Meine Oma hieß Barbara, und in ihrem heißgeliebten Gemüsegarten hatte sie auch Rhabarber gepflanzt, den sie wie eine Wolfsmutter vor Opa und seinen Trampelfüßen bei der Gartenarbeit verteidigte. Jedes Jahr pünktlich zu ihrem Geburtstag Ende Mai war der Rhabarber reif, und jedes Jahr gab es daher konsequenterweise Rhabarberkuchen zur Geburtstagsfeier, was maßgeblich dazu beigetragen hat, dass ich meine Oma als Kind oft Rhabarabara genannt hab. Solange ich denken kann, gab es an Omas Geburtstag Rhabarberkuchen. Solange meine Mutter denken kann, gab es zu diesem Anlass Rhabarberkuchen. Es gab einfach schon immer Rhabarberkuchen.
Erst als meine Oma schon weit über 80 war und es mit dem Selberbacken nicht mehr so ganz funktionierte, fragte meine Mama sie, welchen Kuchen wir denn für ihren Geburtstag machen sollten. Und Oma meinte: "Rhabarberkuchen. Auch wenn ich den ja eigentlich gar nicht mag. Aber machen müssen wir ihn schon."
Turns out, meine Oma mochte gar keinen Rhabarber, und auch keinen Rhabarberkuchen. Den Kuchen gab es halt einfach nur, weil sich das so schön angeboten hat.
Als ich gestern Rhabarber aus ihrem Garten geholt und für Marmelade verwendet hab, musste ich wieder an meine Oma Rhabarbara und die Sache mit dem Geburtstagskuchen denken - und auch, wenn meine Mama der Theorie anhängt, Oma hätte Rhabarber ursprünglich vielleicht doch gemocht und dass sie ihn plötzlich nicht mehr mochte, wäre vielleicht ein erstes Zeichen ihrer Demenz gewesen - ich hab für mich beschlossen zu glauben, dass Oma über ein halbes Jahrhundert lang immer wieder erfolgreich die Chance genutzt hat, den Rhabarber, den sie selbst nicht mochte, unauffällig an Opas sehr weitläufige Verwandtschaft zu verfüttern. Problem gelöst, Rhabarber weg, Verwandtschaft satt.














