Die Glückseligkeit der Landstreicher
Schriftsteller Nico Feiden hat seine Erfahrungen als Vagabund in seinen Debütroman „Sterben können wir später“ fließen lassen und dadurch einen mitreißenden Appell an die Jugend formuliert, etwas zu wagen. Im Frühjahr 2019 kommt Nico Feiden zurück auf Lesetour in die Region.
Herzlichen Glückwunsch zu deinem Debütroman „Sterben können wir später“. Wer durfte ihn als Erstes lesen?
Danke, ich habe lange an diesem Werk gearbeitet. Es war eine große Herausforderung für mich. Wie es eben üblich ist, habe ich das Werk ein paar Leuten parallel zum Lesen gegeben. Darunter natürlich meine Herzdame, mein lieber Freund und Verleger Jannis und ein paar Leuten aus dem Literaturbetrieb.
Bisher lag dein Schwerpunkt auf Gedichten. Worin bestand die größte Herausforderung, deinen ersten Roman zu verwirklichen? Die größte Herausforderung bei diesem Reiseroman war es, meine sehr lyrische Sprache in das Prosawerk einzubinden, ohne dabei vom Plot abzuschweifen. Ich habe dieses Werk für junge Leute geschrieben, die noch nicht wissen, wohin sie das Leben führt. Es ist ein Mutmacher, ein Roman, der verdeutlichen soll, dass es unserer Generation gegönnt sein muss, eine Auszeit zu nehmen, zu reisen, Fehler zu machen, schöne Fehler. Es ist sowohl eine lebendige Kritik an dem Bildungssystem als auch am Kapitalismus. Keiner, zumindest nur wenige, wissen nach der Schule, was sie machen möchten, aber der Großteil treibt in diesem Duktus aus Leistung dahin und vergisst dabei vollkommen, was ihm/ihr Freude bereitet. Ich hoffe, ich kann mit diesem Werk einigen jungen Leuten eine Alternative aufzeigen.
Wie viel Prozent Nico Feiden steckt in deiner Romanfigur Noan?
Wer schreibt, kann seine eigenen Gefühle und Erlebnisse nur schlecht von dem trennen, was am Ende auf dem Papier steht. Auch ich habe eine schwierige Kindheit gehabt und eine wilde Jugend wie der Protagonist Noan. Ich denke, gerade darum ist mir dieses Buch so wichtig. Die Arbeit an diesem Roman hat sehr viel von mir gefordert, und es ist befreiend, ihn nun in der Welt zu wissen.
Ich stelle mir Obdachlosigkeit ziemlich furchtbar vor. Zeichnest du aus dramaturgischen Gründen mit Absicht ein romantisch verklärtes Bild vom Leben auf der Straße?
Ich muss dazusagen, ich selbst bin jahrelang als Vagabund durch Europa gezogen und den Stereotyp, den ich beschreibe, ist wohl eher mit einem Landstreicher als mit einem Obdachlosen gleichzusetzen. Natürlich habe ich das Bild romantisiert, aber alle Landstreicher, die ich in der Recherche kennengelernt habe, haben mir eine Glückseligkeit gezeigt, die ich inmitten der Gesellschaft nie gefunden hätte. Ich will nicht pauschalisieren, aber die Erfahrungen, die ich „On the Road“ gemacht habe, waren die freisten, schönsten und romantischsten meines Lebens. In Südspanien hatte mir mal ein obdachloser Musiker gesagt: „Wenn du einmal unter den Sternen geschlafen hast, sind sie dein Zuhause.“ Ich will nur damit sagen, man muss unterscheiden zwischen den Menschen, die wegen Schicksalsschlägen auf der Straße gelandet sind und derer, für die es ein Lebensentwurf ist.
Wem würdest du ein Jahr auf der Straße dringend empfehlen, damit diese Person ihre Weltansichten ändert? Die Liste ist lang! Natürlich denke ich an Trump, aber auch an große Teile unserer Regierung sowie CEOs bestimmter Firmen. Die Askese, in welcher Form auch immer, sollte einen Bestandteil in der Bildung haben. Ich kann nur von meinen Erfahrungen sprechen, aber ich habe in diesem Jahr mehr gelernt als während meines Jahrzehnts in der Schule. Es ist ja nicht so, dass man nur etwas entbehrt, sondern das Leben sieht, in all seinen Facetten. Wenn man tagelang allein durch Wälder zieht oder in den Bergen zeltet und kein anderer Mensch nur in der Nähe ist, dann ist die Schönheit und Weisheit, die man erfährt, eine Erhabene.
