Für diesen Dezember hat sich der Animal Pride etwas ausgedacht. Wir posten jeden Tag bis zum 24. eine Adventskalendergeschichte von einem Tiersklaven, der gerettet wird. Passend zur Geschichte verweisen wir auf Möglichkeiten für Patenschaften, Lebenshöfe, die nie genug Unterstützung bekommen können, oder Organisationen die sich für die Rettung von Tieren aus Sklaverei einsetzen. Mit den Geschichten hoffen wir, noch das ein oder andere Herz erweichen zu können und aus dem ausbeuterischen System auszusteigen. Teilt die Geschichten also gerne. Sie sind alle frei erfunden, enthalten aber viele Geschehnisse, die tagtäglich passieren.
7. Dezember
-------------------------------- .:: Nutzloses Nutztier ::. --------------------------------
„Ich wurde in die ewige Schattenwelt geboren und in die qualvolle Enge verbannt. Gefoltert werde ich durch die triste Eintönigkeit meines Gefängnisses, in welchem mein kluger Kopf keine Anregung findet. Zu einer Existenz im Dreck und in den eigenen Ausscheidungen bin ich verdammt. Ich bin ein Sklave auf vier Beinen, die Niete im System, eines der mit Abstand nutzlosesten Dinge dieser Welt. Ich werde 'Nutztier' genannt, aber eigentlich bin ich eine männliche Ziege.
Unter den 'Nutztieren' bin ich besonders nutzlos, auf Grund meines Geschlechts. Ich kann keine Babys bekommen und keine Milch geben und mein Fleisch ist in diesem Land nicht sehr beliebt. Meine Geschlechtsgenossen und ich werden nicht selten illegal getötet, weil man uns nicht ausnutzen kann und wir dadurch nutzlos sind. Manchmal werden wir auch auf einen schrecklich langen Transport geschickt und in Länder verkauft, in denen man uns packt und uns die Kehle durchgeschnitten wird. Wir sind wach und erleben mit, wie unser Blut aus unserem Körper spritzt. Es gibt keine Worte für diese namenlose Grausamkeit, die manche von euch Tradition nennen.
Ich bin eigentlich ein sehr intelligentes Geschöpf. Ich kann meinen Artgenossen meine Gefühle durch Rufe mitteilen. Wir reden miteinander in einer Sprache, die ihr Zweibeiner nicht versteht. Wenn ihr die Sprache nicht versteht, ist es für euch keine Sprache und doch haben ein paar von euch in einer Studie belegt, dass wir uns über unsere innere Gefühlswelt austauschen. Weißt du eigentlich, was das bedeutet? Das bedeutet, dass ich die Gefühle in mir benennen kann und dass ich den Namen eines Gefühls in einem Laut äußern kann, der von meinen Artgenossen verstanden wird. Findest du immer noch, dass wir Tiere es nicht verdienen, Rechte auf Unversehrtheit zu haben? Findest du immer noch, dass ihr uns einfach benutzen dürft, als wären wir weniger Wert als ein Gegenstand?
Eure Gesetze sind schwammig formuliert und weil wir Ziegen eher eine Nische in der Ausbeutungsindustrie sind, gibt es keine wirklichen Vorgaben für unsere Haltung. An den gesunden Menschenverstand kann hier nicht appelliert werden, denn die wirtschaftlichen Interessen gehen für einige von euch immer vor. Unser Leid ist dadurch grenzenlos. Ich erinnere mich kaum an meine Mutter. Ich weiß nur noch, dass es dunkel und eng war, aber solange ich ihre Liebe und Wärme spüren konnte, fiel es mir nicht so sehr auf. Kurz nach der Geburt wurden wir unseren Müttern entrissen, denn eine Mama gibt ja schließlich nicht Milch, um ihre Babys zu ernähren, sondern um Menschen zu ernähren. Ja, manchmal bin ich eine zynische Ziege.
