Ein medienkritischer Podcast mit produktiver Reibung
Meine am 31. Januar in Marl gehaltene Laudatio für Nadia Zaboura und Nils Minkmar, die für ihren Podcast „quoted“ mit dem diesjährigen Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet wurden. Die Textfassung weicht minimal vom Redemanuskript ab.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
die Jury des Bert-Donnepp-Preis, die mir die ehrenvolle Herkulesaufgabe übertragen hat, die Laudatio auf Nadia Zaboura und Nils Minkmar zu halten - diese Jury hat die Auszeichnung für ihren Podcast „quoted“ unter anderem mit folgenden Worten begründet:
Er habe „eine Tiefe, die im geschriebenen Medienjournalismus nur noch selten zu finden“ sei.
Die eine oder andere Textjournalistin oder der eine oder andere Textjournalist wird da vielleicht gesagt haben:
Was ist denn das für ein blöder Vergleich? Die beiden haben ja schließlich viel mehr Zeit als wir. Das stimmt, eine Folge von „quoted“ - alle 14 Tage auf der Website der Süddeutschen Zeitung und bei den üblichen Plattformen abrufbar - dauert mindestens 35 Minuten, manchmal auch knapp über 40.
Tiefe entsteht aber nicht nur dadurch, dass man Zeit hat, ein Thema aufzublättern. Tiefe entsteht auch dadurch, dass man den richtigen Ansatz wählt. „quoted“ hat unter anderem deshalb Tiefe, weil Medienkritik hier immer in einem gesellschaftspolitischen Kontext stattfindet, im Kontext aktueller Debatten, die über das Journalismus-Milieu hinaus reichen.
Bei „Quoted“ findet man, grob gesagt, eine Mischung aus zwei Sorten von Themen.
Die erste Kategorie: dringliche Themen, die anderswo nicht so tiefgehend behandelt werden, wie es nötig wäre. Beispiel: Es gab im Oktober und November innerhalb von vier Wochen gleich zwei Folgen, die sich kritisch mit der Berichterstattung über den derzeitigen Nahostkrieg beschäftigten.
Die zweite Kategorie: naheliegende Themen, bei denen es den Machern gelingt, einen Ansatz zu finden, der all dem woanders schon Gesagten noch etwas hinzufügt. Beispiel: Im Frühjahr und Frühsommer 2023 wimmelte es in den Medien von Geschichten über Springer: Machtmissbrauch bei „Bild“, Döpfners Textnachrichten, Stuckrad-Barres Roman, wir erinnern uns alle.
Zu der Zeit gab es eine „quoted“-Folge, die unter der Überschrift stand: „Bild-Zeitung: Toxische Texte?“
Ich fand das angemessen: Das ganze, im übrigen ja völlig berechtigte Bohei um Springer und „Bild“ zum Anlass für Fragen zu nehmen, die gar nicht oft genug gestellt werden können: Inwiefern sind „Bild“-Texte toxisch? Für wen sind sie toxisch?
Ein wesentliches Merkmal von „quoted“ ist die internationale Perspektive, also Fragen wie diese: Wie blicken internationale Medien bei bestimmten Themen auf Deutschland? Wie unterscheiden sich bei bestimmten Themen die deutsche und die internationale Berichterstattung? Wie berichten deutsche Medien über internationale Themen?
Um Letzteres ging es einer Folge, die mir besonders gut gefallen hat. Die lief Mitte August, als sich zum zweiten Mal der Tag jährte, an dem die Taliban wieder die Macht in Afghanistan übernahmen. Seitdem haben deutsche Medien oft nur unpräzise über dieses Land berichtet. Und vorher - leider auch schon. Vor allem berichten sie mittlerweile sehr wenig, verglichen mit den Zeiten, als unsere Freiheit noch am Hindukusch verteidigt wurde - um mal einen bekannten Politiker-Ausspruch zu variieren. All das haben Nadia Zaboura und Nils Minkmar in der besagten Folge aufgegriffen.