Leute lesen angeblich lieber über „leidende“ als über glückliche Personen. In deinem Buch überwiegen deutlich die schönen Seiten des Lebens. Hattest du bei der Veröffentlichung Bedenken, dass dies bei den Lesern nicht gut ankommt? Ich finde schon, dass der Protagonist einige Schicksalsschläge wegstecken muss, vor allem am Anfang – aber die Lehre von „Sterben können wir später“ ist, wie man auf diese Schicksalsschläge blickt. Niemand kann sagen, ob eine jetzige Niederlage auch in Zukunft so zu betrachten ist. Es ist die Zeit, die uns den Blick auf unsere Vergangenheit lichtet. Der Protagonist ist ein Hedonist, für ihn zählt nur das Jetzt. Das augenblickliche Glück über allem. Ich habe mir wenig Gedanken gemacht, wie dieser Roman wohl ankommt. Ich habe ihn für eine junge Zielgruppe geschrieben und hoffe, dass er sie erreicht, aber auf meiner Lesetour im Herbst war die Resonanz positiv, vor allem von Leuten, die nicht mehr zur Zielgruppe gehören.
Ist dir Feedback zu deinen Arbeiten wichtig? Für mich gilt der Satz „Kunst ist nur so groß, wie man sie teilt.“ Natürlich strebe ich nach Aufmerksamkeit (wie jeder andere auch) und nach Feedback. Aber dieses Streben hat keinerlei Auswirkung auf meine Schaffensphase. Ich schreibe über die Dinge, die mich bewegen und bei denen ich ein Gefühl habe, dass sie auch andere wissen sollten.
Mit welcher historischen Person würdest du gerne mal einen trinken gehen? Das ist ganz klar. Ich würde gern mal auf ein Jazzkonzert von früher. Armstrong würde an der Trompete sein & ich würde mir die Seele aus dem Leib zappeln, mit jeder Menge Benzedrin & Kokain und in der Ecke würde die Beat-Generation sitzen und verrückte Gedichte in den Raum spucken.
Wo schreibst du am liebsten? Viele meiner Kolleg*innen schreiben gern in Cafés oder Bars. Ich schreibe meist an meiner Schreibmaschine zuhause, zünde ein paar Kerzen an, höre Jazz, öffne ein oder zwei, manchmal auch drei Flaschen Wein und lausche meinen eigenen Gedanken.
Wer sind deine Lieblingsschriftsteller? Da gibt es viele. Natürlich die Beat-Generation, aber auch Walt Whitman, Thoreau & Hesse gehören dazu. Bei der zeitgenössischen Literatur fällt es mir schwerer, aber Benedikt Wells als auch Dichter wie Max Czollek, Tobias Roth & Martin Piekar schätze ich sehr.
Ist schon ein neuer Roman in Planung? Ein neuer Roman ist nicht geplant, aber irgendwann bestimmt. Gerade arbeite ich an einem Kurzgeschichtenband und an zwei neuen Lyrikbänden.
Kommst du im Frühjahr mal wieder auf Lesetour nach Ostwestfalen? Ja. Im Frühjahr geht es für mich erstmal nach Österreich, in die Schweiz & nach Südtirol auf Tour, aber anschließend daran bin ich auch in Deutschland unterwegs. Bielefeld steht auf jeden Fall auf meinem Plan. Weiß aber noch nichts Genaues.
www.instagram.com/nicofeiden
„Sterben können wir später“ von Nico Feiden Erhältlich als Taschenbuch (112 Seiten, ISBN: 978-3-946196-24-2) und eBook (978-3-946196-25-9) Erschienen im Astikos Verlag
Klappentext: Keiner wird sagen: „Geh auf Reisen!“, „Finde dich!“, „Schreib Gedichte!“, „Male!“, „Musiziere!“ Alle werden sagen: „Mach deine Schule fertig!“, „Lerne etwas Vernünftiges!“, „Reisen kannst du später noch!“
Doch so werden keine Gedichte geschrieben, keine Bilder gemalt, keine Lieder getextet und komponiert.
„Sterben können wir später“ erzählt von einem jungen Mann, der diese Ratschläge ignoriert und aus seiner gefühlten Monotonie und Tristesse ins Ungewisse reist. Er erlebt dabei Räusche ganz unterschiedlicher Art, lernt besondere Menschen und Situationen kennen und stößt an seine Grenzen. Seiner Geschichte kann man eben niemals entkommen …
Foto: Evander Quinn