Wir Babys wurden in eine winzige Box zusammen gesperrt und vegetierten dort vor uns hin. Es gab nichts zu entdecken und nichts zu tun, außer uns gegenseitig auf die Nerven zu gehen. Weil wir so klug sind, ist das für uns wirklich ganz schrecklich. Unsere Beine sind außerdem nicht für den Boden gemacht, auf dem wir leben mussten. Eigentlich erklimmen wir Berge und Felsen und bewegen uns viel, aber in euren Gefängnissen können wir höchstens gegen unsere Artgenossen und gegen Wände laufen, wenn wir uns zu bewegen versuchen.
Wir hatten wenig Hoffnung, auf ein besseres und schöneres Leben. Womöglich erliegen wir keiner falschen Hoffnung, weil wir so intelligent sind, vielleicht beruht Hoffnung aber auch auf positiven Erfahrungen, die wir nicht kennen. Wir sorgten uns umeinander, tauschten uns über unsere negativen Gefühle und Schmerzen aus und wollten doch so gerne leben. Nicht existieren, wie in diesem Gefangenenlager, sondern leben, wie es eigentlich sein sollte. Mit Freude und Abenteuern, mit Aufgaben und Lektionen.
Wir riefen laut durcheinander, als einige von uns jeden Tag ein bisschen Schwächer und Kränker wurden. Wir mussten zusehen, wie sie verendeten und dann mussten wir mit ihren toten Körpern weiter zusammen leben. Der übelkeiterregende, süßliche Geruch der Verwesung war bald unser ständiger Begleiter. Die die schon krank waren, wurden noch kränker und die, die sich noch halbwegs auf den Beinen hielten, wurden ebenfalls krank. Was stellt ihr Menschen euch unter der Hölle und dem Teufel vor? Einen gehörnten Dämon, der euch quält? Rate mal, was ich mir unter einem Teufel vorstelle!?
Ich weiß manchmal nicht mehr, ob ich als zynische und zornige Ziege geboren wurde, oder ob mich mein Leben dazu gemacht hat. Wegen euch sehe ich manchmal in mir selbst kein Licht und nichts Gutes mehr. Als ich die Schritte von einem von euch höre, explodiert der Zorn in mir und ich mache mich bereit. Ich nehme alle Kraft zusammen und nutze alle Anlauffläche die ich habe. Die anderen haben eher Angst und treten zur Seite, aber ich springe los. Der Zweibeiner steht da und ich renne auf ihn zu, sehe wie das Tor sich öffnet und reiße kämpferisch den Kopf hoch, als ich gerade zwischen seinen Beinen hindurch schlüpfe.
Das Jaulen des Zweibeiners begleitet unsere Flucht. Wir galoppieren so schnell unsere Beine uns tragen davon. Wir sind krank und müde und voller Ungeziefer. Uns haftet der Verwesungsgeruch unserer Artgenossen an, aber die Welt steht uns offen. Ein fataler Fehler für eure wirtschaftlichen Interessen. Wir rennen und hören nicht auf zu laufen, obwohl wir in eine völlig fremde Umgebung eintauchen. Wer stehen bleibt, ist zum Sterben verdammt. Ich bleibe nicht stehen.
Wir rufen uns zu, wir tauschen uns aus und laufen immer weiter. Über Wiesen und Felder, durch ein Wäldchen und immer fort von unseren Peinigern. Natürlich lassen sie uns nicht. Die Zweibeiner fangen uns, doch es freut mich allen verkünden zu können, dass wir heute ein schönes Leben führen. Wir haben viel Platz zum Toben und manchmal finden wir in unserem weitläufigen Revier eine Schwachstelle im Zaun. Dann wandern wir noch ein bisschen weiter und amüsieren durch unser Verhalten die Menschen, die sich um uns kümmern. Es sind gute Menschen. Wir sind gute Ziegen. Ich habe jetzt auch einen Namen. Sie nennen mich 'Akasha', nach einem Engel.“











