Chronoswiss pflegt Handwerkskünste der besonderen Art
Dass Chronoswiss in Deutschland und dort in München oderc- genauer gesagt - Karlsfeld bei München Geschichte ist, war in meinem Blog schon vor Wochen zu lesen. Die neuen Eigentümer Eva Maria und Oliver Ebstein haben ihre Marke logischer und aus wirtschaftlicher Sicht auch verständlicher Weise in ihren malerisch gelegenen Heimatort Luzern verlegt.
Eva Maria und Oliver Ebstein
Mit der Tatsache, dass dort täglich fast schon unzählige Gruppen chinesischer Touristen die Uhrengeschäfte u.a. von Bucherer, Embassy oder Gübelin stürmen, hat das zunächst einmal nichts zu tun. Vielleicht wird sich die fernöstliche Reisefreude irgendwann aber doch auszahlen, denn der neue Firmensitz im Herzen der Stadt wird auch eine elegante Chronoswiss Boutique beheimaten, wo sich die vor 30 Jahren vom deutschen Uhrmachermeister Gerd-Rüdiger Lang begründete und durch die konsequente Verwendung von Glasböden hervorgehobene „Faszination der Mechanik“ nicht nur hautnah erleben, sondern auch käuflich erwerben lässt. Doch das ist noch ein wenig Zukunftsmusik. Derzeit findet man im Erdgeschoss des markanten Gebäudes nur eine riesige Baustelle.
Der neue Firmensitz ist noch Baustelle
Oliver Ebstein vor den Plänen seines Großprojekts
In diesem Prachtbau wird Chronoswiss künftig residieren
Die beiden Eigentümer haben selbstverständlich eine klare Vorstellung, in welche Richtung sie mit Chronoswiss marschieren wollen. Dass die Armbanduhren auch weiterhin konventionell ticken werden, steht außer Zweifel. Sicher, und beim Besuch in Luzern aber auch spürbar ich ein zusätzlicher Kick an luxuriösem Auftritt, der sich einerseits in guillochierten Werksoberflächen und Zifferblättern äußert. Zum anderen besitzt die hohe Kunst des Emaillierens im kleinen, beschaulichen Chronoswiss-Atelier einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert.
Auslöser sind Oliver Ebstein und seine Passion für überlieferte Handwerkskünste. Beidem huldigt die schon während der Baselworld 2013 gezeigten Armbanduhren der so genannten Artist’s Collection. Deren Designs und die handwerkliche Umsetzung lassen sich ohne jedwede Einschränkung als Hommage an „gute alte Zeiten“ interpretieren.
Weil ich davon ausgehe, dass nicht alle Leser mit den Geheimnissen rund um das Emaillieren und Guillochieren vertraut sind, hier ein paar Erläuterungen vorweg:
Hinter dem französischen Wort Email verbirgt sich nichts anderes als farbiger Glasfluss auf Metall. Letzterem dient er als korrosions- und temperaturwechselbeständiger Schutz oder auch als Zierde. Chemisch besteht Emaille, eingedeutscht Email, aus Sonderglas, welches sich mit Antimonaten, Zirkonoxid oder Titandioxid weiß, mit Kobaltoxid, Chromoxid oder anderen Farbstoffen auch ausgesprochen bunt einfärben lässt. Das Glas wird zunächst bei 1200 Grad Celsius geschmolzen und dann abgeschreckt. Die entstehenden Körner gelangen mit den genannten Färbemitteln in eine Mühle. Emailleure beschichten die gut gereinigte Metallbasis durch Streichen, Tauchen oder Spritzen mit diesem Pulver. Dann folgt das Brennen im Spezialofen. Soweit die ganz profane Beschreibung eines Vorgangs, der sich bei Unmengen von Töpfen, Badewannen und sonstigen Gebrauchsgeräten mit hoher Oberflächenbeanspruchung bewährt.
Etwas anders gestalten sich die Dinge bei den Uhren. Echte Email-Zifferblätter debütierten hier in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Ab dem frühen 20. Jahrhundert verschwanden sie mehr und mehr von der Bildfläche. Der Grund: Ihr Herstellungspreis übersteigt denjenigen bedruckter Metallzifferblätter um den Faktor zehn oder mehr, weil sich der extrem zeitaufwändige Fertigungsprozess mit mehreren Brennvorgängen beträchtlich in den Kosten niederschlägt. Zum anderen wirkt die vergleichsweise hohe Ausschussquote von bis zu 50 Prozent ausgesprochen preistreibend. Am Ende beeinflussen beide Faktoren die Gesamtkalkulation in erheblichem Maße. Zudem existieren inzwischen Lackiertechniken, mit denen sich Emailzifferblätter täuschend ähnlich nachmachen lassen.
