissen. Dank Twitter schaffte es die Nachricht in Windeseile in den Saal, und damit auch in die Fragerunde. Dass Born und Neumann die Antwort auf die Frage, ob die Polizisten denn überhaupt wissen und beachten was sie denn nun dürfen und was nicht, schuldig geblieben sind, muss ich wohl nicht extra erwähnen.
5. Kai Voet von Vohr… Voer… Ver… Gummigeschoss-Kais Gesichtsdisco, wann immer Fragen gestellt wurden, die an der Sinnhaftigkeit der Polizeiaktionen am 21.12. und des Gefahrengebiets rüttelten. Der Mann hätte ein echt guter Pantomime werden können, aber die Chance hat er wohl verschenkt. In den Falten bringt keiner mehr Schminke bleibend an.
In den vier Stunden ist natürlich noch sehr viel mehr gesprochen worden, nach zwei Stunden war es jedoch mit Inhalten vorbei. Das hilflose Trio aus Born, Dings und Neumann hatte sein Pulver verschossen, war mehrfach falsch abgebogen und wusste sich nicht mehr anders zu helfen, als Fragen wortreich nicht zu beantworten, sondern mit ewigen Wiederholungen in die Vergessenheit zu quatschen. Unter’m Strich ein furchtbar schwaches Bild, was die drei da abgegeben haben. Neumann und seine Crew haben offensichtlich auch noch nicht begriffen, dass das Gefahrengebiet ihnen nicht einen der angeblichen Angreifer auf die Wachen ins Netz spülen wird, sondern lediglich auf unbestimmte Zeit nur für sehr viele dunkel gekleidete Spaziergänger mit ekeligen Sachen im Rucksack (Katzenscheiße, gefälschte BTM, dreckige Unterwäsche) - und dementsprechend schlecht gelaunte, ruppige Polizisten auf St. Pauli sorgen wird. Im Rahmen dieser Spaziergänge werden derzeit übrigens gerne mal 40 Männeken eingekesselt, während Züge mit ca. 300 Leuten unbehelligt - und von 150 Beamten uneinkesselbar - durch’s Viertel laufen. Es ist so lächerlich wie Fips Asmussen und alles andere als gute Werbung..
Bleibt zu hoffen, dass die Bürgerschaft es ähnlich sieht. Wenn sogar schon auf der Seite des Stern kritisch über das Vorgehen der Hamburger Polizei berichtet wird und die SZ kein gutes Haar an Neumann lässt, dann sind das schon ein paar gute Zeichen.
Also: Scholz abschieben, Neumann zurücktreten, Polizeiführung in den Ruhestand wegloben, Schill-Reste ENDLICH entsorgen. Und dann wäre es schön, wenn man sich wichtigeren Dingen zuwenden könnte, z.B. Verfassungsschutzmitglieder neben Zschäpe auf der Anklagebank zu platzieren. Danach dürfte es dann einiges ruhiger werden. Auch und gerade in dem Viertel, in dem seit 30 Jahren sofort Steine fliegen, wenn irgendwas furchtbar falsch läuft. Mit den derzeit angebrachten Mitteln wird man den Steineschmeißern jedenfalls nicht beikommen können.