Tweet des Tages: "Hundertschaften kontrollieren Hunderte, die nicht da wären, wären die Hundertschaften nicht da." (twitter.com/paul_in_hamburg)
1. Das Punktespielchen von ILL. Ja, lustig. Wenn man denn eine Zahl in der Statistik (und Zugunsten) der Polizei sein möchte - die wird nämlich, wenn der Rauch sich verzogen hat, diese Zahlen - und damit jeden Kontrollierten - als potentiellen Bösewicht präsentieren. Dass dabei wahrscheinlich nur vier tatsächliche Bösewichte am Start gewesen sind, wird mal wieder keinen Springer-"Journalist" interessieren, trotzdem wird Hein Spatz die XXXX Bösewichte glauben - immerhin wollten die hart arbeitende, Überstunden schiebende Beamten veräppeln. 650 Kontrollen in den ersten vier Tagen (dabei 150 Platzverweise und 65 Ingewahrsamnahmen). Ich würde mal dumpf ins Blaue raten, dass die Polizisten dabei in mindestens 400 Fällen geltendes Recht gebrochen haben und Dinge (Rucksäcke, Taschen) nicht nur "in Augenschein" genommen, sondern durchwühlt haben, Leute angefasst, handgreiflich geworden sind.
"Alle müssen sich an Recht und Gesetz halten." (Michael Neumann)
Was passiert eigentlich mit den aufgenommenen Personalien? Werden die gespeichert? Ich würde das meinen Personalien nicht antun wollen, deshalb lege ich es auch nicht auf eine Kontrolle an und gehe Kesseln aus dem Weg, so gut es geht. Bis hierhin ist das auch gut gegangen. Mit Klobürsten winken finde ich großartig, den Kontakt zu den Beamten vehement zu suchen halte ich für schlicht dumm. A propos:
2. Böller. Ich wünsche es Keinem, aber es wird mir definitiv an Mitleid mangeln, wenn da jemand Finger einbüßt. Sonstige Pyrodinge finde ich schön anzugucken, aber die fallen leider auch in der Bereich der Provokation - und ob die eine so gute Idee ist, da weiß ich nicht für. ACAB kann man natürlich keifen, wenn man schlicht gestrickt ist, aber da rennen auch genug Polizisten im Gefahrengebiet herum, denen durchaus bewusst ist, was für eine Scheiße sie da gerade durchsetzen müssen. Klar kann jeder Beamte sagen: "Diesen Einsatz mache ich nicht mit." Man darf aber den Corpsgeist nicht ausblenden. Wer macht sich schon gerne zum schwarzen Schaf der Gang? Eben. Der Corpsgeist verbietet das. Außerdem gibt's 18 Euro die Stunde, und die hätte ich im Moment auch gerne. Irgendwo muss die Kohle für die Miete ja her kommen. Nein, BePo werde ich nicht. Schon aus Alters- und Körperbaugründen (#Hemd). Jedenfalls: Als Polizist im Gefahrengebiet wäre ich derzeit aus verschiedenen Gründen hart genervt. Asoziale Arbeitgeber, verständnislose Geldgeber/Schutzbefohlene, Leute, die mir mit Klobürsten winken, "Schämt euch", "Lügner", "Mörder" Sprechchöre... Man ist in diesem gewählten Beruf der Schütze Arsch, dabei wollte man sich doch eigentlich richtigen Bösewichten widmen, vielleicht sogar Nazis jagen, wer weiß das schon. Und plötzlich hat man einen ganzen Stadtteil voller Clowns gegen sich, die sich über einen lustig machen. Und das nur, weil die Chefs zu dumm sind, um ein Loch in den Schnee zu pinkeln einen Löffel zu bedienen. Das reicht auf jeden Fall für eine ordentlich enge Krawatte.
