Eine Anekdote zum Normalisieren
Ein bekanntes sprachgeschichtliches Problem tritt uns in älteren Textausgaben entgegenen, nämlich die Praxis des „Normalisierens“. Kennzeichnend für diese Praxis, die übrigens nirgendwo explizit festgelegt war, war die Vereinheitlichung von Graphievarianten, teilweise sogar die Glättung morphosyntaktischer Variation, die auf Basis einer nur kleinen Zahl von kanonisierten Texten (v.a. der sogenannten „Staufischen Klassik“) vorgenommen wurde (siehe dazu grundlegend Bein 2011: 76–84). So finden sich – um ein bekanntes Beispiel zu erwähnen – die Zirkumflexe, die als „typischen“ Längebezeichnungen mittelhochdeutscher Texte gelten (z.B. hûs ,Haus‘, gân ,gehen‘, wîse ,weise‘ usw.) zwar systematisch bei den Notker-Handschriften und insbesondere in der Gießener Iwein-Handschrift [Gießen, Universitätsbibl., Hs. 97], aber nirgendwo sonst sind sie in jener Konsequnz durchgeführt. In analoger Weise tritt uns die graphematische Bezeichnung der Auslautverhärtung in den Einzelhandschriften in weit geringerem Maße und nicht so systematisch entgegen, wie dies die Editionen suggerieren. So heißt es etwa in der Mittelhochdeutschen Grammatik (Paul et al. 2007: 132 [§ L 72]) zu diesem Thema:
Nur ⟨d⟩ – ⟨t⟩ (kleides – kleit) gilt nahezu durchgängig für das gesamte Mhd. Die Alternanzen ⟨b⟩ – ⟨p⟩ (kalbes – kalp) und ⟨g⟩ – ⟨c/k/ch⟩ (tages – tac/tak/tach) werden dagegen graphisch nur in wenigen osto[berdeutschen] H[andschriften] vom späten 12. bis zur Mitte des 13. Jh.s weithin konsequent bezeichnet [...]. Anonsten gibt es erhebliche regionale, teils auch schreiberabhängige Unterschiede
Diese Praxis, für die insbesondere die von Karl Lachmann (1793–1851) besorgten Editionen sozusagen stilprägend war, hat sich als Fluch und Segen gleichermaßen erwiesen, denn einerseits bildeten Normalformen (nicht selten sind es derer mehrere) eine wichtige Grundlage für die lexikographische Erschließung älterer Sprachstufen (Lexer, BMZ, you name it) und eine normalisierte Textschicht ist auch in den modernen Referenzkorpora zu den älteren Sprachstufen des Deutschen, wie sie unter dem Dach von Deutsch Diachron Digital [DDD] verfügbar sind.
Andererseits verstellten die so frisierten Editionen den Blick auf die Komplexität und Vielgestaltigkeit der Handschriften als Überlieferungsträger, so dass sich mitunter bizarr anmutende Divergenzen ergeben. Das vielleicht spektakulärste Beispiel in diesem Zusammenhang stellt der Erec Hartmanns von Aue dar: Dessen einzige vollständige Handschrift stammt vom Beginn des 16. Jahrhunderts – sie ist im Ambraser Heldenbuch [Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. Ser. nova 2663| überliefert; die gängigen Leseausgaben (z.B. Cramer 2003) gaukeln uns indes einen Sprachstand vor, der wenig mit dem Textträger zu tun hat. Nehmen wir als Beispiel das Intro, zuerst in der normalisierten, dann in einer zeitgenössischen diplomatischen Edition (die Übersetzung stammt aus der ersteren Quelle, siehe Cramer 2003: 7):
bî ir und bî ir wîben
diz was Êrec fil de roi Lac,
der vrümekeit und sælden phlac,
durch den diu rede erhaben ist.
