Was ist so falsch an der Eilmeldung?
Vor ein paar Tagen haben sich Journalisten von privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern in Magdeburg zu einer "Zukunftswerkstatt Radionachrichten" getroffen. Die Erkenntnisse daraus hat Sandra Müller in ihrem Blog zusammengefasst. Außerdem haben Teilnehmer und Nicht-Teilnehmer unter dem Hasttag #newsneu getwittert.
Ich habe vor dem Workshop "Meine 12 Thesen zur Zukunft der Radionachrichten" beigesteuert. These Nr. 7 lautete:
These 7: Die Kategorie #Eilmeldung ist überflüssig geworden! Im Radio ist vieles heute #eil/#breaking. Den Takt gibt das Netz vor. #newsneu
— Marc Krueger (@kollege)
23. Mai 2014
Eine Reaktion darauf kam vom Kollegen Bastian Kruse, der sich auch seine Gedanken zur Zukunft der Radionachrichten gemacht hat:
@kollege Tolle Thesen! Meine Lieblinge: 2,3,4,9 und 12! Aber warum disst du Eilmeldungen so? Halte sie nicht für überflüssig #newsneu
— Bastian Kruse (@unwort)
22. Mai 2014
Natürlich sind Eilmeldung nicht generell überflüssig. Allerdings muss man sich genau überlegen, was eine Eilmeldung eigentlich ist. Ich habe den Initiator der Zukunftswerkstatt, Dietz Schwiesau, um eine schnelle, kurze Definition gebeten. Was also ist eine Eilmeldung?
Eilmeldungen sind Meldungen über Ereignisse mit einem herausragenden Nachrichtenwert. @kollege
— Dietz Schwiesau (@DietzSchwiesau)
27. Mai 2014
Richtig! Aber zunächst ist das eine Einordnung für Journalisten. Um den Redaktionen zu helfen, haben alle Nachrichtenagenturen ein Zahlensystem geschaffen, das ungefähr so aussieht:
Blitzmeldung
Eilmeldung
Vorrangmeldung
Routinemeldung
Das journalistische Alltagsgeschäft – allein Deutschlands größte Nachrichtenagentur dpa schickt im Basisdienst rund 750 Meldungen pro Tag – spielt sich vor allem im Bereich drei und vier ab. Blitzmeldungen sind schon fast von historischer Seltenheit und Weltereignissen vorbehalten, z.B. Kennedy ermordet, Mondlandung, Wiedervereinigung.
Eilmeldungen kommen fast täglich, können auch regional geprägt sein oder hängen von dem Schwerpunkt der Agentur ab – so sortiert der Sport Informations-Dienst (sid) ein Sportergebnis schneller mal in die Kategorie „Eil“ ein, während bei Reuters manchmal schon als wichtig eingestufte Aussagen von Konzernchefs oder Analysten mit dem „Eil“ geadelt werden. Oft wird beim Eintreffen einer Eilmeldung ein schriller Ton abgespielt und die Meldung bekommt eine Signalfarbe wie rot, gelb oder orange, damit sie nicht übersehen wird.
Die Eilmeldung ist also nichts anderes als ein Service von Agenturen für Journalisten. Dieser heißt übersetzt etwa: „Hey, überseht das hier nicht!“ – Soweit die professionelle Sicht für Journalisten.