3. Der Abend des 8.12. ... Wie blank die Nerven bei der Exekutive tatsächlich liegen, wurde im Laufe des Abends deutlich. Dabei begann er eigentlich ganz unterhaltsam. Zu viele spontane Demos im Krisengebiet, dementsprechend wussten die Behelmten nicht, wohin sie denn jetzt zuerst, oder überhaupt sollten. Brigittenstraße, Paulinenplatz, Knust, Reeperbahn, Schanze? Überall skandierende Grüppchen, die sich zu schnell bewegten, große Gruppen, die in dem Umfang nicht zu kesseln waren, an Häuserwände projizierte, überlebensgroße Klobürsten, es war die praktische Umsetzung der wundervollen Redewendung "giving someone a run for his money". Aber irgendwann hatten die Beamten die Schnauze voll. Das zeigte sich spätestens gegen 22 Uhr, als zwei offensichtlich - ich sag's mal platt und Un-PC - zurückgebliebene Kinder unvermutet mit in einem Kessel landeten, ein Junge und ein unwesentlich älteres, Mädchen. Das eher zierliche Mädchen geriet sofort in Panik, wollte aus dem Kessel raus, wurde zurückgeschubst, schließlich unter Anwendung roher Gewalt auf den Boden gedrückt und bekam mit Kabelbindern die Hände auf dem Rücken fixiert. Was zeitgleich mit dem Jungen passierte konnte ich nicht sehen, aber die Hilfeschreie des Mädchens werden mich noch eine Weile verfolgen. Es dauerte dann auch nur noch zwei Minuten, bis eine Wanne kam, die die sich heftig wehrende, panische Kleine abtransportierte. Das kam bei den umstehenden Spaziergängern natürlich nicht gut an und man muss wohl froh sein, dass es nur Beleidigungen gehagelt hat. Ich wüsste gerne, was zwei - augenscheinlich eher minderjährige - leicht behinderte Kinder um die Uhrzeit auf dem Spielbudenplatz zu suchen hatten. Das Ganze wurde von Umstehenden gefilmt und fotografiert, der Fotograf hatte kurz darauf Mühe, sich dem Zugriff der Beamten zu entziehen, hat es meines Wissens nach aber geschafft. Eine halbe Stunde später wurde ich von zwei taiwanesischen Touristinnen gefragt, was denn überhaupt los sei. Die Glücklichen waren quasi gerade erst in Hamburg angekommen und bekamen somit einen großartigen ersten Eindruck des Tores zur Welt*. Ich erklärte es den Beiden so gut und knapp, wie ich konnte (aka ich habe eimerweise Scheiße über Schillz und Neumann ausgekippt und eine langatmige Analyse der von der Politik angestrebten Beschneidungen der Grundrechte abgeliefert), bis plötzlich ein großer Trupp BePos auf uns zu stürmte. Das "we need to move, come on" konnte ich noch aussprechen, ich habe es mit meinem geschobenen Fahrrad auch tatsächlich durch die um mich herum anstürmenden Beamten aus dem entstehenden Kessel geschafft und dabei nur einen halbgaren Schubser kassiert, aber als ich mich dann umdrehte, standen die Beiden mittendrin und wussten nicht, wie ihnen geschah. Leider habe ich sie danach nicht mehr gesehen, aber ich gehe mal davon aus, dass sie da relativ schnell und unversehrt wieder raus gekommen sind. Abenteuerurlaub auf St. Pauli, nur bedingt zu empfehlen. Zu dem Zeitpunkt waren die Besatzungen von acht oder neun Partybussen bei den Tanzenden Türmen, also reichlich furchteinflößendes Material. Eine semi-positive Seite hat das Ganze: Die rassistischen Kontrollen haben aufgehört. Jedenfalls gehen die Koksdealer der Hein-Hoyer-, und der Seilerstraße, so bunt sie sind, nach wie vor unbehelligt ihrer Arbeit nach. Das war schon vor dem Gefahrengebiet so, und so wird es wohl auch bleiben. Reaktion der 110 auf diesbezügliche Anrufe von Anwohnern, die ab und zu wegen eines Berges Crackjunks nicht in ihre Wohnung können: "Und was sollen wir jetzt machen? Sie wohnen auf St. Pauli, was erwarten Sie?" Vielleicht zahlen die auch einfach nur genug Standgebühr.
Abspann: "Nach Vorschrift des Beamtenrechts muss der Beamte dienstliche Handlungen auf ihre Rechtmäßigkeit prüfen. Hat er Bedenken gegen eine Weisung, kann er seinen Vorgesetzten gegenüber remonstrieren, gegen die Ausführung der Weisung Einwände erheben." (Wenn er keinen Wert auf Beförderung legt und als Querulant gelten will.) Hach. 2012 hatten wenigstens zwei aktive Polizisten und das Abendblatt noch die Eier, so was zu erzählen und zu drucken: "Ich weiß, dass wir bei brisanten Großdemos verdeckt agierende Beamte, die als taktische Provokateure, als vermummte Steinewerfer fungieren, unter die Demonstranten schleusen. Sie werfen auf Befehl Steine oder Flaschen in Richtung der Polizei, damit die dann mit der Räumung beginnen kann."
(Quelle: Hamburger Abendblatt vom 4.7.2012)
Agents Provocateurs. S-Bahn Brücke, ick hör' dir seufzen, und du seufzt zurecht. Danach hat bei der Anhörung am Montag natürlich niemand gefragt. Die Frage hätte mich schwer beeindruckt, aber Hamburgs Politik und -zisten, das ist derzeit eine eher hodenlose Angelegenheit.
*Es macht alles immer mehr Sinn... Tor ZUR Welt, nicht AUS der Welt. Wir ham 'ne Burg. Mit Burgherren aus Dortmund und Osnabrück, die ernsthaft der Ansicht zu sein scheinen, dass sie eine Hafenstadt mit westfälischer Bauernschläue regieren können. Peinlich, nur noch peinlich.