(Erec, V. 1–5, ed. Cramer 2003: 6)
bey jr vnd bey jr weyben
ditz was erech Vlderoilach
der baiden frumbkait vnd salden phlag
Durch den die rede erhaben ist
(Erec, V. 1–5, ed. Klarer 2022: 55)
„bei ihr und ihren Hofdamen.
Das war Erec, der Sohn des Königs Lac,
der tüchtig und von Fortuna begünstigt war;
er ist der Held dieser Erzählung.“
Owê, wohin sind die schönen Langvokale verschwunden, die sich nun als zeitgenössische Diphthonge präsentieren (bey, weyben)? Was ist aus der schriftlich fixierten Auslautverhärtung geworden (phlac)? Und aus der hehren, mit Umlaut und Pipapo verzierten frümekeit ,Tüchtigkeit‘ wird die banale frumbkait. Später im Text (V. 21, ed. Cramer 2003: 6) tritt gar die „typische“ mhd. Doppelnegation bei die vrouwe des niht enwolde ,[d]ie Herrin ließ es jedoch nicht zu‘ in Erscheinung, diplomatisch heißt es aber: die fraw des nicht wolte (V. 21, ed. Klarer 2002: 57).
Dass sich ältere Ausgaben mittelhochdeutscher Texte so weit von der sprachlichen Realität, wie sie sich auf der Ebene der Handschriften bietet, entfernen, hängt sicherlich auch mit der in der älteren Germanistik favorisierten „autororientierten Textkritik“ zusammen, deren erklärtes Ziel es war, aufgrund verhandener Überlieferungsträger einen „Originaltext“ zu rekonstruieren. Dadurch entsteht freilich das Problem des „argumentativen Teufelskreises“ (vgl. Bein 2011: 131), denn der „originale Wortlaut“ ist textimmanent nicht bestimmbar. Friedrich Wilhelm, das Mastermind hinter dem Corpus der altdeutschen Originalurkunden, bedachte dieses so entstandene Philologen- Kunstprodukt mit der abschätzigen Kennzeichnung „Esperantomittelhochdeutsch“ (Wilhelm 1932 [Vorwort]: VIII–IX), und man kann ihn durchaus als Pionier einer diplomatischen Editionspraxis ansprechen, indem er sich von Beginn an mit deutlichen Worten gegen die gängige Praxis des Normalisierens wendet und eine möglichst Wiedergabe der Urkundentexte als Leitbild seines „Corpus“ benannte:
Gerade das „Normalisieren“ also mußte bei diesem Corpus, das in erster Linie dem Sprachforscher dienen soll, vermieden werden. Ein möglichst genauer Abdruck, soweit ein solcher überhaupt das Original einer Urkunde ersetzen kann, war das erste Erfordernis, das erfüllt werden mußte.
(Wilhelm 1932 [Vorwort]: LX–LXI)
Nur langsam gelang es der Mediävisitik und der Sprachgeschichts-Forschung, sich von dieser traditionsverschuldeten Unmündigkeit zu lösen und heute gehen wir sowohl in der Sprachgeschichsforschung als auch in der Mediävistik mit mehr Fingerspitzengefühl an die Sache heran. Wer etwas mehr zum Thema erfahren will, dem empfehle ich etwas unbescheiden Kap. 4 aus Fleischer und Schallert 2011, eine lesenswerte, kritische Bestandsaufnahme hat mein Erlanger Kollege Florian Kragl (2015) in der ZfdA unternommen.