Wie sind nun die Rollen unter den beiden Protagonisten verteilt? Nils Minkmar ist, wie er es selbst in einer Podcast-Folge mal formuliert hat, „ein Stück älter“ als Nadia Zaboura. Die Frau etwas jünger, der Mann nicht ganz so jung - diese Konstellation könnte zu etwas klischeehaften Einordnungen der Rollenverteilung animieren. Also versuche ich es lieber anders.
In der Einleitung zu jeder Folge ist folgender Satz zu hören: “Es diskutieren Nadia Zaboura, Linguistin und Kommunikationswissenschaftlerin … und der Journalist Nils Minkmar.“ Damit ist gleich für alle Zuhörenden, auch für die gerade neu dazu Gekommenen, relativ klar, dass die beiden aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Themen blicken.
Bei der Entwicklung der Idee für diesen Podcast, die von der CIVIS Medienstiftung stammt, war früh klar, was man nicht wollte: Man wollte nicht zwei einander sehr ähnliche Personen miteinander reden lassen - was bei Podcasts ja gelegentlich der Fall ist und was für die direkt Beteiligten vielleicht eine feine Sache ist, aber nicht zwangsläufig für die Zuhörenden.
„Quoted“ ist also kein Bro-cast, kein Sis-cast, kein Buddycast oder dergleichen.
Nadia Zaboura steht für die wissenschaftliche Analyse, sie blickt auf das Strukturelle und Systemische und übernimmt oft den fundamentalkritischen Part. Nils Minkmar kennt die Binnenlogiken des Medienbetriebs bzw. mehrerer Betriebe, u.a. Zeit, Spiegel, FAZ, Süddeutsche Zeitung. Er weiß, wie bestimmte Entwicklungen zustande kommen und zu erklären sind. So entsteht oft eine produktive Reibung.
Nun könnte es natürlich passieren, dass jemand diese Laudatio unter anderem mit den Worten zusammenfasst, dass bei „quoted“ „Positionen aufeinander prallen“ oder Ähnliches. Aber: „quoted“ ist keines dieser „kontrovers“ besetzten Medienformate, bei denen die Positionen erwartbar oder sogar quasi vorchoreografiert sind. Dass fast immer ein Gast dabei ist, sei der Vollständigkeit halber auch erwähnt.
All das trägt dazu bei, dass „quoted“ sowohl für Journalist*innen sehr instruktiv sein kann - als auch für Leute, die überhaupt nichts mit Medien zu tun haben, aber sich eben dann für Medienkritik interessieren, wenn sie gesellschaftlich debattenrelevant ist. „Quoted“ zeigt auch, dass analytische Qualität und niedrigschwelliger Zugang kein Widerspruch sein müssen.
Die etwas trockenere Materie habe ich mir für den Schluss aufgespart. Der vollständige Titel dessen, was die Jury des Donnepp-Preises ausgezeichnet hat, lautet ja etwas sperrig: „quoted. der medienpodcast von CIVIS Medienstiftung und Süddeutscher Zeitung, gefördert von der Stiftung Mercator.“ Die redaktionelle Verantwortung liegt bei der CIVIS-Stiftung, die ich in dieser Laudatio schon etwas früher erwähnt habe. Und von der Stiftung Mercator kommt das Geld.
In den Debatten um die künftige Finanzierung von Journalismus geht es ja immer mal wieder um die Rolle, die Stiftungen dabei spielen könnten. Es gibt Forderungen, dass sich Stiftungen stärker in der Finanzierung von Journalismus engagieren sollten. Und es gibt Forderungen, dass der Gesetzgeber bessere Rahmenbedingungen dafür schafft, dass sich Stiftungen stärker engagieren können.
Dass wir hier heute einen Preis vergeben für eine medienpublizistische Leistung, hinter der zwei Stiftungen stehen - das könnte die hiesige Stiftungswelt als Signal verstehen.
Wer gerade noch überlegt, ob er sich mit Ideen oder Geld oder beidem im Journalismus oder gar Medienjournalismus engagiert, der weiß jetzt: Als Lohn winkt irgendwann vielleicht der wichtigste deutsche Preis für Medienpublizistik.
Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit!