Ungeachtet dessen leisten sich gleichermaßen ambitionierte wie anspruchsvolle Uhrenhersteller den Luxus von Armbanduhren mit echtem Email-Zifferblatt.
Bei Uhren-Zifferblättern muss das Email(pulver) stets beidseitig auf die Trägerplatte aus Kupfer, Gold oder im Fall von Chronoswiss massivem Silber aufgeschmolzen werden. Das so genannte Konteremail sorgt für die nötige Stabilität.
Wäre es nicht vorhanden, würde sich die Metallplatte bedingt durch unterschiedlich starke Wärmeausdehnung beim Abkühlen des Emails verziehen. Risse oder ein Bruch der Emailschicht und damit die Vernichtung der gesamten Arbeit wären die unliebsame Folge.
Nebenzifferblätter z.B. für den kleinen Sekundenzeiger oder die Chronographenzähler werden bei hochwertigen Exemplaren vertieft eingeschliffen und von hinten mit der metallenen Trägerplatte verlötet.
Noch deutlich anspruchsvoller als Emaillieren gestaltet sich das Guillochieren. Der irgendwie mystische Terminus steht für das Anbringen verschlungener geometrischer Figuren auf Metall. Daraus resultiert neben einer subtilen Formensprache auch eine ungemeine gestalterische Vielfalt. Das seit vielen Jahrhunderten bekannte Guillochieren erfolgt auf maschinell Weise, wobei der Guillocheur die Gravierwerkzeuge mit Hilfe komplexer mechanischer Getriebe von Hand steuert.
So gesehen handelt es sich um eine besonders aufwändige Graviertechnik, die vermutlich Abraham-Louis Breguet erstmals in größerem Umfang für die Kreation seiner Metallzifferblätter einsetzte. Die Fülle der ornamentalen Verzierungen kennt fast keine Grenzen. Allerdings sind Handwerker, die sich auf das Bedienen der kapriziösen Oldtimer verstehen, fast noch schwerer zu finden als die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen.
Bereits das Einrichten und Zentrieren des Rohlings gestaltet sich zum Geduldsspiel. Was folgt, ist absoluter Stress für Eilige. Jeden der vielen „Fäden“ muss der Guillocheur einzeln ziehen. Stück für Stück mit selbstverständlich gleichbleibendem Abstand. Deshalb bedarf schon das Muster genauer Überlegung, denn am Ende muss sich das Ganze perfekt ausgehen. Mit zunehmender Zahl an Strukturen wächst natürlich auch der Schwierigkeitsgrad. Also heißt es bei der Kreation eines Zifferblatts oder einer Werksbrücke: Den Stichel ansetzen, ihn wieder absetzen, den Stichel ansetzen, ihn wieder absetzen und so weiter, und so fort.
Diese Art der handwerklichen Entschleunigung betrachtet Oliver Ebstein als genau das Richtige für die neue Top-Liga seiner Armbanduhren. Und er kann sich glücklich schätzen, den richtigen Mann für seine anspruchsvollen Ziele gefunden zu haben.
Maik Panziera, Goldschmied von Beruf, hat den Umgang mit Email während 18 Jahren in Diensten für Victor Mayer in Pforzheim erlernt. In den Ateliers dieser Firma entstehen Uhren mit Signatur Fabergé. In Sachen Guillochierung ist der mit vielen, wenn nicht gar allen einschlägigen Wassern Gewaschene echter Autodidakt.
Mit ihm hielten in der kleinen aber feinen Werkstatt nicht nur Materialien und Werkzeuge zum Emaillieren sowie ein Brennofen ihren Einzug, sondern auch zwei heutzutage ausgesprochen selten gewordene Guillochiermaschinen. Beim betagteren Exemplar von 1924 handelt es sich um eine Rundzugmaschine für, wie der Name schon sagt, geschwungene Linienführung.
Rundzug-Guillochiermaschine von 1924
Das Pendant von 1965 nennt sich Gradzugmaschine und dient dem Anbringen von geraden Linien. Beides wird längst nicht mehr hergestellt.