Zum Thema „normalisiertes Mittelhochdeutsch“ möchte ich hier eine Beobachtung nachschicken, die ich Klaus Klein (Uni Marburg) verdanke und schon länger dem Papier dem digitalen Äther anvertrauen wollte. Es geht um folgenden Vers des Nibelungenlieds, der in der normalisierten Edition von Karl Bartsch und Helmut de Boor folgendermaßen lautet (Bartsch et al. 2002: 204):
Sîfrit der leit sich nâhen der juncvrouwen bî. ([Av. 10] 666, 1)
Werfen wir zur kritischen Überprüfung einen Blick in die diplomatische Edition von Batts (1971), die die drei Haupthandschriften A–C im Paralleldruck bietet (siehe dazu Batts 1971: 201–202):
Sifrit sich leite do der kvniginne bi. ([A] 614, 1)
Sifrit der leit sich nahen der ivnchvrowen bi. ([B] 663 (666), 1)
Der helt sich leite nahen der iuncfrowen bi. ([C] 671, 1)
Abgesehen von kleiner Unterschieden, die man zwischen den Handschriften ausmachen kann, gibt es also keine Überraschungen. Interessant wird es allerdings, wenn man die bei Batts zu findende Lesartenverzeichnis berücksichtigt, das – jeweils auf den Text der Handschrift B bezogen – die sonstigen erhaltenen Textträger berücksichtigt und inhaltliche sowie die meisten morphosyntaktischen Abweichungen verzeichnet (vgl. Batts 1971: VIII). In Handschrift D [München, Bayerische Staatsbibliothek: Cgm 31; 14. Jh.] findet sich statt nahen das Adjektiv nacket, Handschrift b [Berlin, Staatsbibliothek der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Fol. 855 und 854; 1437–1444] gibt Seifrid sich nachent legt der frawen bey. Diese Form kann angesichts des Umstands, dass diese Quelle laut Handschriftencenus in „ostschwäb.“ Schreibsprache verfasst ist, durchaus als nackt interpretiert werden, da im Bairischen und Alemannischen das Graphem ⟨ch⟩ auch für die Affrikate /kx/ aus germ. /k/ und /kk/ stehen kann (Paul et al. 2007: 160 [§ L 108]).
Batts, Michael S. (1971) [Hg.]: Nibelungenlied (A, B, C): Das Nibelungenlied. Paralleldruck der Handschriften A, B und C nebst Lesarten der übrigen Handschriften. Tübingen: Niemeyer.
Bartsch, Karl, Helmut de Boor und Siegfried Grosse (Hg.) (2002): Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Karl Bartsch und Helmut de Boor ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse. (Reclams Universal- Bibliothek; 644.) Stuttgart: Reclam.
Bein, Thomas (2011): Textkritik. Eine Einführung in Grundlagen germanistisch-mediävistischer Editionswissenschaft. Lehrbuch mit Übungsteil. Frankfurt a.M. [u.a.]. 2. Aufl.
Cramer, Thomas (2003) [Hg.]: Mittelhochdeutscher Text und Übertragung von Thomas Cramer. Frankfurt am Main: Fischer. 25. Aufl.
Fleischer, Jürg und Oliver Schallert (2011). Historische Syntax des Deutschen – eine Einführung. (Narr Studienbücher). Tübingen: Narr.
Klarer, Mario (2022) [Hg.]: Ambraser Heldenbuch. Gesamttranskription mit Manuskriptbild. Teilband 3: Hartmann von Aue ,Erec‘. ,Der Mantel‘. Berlin, Boston: De Gruyter. Open Access: https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/9783110719130/html [Stand: 04.11.24].
Kragl, Florian (2015): Normalmittelhochdeutsch. Theorieentwurf einer gelebten Praxis. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 144: 1–27.
Paul, Hermann et al. (2007): Mittelhochdeutsche Grammatik. 25. Auflage, neu bearbeitet von Thomas Klein, Hans Joachim Solms und Klaus-Peter Wegera, mit einer Syntax von Ingeborg Schröbler, neubearbeitet und erweitert von Heinz-Peter Prell. (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte – Hauptreihe; 2). Tübingen: Niemeyer.
Wilhelm, Friedrich [et al.] (1932) [Hgg.]: Corpus der altdeutschen Originalurkunden bis zum Jahr 1300. Bd. 1. Lahr: Schauenburg.