Was aber passiert beim Hörer/Zuschauer/Leser beim Gedanken an eine „Eilmeldung“? Ich behaupte mal, in Bezug aufs Radio läuft in etwa sowas im Kopf ab:
Der Hörfunk-Nachrichtenredakteur schaut auf den Bildschirm, prüft nochmals, traut seinen Augen kaum. Dann druckt er eilig die Meldung aus, reißt das Blatt aus dem Drucker, rennt bereits ein paar Schritte Richtung Studio. Dort angekommen schreit er dem verdutzten Moderator nur kurz entgegen: „Eine EILMELDUNG!“ Schon reißt er den Musikregler herunter, seinen eigenen rauf - um sofort zu verkünden, was die Welt zuvor nie zu glauben gewagt hat…
So, oder so ähnlich. Kann jede/r gern von Nicht-Medien-Menschen testweise drauflos assoziieren lassen. Fest steht: Wenn Journalisten das Wort „Eilmeldung“ nutzen, Worte mit Pluszeichen einrahmen, nur Großbuchstaben verwenden, rote Laufbänder auf den Bildschirm schicken oder die Musik plötzlich ungeplantem Wort weichen muss, dann weckt das Erwartungen! In diesem Moment gibt eine Medienmarke ein Versprechen, dass +++ etwas immens! WICHTIGES!! folgt!!! +++
Wenn Medien dieses Versprechen allzu oft nicht einlösen, dann kratzt das an der Glaubwürdigkeit. Hat der Hörer/Zuschauer/Leser dauerhaft das Gefühl, er könne die Nachrichtenlage realistischer einschätzen als die Journalisten, rieselt das Vertrauen in die journalistische Kompetenz davon. Langsam, aber spürbar. Die Journalisten sehen die enttäuschten Blicke, das Kopfschütteln oder den an die Stirn tippenden Finger zwar nicht. Soziale Medien machen aber über die Kommentarfunktion sichtbar, dass solche Gesten existieren:
// <![CDATA[ (function(d, s, id) { var js, fjs = d.getElementsByTagName(s)[0]; if (d.getElementById(id)) return; js = d.createElement(s); js.id = id; js.src = "//connect.facebook.net/de_DE/all.js#xfbml=1"; fjs.parentNode.insertBefore(js, fjs); }(document, 'script', 'facebook-jssdk')); // ]]>
Beitrag von SWR Eilmeldung.
Oder:
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Beitrag von rbb-Inforadio.
Oder auch:
// <![CDATA[ (function(d, s, id) { var js, fjs = d.getElementsByTagName(s)[0]; if (d.getElementById(id)) return; js = d.createElement(s); js.id = id; js.src = "//connect.facebook.net/de_DE/all.js#xfbml=1"; fjs.parentNode.insertBefore(js, fjs); }(document, 'script', 'facebook-jssdk')); // ]]>
Beitrag von SPIEGEL ONLINE.
*gähn*, „Sack Reis?“, „Wayne Interessiert’s?“ - Natürlich gibt es unzählige andere Motivationen für solche Kommentare: Da möchte jemand seine Geringschätzung mitteilen, das "System" (sic!) kritisieren, einfach losblubbern, die Trolle füttern oder zeigen, dass er natürlich nur Politik, Wirtschaft und Hochkultur zu konsumieren gewillt ist. Geschenkt! Trotzdem meinen viele das ernst. Und haben wahrscheinlich einfach Recht!
Eilmeldung heißt auch, dass die gesamte Tragweite eines Ereignisses noch gar nicht klar sein muss. Es ist eine Erst- und Kurzinformation über ein „Ereignis mit herausragendem Nachrichtenwert“ (Schwiesau via Twitter, 2014). Ein Satz – und raus!
Journalisten und Medien müssen sich aber auch fragen, ob die Eilmeldung nicht zu oft zu einem Aufmerksamkeits-Instrument geworden ist, um die eigene Bedeutung zu betonen: Schaut her! Hört uns zu!! Lest, was wir schreiben!!! Das rote Laufband hat kein Ende mehr, es blinkt und pusht auf dem Smartphone, es gibt eigene Eilmeldungskanäle – und die müssen ja auch gefüllt werden!
--> FAZIT
Eilmeldungen sind wunderbar, um im Nachrichtenalltag Aufmerksamkeit von Redakteuren auf etwas zu lenken. Gesendete Meldungen sollten aber etwas anderes sein, nämlich ausgewählt, gewichtet, vielleicht sogar schon eingeordnet. Warum immer gleich „Eil“? Warum setzen sich Redaktionen durch „Eilkanäle“ selbst unter Druck, weil dieses seltsame Gefühl der Leere und Bedeutungslosigkeit entsteht, wenn dort lange nichts mehr passiert ist? Warum dem News-Konsumenten mit der optischen Brechstange ins Auge hauen, was er wichtig zu finden hat? Weniger „Eil“ und „Breaking“, dafür mehr einordnen und berichten. Wäre das so schlecht?