1965 gefertigt zum Guillochieren gerader Linien
Dank Maik Panziera ist Chronoswiss imstande, besonders anspruchsvollen und entsprechend zahlungskräftigen Kunden Uhren mit Zifferblättern zu liefern, deren besonderer Reiz in transluzidem Email besteht. Will heißen, die in stunden- wenn nicht tagelanger Arbeit angebrachte Guillochierung der silbernen Trägerplatte lässt sich hernach durch die verschiedenen Emailschichten bewundern. Diese Art herausragender Emailkunst zeichnete beispielsweise die berühmten „Ostereier“ von Carl Fabergé, dem Hofjuwelier des russischen Zarenhauses aus.
Von Maik Pantiera guillochiertes Silberzifferblatt
Wie lange der Handwerker fürs Guillochieren eines Zifferblatts braucht, wollte er beim Besuch in Luzern nicht verraten. Und bis zum Ende der Arbeiten konnte ich auch nicht warten. Ungeachtet dessen ähnelt der Vorgang des Guillochierens dem so genannten „Abtastverfahren“. In die eigentliche Maschine hat Maik Panziera eine Vielzahl von Scheiben mit unterschiedlich geformten Umfängen montiert.
"Programmscheiben" der Guillochiermaschine
Durch den Abtaster, ein komplexes Hebelwerk und entsprechende Gravierwerkzeuge überträgt er die Muster millimetergenau auf die Oberfläche des zu bearbeitenden Werkstücks. Der Antrieb erfolgt ausschließlich von Hand durch Kraftübertragung mit Hilfe von Lederriemen. Elektromotoren sind ein Fremdwort. Sie würden das unabdingbare Feingefühl beim Arbeiten beeinträchtigen. Im Gegensatz zum Storchenschnabel ist der Guillochierstichel hier fest eingespannt. Durch manuelle Führung erhält das Werkstück sukzessive sein etwa 0,1 Millimeter tief eingegrabenes Muster.
Ist alles zur Zufriedenheit Panzieras ausgefallen, geht es ans Emaillieren. Durch Vermischen von feinem Emailpulver mit Wasser entsteht eine Art Paste. Aufgetragen werden bis zu sieben Schickten, wobei jede Verunreinigung das intendierte Ergebnis zu Nichte machen würde. Jede der Schichten misst weniger als einen Zehntelmillimeter. Am Ende kommen nicht mehr als circa 0,4 Millimeter zusammen. Dann geht es ans Brennen bei –abhängig vom Farbton- 750 und 900 Grad Celsius. Bis zu zwei Minuten müssen die Zifferblätter in den kleinen Ofen. Danach heißt es Hoffen und Bangen. Während des Abkühlens kann es passieren, dass alles sozusagen „für die Katz“ war. Ein einziger Riss, sei er auch noch so klein, bedeutet den Verlust der Arbeit. Wie oft sich Maik Panziera sein stolzes Haupthaar raufen muss, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Aber einige „Ruinen“ zeigten, dass es durchaus vorkommt.
Ganz links Konteremal, rechts guillochierte Zifferblätter mit transluzidem Email
Tausendsassa Maik kann aber noch viel mehr. Das Skelettieren und Guillochieren von Uhrwerks-Komponenten ist ihm ebenso wenig fremd wie die Dekoration der Oberflächen mit einem feinen Perlschliff. Allein das Montieren und Regulieren der tickenden Kleinodien, in diesem Fall das längst nicht mehr gefertigte Handaufzugskaliber Unitas 6424 ist ihm fremd. Aber dafür hat Chronoswiss als Spezialist für mechanische Zeitmesser andere Fachleute.
Handaufzugskaliber Unitas 6424 nach der Dekoration
Dass man es im Hause Chronoswiss bei Uhren wie diesen mit Marcus Tullius Cicero hält, mag sich von selbst verstehen. Dem römischen Staatsmann ist der Spruch „Omnia praeclara rara" zu verdanken. „Alles Vortreffliche ist selten." Und genau deshalb hat es auch seinen Preis. Wer bei seiner goldenen Armbanduhr durchs farbige Email Maiks Guillochierkünste bestaunen und rückseitig bewundernde Blicke aufs sorgfältig dekorierte Handaufzugswerk werfen möchte, muss mindestens 33.000 Euro locker machen.