Mit leerem Blick starrte Cas in die dunklen Baumkronen über ihm. Er wusste nicht, wie lange er jetzt schon an diesem Ort war. Purgatory. Das Jenseits aller Monster. Er wusste auch nicht mehr, wie viele dieser Monster er umgebracht hatte, nur um Dean zu beschützen, auch wenn dieser es nicht wusste. Niemals würde Cas es irgendjemandem zeigen, doch er sorgte sich um den Hunter und wollte ihn um jeden Preis beschützen. Schließlich dachte er, es wäre seine Schuld gewesen, dass all das passiert war. Es wäre seine Schuld gewesen, dass die Leviathans freigekommen waren. Es wäre seine Schuld gewesen, dass so viele Engel umgebracht worden sind. Es wäre seine Schuld gewesen, dass Dean und er jetzt an diesem Ort waren, verfolgt von jedem Monster, dass sie auf dem Gewissen hatten. Er musste verhindern, dass diese Monster auch nur in Deans Nähe kamen. Und genau deshalb konnte er ihn nicht aus den Augen verlieren. Nie im Leben hätte Cas es sich verzeihen können, hätte er den ältesten Winchester verloren, nur weil eines dieser rachesüchtigen Monster schneller gewesen wäre als er.
Mit einem tiefen Atemzug kniff der Engel seine blauen Augen zusammen und streckte seine Arme und Beine von sich. Er saß schon viel zu lange dort auf dem Boden. Seltsam eigentlich, dass bis jetzt noch keines der ihn umzingelnden Monster genug Mumm gehabt hatte, um ihn anzugreifen. Er konnte die Gegenwart aller Lebewesen um sich herum wahrnehmen. Er konnte es nicht riskieren, seine Gedanken nur für eine Sekunde abschweifen zu lassen, an die Zeit mit Sam und Dean zu denken, weil es viel zu gefährlich gewesen wäre. Diesen Vorteil, all die Monster um sich herum wahrnehmen zu können, konnte er sich nicht nehmen lassen.
Gerade als Cas aufstehen wollte, um sich das Gesicht mit dem kühlen Flusswasser zu waschen, hörte er eine vertraute Stimme. Hoffnungsvoll schaute er sich um, war schon fast davon überzeugt, die Sommersproßen und die grünen Augen des Hunters vor sich zu sehen, so klar und deutlich war die Stimme, die er aus der Ferne hörte.
"Cas? Cas, hörst du mich?" Die tiefe, raue Stimme von Dean schien genau neben ihm zu sein. Beinahe enttäuscht sackte Cas wieder gegen den harten Baumstamm und vergrub sein Gesicht in seinen Händen.
"Wenn du mich hören kannst, dann bitte ich dich- Du weißt, ich würde dir nichts von all den Dingen, die vorgefallen sind, vorwerfen. Es ist nicht deine Schuld, dass wir hier sind. Es ist nicht deine Schuld, dass du die Levia- ... dass Crowley die Leviathans freigelassen hat." Die Stimme des Hunters schien leicht zu zittern, während er zu Castiel sprach.
"Es...", Dean atmete tief ein und hörte auf zu sprechen.
Es herrschte vollkommene Stille im Wald, dann hörte er Äste knacken und das Rascheln von Blättern. Augenblicklich versteifte sich der Körper des Engels und alle Sinne schärften sich. Er hätte Dean nicht zuhören dürfen. Er hätte aufpassen sollen, sich nicht verleiten lassen sollen. Hätte sich nicht von der verlockenden Stimme ablenken sollen.
Bereit jeden Moment aufzuspringen, sich zu verteidigen, starrte Castiel in die ewige Dunkelheit der Bäume um sich. Wartete darauf, dass jede Sekunde eines der Monster aus dem Gehölz hervorspringen würde um ihn anzugreifen. Doch nichts passierte.
Seine Muskeln entspannte sich wieder und wenige Momente später stand er doch auf, um sich das Gesicht zu kühlen. Das Wasser auf seinen heißen Wangen bewirkte nichts, außer dass sich der Schmutz von ihnen löste. Wärme und Kälte spürte er nicht, hatte er noch nie gespürt. Er blickte auf seine nassen Hände und ließ seine Finger wieder durch das ruhige Wasser vor sich gleiten. Wollte etwas spüren, etwas fühlen. Doch bis auf den geringen Widerstand, verursacht durch das Flusswasser, spürte er nichts. Selbst als der Wind durch die Baumkronen fegte, spürte er nichts.
"... hast du wohl dein Engelradio ausgeschalten oder ignorierst einfach das, was ich hier von mir gebe. Aber Cas, solltest du mich hören: Ich verzeih dir. Ich würde dir immer alles verzeihen, schließlich gehörst du zur Familie. Du bist wie ein Bruder für mich. Ich würde dir wohl mehr verzeihen als ich Sammy jemals verzeihen könnte." Deans gezwungenes Lächeln war förmlich aus seiner Stimmer herauszuhören. Obwohl er alleine dort war, versuchte er sein Pokerface aufrecht zu halten und wollte stark bleiben. Er wollte seinen Gefühlen nicht nachgeben und schon gar nicht konnte er sich selber eingestehen, dass der Engel viel mehr für ihn war, als nur ein Bruder.
Er seufzte und legte sein heißes Gesicht in seine Hände. Schon viel zu lange war er an diesem Ort. Ganz alleine. Ohne Sam, ohne Castiel. Wem er all das zu verdanken hatte, das wusste er natürlich und er wusste auch, dass er sich sofort rächen würde, sollte er irgendwie von dort verschwinden können. Crowley würde dafür büßen, dass er sowas mit Cas abgezogen hatte. Dean war nicht sauer auf Castiel, auch wenn er Crowley geholfen hatte das Tor nach Purgatory zu öffnen und diese Urmonster freizulassen, schließlich dachte er, er hätte das richtige getan. Cas wollte schließlich nur helfen. Aber Dean wusste auch, dass der Engel dies niemals als Entschuldigung für seine Taten sehen würde, denn auch er hätte es nie als Rechtfertigung genommen.
"Du sollst einfach wissen, dass es in Ordnung ist. Sam ist in Sicherheit und das ist alles, was zählt. Und sobald ich dich finde, werden wir hier rauskommen. Keine Ahnung, wie wir das anstellen, aber wir werden diesen Ort verlassen, das verspreche ich dir. Egal was ich machen muss. Egal wie viele Monster ich töten muss. Ich werde dich finden und ich werde dich hier raus holen. Ich- Ich werde dafür sorgen, dass du in Sicherheit bist. Ich werde dich wieder zurück in den Himmel bringen. All das wäre niemals passiert, wärst du mir und meinem Bruder niemals begegnet. Du wärst immer noch in dieser stinklangweiligen Institution und würdest von Uriel herumkommandiert werden." Dean lachte leise in seine Handfläche, verstummte dann für einen Augenblick. "Es- Es tut mir leid."
"Es- Es tut mir leid." Cas wusste nicht, wie viel er von dieser kleinen Rede von Dean verpasst hatte, während er versucht hatte, sich auf die Monster um sich herum zu konzentrieren und deren Positionen festzulegen, doch diese wenigen Worte waren genug, um alles um sich herum zu vergessen. Er konnte nichts mehr wahrnehmen, konnte seine Sinne nicht mehr auf das um sich herum fixieren.
"Ich verschwende wohl meine Zeit, wenn ich zu dir spreche. Aber weißt du, es ist einfacher das alles zu verkraften, wenn ich zu jemand vertrautes sprechen. Selbst wenn du mich wahrscheinlich gar nicht hörst." Castiel hatte sich wieder gegen den Baum gelehnt, der neben dem Fluss stand und starrte gen Himmel. Er konnte nicht anders, als die Worte des Hunters aufzunehmen, auch wenn er nicht wusste, wie er sie deuten sollte, schließlich verstand er noch nicht alle Floskeln der Menschen.
"Ich frag mich manchmal, wie es wohl gewesen wäre, wenn du schon damals bei uns gewesen wärst. Manchmal wünschte ich mir, du wärst da gewesen, wenn Sammy und ich alleine in den Motelräumen saßen, während unser Vater mal wieder tagelang weg war. Hättest dich wohl sicher gut gemacht als Babysitter." Dean hörte auf zu sprechen, wohl um Luft zu holen oder einfach, weil es keinen Sinn hatte, Selbstgespräche zu führen. Cas wäre nur zu gerne zu ihn gegangen, nur um ihm Gesellschaft zu leisen. Um mit ihm zu sprechen und zusammen einen Weg aus dieser Hölle zu finden. Dabei wusste der Engel genau, dass es für ihn keinen Weg aus Purgatory gab. Egal wie sehr Dean es sich auch wünschte und egal was er bereit war zu tun, nichts konnte den Engel von dort herausholen. Und genau deshalb konnte Cas nicht in seine Nähe. Nicht nur, dass er Dean in Gefahr bringen würde, wegen der Monster, die hinter ihm her waren, sondern auch die Tatsache, dass er seinen - dass er Castiel ein weiteres Mal zurücklassen- dass er Castiel wieder verlieren würde, würde ihn zerstören und das wusste er nur zu gut.
"Cas, bitte. Wenn du das hörst... Ich brauche dich, Kumpel. Ich- Ich kann das nicht alleine."